Karma ist der Zusammenhang von Tat und Tatfolge: So umschreibt Gwendolin Kirchhoff das Wort in einem Interview von 2026 (vgl. Interview mit Gwendolin Kirchhoff, 2026, unveröffentlicht). Im Gespräch mit Elisa Gratias für TransitionTV (2026) nennt sie Karma „eine Bewusstheit, die aufgetaucht ist im indischen Raum“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:26:00), und beschreibt die Frage, die damit gestellt ist: dass unsere Taten Auswirkungen haben und daraus ein Strom von Wiedergeburten entsteht (vgl. ebd., 01:26:08–01:26:20). Zwei Minuten später fragt sie, ob das eine die Bestrafung für das andere sei oder ob Karma „ein innerer Erkenntnistrieb“ ist (ebd., 01:28:21–01:28:34).
#Was bedeutet Karma?
Karma bedeutet im Wörterbuch ein unausweichliches Vergeltungsschicksal. Das DWDS erklärt das Wort altindischer Herkunft als Schicksal, das entsprechend den guten oder bösen Taten eines Menschen zur Wiedergeburt in einem höheren oder niedrigeren Dasein führt (vgl. DWDS, o. J., „Karma“).
Paul Deussen gibt das Sanskritwort karman in seiner Übersetzung der Sechzig Upanishad’s des Veda (1897) mit „Werk“ wieder. Für die Lehre der Brihadaranyaka-Upanishad fasst er zusammen: „Den Tod überdauert das Werk (karman)“; Wissen, Werk und neu erworbene Erfahrung brächten ein neues Erdenleben hervor, ihrer Beschaffenheit entsprechend (Deussen, 1897, Einleitung zu Chândogya-Upanishad 5,3–10). Das buddhistische Dhammapadam fasst die Tatfolge in das Bild der reifenden Frucht:
Auch einem Bösen geht es gut, So lang das Böse nicht gereift; Ist aber reif die böse Frucht, Dann geht es schlecht dem schlechten Mann.
(Dhammapadam, Vers 119, übers. Neumann, 1921)
Im Buddhismus, so Gwendolin Kirchhoff in ihrem Symposium „Nachdenken über den Tod“ (2024), spreche man von Karma nicht nur als den Tatfolgen der eigenen Handlung, sondern von einem Feld der Handlung, in das man eingebunden ist und an dem man im vollen Sinne teilnimmt (vgl. Kirchhoff, 2024, Nachdenken über den Tod, 00:39:08–00:39:27). Den Gedanken, dass aus der Auswirkung unserer Taten ein Strom von Wiedergeburten entsteht, sieht sie, wie sie im Gespräch für TransitionTV sagt, auf einer bestimmten Ebene auch im einzelnen Leben: In den Geburtsmysterien sei etwas Tieferes angesprochen, das über die bloße Idee der Reinkarnation hinausgeht und auch dieses Leben betrifft (vgl. Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:26:20–01:26:44). Initiationsprozesse würden auch als Geburtsprozesse erlebt (vgl. ebd., 01:26:44).
#Ist Karma eine Strafe?
Ob Karma eine Strafe ist, lässt Gwendolin Kirchhoff als Frage stehen und stellt ihr eine zweite gegenüber. Sie beginnt mit der Frage „Wie wirken sich unsere Handlungen aus?“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:27:24) und fragt die Zuschauer nach einer Erfahrung: ob sie, wenn sie im Beziehungsraum etwas von anderen erfahren, sich zurückerinnern, selbst einmal auf der anderen Seite gestanden zu haben, und die Sache nun von der anderen Seite sehen (vgl. ebd., 01:27:28–01:27:49). Sie fragt, in wie vielen ein Geist ist, der eine Tendenz im Leben sieht, Dinge von mehr als einer Perspektive zu sehen (vgl. ebd., 01:27:49–01:28:12), und dann: „Ist das Karma? Dass sich Dinge von beiden Seiten zeigen wollen?“ (ebd., 01:28:12) Ob das eine „die Bestrafung für das andere“ ist, verpackt in einer „legalen Fiktion“, oder ein innerer Erkenntnistrieb, bleibt bei ihr eine Frage (ebd., 01:28:21–01:28:34).
Die Lesart als Vergeltung beschreibt Arthur Schopenhauer im ersten Band der Welt als Wille und Vorstellung. Der Mythos von der Seelenwanderung lehre, „daß alle Leiden, welche man im Leben über andere Wesen verhängt, in einem folgenden Leben auf eben dieser Welt, genau durch die selben Leiden wieder abgebüßt werden müssen“ (Schopenhauer, 1859, § 63). Für Schopenhauer ist dieser Mythos die Form, in der dem Volk eine Wahrheit mitgeteilt wurde, die die Upanischaden direkt aussprechen, in der Formel tat twam asi, „Dies bist du“ (vgl. ebd.).
#Gibt es Karma?
Wenn Karma heißt, dass Taten Folgen haben, dann gibt es Karma, sagt Gwendolin Kirchhoff: „wenn wir sagen, es gibt Karma, also Taten haben Folgen, definitiv haben sie das, die Frage ist, welche Folgen.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:29:22) Sie geht davon aus, dass alles, was jemals auf dem Planeten geschehen ist, jetzt gleichzeitig wieder geschieht, und beruft sich dabei auf das Wort, das sie König Salomon zuschreibt, es geschehe nichts Neues unter der Sonne (vgl. ebd., 01:29:37–01:29:57; Kohelet 1,9). Karma ist in diesem Bild wie „Linien im Raum“ (ebd., 01:29:57) oder wie Motivationen, die zu bestimmten Handlungen drängen und sich wiederholen, bis etwas erkannt ist und an sein Ende kommt (vgl. ebd., 01:29:57–01:30:18). Was sie unmittelbar danach über die Verstrickung als fraglosen Raum sagt, steht im Eintrag über die Freiheit.
Wo Karma auftaucht, beantwortet sie im Gespräch mit Laurens Dillmann (2026) selbst: „wo taucht denn das Karma auf? Taucht auf im Beziehungsfeld. Dadurch, wie wir interagiert haben, wie wir gedacht und gesprochen haben.“ (Kirchhoff, 2026, Durch den Nebel, 01:22:45)
#Kann man Karma erkennen?
Erkennen lässt sich Karma nach Gwendolin Kirchhoff: Was Taten in der Welt hinterlassen, könne wieder erkannt oder gelesen werden oder träume sich wieder auf (vgl. Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:29:30). In einem Interview von 2026 sagt sie: „Das Orakel ist immer auch Einsicht in das Karma“, in den Zusammenhang von Tat und Tatfolge (Interview mit Gwendolin Kirchhoff, 2026, unveröffentlicht); was ein Orakel für sie ist, beschreibt der Eintrag über die Mantik.
Im Manova-Gespräch mit Walter van Rossum und Stefan Weidner (2025) verweist sie Walter van Rossum auf seine Ahnen und darauf, wie viele seiner Gedanken geerbt sind; über diese Ebenen sei er verbunden, und eine Wahrnehmung dieser Verbindungen wäre, so Kirchhoff, die Karmas wahrnehmen, „die Zusammenhänge, die Karmas“ (Kirchhoff, 2025, Manova, 00:27:28; vgl. 00:26:55–00:27:31). Früher im selben Gespräch sagt sie über das Yoga: „Wenn ich Zugang habe zu einem Weltinnenraum, dann kommt mir aus diesem Weltinnenraum auch ein ethisches Ideal entgegen.“ (ebd., 00:10:16) Das Verhalten sei dann nicht beliebig; es erzeuge Folgen, die auf den Handelnden zurückkehren, und darin sei enthalten, langsam zu werden, um Tat und Konsequenz absehen zu können (vgl. ebd., 00:10:27–00:10:52). Das Wort Karma fällt in dieser Passage nicht; dieser Eintrag stellt sie neben ihre Aussagen über Karma, weil sie von Tat und Konsequenz handelt.
#Was bleibt in einer Ahnenlinie?
In einer Ahnenlinie bleibt nach Gwendolin Kirchhoffs Beobachtung in Aufstellungen nichts folgenlos. Was dort vorliegt, gleich was geschehen ist, werde in der einen oder anderen Form wieder aufgeträumt oder wiederholt, oder es gebe Versuche, es zu sühnen, eine unbewusste Verstrickung damit oder eine Lastenübernahme; für die Folgegenerationen bleibe es nicht folgenlos (vgl. Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:28:33–01:28:58). „Etwas geschieht damit, das kann ich sagen.“ (ebd., 01:28:58)
In ihrer Einführung in das systemische Familienstellen (2024) sagt sie, innerhalb einer Aufstellung könne man so etwas wie Karma, das Wort setzt sie dabei selbst in Anführungsstriche, praktisch erfahren, erleben, fühlen und beobachten; die Folgen von Handlungen würden in der systemischen Aufstellungsarbeit so deutlich wie sonst nicht (vgl. Kirchhoff, 2024, Systemisches Familienstellen, 00:21:39–00:22:19). Wie eine Aufstellung arbeitet, beschreibt der Eintrag über die Familienaufstellung; was zwischen den Generationen weitergegeben wird, der über die transgenerationale Weitergabe; die Lösung aus der Verstrickung der über Verstrickung und Lösung.
#Ist Karma dasselbe wie Schicksal?
Im Wörterbuch liegen Karma und Schicksal nah beieinander: Das DWDS erklärt Karma als Vergeltungsschicksal und nennt unter den bedeutungsverwandten Ausdrücken Schicksal, Fatum und Fügung (vgl. DWDS, o. J., „Karma“). Elisa Gratias stellt Gwendolin Kirchhoff die Frage aus dem Publikum: Die einen setzten das Schicksal mit dem Karma gleich, für die anderen seien die Schicksalsmächte in der Natur (vgl. Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:20:55–01:21:18). Kirchhoff antwortet zuerst mit der Frage, was wir als die Natur betrachten: Wenn wir im Abendland über die Natur reden, habe sie das Gefühl, wir redeten im Prinzip über ein Stück Vieh aus einer Viehherde; die alten Chinesen hätten die Natur als Landschaft mit einer Grundpolarität begriffen (vgl. ebd., 01:21:21–01:23:44). Erst danach kommt sie auf Karma als eine Idee aus dem indischen Raum (vgl. ebd., 01:25:59).
In einem Gespräch von 2023 nennt Jochen Kirchhoff die Frage, ob man frei ist oder nur in einem Fahrwasser, die Karma-Frage im Sinne asiatischen Denkens und bezeichnet sie als die Frage des Determinismus. Gwendolin Kirchhoff antwortet mit Spinoza: Frei sei man nur, wenn das eigene Ich sich in einer höheren Natur mit dem göttlichen Willen verbindet; sonst sei man von anderen Willen, Impulsen und Einflüssen bedingt (vgl. Kirchhoff & Kirchhoff, 2023, Der Weltenwille, 00:17:31–00:18:27). Das Handeln im Einklang mit dem Großen und Ganzen behandelt der Eintrag über Dharma.
#Quellen
- Deussen, P. (Übers.) (1897). Sechzig Upanishad’s des Veda. Einleitung zu Chândogya-Upanishad 5, Khanda 3–10. Zitiert nach dem Text bei zeno.org.
- Dhammapadam (1921). Der Wahrheitpfad. Übersetzt von Karl Eugen Neumann, 2. Auflage. Vers 119.
- DWDS (o. J.). „Karma“. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Karma
- Interview mit Gwendolin Kirchhoff, 2026 (unveröffentlicht).
- Kirchhoff, G. & Gratias, E. (2026). «Wie frei sind wir wirklich?» Gwendolin Kirchhoff über Fremdbestimmung, Wut & die Macht der Gedanken [Video]. TransitionTV, YouTube, 10. Oktober 2026. https://www.youtube.com/watch?v=VTW7B162RPs
- Kirchhoff, G. & Dillmann, L. (2026). „Folge der Schönheit“ - Philosophin Gwendolin Kirchhoff über Beziehungen als Weg aus dem Nebel [Video]. Durch den Nebel, YouTube, 30. August 2026. https://www.youtube.com/watch?v=nNxKGk3bXeA
- Kirchhoff, G., van Rossum, W. & Weidner, S. (2025). Jenseits des Materiellen — Yoga als Zugang zum Weltinnenraum [Video]. Manova, YouTube, 14. November 2025. https://www.youtube.com/watch?v=oQPq3Gh1bwg
- Kirchhoff, G. (2024). Nachdenken über den Tod (1) – SYMPOSIUM [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=KSltRJB88jg
- Kirchhoff, G. (2024). Systemisches Familienstellen (nach Bert Hellinger), eine Einführung – SYMPOSIUM [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=Kwd1x1RzNoE
- Kirchhoff, J. & Kirchhoff, G. (2023). Der Weltenwille als Baustoff und Lebenstrieb des Kosmos [Video]. Jochen Kirchhoff – In Memoriam, YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=FPoHkJ_bEqQ
- Kohelet (Der Prediger Salomo) 1,9. Lutherbibel 1912.
- Schopenhauer, A. (1859). Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, 3. Auflage, § 63. Zitiert nach dem Text bei zeno.org.