Lexikon

Verstrickung und Lösung

Verstrickung bezeichnet die unbewusste Bindung an fremde Schicksale im Familiensystem — eine Last, die sich als wiederkehrendes Scheitern, grundlose Traurigkeit oder fremde Wut zeigt. Lösung geschieht durch Anerkennung.

Alte knorrige Baumstaemme verschlungen im sonnendurchfluteten Wald mit jungem Gruen
Tanya Barrow

Ein Mensch trägt eine Last, die er nicht gewählt hat. Er kann sie nicht benennen, aber er spürt sie: als wiederkehrendes Scheitern an derselben Stelle, als Traurigkeit ohne Anlass, als Wut, die keiner eigenen Erfahrung entspringt. Der Verstand findet keine Erklärung, und gerade das ist der Hinweis. Was hier wirkt, stammt nicht aus dem eigenen Leben. Es stammt aus dem System, das diesen Menschen hervorgebracht hat.

Die Grammatik der Bindung

Verstrickung entsteht, wenn eine Beziehung innerhalb des Familiensystems eine andere inszeniert. Die emotionale Ladung, die ein Erwachsener in seiner Partnerschaft, in seiner Arbeit oder in seiner Einsamkeit erlebt, rührt dann nicht aus der gegenwärtigen Situation, sondern aus einem ungelösten Geschehen früherer Generationen. Ein verschwiegener Todesfall, ein verleugnetes Kind, eine Schuld, die niemand ausgesprochen hat: All das erzeugt Wirkungen, die so lange bestehen, bis jemand benennt, was geschehen ist.

Die häufigste Form der Verstrickung ist die Lastenübernahme (vgl. Hellinger, 1993). Kinder lieben ihre Eltern so sehr, dass sie deren Schicksal übernehmen, ohne es lösen zu können. Wenn die Mutter traurig ist, übernimmt das Kind die Trauer und denkt: Ich trage es für dich. Dadurch entsteht eine Bindung, die aus Liebe geboren ist, aber gegen die natürliche Ordnung des Systems gerichtet. Das Kind stellt sich über die Eltern, nicht aus Hybris, sondern aus einer Zugehörigkeit, die falsch ausgerichtet ist. Diese Übernahme wirkt weiter, lange nachdem das Kind erwachsen geworden ist. Ein Erwachsener, der Beziehungsmuster wiederholt, die er nie gewählt hat, steht oft noch in dieser Übernahme.

Bert Hellinger (1925–2019) beobachtete in jahrzehntelanger Aufstellungsarbeit drei Grundsätze, die in Familiensystemen wirken (Hellinger, 1994). Der erste betrifft die Zugehörigkeit: Jedes Mitglied hat einen angestammten Platz, und wer ausgeschlossen wird, hinterlässt eine Leerstelle, die das System zu füllen versucht. Der zweite betrifft die Rangfolge: Die Älteren kommen vor den Jüngeren, nicht als Hierarchie, sondern als natürliche Ordnung des Gebens und Nehmens. Der dritte betrifft den Ausgleich: Geben und Nehmen müssen in einem Gleichgewicht stehen. Wo einer dauerhaft mehr gibt, setzt er sich in die Elternrolle und verzerrt die Grundlage der Beziehung. Verstrickung entsteht dort, wo einer oder mehrere dieser Grundsätze verletzt werden.

Schopenhauers Schleier

Arthur Schopenhauer (1788–1860) beschrieb in Die Welt als Wille und Vorstellung (Schopenhauer, 1818), was geschieht, wenn die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden durchlässig wird. Das principium individuationis, die Vereinzelung der Wesen in getrennte Körper und getrennte Schicksale, ist nach Schopenhauer eine Erscheinungsform, nicht die Wahrheit. Unser aller Grundirrtum sei dieser, so Schopenhauer, dass wir einander gegenseitig Nicht-Ich sind. Wer den Schleier der Maja durchschaut, erkennt die metaphysische Einheit hinter der Vereinzelung. Im Mitleid begreift der Mensch, dass er der andere auch ist: tat tvam asi, das bist Du.

In der systemischen Arbeit wird diese philosophische Einsicht leibhaftig erfahrbar. Stellvertreter, die in einer Aufstellung den Platz eines Familienmitglieds einnehmen, berichten von Empfindungen, die nicht ihre eigenen sind. Sie spüren Trauer, Zorn oder Erleichterung, ohne die Hintergründe zu kennen. Schopenhauers Durchlässigkeit ist hier keine metaphysische Spekulation, sondern ein Sachverhalt, der sich im Raum beobachten lässt.

Martin Buber (1878–1965) führte diesen Befund weiter. In Ich und Du (Buber, 1923) formulierte er den Grundsatz, der die Ordnungsarbeit philosophisch trägt: „Im Anfang ist die Beziehung.” Nicht zuerst das Individuum, dann die Beziehung, sondern die Beziehung als das Primäre, aus dem das Individuum erst hervorgeht. Wenn Beziehung das Erste ist, dann sind Verstrickungen keine Fehler des Einzelnen, sondern Verzerrungen einer Grundstruktur. Und Lösung ist nicht Trennung, sondern die Wiederherstellung der richtigen Beziehung.

Wo die Schuld ist, ist auch die Kraft

Die Lösung einer Verstrickung folgt keiner therapeutischen Logik im gewöhnlichen Sinn. Man kann eine Verstrickung nicht auflösen, indem man sie versteht. Was klinische Verfahren über Diagnostik und kognitive Bearbeitung leisten, geschieht auch in der Ordnungsarbeit, wenn Verstrickungen gelöst und Bindungsmuster befragt werden. Der Weg ist ein anderer: Nicht die Diagnose leitet den Prozess, sondern die Anerkennung dessen, was sich zeigt.

In der Aufstellungsarbeit werden Lösungssätze gesprochen (Hellinger, 1993), sprachliche Formen der Anerkennung: Ich sehe Dich. Du gehörst dazu. Ich achte Dein Schicksal. Diese Sätze korrigieren nicht und erklären nicht. Sie fügen das Verschwiegene wieder in die Ordnung ein. Wenn es Schuld gibt innerhalb eines Systems, lautet der Lösungssatz: Ich war’s, ich hab’s getan. Das klingt zunächst paradox. Aber uneingestandene Schuld bindet die Energie eines unausgesprochenen Bundes, und erst die Benennung setzt sie frei. Wo die Schuld ist, ist auch die Kraft.

Die eigentliche Lösungsbewegung geschieht im Raum. Gefühle sind keine innerpsychischen Zustände, sondern räumliche Entitäten, in die man hineinfällt oder von denen man ergriffen wird. In der Aufstellungsarbeit wird dies erlebbar: Stellvertreter nehmen Positionen ein, der Raum wird zur Kontaktfläche, und eine Bewegung entsteht, die sich dem Verstand entzieht, aber leibhaftig wahrnehmbar ist. Lösungssätze fühlen sich befreiend und stimmig an, wenn sie die richtige Ordnung ansprechen, und sie fühlen sich leer an, wenn sie danebenliegen. Die Lösung ist keine Trennung von der Bindung, sondern ihre Neuordnung. Nicht weniger Verbindung, sondern die richtige Verbindung. Wer diesen Vorgang erlebt, beschreibt oft ein körperliches Gefühl der Erleichterung, als hätte jemand eine Last abgesetzt, von der er nicht wusste, dass er sie trug.

Ein Prinzip, das über den Alltagsverstand hinausreicht, betrifft das Verhältnis zu den Verstorbenen: Die Toten sind den Lebenden in ihrer Wirksamkeit gleichgestellt. Man kann auf der Ebene der Toten eine Verstrickung lösen, und das wirkt sich in einer Kaskade bis zu den Nachgeborenen aus. Den Toten ihren Platz zu geben ist oft die Voraussetzung dafür, dass die Lebenden aufatmen können.

Wo Nachfolge den geordneten Übergang zwischen Generationen beschreibt, beschreibt Verstrickung das Scheitern dieses Übergangs: den Moment, in dem die Last nicht übergeben, sondern übernommen wird. Ordnungsarbeit macht die verborgenen Ordnungen sichtbar, Anerkennung gibt ihnen ihren Platz zurück, und in der Begegnung geschieht das, was Buber die Wiederherstellung des Ich-Du nannte: das Sehen des anderen als ganzes Wesen, mit allem, was zu ihm gehört.

Quellen

  • Hellinger, B. (1993). Zweierlei Glück: Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers. Heidelberg: Carl-Auer. Über Lastenübernahme, Lösungssätze und die Praxis der Aufstellungsarbeit.
  • Hellinger, B. (1994). Ordnungen der Liebe: Ein Kurs-Buch. Heidelberg: Carl-Auer. Über die drei Ordnungsprinzipien in Familiensystemen: Zugehörigkeit, Rangfolge und Ausgleich.
  • Schopenhauer, A. (1818). Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig: Brockhaus. Über das principium individuationis und die metaphysische Einheit hinter der Vereinzelung.
  • Buber, M. (1923). Ich und Du. Leipzig: Insel. „Im Anfang ist die Beziehung” — die ontologische Grundlage der Ordnungsarbeit.

Diese Gedanken vertiefen

Familienaufstellung kann das sichtbar machen, was hinter diesen Dynamiken liegt.