Lexikon

Verstrickung und Lösung

Du trägst etwas, das Dir nicht gehört. Vielleicht eine Traurigkeit, die keinen Anlass hat. Eine Angst, die keiner Erfahrung entspringt. Eine Wut, die nicht Deine eigene Geschichte erzählt. Du hast versucht, diese Gefühle zu verstehen, einzuordnen, zu bearbeiten — und sie sind geblieben. Nicht weil Du nicht genug getan hast, sondern weil sie möglicherweise nicht Deine Gefühle sind.

Verstrickung ist der Fachbegriff für ein Phänomen, das sich schwer mit den Mitteln der Individualpsychologie erklären lässt: Menschen tragen Lasten, die aus dem Schicksal anderer Familienmitglieder stammen — aus früheren Generationen, aus verschwiegenen Geschichten, aus ungelösten Konflikten, die nie anerkannt wurden. Ein Kind übernimmt die Trauer der Großmutter, die es nie gekannt hat. Ein Erwachsener wiederholt das Scheitern eines Onkels, von dem nie gesprochen wurde. Eine Führungskraft trägt die Schuld eines Unternehmensgründers, der anderen Unrecht getan hat.

Das ist kein esoterisches Konzept, sondern eine Beobachtung, die sich in der systemischen Aufstellungsarbeit seit Jahrzehnten bestätigt: Systeme haben ein Gedächtnis. Was nicht anerkannt wird, verschwindet nicht — es wandert weiter, oft an die Schwächsten, oft an die Sensibelsten, oft an diejenigen, die am meisten lieben.

Die Lösung einer Verstrickung folgt keiner therapeutischen Logik im gewöhnlichen Sinn. Man kann eine Verstrickung nicht auflösen, indem man sie versteht. Man kann sie nicht durch Einsicht beenden. Die Lösung liegt nicht im Denken, sondern im Anerkennen — in einem Akt, der dem Verschwiegenen seinen Platz gibt, der das Ausgeschlossene wieder einschließt, der die Last dort lässt, wo sie hingehört.

In der Aufstellungsarbeit geschieht dies durch Lösungssätze — kurze, scheinbar einfache Formulierungen, die eine tiefe Wirkung entfalten können: “Ich sehe Dich.” “Ich lasse das bei Dir.” “Du gehörst dazu.” Diese Sätze wirken nicht durch ihren Inhalt allein, sondern durch den Raum, in dem sie gesprochen werden — einen Raum, in dem Wahrheit nicht erklärt, sondern ausgesprochen wird. Lösungssätze fühlen sich befreiend und stimmig an, wenn sie die richtige Ordnung ansprechen. Und sie fühlen sich leer an, wenn sie daneben liegen.

Martin Buber formulierte die philosophische Grundlage für dieses Verständnis: Beziehung ist nicht etwas, das zwischen zwei Individuen nachträglich entsteht. Beziehung ist primär. “Im Anfang ist die Beziehung.” Verstrickung ist demnach keine Fehlfunktion, sondern eine verzerrte Form von Bindung — Bindung, die den falschen Gegenstand hat, die auf eine alte Schuld antwortet statt auf die gegenwärtige Person.

Die Lösung ist keine Trennung von der Bindung, sondern ihre Neuordnung. Nicht weniger Verbindung, sondern die richtige Verbindung. Nicht Loslassen als Akt des Willens, sondern Anerkennung als Akt der Wahrheit. Wenn das geschieht, beschreiben die Beteiligten oft ein körperliches Gefühl der Erleichterung — als hätte jemand eine Last abgesetzt, von der sie nicht wussten, dass sie sie trugen.

Wenn Du in Dir etwas trägst, das größer ist als Deine eigene Geschichte — wenn Gefühle, Muster oder Lasten auf ein Erbe hindeuten, das nie angeschaut wurde —, dann ist die Frage nicht, ob Du loslassen kannst, sondern ob Du bereit bist, hinzuschauen.