Kaum ein Philosoph wird so gründlich missverstanden wie Arthur Schopenhauer (1788—1860). In Gwendolin Kirchhoffs Arbeit spielt Schopenhauers Willensmetaphysik eine zentrale Rolle, weil der Zugang zum Inneren der Welt über die Analogie des eigenen Willens die Erkenntnistheorie ihrer Praxis fundiert. Die Nachwelt hat einen Pessimisten aus ihm gemacht, einen Misanthropen mit Pudel, der das Leiden predigt und die Frauen verachtet. Diese Klischees haben einen wahren Kern. Doch sie verdecken, was schwerer wiegt als alle Anekdoten: Schopenhauer hat die Frage gestellt, die die gesamte moderne Philosophie umgeht. Was geschieht, wenn wir den Leib nicht nur als Gegenstand betrachten, sondern als Zugang zur Wirklichkeit selbst?
#Der Leib und das Ding an sich
Schopenhauer beginnt dort, wo Kant aufhörte. Kant hatte in seiner Kritik der reinen Vernunft gezeigt, dass alles, was wir erkennen, durch die Formen unseres Verstandes geprägt ist. Was die Welt an sich ist, jenseits unserer Vorstellungen, bleibt unerkennbar. In seiner Dissertation Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (1813) hatte Schopenhauer die Formen dieser Erkenntnis systematisch untersucht. Sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (Leipzig: Brockhaus, 1819) geht einen entscheidenden Schritt weiter.
Die Einsicht klingt schlicht: Wir haben einen Leib. Dieser Leib ist Gegenstand unter Gegenständen, sichtbar und messbar. Zugleich erleben wir ihn von innen als Drang, als Streben, als Hunger und Sehnsucht. In dieser Doppelheit, so Schopenhauer, liegt der Schlüssel, den Kant vergeblich gesucht hat (vgl. Schopenhauer, 1819, §18). Was wir im Leib als Wille erfahren, ist keine Vorstellung und kein Konstrukt. Es ist das Ding an sich, unmittelbar erlebt.
#Wille als Weltprinzip
Schopenhauers kühnster Schritt war, diese leibliche Erfahrung auf die gesamte Natur auszudehnen. Alles, was in der Welt geschieht, hat ein Außen und ein Innen. Das Außen ist, was man sieht und misst. Das Innen ist der Wille: nicht Wille im Sinne einer bewussten Absicht, sondern ein metaphysisches Prinzip, das jede Erscheinung von innen her durchdringt. Die Gravitation, der Lebenstrieb in jeder Pflanze, der Drang in jedem Tier: Hinter allem steht eine Kraft, die die Physik beschreiben, aber niemals erklären kann (vgl. Schopenhauer, 1819, §§23—27).
Das hat Konsequenzen, die über akademische Fragen hinausreichen. Wenn der Wille das Wesen der Natur ist, dann besteht zwischen den Erscheinungen keine bloß mechanische, sondern eine innere Verbindung. Die Individuation, die Trennung in einzelne Wesen, gehört zur Welt der Vorstellung. Im Wesen der Dinge gibt es keinen Unterschied zwischen dem, was in Dir wirkt, und dem, was in einem Tier, einer Pflanze oder einem Stein wirkt. Schopenhauer nannte das principium individuationis den Schleier der Maja (vgl. Schopenhauer, 1819, §63).
#Musik, Mitleid, Verneinung
Drei Konsequenzen ergeben sich aus dieser Willensmetaphysik, und jede einzelne reicht weit über die akademische Philosophie hinaus.
Die Musik nimmt bei Schopenhauer eine Sonderstellung ein. Alle anderen Künste bilden die Welt der Erscheinungen ab. Die Musik bildet nichts ab. Sie ist, so Schopenhauer, unmittelbarer Ausdruck des Willens selbst, nicht Abbild einer Idee, sondern Abbild des Willens (vgl. Schopenhauer, 1819, §52). Das macht Ästhetik bei Schopenhauer zu etwas anderem als bei Kant oder Hegel: nicht Geschmacksfrage, nicht Formanalyse, sondern Ontologie. Nietzsche hat diesen Gedanken in Die Geburt der Tragödie (1872) aufgenommen und weitergeführt. Wagner verehrte Schopenhauer zutiefst und verstand seine Musikdramen als klingende Philosophie.
Das Mitleid bildet den Kern seiner Ethik. Nicht ein Gebot, nicht eine Pflicht, sondern eine leibliche Erfahrung steht am Anfang: In dem Moment, in dem Du mitfühlst, erfährst Du, dass die Grenze zwischen Dir und dem anderen eine Erscheinung ist, nicht das Wesen der Dinge. Schopenhauer nennt das den geheimen Gang, der alle Wesen verbindet (vgl. Schopenhauer, 1819, §66). Diese Einsicht berührt den Kern dessen, was in der philosophischen Tradition als denkende Einfühlung weitergedacht wird: die Fähigkeit, über das eigene Innere auch das Innere eines anderen zu kontaktieren.
Die Verneinung des Willens zum Leben schließlich ist Schopenhauers radikalstes Konzept. Wenn der Wille Ursache allen Leidens ist, dann liegt die Erlösung in seiner Überwindung. Nicht durch Handeln, nicht durch Weltherrschaft, sondern durch ein stilles Loslassen, das Schopenhauer bei den Asketen, bei den indischen Philosophen und bei den Heiligen der christlichen Tradition wiederfand.
#Die offene Frage: blind oder bewusst?
Hier liegt die Stelle, an der die Naturphilosophie ansetzt und über Schopenhauer hinausgeht. Schelling hatte in seiner Freiheitsschrift (1809) geschrieben: Wollen ist Ursein. Für Schelling war der Wille ein geistiger Wille, eine kosmische Intelligenz, die sich in der Natur ausspricht. Schopenhauer übernahm den Grundgedanken, doch er veränderte die Ausrichtung: Sein Wille ist blind. Er drängt, er treibt, er will, aber er weiß nicht, was er will. Diese Blindheit ist der Kern dessen, was man seinen Pessimismus nennt.
Jochen Kirchhoff greift Schopenhauers Willensmetaphysik auf und radikalisiert sie in eine andere Richtung (vgl. Kirchhoff, 2021). Der Wille, der durch die Natur hindurchwirkt, ist bei Kirchhoff nicht blind, sondern bewusst. Der Kosmos hat eine Innendimension, und diese Innendimension ist nicht dumpfes Streben, sondern gerichtete Lebendigkeit. Das verändert die gesamte Diagnose: Leiden entsteht nicht, weil der Wille blind ist, sondern weil der Mensch sich von der Richtung dieses Willens abgeschnitten hat.
Die Frage, die sich daraus ergibt, betrifft jeden, der über sein eigenes Dasein nachdenkt: Ist der Drang, den Du in Dir spürst, blind oder gerichtet? Hat das Streben, das Dich antreibt, eine Richtung, die über Dich hinausweist? Schopenhauer hat die Frage gestellt. Die Antwort, die er gab, war nicht die einzig mögliche. Weitergeführt wird sie im Denken über den Weltenwillen als kosmisches Prinzip, in der Frage nach dem Tod in der Philosophie und in der Tradition der Weisheit, die Schopenhauer selbst in den Upanischaden suchte.
#Quellen
- Kirchhoff, J. (2021). Schopenhauer — Denker des Willens und des Mitgefühls. YouTube: Jochen Kirchhoff — In Memoriam.
- Kirchhoff, J. (2023). Der Weltenwille als Baustoff und Lebenstrieb des Kosmos. YouTube: Jochen Kirchhoff — In Memoriam.
- Schopenhauer, A. (1813). Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Rudolstadt.
- Schopenhauer, A. (1819). Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig: Brockhaus.
- Schopenhauer, A. (1844). Die Welt als Wille und Vorstellung, Zweiter Band. Leipzig: Brockhaus.
- Schopenhauer, A. (1851). Parerga und Paralipomena. Berlin: A. W. Hayn.