Determinismus ist die These, dass jedes Ereignis im Kosmos durch vorhergehende Ursachen vollständig festgelegt ist. Gwendolin Kirchhoff versteht darunter eine Position, die den lebendigen Kosmos auf Kausalmechanik reduziert — nicht ein neutrales physikalisches Prinzip. Wenn Du diesen Begriff hörst, denkst Du wahrscheinlich an Physik, an Kausalketten, an die Berechenbarkeit der Natur. Doch die eigentliche Entscheidung, die im Determinismus steckt, ist keine physikalische. Sie betrifft die Frage, in welcher Art von Kosmos wir leben: einem toten Mechanismus, in dem Freiheit bestenfalls Selbsttäuschung wäre, oder einem lebendigen Ganzen, dem Freiheit als Grundzug innewohnt.
#Drei Denker, drei Sackgassen
Die Philosophiegeschichte hat drei grundsätzlich verschiedene Antworten auf die Determinismusfrage formuliert, die alle vom selben Punkt ausgehen und in verschiedene Richtungen davon abweichen.
Arthur Schopenhauer (1788-1860) trennte die Frage in zwei Ebenen. In der Welt der Erscheinungen, der empirischen Natur, gilt strenge Notwendigkeit. Jede Handlung folgt aus dem Zusammenspiel von Motiv und Charakter. Der Mensch tut, was er tut, weil er ist, was er ist. In seinen Worten: Das Individuum, die Person, ist nicht Wille als Ding an sich, sondern bereits Erscheinung des Willens, als solche bereits determiniert und in die Form der Erscheinung eingegangen (vgl. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819, Brockhaus, Leipzig, Buch II, § 23). Zugleich liegt hinter dieser Erscheinungswelt der Wille als Ding an sich, grundlos und frei. Freiheit existiert, aber sie liegt jenseits der Person, jenseits des Individuums, jenseits jeder konkreten Handlung. Die empirische Welt bleibt determiniert.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) radikalisierte die Kritik in eine andere Richtung. Für ihn war bereits die Vorstellung, es gebe so etwas wie einen Willen, der Ursache von Handlungen sei, ein sprachliches Vorurteil. In Jenseits von Gut und Böse schrieb er: „Wollen scheint mir vor Allem etwas Complicirtes, Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist” (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886, C.G. Naumann, Leipzig, § 19). In der Götzen-Dämmerung verschärfte er den Angriff: „Am Anfang steht das grosse Verhängniss von Irrthum, dass der Wille Etwas ist, das wirkt, - dass Wille ein Vermögen ist… Heute wissen wir, dass er bloss ein Wort ist…” (Nietzsche, Götzen-Dämmerung, 1889, C.G. Naumann, Leipzig, Kap. “Die vier grossen Irrthümer”, § 3). Für Nietzsche ist der freie Wille kein philosophisches Problem, sondern ein theologisches Konstrukt, erfunden, um Menschen schuldig sprechen zu können: „Die Menschen wurden ‚frei’ gedacht, um gerichtet, um gestraft werden zu können” (ebd., Kap. “Die vier grossen Irrthümer”, § 7).
Damit entzog Nietzsche beiden Seiten der Debatte den Boden. Nicht nur der freie Wille ist eine Fiktion, auch der unfreie Wille ist einer. Doch was bleibt, wenn beides fällt? Nietzsche selbst blieb bei der Destruktion stehen und ersetzte den Willen durch den Willen zur Macht, ein Konzept, das die Freiheitsfrage nicht löst, sondern umgeht.
#Der verborgene Mittelpunkt
Schelling, in seiner Freiheitsschrift von 1809, eröffnete den Text mit einem Satz, der das Problem auf den Punkt bringt: „Es ist Zeit, daß der höhere oder vielmehr der eigentliche Gegensatz hervortrete, der von Notwendigkeit und Freiheit, mit welchem erst der Innerste Mittelpunkt der Philosophie zur Betrachtung kommt” (Schelling, Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freyheit, 1809). Für Schelling war die Freiheitsfrage nicht ein Problem unter vielen. Sie war das Zentrum der Philosophie.
Seine Lösung unterschied sich grundlegend von der Schopenhauers. Wo Schopenhauer die Freiheit ins Ding an sich verbannte und die Erscheinungswelt dem Determinismus überließ, dachte Schelling beides zusammen. Er zeigte, dass sowohl die Willkürfreiheit, die sich ohne Grund für A oder Nicht-A entscheidet, als auch der empirische Determinismus, der jede Handlung durch vorhergehende Ursachen erklärt, denselben Fehler begehen: Sie kennen nur äußere Bestimmung oder Zufall. Beiden gleich unbekannt ist jene höhere Notwendigkeit, die eine innere, aus dem Wesen des Handelnden selbst quellende Notwendigkeit ist (vgl. Schelling, ebd.).
Das Ergebnis formulierte Schelling mit einer Klarheit, die in der Philosophiegeschichte selten ist: „Notwendigkeit und Freiheit stehen ineinander, als Ein Wesen, das nur von verschiedenen Seiten betrachtet als das eine oder andere erscheint, an sich Freiheit, formell Notwendigkeit ist” (Schelling, ebd.). Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Notwendigkeit, sondern deren innerste Gestalt, wenn die Notwendigkeit aus dem Wesen selbst stammt und nicht von außen aufgezwungen wird.
#Warum der tote Kosmos den Determinismus braucht
Hier wird sichtbar, warum die Determinismusfrage nicht in der Physik oder der Psychologie gelöst werden kann. Sie hängt an einer ontologischen Vorentscheidung: Ist der Kosmos ein Mechanismus oder ein Organismus? In einem Mechanismus gibt es nur äußere Ursachen. Jedes Ereignis ist durch ein anderes erzwungen, und die Kette der Ursachen führt ins Unendliche zurück, ohne je auf ein Wesen zu stoßen, das aus sich selbst handelt. Freiheit wäre in einem solchen Kosmos ein logischer Widerspruch.
Jochen Kirchhoff (1944-2025) hat in seinem Werk gezeigt, dass der Determinismus kein Befund ist, sondern ein Symptom. Er gehört zur Pathogenese des modernen Denkens: einer schleichenden Erkrankung des Weltbezugs, die das Lebendige zum Toten erklärt und dann erstaunt feststellt, dass im Toten keine Freiheit zu finden ist (vgl. Kirchhoff, Was die Erde will, 1998, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach). Der Materialismus setzt tote Materie als Grundsubstanz und muss Bewusstsein, Bedeutung und Freiheit als Epiphänomene erklären, als Schaum auf der Oberfläche eines blinden Prozesses. Der Determinismus ist die logische Konsequenz dieser Setzung, nicht ihr Beweis.
Wer dagegen den Kosmos als lebendig denkt, wie es die Naturphilosophie von Schelling bis Kirchhoff tut, für den gehört Freiheit nicht zu den Dingen, die erklärt oder weggeleuchtet werden müssen. Sie gehört zur Grundstruktur des Wirklichen. Nicht als Willkür, nicht als grundloses Sich-Entscheiden, sondern als das Vermögen eines lebendigen Wesens, aus seinem eigenen Innersten zu handeln.
#Weder Fatalismus noch Beliebigkeit
In der philosophischen Arbeit tritt diese Einsicht dort hervor, wo ein Mensch erkennt, dass seine Entscheidungen weder bloß mechanische Folgen seiner Biografie noch willkürliche Launen sind. Vielleicht kennst Du das selbst: eine Entscheidung, die zugleich notwendig und frei war, nicht erzwungen und nicht beliebig, sondern stimmig. Schellings Formel dafür ist präzise: frei ist, was nur den Gesetzen seines eigenen Wesens gemäß handelt und von nichts anderem weder in noch außer ihm bestimmt ist (vgl. Schelling, ebd.).
Die gegenwärtige Debatte um Willensfreiheit und Neurodeterminismus wiederholt in vereinfachter Form, was Schelling, Schopenhauer und Nietzsche im 19. Jahrhundert bereits durchgearbeitet haben. Die Neurowissenschaft zeigt, dass Hirnprozesse Entscheidungen vorausgehen. Daraus wird geschlossen, dass der Mensch unfrei sei. Der Schluss folgt aber nur, wenn man voraussetzt, dass der Mensch etwas anderes ist als sein Leib, und dass der Leib ein Mechanismus ist. Beide Prämissen sind keine Entdeckungen, sondern ontologische Setzungen, die der Determinismus braucht, um sich als Ergebnis auszugeben.
Die Frage lautet nicht, ob Du frei bist. Sie lautet, ob wir in einem Kosmos leben, in dem Freiheit überhaupt möglich ist. Und diese Frage wird nicht durch Experimente beantwortet, sondern durch die Entscheidung, ob wir den Kosmos als lebendig oder als tot denken.
Philosophisch verwandt: Naturphilosophie (der lebendige Kosmos als Voraussetzung wirklicher Freiheit), Materialismus (die Gegenposition, die den Determinismus erzwingt), Bewusstseinsphilosophie (die Frage, ob Bewusstsein Grundzug oder Nebenprodukt des Kosmos ist).