Freiheit ist für die Philosophin Gwendolin Kirchhoff gestaltete Unfreiheit: Der Mensch ist unfrei gegenüber sich selbst und gegenüber der Welt, und wer diese Unfreiheit als Allererstes anerkennt, findet in ihr einen Freiheitsgrad, in dem er gestalten kann (vgl. Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:10:44; Kirchhoff, G., 2024, Im Geiste Schillers, 1:50:55). Den Gedanken bezieht sie auf Friedrich Schiller; ihre eigene Fassung nennt sie „frei nach Schiller“ (Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:10:44). Freiheit heißt in dieser Lesart nicht, jede Einschränkung abzuwerfen (vgl. Kirchhoff, G., 2025, Philosophie & Zukunft, 18:20). Sie beginnt bei dem, was einem vorgegeben ist, und bei dem Spielraum, der darin liegt (vgl. ebd., 17:48 und 49:52).
#Was bedeutet Freiheit, wenn der Mensch unfrei ist?
Freiheit ist bei Gwendolin Kirchhoff an die Anerkennung der eigenen Unfreiheit gebunden, und diese Unfreiheit hat zwei Richtungen. Gegenüber sich selbst ist der Mensch unfrei, weil er fühlt, was er fühlt, und denkt, was er denkt; er findet sein Leben so vor, wie er es bisher gelebt hat, mit allen Konsequenzen (vgl. Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:10:44). Gegenüber der Welt ist er unfrei, weil die anderen Menschen in ihre eigenen Prozesse verstrickt sind, hören, was sie hören wollen, und sind, wie sie sind (vgl. ebd.).
In ihrem Vortrag über Schiller fasst sie die zweite Richtung so: „Wir sind vielen gesellschaftlichen Verhältnissen ausgesetzt, wir sind den Ansichten anderer Menschen ausgesetzt, wir sind den Bedürfnissen anderer Menschen ausgesetzt. Nichts von alledem können wir bestimmen.“ (Kirchhoff, G., 2024, Im Geiste Schillers, 43:26). Im Gespräch mit Alexander von Bismarck sagt sie über jede Epoche der Geschichte, „es gab immer etwas, was uns vorgegeben war, ein Schicksal, eine von den Ahnen ererbte Welt“ (Kirchhoff, G., 2025, Philosophie & Zukunft, 49:52).
Die Unfreiheit betrifft nach ihren Worten nicht nur die Ohnmächtigen: „Alle Menschen sind unfrei.“ Und: „Auch die großen Mächtigen sind unfrei.“ Sie seien getrieben durch ihre machtförmigen Gedanken und durch die Zwangshandlungen, die folgen müssen, damit sie ihre Macht erhalten (vgl. Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:12:03). Wenn Du Freiheit als Abwesenheit von Zwang denkst, verschiebt dieser Satz das Bild: Auch wer viel Macht hat, ist in diesem Sinn nicht frei.
#Wo liegt der Freiheitsgrad?
Der Freiheitsgrad liegt innerhalb der Unfreiheit, nicht jenseits von ihr. Gwendolin Kirchhoff sagt, „der Freiheitsgrad existiert aus der Anerkenntnis dieser Unfreiheit“ (Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:12:03). Die Reihenfolge gehört zum Begriff: als Allererstes die Anerkennung der Unfreiheit, dann der Blick auf den Freiheitsgrad, der sich in ihrem Rahmen auftut (vgl. ebd., 1:10:44). Im Gespräch mit Bismarck beschreibt sie denselben Schritt: „ich gehe erst einmal in die Annahme dessen, wo ich unfrei bin. Und dann schaue ich, was ein Vorbild sein könnte“ (Kirchhoff, G., 2025, Philosophie & Zukunft, 49:52).
Wie sich das anfühlt, stellt sie an anderer Stelle desselben Gesprächs einer anderen Haltung gegenüber: dem ständigen Randalieren gegen die Welt, in dem man alle Ketten sprengen und alles beseitigen will, was einen in irgendeiner Form einschränkt. Die Anerkennung der eigenen Unfreiheit nennt sie demgegenüber einen weicheren Blick (vgl. ebd., 18:20).
Zur Anerkennung gehört bei ihr ein zweiter Gedanke, die positive Vision oder innere Ausrichtung. Sie sagt: „Die innere Ausrichtung ist die göttliche Lösung.“ (Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:12:03). Ihr Freiheitsbegriff hat damit zwei Teile, die sie selbst zusammenfasst: die Anerkennung der eigenen Unfreiheit und den Blick auf die göttliche Lösung (vgl. ebd.).
Auch der Determinismus hebt diesen Freiheitsgrad für Gwendolin Kirchhoff nicht auf. Auf einen Zuschauerkommentar, ob nicht alles purer Determinismus sei (vgl. Kirchhoff, G., 2026, Wie frei sind wir wirklich?, 55:41), antwortet sie mit einem Satz, den sie Franz von Sickingen zuschreibt: „nichts ist ohne Ursache“ (ebd., 57:09). Daraus folgt für sie nicht, dass es keine Freiheit gibt: „Es ist nicht so, dass der Determinismus gar keine Freiheitsgrade lässt, sondern die Frage ist viel eher, wo ist denn die Freiheit?“ (ebd., 58:08). Am Ende desselben Gedankengangs sagt sie: „Nicht alle Gedanken nisten sich in jedem von uns ein. Es gibt also einen Freiheitsgrad.“ (ebd., 1:02:05).
#Ist Freiheit ein klarer Geist?
Ja, in einem genauen Sinn: Freiheit ist für Gwendolin Kirchhoff ein klarer Geist und die Fähigkeit, die eigenen Impulse zu betrachten und ihnen nicht unbedingt nachzugeben. Sie sagt: „Freiheit ist ein klarer Geist und die Fähigkeit, Impulse zu… hinterfragen oder Impulse nicht unbedingt nachzugeben, sondern sie betrachten zu können auch innerlich und damit vorbeiziehen lassen zu können.“ (Kirchhoff, G., 2026, Wie frei sind wir wirklich?, 1:00:39).
Den Weg dorthin beschreibt sie mit Spinoza: Wir empfinden uns als frei, weil wir uns als Handelnde erleben, kennen aber die Ursachen unserer Willensimpulse und Emotionen nicht; der einzige Weg in die Freiheit ist, dass der Geist den Ursprungsgeist adäquat erkennt (vgl. ebd., 57:21–58:08). Ihr Beispiel ist alltäglich. Wer eine Gewohnheit ändern und weniger auf Instagram scrollen will, kann damit konfrontiert sein, dass das gar nicht so einfach ist und in ihm etwas wirkt, das ihn immer wieder in diese Handlung treibt: „Sind wir da frei oder sind wir da suchtartig getrieben?“ (ebd., 58:21–58:47).
Die Freiheit liegt für sie zum Beispiel darin, eine Frage zu stellen. Durch die Frage und durch das Beobachten der eigenen Impulse ist man nach ihren Worten nicht mehr mit ihnen verstrickt; mit Spinoza beschreibt sie das als Zunahme der Handlungsmacht, die man als Freude erfährt, und der Geist wird klarer (vgl. ebd., 1:00:20–1:00:39). Sie verweist auf die Praxis des Buddhismus, einfach nur dazusitzen und mit den eigenen Impulsen präsent zu sein, ohne sie auszuleben (vgl. ebd., 1:01:15). Das meint keine depressive Selbstbezogenheit, in der man ständig alles in sich analysiert; manches darf man laufen lassen oder künstlerisch ausagieren, „aber wir haben eben auch die Möglichkeit, gedankliche Impulse und Ergreifungen durch eine Frage zu neutralisieren“ (ebd., 1:01:39–1:02:04).
Was Verstrickung ist, sagt sie später im selben Gespräch: „Das ist ja immer ein fragloser Raum, es sind lebende Gedanken“ (ebd., 1:30:23). Lebend heißt hier, dass diese Gedanken die Lebenskraft selbst erfassen und ausgelebt werden, solange sie fraglos mit dem verbunden sind, der sie auslebt (vgl. ebd., 1:30:28). „Und da gibt es tatsächlich eine Veränderung dann, wenn ich das sehen kann, dann fällt es von mir ab.“ (ebd., 1:30:51). Wie Verstrickung in Familien wirkt und wie sie sich löst, beschreibt der Eintrag Verstrickung und Lösung.
#Ist Freiheit das Gegenteil von Notwendigkeit?
Für Friedrich Schiller, auf den sich der Begriff beruft, ist die Freiheit, die er in den ästhetischen Briefen beschreibt, nicht das Gegenteil von Notwendigkeit. Schiller beschreibt in den Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) zwei entgegengesetzte Grundtriebe im Menschen, den sinnlichen und den vernünftigen. Im neunzehnten Brief schreibt er: „Sobald nämlich zwei entgegengesetzte Grundtriebe in ihm tätig sind, so verlieren beide ihre Nötigung, und die Entgegensetzung zweier Notwendigkeiten gibt der Freiheit den Ursprung“ (Schiller, 1795, 19. Brief). In einer Anmerkung dazu stellt er klar, dass er nicht die Freiheit meint, die dem Menschen als Intelligenz notwendig zukommt, sondern diejenige, „welche sich auf seine gemischte Natur gründet“; sie beweise der Mensch, indem er „in den Schranken des Stoffes vernünftig und unter Gesetzen der Vernunft materiell handelt“ (ebd., 19. Brief, Anm.). In einer Anmerkung zum zwanzigsten Brief hält er fest, dass das Gemüt im ästhetischen Zustand „zwar frei und im höchsten Grade frei von allem Zwang, aber keineswegs frei von Gesetzen handelt“ (Schiller, 1795, 20. Brief, Anm.). Diese Freiheit entsteht bei Schiller also nicht aus dem Fehlen von Notwendigkeit, sondern aus der Entgegensetzung zweier Notwendigkeiten. Wenn Du den Satz neben Gwendolin Kirchhoffs Formel legst, sprechen beide von zwei Seiten: Schiller von zwei Grundtrieben im Menschen, sie von der Unfreiheit gegenüber sich selbst und gegenüber der Welt. Mehr zu Stofftrieb, Formtrieb und Spieltrieb steht im Eintrag zu Schillers Philosophie.
Auch Schelling verbindet beide Begriffe, in den Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809): „Notwendigkeit und Freiheit stehen ineinander, als Ein Wesen, das nur von verschiedenen Seiten betrachtet als das eine oder andere erscheint“ (Schelling, 1809). Die Frage nach der Willensfreiheit und ihr Verhältnis zum Bild eines lebendigen oder toten Kosmos behandelt der Eintrag zum Determinismus.
Die Formel „Freiheit ist gestaltete Unfreiheit“ selbst steht so nicht in Schillers Briefen. Gwendolin Kirchhoff spricht sie in ihrem Schiller-Vortrag aus (Kirchhoff, G., 2024, Im Geiste Schillers, 1:50:55) und verbindet sie mit seinem Gedanken.
#Wie wirkten Schillers ästhetische Briefe in Dänemark?
In ihrem Vortrag Im Geiste Schillers erzählt Gwendolin Kirchhoff, wie Schillers ästhetische Briefe nach Dänemark wirkten (vgl. Kirchhoff, G., 2024, Im Geiste Schillers, 35:31–42:12). Die Briefe seien an den Augustenburger, einen Fürsten in Dänemark, gerichtet gewesen, dort herumgereicht worden und hätten einen jungen Pädagogen namens Grundtvig erreicht. Für die einfache Bevölkerung, die Bauern, seien Volkshochschulen eingerichtet worden, die man drei bis sechs Monate besuchen konnte. Dort habe man mit Heldensagen begonnen, sehr viel gesungen, dann Wissen vermittelt, vom Gründen einer Genossenschaft bis zum Aufbau der Staatsorgane, und vor allem viel miteinander gesprochen (vgl. ebd.).
Als Prinzip, das auch bei Schiller durchkomme, nennt sie dabei Druck und Gegendruck: Wer einen Gedanken vorstellt, braucht einen Gegendruck, Widerspruch (vgl. ebd., 42:18). „Der Gedanke kann reifen, kann am Widerstand reifen, denn dieser Widerstand ist wichtig. Hier kommen wir wieder zu dem Thema der Freiheit, die gestaltete Unfreiheit ist.“ (ebd., 43:20).
#Freiheit wovon oder Freiheit wozu?
Die Unterscheidung zwischen Freiheit wovon und Freiheit wozu trennt zwei Arten von Freiheit: den Wunsch, etwas loszuwerden, und die Frage, wofür man frei ist. Gwendolin Kirchhoff beobachtet: „Die Leute wollen immer Freiheit. Was meinen sie denn mit Freiheit?“ Ihre Antwort: „Sie wollen die Freiheit von einem unangenehmen, quälenden Gefühl.“ Gemeint seien etwa Ängste, eine Blockade, das Gefühl von Druck oder Zwang (vgl. Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:22:06).
Ihr Vater, der Philosoph Jochen Kirchhoff, sagte in einem Gespräch, Freiheit sei nicht nur die Freiheit, nicht im Kerker zu sitzen: „Die Freiheit nicht wovon, sondern die Freiheit wozu.“ (Kirchhoff, J., 2024, Gespräch mit Flavio von Witzleben, 16:00). Dieselbe Unterscheidung steht in Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra (1883), im Kapitel „Vom Wege des Schaffenden“: „Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge künden: frei wozu?“ (Nietzsche, 1883).
Wo sich Freiheit heute im Einzelnen erweist, beantwortet Gwendolin Kirchhoff in einem Gespräch mit Michael Andrick konkret: „die Freiheit des Menschen im Augenblick zeigt sich am allermeisten darin, ob er sich seine eigene Ansicht vorbehält, ob er in der Lage ist, einen Widerspruch zu leisten in der Öffentlichkeit oder ob er auch nur in der Lage ist, den Zeitgeist zu ironisieren“ (Kirchhoff, G., 2025, Freiheit, Normalität & Transhumanismus, 56:25).
An das Engagement in der Welt stellt sie die Frage, aus welchem Geist heraus etwas geschieht. Ob sich jemand aktivistisch betätigt, ist nach ihren Worten jedem überlassen und kann seinen Sinn haben; entscheidend ist, „aus welchem Geist heraus, was geschieht“ (Kirchhoff, G., 2026, Wie frei sind wir wirklich?, 1:03:10). Es kann Ausdruck von Autonomie und eines Freiheitsgrades sein oder aus einem verzweifelten Bewirkenmüssen kommen, jenseits dessen, was bewirkbar ist (vgl. ebd., 1:03:12). Sie lässt dabei ausdrücklich offen, dass auch der Impuls, unbedingt etwas bewirken zu müssen, einen Menschen als Schicksalsmacht ergreifen kann, weil er zu ihm gehört (vgl. ebd., 1:03:24).
#Ist das Leben Gefängnis, Schule oder Spiel?
Ob wir das Leben als ein Gefängnis, eine Schule oder ein Spiel erleben, hängt für Gwendolin Kirchhoff davon ab, worauf wir blicken: „Also wir können unsere eigene Unfreiheit primär wahrnehmen oder wir können unseren Freiheitsgrad primär wahrnehmen.“ (Kirchhoff, G., 2026, Wie frei sind wir wirklich?, 1:12:42). Die Frage kam aus dem Publikum: Sind wir, im kosmischen Sinn, in einer Schule, einem Spiel oder einem Gefängnis, oder in allem zugleich (vgl. ebd., 1:11:19)?
Vieles erfasst uns, so ihre Antwort: der Eros, den wir nicht frei gewählt haben, sondern der uns widerfährt, die Gefühle, das große Schicksal, in das wir eingebaut sind, und die Sachzwänge, uns in einer kapitalistischen Machthierarchie zu behaupten; all das wirkt auf uns ein (vgl. ebd., 1:12:03–1:12:31). Als Gefängnis erleben das Leben nach ihren Worten viele Menschen, etwa wenn sie in sehr prekären Lebensumständen leben oder von Gewalt umgeben sind (vgl. ebd., 1:12:53).
Den Unterschied macht für sie zum einen ein Sich-Stellen, das heißt hinzuschauen, was wirklich geschieht: „Ein großes Hinschauen.“ (ebd., 1:13:14–1:13:28). Dazu gehört, auch die Gefahren, die real sind, zu erkennen und dort einzuschätzen, wo sie wirklich sind (vgl. ebd., 1:13:28). Auf der anderen Seite erscheint das Leben eher als Spiel: Man sieht seine Offenheit und seine Möglichkeiten und wendet sich dem Schönen zu (vgl. ebd., 1:14:08–1:14:24). Es macht nach ihren Worten einen Unterschied, ob man sich in einer Beziehung zu jemandem gefangen fühlt oder einen Freiheitsgrad erkennt, ob man den anderen für ein fixes Programm hält, quasi einen Automaten, oder in sich die Möglichkeit entdeckt, eine andere Frage zu stellen und anders zu interagieren (vgl. ebd., 1:14:26). Verspieltheit und eine gewisse Freiheit im Umgang mit dem Leben zu entwickeln, ist in ihren Konsultationen immer wieder ein großes Thema (vgl. ebd., 1:14:50). Als Schule erscheint das Leben, wenn Erfahrungen uns sehr stark fordern und wir fragen, was wir daraus lernen (vgl. ebd., 1:15:18–1:15:33).
Alle drei sind für sie zunächst „Weisen des Erlebens des Lebens“, die ein Stück weit vom inneren Zustand abhängen (ebd., 1:15:35–1:15:46). Zum Leben gehört aber in jedem Fall auch Leid: „Es gibt kein Leben ohne Leiden auch.“ (ebd., 1:15:58). Schwierig wird es nach ihren Worten oft, wenn Menschen das komplett zu vermeiden versuchen: Dann gehen sie in Betäubungen, Betäubungen machen taub, und taub sei ein anderes Wort für dumm (vgl. ebd., 1:16:05–1:16:19; mehr im Eintrag zur Dummheit).
Kurz darauf bezieht sie das Spiel auf Friedrich Schiller, „im schillerischen Sinne des Spieltriebs“: „Es ist gut, wenn das Leben ein Spiel wird, wenn man es als Spiel betrachtet.“ (ebd., 1:17:31–1:17:34). Zu diesem Spiel gehört bei ihr das Ernstnehmen: Es ist „eine eigene Form von Balance aus echtem Realismus, also wirklichem Hinschauen, ernst nehmen und leicht sein“, so wie bei den Griechen Tragödie und Komödie zum Leben gehören (ebd., 1:17:41–1:17:58). Was Schiller mit dem Spieltrieb meint, erklärt der Eintrag zu Schillers Philosophie.
#Wie sieht gestaltete Unfreiheit in der Praxis aus?
In der Praxis beginnt gestaltete Unfreiheit bei dem, was man vorfindet. Ein Beispiel gibt Gwendolin Kirchhoff aus der Entwicklung von Organisationen: Wer eine Organisation entwickelt, kann nicht einfach als „der große Heilsbringer“ hereinkommen. Was die Menschen brauchen, in welche Widerstände sie gehen, findet man bei ihnen vor, und mit diesem Prozess kann man nur sein, wenn man versteht, dass es nicht anders geht (vgl. Kirchhoff, G., 2026, MANOVA-Gespräch, 1:12:03). Für eine Anthologie des Kulturkreises Pankow hat sie, nach eigener Aussage frei nach Schiller, einen kleinen Text darüber veröffentlicht, wie man im Widerstand ein gutes Gefühl bewahrt (vgl. ebd., 1:10:44).
Im Schiller-Vortrag nennt sie einfache Formen: die Gestaltung von Aussprache im Freundeskreis oder im Tagebuch, das Singen in Gesangskreisen und Chören. Es gehe um den Einklang mit der Sache selbst, um das Spiel, oder, in ihren Worten, „die gestaltete Unfreiheit, die Spielkraft, wird dann aktiv, wenn aus dem Augenblick heraus das Ich gestaltend eingreift“ (Kirchhoff, G., 2024, Im Geiste Schillers, 1:41:57).
Eine Grundabwägung beschreibt sie im Gespräch mit Elisa Gratias: „Entweder du machst was selbst und du gehst selbstbestimmt in deinen Weg oder du wirst gelebt und bist anderen Formen von Fremdbestimmung ausgesetzt.“ (Kirchhoff, G., 2026, Wie frei sind wir wirklich?, 10:05). Unternehmerisches Handeln ist für sie in der Welt, wie sie aufgebaut ist, oft die einzige Ebene, auf der eine gewisse Freiheit und Souveränität für Menschen möglich ist; wer sich nicht unternehmerisch betätigt, ist nach ihren Worten oft gezwungen, sich an Verhältnisse anzupassen, die ihn ernähren, etwa an ein Angestelltenverhältnis, in dem er einem anderen Willen dient (vgl. ebd., 09:24–10:01). Der unternehmerische Weg ist für sie „vielleicht der stärkste und schnellste Weg der Persönlichkeitsentwicklung“: Es passiere etwas mit einem, wenn man sich stellt, auch vielen unangenehmen Dingen (ebd., 12:00–12:14). Für den Anfang definiert man nach ihren Worten einen ersten Schritt in diese Richtung, „big enough to matter, small enough to win“, groß genug, um etwas zu bedeuten, und klein genug, um machbar zu sein (ebd., 12:46–13:03). Ihren eigenen Weg an die Öffentlichkeit schildert sie als eine Folge von Schritten: erst die Redaktion im Hintergrund mit ihrem Vater, dann die Stimme aus dem Off, dann ein ausgewählter Kreis beim Symposium, dann die breitere Öffentlichkeit (vgl. ebd., 12:18).
Wie Grenzen zur Bedingung des Gestaltens werden, findest Du im Eintrag zur ethischen Grenze. Wie die Anerkennung von Bindung und Herkunft in der Ordnungsarbeit wirkt, beschreibt der Essay zur systemischen Ordnungsarbeit; warum der Transhumanismus grenzenlose Freiheit verspricht, steht im Essay über KI und Transhumanismus.
#Quellen
- Kirchhoff, G. (2026). „Die gefährlichste Form von Intelligenz | Gwendolin Walter-Kirchhoff&Elisa Gratias im MANOVA-Gespräch“ [Video]. Manova, YouTube, 14.08.2026. https://www.youtube.com/watch?v=VI43E5jdQQw (1:10:44, 1:12:03, 1:22:06).
- Kirchhoff, G. (2024). „Im Geiste Schillers | Gwendolin Walter-Kirchhoff | Lesung & Gespräch“ [Video]. DENKRAUM, YouTube, 16.10.2024. https://www.youtube.com/watch?v=FNQVQkaU91Y (35:31–42:18, 43:20, 1:41:57, 1:50:55).
- Kirchhoff, G. (2025). „Philosophie & Zukunft: Gwendolin Kirchhoff im Gespräch mit Alexander von Bismarck“ [Video]. Alexander von Bismarck, YouTube, 20.08.2025. https://www.youtube.com/watch?v=-uHGb7fDm-A (17:48, 18:20, 49:52).
- Kirchhoff, G., & Andrick, M. (2025). „Freiheit, Normalität & Transhumanismus: Philosophische Betrachtungen //G. Kirchhoff & M. Andrick.“ [Video, Gespräch mit Dr. Michael Andrick und Flavio von Witzleben]. Flavio von Witzleben, YouTube, 04.05.2025. https://www.youtube.com/watch?v=jtDItzk5P3w (56:25).
- Kirchhoff, G. (2026). „«Wie frei sind wir wirklich?» Gwendolin Kirchhoff über Fremdbestimmung, Wut & die Macht der Gedanken“ [Video, Gespräch mit Elisa Gratias]. TransitionTV, YouTube, 10.10.2026. https://www.youtube.com/watch?v=VTW7B162RPs (09:24–13:03, 55:41–1:03:24, 1:11:19–1:17:58, 1:30:23–1:30:59).
- Kirchhoff, J. (2024). „Gendern, Klima & Corona: “Alles Menschliche in uns wird abgeschafft” // Philosoph Jochen Kirchhoff“ [Video, Gespräch mit Flavio von Witzleben]. Flavio von Witzleben, YouTube, 07.01.2024. https://www.youtube.com/watch?v=aeTzjhPOWQI (16:00).
- Schiller, F. (1795). Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. 19. Brief mit Anmerkung; 20. Brief, Anmerkung. Zitiert nach zeno.org (Sämtliche Werke, Bd. 5, München: Hanser 1962).
- Schelling, F. W. J. (1809). Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände. Zitiert nach zeno.org.
- Nietzsche, F. (1883). Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Erster Teil, „Vom Wege des Schaffenden“. Zitiert nach Projekt Gutenberg.