Schicksal ist, mit Gwendolin Kirchhoff gesprochen, ein Zusammenhang, der größer ist als wir. Im vierten Gespräch mit Elisa Gratias, über die Odyssee (2026), nennt sie es ein ganz großes Bild, „dass das Schicksal größer ist als wir, dass es Zusammenhänge gibt, die wir nicht überschauen“ (Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 31:36). Von der göttlichen Notwendigkeit, griechisch Ananke, sagt sie, sie gelte für alle, unerbittlich und ohne Ausnahme. Steuern, sagt sie, können wir die Wirkkräfte im Gesamtgeschehen nicht; benennen können wir sie, soweit wir sie erkennen.
#Was heißt es, dass das Schicksal größer ist als wir?
Dass das Schicksal größer ist als wir, heißt bei Gwendolin Kirchhoff: Es gibt Zusammenhänge, die uns übersteigen und uns in Dienst nehmen. Sie sagt das im Odyssee-Gespräch auf die Frage, was ein heutiger Mensch aus Homers Heldenreise und aus Christopher Nolans Film mitnehmen kann. Wir seien unternehmerisch geprägt von einer Optimierungs- und Produktivitätskultur, die für das Individuum vorsieht, dass es sein Schicksal selbst in die Hand nimmt (vgl. Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 31:19–31:32). Dagegen stellt sie Zusammenhänge, „die uns weit übersteigen und die uns ergreifen und die wir nehmen müssen und von denen wir in Dienst genommen werden, ob wir es wollen oder nicht“ (ebd., 31:50). Auch sie selbst, fügt sie hinzu, überschaue diese Zusammenhänge nicht (vgl. ebd., 31:43–31:47).
Das könne, so Kirchhoff, einen gewissen Frieden geben und vor allem einen Blick nach außen (vgl. ebd., 32:02–32:12). In der bürgerlichen Moderne seien die Menschen sehr beschäftigt, nach innen zu schauen, in die Box der Psyche, was da alles optimiert werden soll; nach außen sei maximal ein Markt (vgl. ebd., 32:11–32:26). Etwas komplett anderes sei es, die Welt als Gesamtphänomen zu sich sprechen und größer sein zu lassen, als wir es sind. Diesen Seinsbezug sieht sie vor allem durch ein Machertum verloren gehen, das alles als dem eigenen Zugriff zugänglich betrachtet, obwohl nicht alles unserem Zugriff zugänglich ist oder sein sollte (vgl. ebd., 32:25–33:04). Manchmal sei die weiseste Antwort, Einmischung zu unterlassen und erst einmal etwas wahrzunehmen und sich zurückzunehmen (vgl. ebd., 33:13–33:29).
Später im Gespräch fasst sie die Grenze knapp: „Wir können sie benennen, die Wirkkräfte, in dem Maße, wie wir sie erkennen, aber steuern können wir sie nicht.“ (ebd., 42:33)
#Warum ist das Schicksal unparteiisch?
Unparteiisch ist das Schicksal, weil es nach Gwendolin Kirchhoffs Lesart der Griechen allen gegenüber gleich ist: „Das Schicksal ist allen gegenüber gleich.“ (Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 23:46) Sie zeigt es am Trojanischen Krieg. Nolans Film lasse die Griechen als die Bösen und die Trojaner als die Reinen erscheinen; im griechischen Original wirke das Schicksal auf beide gleichermaßen (vgl. ebd., 20:19–20:34). „Und beide sind vom gleichen Schicksal, von den gleichen Göttern bestimmt.“ (ebd., 20:52) Auch die Sieger von Troja kamen nach ihrer Darstellung nicht ohne Konsequenzen nach Hause: Agamemnon sei von seiner Frau umgebracht worden, Odysseus als Bettler heimgekehrt (vgl. ebd., 23:05–23:29). „Das Schicksal ist sozusagen unparteiisch.“ (ebd., 23:28)
Die Griechen sehen, so Kirchhoff, Vergeltungszusammenhänge: Vorväter begehen ein Unrecht, das Söhne oder Enkel büßen müssen (vgl. ebd., 21:49–22:29). Sie erinnert an den Satz, der Anaximander zugeschrieben wird; in ihrer Wiedergabe leisten die Dinge einander Abbitte für das Unrecht nach der Ordnung der Zeit (vgl. Anaximander, wiedergegeben in Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 21:55–22:17). Ihre eigene Zuspitzung lautet: „Die Toten regieren mit ihren Vergeltungswünschen ins Reich der Lebenden hinein und die Lebenden haben Ausgleich zu leisten, immer und immer wieder.“ (ebd., 22:51) Und: „Ausgleich ereilt alle, absolut alle.“ (ebd., 23:00)
Statt die Welt in Gute und Böse zu teilen, stellt Kirchhoff andere Fragen. Man könne eher sehen, „was für Schicksalsstränge setzen wir durch unsere Taten in Gang?“ (ebd., 24:01), und fragen: „Was will durch uns geschehen? Welcher Ausgleich will durch uns geschehen?“ (ebd., 24:13)
#Was bedeutet Ananke?
Ananke ist das griechische Wort für Notwendigkeit. Gwendolin Kirchhoff spricht von der göttlichen Notwendigkeit und betont ihre Geltung ohne Ausnahme: „die göttliche Notwendigkeit im griechischen Ananke gilt für alle und die gilt unerbittlich, es gibt keine Ausnahmen.“ (Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 44:16) Auch ein Mensch, der uns sympathisch ist und auf dessen Seite wir zu stehen geneigt sind, könne, wenn er sich auf eine bestimmte Art Schicksalskräften aussetzt, genau den gleichen Folgen ausgesetzt sein wie jeder andere (vgl. ebd., 44:22–44:42).
Platon hat der Notwendigkeit im Mythos von Er am Ende der Politeia eine Gestalt gegeben. Zwischen ihren Knien wird die Spindel gedreht, durch die alle Sphären bewegt werden, und um sie sitzen ihre Töchter, die Parzen Lachesis, Klotho und Atropos; Lachesis besingt die Vergangenheit, Klotho die Gegenwart, Atropos die Zukunft (vgl. Platon, Politeia X, 616c–617c). Ein Prophet spricht in ihrem Namen zu den Seelen: „nicht euch erlost das Lebensverhängnis, sondern ihr wählt euch das Geschick.“ (ebd., 617d–e) Kirchhoff erzählt die Szene im Odyssee-Gespräch: Er sieht in einer Nahtoderfahrung die Jenseitsregionen und dort, wie Menschen ihr Lebensschicksal selbst wählen, durch ein Los von Lachesis (vgl. Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 28:24–28:47). Die Seele des Odysseus wählt zuletzt und sucht, im Andenken an die früheren Mühen, das Leben eines von Staatsgeschäften entfernten Privatmannes (vgl. Platon, Politeia X, 620c–d); Kirchhoff liest das als Bild dafür, dass in Odysseus etwas abgeschliffen worden ist (vgl. Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 29:16–29:27). Ob das Schicksal vorbestimmt ist und wie Notwendigkeit und Freiheit zusammengehen, behandelt der Eintrag Determinismus.
Das Element, das größer bleibt und sich nicht kontrollieren lässt, findet Kirchhoff bei den Chinesen ebenso. Dort wechseln sich Yin und Yang ständig ab, alles ist in stetiger Wandlung begriffen, und der Edle zieht sich zurück, wenn es Zeit ist, tritt hervor, wenn es Zeit ist, und geht mit dem Lauf der Dinge, der größer ist als er (vgl. Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 48:23–49:01). Das chinesische Buch der Wandlungen stellt der Eintrag I Ging vor, das indische Denken des kosmischen Gesetzes der Eintrag Dharma und Nietzsches Formel von der Liebe zum Schicksal der Eintrag Amor fati.
#Was zeigt die griechische Tragödie über das Schicksal?
Die griechische Tragödie zeigt nach Gwendolin Kirchhoff, dass wir einem großen Zusammenhang ausgesetzt sind, den wir nicht beeinflussen können (vgl. Kirchhoff, 2026, Das Schicksal ist größer als wir, 24:47–25:00). Sie kommt dorthin über drei Fragen, „wie wirken sich Handlungen aus? Was kommt zurück auf mich? Was muss ich dafür bezahlen, für das, was ich getan habe? Irgendwann.“ (ebd., 24:40) Darauf folgt: „Und das ist ja die Geburt der griechischen Tragödie.“ (ebd., 24:47)
Ihr Beispiel ist Ödipus, der versucht, seinem Schicksal zu entkommen. Es gibt einen Schicksalsspruch, dass er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird, und seine Eltern setzen ihn aus; gerade dadurch schaffen sie die Bedingungen, unter denen er später seinen Vater erschlägt und seine Mutter heiratet. Der Schicksalsspruch bleibt wahr (vgl. ebd., 24:59–25:22). Auch dem Odysseus sei geweissagt worden, dass er nur nach Ithaka heimkehren kann, wenn er alle seine Männer verloren hat; wie das läuft, sage ihm der Seher. Er müsse einen unglaublichen Preis bezahlen für das, was er gemacht hat (vgl. ebd., 25:22–25:40). Wie der Mythos neben dem Begriff als eigene Weise steht, Wirklichkeit zu fassen, führt der Eintrag Mythos und Logos weiter.
#Was heißt es, das Schicksal eines anderen zu achten?
Eine Antwort gibt Gwendolin Kirchhoff aus der Familienaufstellung: Bei der Rückgabe einer Last, die man aus Liebe übernommen hat, nennt sie den Satz „ich achte dein Schicksal und ich lasse es bei dir.“ (Kirchhoff, 2024, Systemisches Familienstellen, 32:46) In dieser Einführung in das systemische Familienstellen (2024) beschreibt sie, wie Kinder, die sehen, dass Mutter oder Vater traurig ist, das in sich übernehmen und denken, sie könnten es lösen; dadurch entstehe eine Verstrickung, weil das Kind gar nicht lösen kann, was es auf sich nimmt (vgl. ebd., 31:32–32:05). Die Rückgabe einer solchen Last kann in der Aufstellung körperlich vollzogen werden: Man hält einen schweren Gegenstand, bis man fühlt, wie schwer er ist, und gibt ihn dem Gegenüber zurück (vgl. ebd., 32:12–32:40). Diese Lastenübergabe nennt sie ganz wichtig, „denn ich kann das Schicksal eines anderen mir nicht zu eigen machen.“ (ebd., 32:40) Zu dem, was man aus der Aufstellungsarbeit lernt, zählt sie, „sich vor dem Schicksal der anderen zu verneigen, sich nicht alles anzuziehen“ (ebd., 45:36), und auch, dass die eigentliche Lösungsbewegung im Raum ist (vgl. ebd., 45:46–45:53).
Wie eine solche Bindung entsteht und sich löst, führt der Eintrag Verstrickung und Lösung aus; was über Generationen weitergegeben wird, der Eintrag Transgenerationale Weitergabe. Wie eine übernommene Last zurückgegeben wird, beschreibt der Essay über Schuldgefühle. Ob Karma dasselbe ist wie Schicksal, behandelt der Eintrag Karma.
#Quellen
- Kirchhoff, G. & Gratias, E. (2026). «Das Schicksal ist größer als wir» Gwendolin Walter-Kirchhoff über Christopher Nolan und das Leben [Video]. TransitionTV, YouTube, 18. September 2026. https://www.youtube.com/watch?v=smlQFizE8Lg Alle Zeitangaben beziehen sich auf diese TransitionTV-Fassung; die Manova-Fassung Die Odyssee (https://www.youtube.com/watch?v=DjtervR5tR4) hat abweichende Zeiten.
- Kirchhoff, G. (2024). Systemisches Familienstellen (nach Bert Hellinger), eine Einführung – SYMPOSIUM [Video]. YouTube, 28. August 2024. https://www.youtube.com/watch?v=Kwd1x1RzNoE
- Platon. Politeia (Der Staat), Buch X, 616c–620d (Mythos von Er). Zitiert nach Platon: Sämtliche Werke, Band 2, Berlin [1940], S. 400–405, Text bei zeno.org.