Mantik ist die Kunst, Zeichen zu deuten: Das Wort geht auf das griechische mantikḗ téchnē zurück, die „Kunst des Wahrsagens“, gebildet zu mántis, dem Wahrsager (DWDS, o. J., „Mantik“). Gwendolin Kirchhoff bestimmt den Begriff im Gespräch mit dem Astrologen Markus Termin als „das Lesen der Welt oder das Lesen der Zeichen der Welt“ (Kirchhoff, G., 2024, „Kompass Astrologie“, 17:34–17:37). Die Astrologie nennt sie bei uns die große mantische Kunde, das Yijing und das Tarot rechnet sie zu den mantischen Systemen; auch die Orakel der Antike gehören in dieses Feld. Dieser Eintrag folgt dem Begriff von Platon und Cicero bis zu der Frage, was ein Orakel nach Gwendolin Kirchhoffs Verständnis leistet und was es dem Fragenden nicht abnimmt.
#Was bedeutet Mantik?
Mantik ist nach dem Duden die „Kunst des Sehens und Wahrsagens“ (DWDS, o. J., „Mantik“, Bedeutungsangabe nach Duden GWDS 1999). Als bedeutungsverwandt führt das Wörterbuch unter anderem Zeichendeutung, Zukunftsdeutung, die abwertende Wahrsagerei und die Divination an (ebd., nach OpenThesaurus). Über das Wort stritt schon die Antike. In Platons Phaidros erklärt Sokrates, die Alten hätten die schönste Kunst, „durch welche die Zukunft erkannt wird“, nach dem Wahnsinn benannt, als „Wahnsagekunst (maniken)“; „Die Neueren aber haben unschönerweise das N mit R vertauschend sie Wahrsagekunst (mantiken) geheißen.“ (Platon, Phaidros 244c). Davon unterscheidet Sokrates die Zukunftskunde der Besonnenen, die „durch Vermittlung der Vögel und anderer Zeichen“ vorgeht (ebd.). Neben der göttlich eingegebenen Weissagung, für die Sokrates die Prophetin in Delphi und die Priesterinnen in Dodona nennt, steht bei Platon also ein Deuten von Zeichen mit vernünftiger Überlegung (vgl. ebd., 244a–d).
Cicero eröffnet seine Schrift De divinatione mit der Bemerkung, die Griechen nennten die Divination μαντική, „id est praesensionem et scientiam rerum futurarum“, also Vorahnung und Wissen künftiger Dinge (Cicero, De divinatione I,1). Im ersten Buch verteidigt sein Bruder Quintus die Divination und unterscheidet: „Duo sunt enim divinandi genera, quorum alterum artis est, alterum naturae“, zwei Arten des Weissagens, eine der Kunst und eine der Natur (ebd., I,11). Zur Kunst gehören nach Quintus im Großen und Ganzen die Eingeweideschauer, die Deuter von Wunderzeichen und Blitzen, die Auguren, die Astrologen und die Lose; die Träume und die Weissagungen gelten als natürlich (vgl. ebd., I,12). Im zweiten Buch widerspricht Cicero selbst: Die Traumdeutung solle verworfen werden, „pariter cum ceteris“, gemeinsam mit den übrigen Formen (ebd., II,148).
#Was ist ein Orakel nach Gwendolin Kirchhoff?
Ein Orakel ist für Gwendolin Kirchhoff „ein Zugang zu dem, was ist“ (Interview mit Gwendolin Kirchhoff, 2026, unveröffentlicht). Das Orakel selbst sei ein begrenzter Raum, auf dem sich „wie in einem Fraktal oder in einer Analogie“ abbilde, was entsteht und was im Gesamtzusammenhang wirkt (ebd.). Dass es überhaupt Orakel geben kann, nennt sie „ein enormes Phänomen“: Eine Zeitqualität könne sich auf etwas anderem abbilden und dadurch lesbar werden (ebd.). Das Orakel stelle eine Schnittstelle zwischen dem Raum in seiner Gesamtheit und dem Anliegen eines Antragstellers dar, und seine Funktion sei es „nur zu offenbaren, wie es ist“ (ebd.). „Das Orakel dient in dem Sinne nicht den Wünschen und Interessen desjenigen, der das Anliegen hat.“ (ebd.). Wenn es ein starkes Orakel ist, gebe es auch einen Rat, wie man sich in diesem Gesamtzusammenhang bewegen kann (vgl. ebd.).
Dass Könige immer auch ein Orakel befragt hätten, sei sehr alt, sagt Gwendolin Kirchhoff im selben Interview; berühmt seien etwa die babylonischen Könige, die im ganz alten Sumer ein Orakelwesen gehabt hätten, das auf dem Lesen von Schafsleber beruhte (vgl. ebd.).
#Welche mantischen Systeme gibt es?
Mantik gibt es nach Gwendolin Kirchhoff „in gewisser Weise in allen Kulturen“; im chinesischen Raum sei das alles um das Yijing gruppiert, bei uns um die Astrologie „als große mantische Kunde“ (Kirchhoff, G., 2024, „Kompass Astrologie“, 17:37–17:46). Markus Termin unterscheidet im selben Gespräch zwischen mantischen Systemen: Die Astrologie sei kein System wie das I Ging, ihr fehle das Zufallselement; „Es wird nicht gewürfelt, es werden keine Karten gelegt, es wird nicht gespielt.“ (ebd., 18:22–18:26; vgl. 18:09–18:26). Ein Zufallselement könne unter bestimmten Umständen sinnvoll sein, sagt er, in der Astrologie aber seien die Punkte gesetzt und exakt zu berechnen (vgl. ebd., 18:26–18:42).
Mit dem Tarot habe sie sich persönlich „kaum beschäftigt“, sagt Gwendolin Kirchhoff zu Beginn ihres Gesprächs mit Sarah Weyrich; sie komme eher „von der chinesischen Seite her“, aus dem Yijing (Kirchhoff, G., 2024, „Tarot – Logik der Bilder“, 00:29–00:33). Im Gespräch auf dem Kanal Kings and Queens Tarot vergleicht sie die beiden: Das I Ging habe eine andere Ausrichtung als das Tarot, „weil der Bewegungsaspekt einfach der starke ist und der Beziehungsaspekt“ (Kings and Queens Tarot, 2024, „I Ging Seelengespräch“, 14:38–14:43; vgl. 14:33–14:43). Das Tarot sei „wirklich ein ganz anderer Zugang. Tatsächlich mehr dieses Spiegelnde.“ (ebd., 28:03–28:07).
Im Gespräch mit Sarah Weyrich fasst Gwendolin Kirchhoff deren Beschreibung des Tarot als Seelenspiegel in einer Rückfrage zusammen: Es sei „in dem Sinne nicht das, was Leute immer denken, Zukunft lesen“. Sarah Weyrich antwortet, man könne schon eine zukünftige Entwicklung oder zumindest eine Entwicklungstendenz abfragen, es komme aber darauf an, mit welcher Vorstellung man herangehe (Kirchhoff, G., 2024, „Tarot – Logik der Bilder“, 32:35–32:38; vgl. 32:29–32:57).
#Ist der Tierkreis beliebig?
Gwendolin Kirchhoff nennt den tropischen Tierkreis „überhaupt nicht beliebig“: Es sei immer das Winkelmaß in Bezug auf den Mittelpunkt und auf die Horizontlinie durch diesen Punkt, und damit habe er „eine ganz große Eindeutigkeit“ (Kirchhoff, G., 2024, „Kompass Astrologie“, 1:01:43–1:01:47; vgl. 1:01:37–1:01:47). Er sei „ein gedachter Kreis“, eigentlich gar nicht der Sternenhimmel, sondern eine „über den Sternenhimmel gelegte Uhr“ (ebd., 12:38–12:49); Markus Termin präzisiert, der Tierkreis sei nicht über, sondern gewissermaßen unter den Sternenhimmel gelegt, die Erde führe ihn mit sich (vgl. ebd., 12:50–13:01). Der tropische Tierkreis sei „einfach wie ein Ziffernblatt eigentlich zu sehen und eben nicht eine Abbildung des sogenannten Siderischen Tierkreises“ (ebd., 28:04–28:10). Dort änderten sich keine Sternzeichen, sagt sie, es ändere sich gar nichts (vgl. ebd., 1:01:34–1:01:37).
Zu Beginn des Gesprächs nennt Gwendolin Kirchhoff die Astrologie eine große Ausnahme, wenn auch eine sehr zurückgedrängte, ein bisschen verlachte und esoterisch klein gehaltene, in einer Gegenwart, in der für uns der Nachthimmel und damit der Kosmos keine Bedeutung habe. Die Astrologie sei in vielfältigen Hinsichten hochinteressant und stelle „die erste Orientierung des Menschen“ über den Tierkreis dar, nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum und als Orientierung im Leben (ebd., 01:54–01:58; vgl. 01:21–02:07).
Jochen Kirchhoff schrieb 1989 in anderem Zusammenhang über den Tierkreis. In Klang und Verwandlung wendet er sich gegen den Eindruck, mit der Zuordnung der zwölf Tonarten zu den zwölf Tierkreiszeichen, die Friedrich Oberkogler im Anschluss an Hermann Beckh vornimmt, sei das Sphärisch-Kosmische der Musik schon ganz erfasst: Das sei in gewisser Weise ein geozentrischer Gedanke, „ähnlich geozentrisch wie die gesamte traditionelle Astrologie“; Musik greife nach seiner Überzeugung erheblich weiter ins Kosmische hinein, „während doch der Tierkreis (Zodiakus) eine durch die Erdbewegung bedingte perspektivische Täuschung darstellt“ (Kirchhoff, J., 1989, Klang und Verwandlung, S. 181 f.). Welche geozentrische Voraussetzung Jochen Kirchhoff in der Naturwissenschaft selbst kritisiert, beschreibt der Eintrag Methodischer Geozentrismus.
#Was unterscheidet das astrologische Lesen der Zeichen von reiner Rationalität?
Das Astrologische ist nach Gwendolin Kirchhoff immer in das Innen und das Außen eingebettet; der reinen Rationalität für sich genommen fehle dieser feinere Kontext des Wann und des Wo. Im Gespräch mit Markus Termin sagt sie, es gebe den tatsächlichen Zeitort, und innen und außen seien immer miteinander integriert (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Kompass Astrologie“, 21:12–21:24). Eine Architektur, die man sich sub specie aeternitatis, unter dem Aspekt der Ewigkeit, denkt und dann in den Raum setzt, sei dagegen buchstäblich die „Zeit- und raumlose Form des Denkens“, „die reine Rationalität für sich genommen“, ohne den feineren Kontext des Wann und des Wo (ebd., 21:39–21:44; vgl. 21:24–21:49).
#Geht es beim I Ging um Zukunft oder um Selbsterkenntnis?
Auf die Frage, ob es beim I Ging eher um Zukunft und Schicksal gehe oder um Selbsterkenntnis, nennt Gwendolin Kirchhoff es „sehr handlungsorientiert“; in der chinesischen Philosophie seien die Situationen „wie ein Zeichen im Raum“, im Zustand einer Wandlung (Kings and Queens Tarot, 2024, „I Ging Seelengespräch“, 10:30–10:39; vgl. 10:05–10:40). Ein psychologisches Verständnis bekomme man nicht, aber „einen Einblick in das, was in der Situation wirkt“, und in das, was in ihr angemessen ist (ebd., 13:17–13:20; vgl. 13:07–13:21). Wie C. G. Jung das sinnvolle Zusammentreffen von innerem und äußerem Geschehen fasste, beschreibt der Eintrag Synchronizität; das Buch selbst stellt der Eintrag I Ging vor.
#Wer entscheidet, wenn man ein Orakel befragt?
Entscheiden muss nach Gwendolin Kirchhoff der Mensch selbst: Man brauche in irgendeiner Form eine Informationsquelle, und auf dieser Basis treffe man seine Entscheidung (vgl. Interview mit Gwendolin Kirchhoff, 2026, unveröffentlicht). „Diese Entscheidung nimmt jedes Orakel nicht ab“, sagt sie im selben Interview; das Orakel solle einfach nur eine Informationsgrundlage in Bezug auf das Anliegen bilden, und die Führung entscheide dann, was zu tun ist (ebd.). Weise sei die Führung, wenn sie den Gesamtzusammenhang einbezieht (vgl. ebd.).
Über das I Ging sagt sie, es gehe davon aus, „dass du ein Edler bist“: Man werde als Edler angesprochen, sonst würde man das I Ging nicht befragen, denn man wolle Verantwortung für sein Leben übernehmen (Kings and Queens Tarot, 2024, „I Ging Seelengespräch“, 40:15–40:18; vgl. 40:12–40:28). Das I Ging könne nur im Maß der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Rat geben (vgl. ebd., 40:28–40:38). Über ihre eigene Deutung der Bilder sagt sie: „Ich kann natürlich nicht sicher gehen, dass die Art, wie ich die Dinge interpretiere, richtig ist in dem Sinne.“ (ebd., 25:38–25:43). Gefragt, ob sie das I Ging als Beratung anbiete, antwortete sie 2024: „ich würde keine Beratung anbieten, weil ich finde, das braucht den individuellen Zugang dazu“ (Kings and Queens Tarot, 2024, „I Ging Seelengespräch“, 42:33–42:40; vgl. 42:14–42:40).
Wie man das I Ging mit Münzen befragt, beschreibt der Essay I Ging befragen; warum das Wort Orakel beim I Ging in die Irre führen kann, der Essay Das I Ging ist kein Orakel. Die Fähigkeit, in einer einmaligen Situation das Wesentliche zu erkennen, behandelt der Eintrag Urteilskraft.
#Quellen
- Platon. Phaidros, 244a–d. Zitiert nach zeno.org, http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Phaidros.
- Cicero, M. T. De divinatione, I,1; I,11–12; II,148. Lateinischer Text nach The Latin Library, https://www.thelatinlibrary.com/cicero/divinatione1.shtml und https://www.thelatinlibrary.com/cicero/divinatione2.shtml (abgerufen am 05.10.2026).
- DWDS (o. J.). „Mantik“. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Mantik (abgerufen am 05.10.2026).
- Kirchhoff, J. (1989). Klang und Verwandlung. Klassische Musik als Weg der Bewußtseinsentwicklung. München: Kösel. S. 181 f.
- Kirchhoff, G. (2024). „Kompass Astrologie – Ein Gespräch mit Markus Termin“ [Video]. YouTube, 03.04.2024. https://www.youtube.com/watch?v=fxjDaffjRNI (Gesprächspartner: Markus Termin).
- Kirchhoff, G. (2024). „Tarot – Logik der Bilder – Ein Gespräch mit Sarah Weyrich“ [Video]. YouTube, 24.04.2024. https://www.youtube.com/watch?v=8nWfmVWSTXA (Gesprächspartnerin: Sarah Weyrich).
- Kings and Queens Tarot (2024). „IGing – Buch der Wandlungen – Seelengespräch mit Gwendolin Walter-Kirchhoff“ [Video]. YouTube, 11.07.2024. https://www.youtube.com/watch?v=cDRQn-U4NFM (Gast: Gwendolin Kirchhoff).
- Interview mit Gwendolin Kirchhoff, 2026 (unveröffentlicht).