Beratung & Methode Familienaufstellung

Schuldgefühle: Wessen Last trägst Du?

Schuldgefühle zeigen nicht immer eigene Schuld an. Gwendolin Kirchhoff unterscheidet eigene Schuld von einer Last, die man aus Liebe übernommen hat: der eigenen Schuld stellt man sich, die übernommene Last gibt man zurück.

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Schuldgefühle sind nicht in jedem Fall ein Zeichen eigener Schuld: Manchmal trägt ein Mensch eine Last, die gar nicht seine ist, und deshalb lautet die erste Frage nicht, wie Du ein Schuldgefühl loswirst, sondern wessen Last Du da trägst. Vielleicht kennst Du das Gefühl, das sich auf keine Tat zurückführen lässt. Du hast niemandem geschadet, und trotzdem sitzt etwas in Dir, das sich anfühlt wie ein leiser, dauernder, manchmal quälender Vorwurf. Du entschuldigst Dich öfter, als die Lage es verlangt, und nach jedem Nein fühlst Du Dich, als hättest Du etwas verbrochen. Dieses Gefühl ist kein Charakterfehler. Es ist eine Auskunft, nur eine, die man lesen lernen muss.

Gwendolin Kirchhoff hat in ihrer Einführung in das systemische Familienstellen nach Bert Hellinger zwei Formen von Schuld unterschieden, die sich im Erleben kaum voneinander abheben und doch Gegensätzliches verlangen: die eigene Schuld, der man sich stellt, und die übernommene Last, die man zurückgibt. Eine dritte Quelle hat Friedrich Nietzsche beschrieben: die Schuld, die einem Menschen eingeredet wird. Dieser Text folgt diesen Unterscheidungen durch die Fragen, die Menschen mit Schuldgefühlen tatsächlich stellen.

#Was steckt hinter Schuldgefühlen?

Eine der hier behandelten Quellen von Schuldgefühlen ist ein empfundenes Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen: das Empfinden, jemandem etwas schuldig zu sein. Friedrich Nietzsche untersucht einen verwandten Zusammenhang auf der Ebene der Begriffe. In der Genealogie der Moral fragt er, ob die bisherigen Genealogen der Moral sich je hätten träumen lassen, „daß zum Beispiel jener moralische Hauptbegriff »Schuld« seine Herkunft aus dem sehr materiellen Begriff »Schulden« genommen hat“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, II, §4). Seine genealogische These verbindet den moralischen Begriff der Schuld mit dem materiellen Begriff der Schulden.

Gwendolin Kirchhoff unterscheidet dabei zwei Ordnungen des Gebens und Nehmens. Zwischen Eltern und Kindern fließt das Geben in eine Richtung; die Kinder dürfen voll und ganz nehmen und geben es später dem Leben weiter, an die nächste Generation (vgl. Kirchhoff, G., 2024, Systemisches Familienstellen, 24:20–24:53). Zwischen Gleichen dagegen, etwa in einer Paarbeziehung oder einer Geschäftsbeziehung, gilt: „da will Geben und Nehmen ausgeglichen sein. Wenn es das nicht ist, entsteht ein ungutes Gefühl.“ (ebd., 25:03)

Dieses ungute Gefühl ist die einfachste Form der Schuld, und sie ist gesund. Wer viel bekommen hat und nichts zurückgibt, fühlt sich unbehaglich, und dieses Unbehagen hält Beziehungen in Bewegung. Gwendolin Kirchhoff beschreibt gelingende Beziehungen sogar als ein kleines, wechselseitiges Überbieten: Man gibt immer ein bisschen mehr zurück, als man bekommen hat (vgl. ebd., 29:21). Bei dieser Form der Schuld richtet sich die Frage auf den Ausgleich zwischen Geben und Nehmen.

#Welches Bedürfnis steckt hinter Schuldgefühlen?

Ein zweites Bedürfnis hinter Schuldgefühlen ist das Bedürfnis, dazuzugehören. Bert Hellinger, auf dessen Arbeit das systemische Familienstellen zurückgeht, hat beobachtet, dass das Gewissen kein einheitliches moralisches Organ ist. Es ist ein Wahrnehmungsorgan für Zugehörigkeit: Es registriert, was ich tun und lassen muss, um in einer Gruppe bleiben zu dürfen. Er nennt es das Bindungsgewissen, und von ihm aus bestimmt er das Schuldgefühl nüchtern:

Das gute Gewissen, so Hellinger auf derselben Seite, ist umgekehrt die Gewissheit, dazugehören zu dürfen (vgl. Hellinger, 1996, S. 47). Daraus folgt etwas Unbequemes: Ein Schuldgefühl sagt zunächst nichts darüber, ob ich etwas Unrechtes getan habe. Es sagt, dass ich gegen die Regel einer Gruppe verstoßen habe, der ich angehöre, und jede Familie, jede Firma, jedes Milieu hat andere Regeln. Wer in einer Familie aufgewachsen ist, in der man nicht widerspricht, fühlt sich schuldig, wenn er widerspricht, auch wenn er recht hat.

In einem Gespräch über Romantik spricht Gwendolin Kirchhoff im Zusammenhang mit der Kundalini-Praxis von einer inneren Gewissensinstanz. Sie beschreibt die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen: „Wenn ich mich jetzt schäme oder schuldig fühle, habe ich vielleicht was falsch gemacht. Kann auch sein, dass ich mich irre.“ (Kirchhoff, G., 2024, Boten aus der Zukunft, 36:29) Und weiter: „Aber es ist wie ein anderes in mir, was mit mir in Kontakt geht. Und das ist die Gewissensinstanz selber.“ (ebd., 36:41)

Kirchhoff lässt in dieser Beschreibung offen, ob das Schuldgefühl auf einen Fehler hinweist oder ob sie sich irrt. Den Maßstab benennt sie wenig später: „Nur der Maßstab ist nicht das, was eine andere äußere Autorität sagt.“ (ebd., 37:07) Und: „Sondern der Maßstab ist das innere Empfinden.“ (ebd., 37:16) Der Vergleich mit Hellingers Bindungsgewissen wirft damit eine weitere Frage auf: Folge ich gerade den Erwartungen einer Gruppe oder meinem eigenen inneren Empfinden? Wie eng Schuld und Scham dabei zusammenliegen, zeigt schon der Satz selbst, der beide in einem Atemzug nennt.

#Warum fühle ich mich ohne Grund schuldig?

Wenn Du den Anlass eines Schuldgefühls nicht benennen kannst, bleibt zunächst offen, worauf es sich bezieht. Gwendolin Kirchhoff gibt dafür einen Hinweis: „Und wenn immer ich ein merkwürdiges Schuldgefühl habe, darauf mal achten, findet in der Regel eine Lastenübernahme statt.“ (Kirchhoff, G., 2024, Systemisches Familienstellen, 32:49) Kirchhoff erläutert an dieser Stelle nicht näher, woran sie ein merkwürdiges Schuldgefühl erkennt. Sie beschreibt aber, was in einem solchen Fall geschieht: Jemand hat sich gerade eine Last angezogen, weil er etwas nicht aushält (vgl. ebd., 32:58).

Schon Nietzsche hat davor gewarnt, das Gefühl mit dem Befund zu verwechseln: „Damit, daß jemand sich »schuldig«, »sündig« fühlt, ist schlechterdings noch nicht bewiesen, daß er sich mit Recht so fühlt; so wenig jemand gesund ist bloß deshalb, weil er sich gesund fühlt.“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, III, §16) Der Satz befreit nicht von der Schuld. Er befreit davon, das Gefühl für das letzte Wort zu halten.

Kirchhoffs Unterscheidung und Nietzsches Kritik lassen sich als drei Fragen nebeneinanderstellen:

Eigene VerantwortungÜbernommene LastEingeredete Schuld
Was habe ich selbst getan?Versuche ich, etwas vom Schicksal eines anderen für ihn zu tragen?Welche Erwartung soll ich erfüllen, und halte ich sie selbst für richtig?

#Warum übernehmen Kinder die Last ihrer Eltern?

Kinder übernehmen die Last ihrer Eltern aus Liebe, und genau darin liegt die Schwierigkeit: Die Bewegung ist gut gemeint und kann ihr Ziel nicht erreichen. Gwendolin Kirchhoff nennt die Lastenübernahme ein zentrales systemisches Motiv und beschreibt sie aus der Sicht des Kindes: „Kinder, die lieben ihre Eltern so sehr.“ (Kirchhoff, G., 2024, Systemisches Familienstellen, 31:32) Wenn ein Kind sieht, dass die Mutter traurig ist oder der Vater, nimmt es das in sich hinein „und denken, ich kann das lösen. Ich trage es für dich.“ (ebd., 31:49)

Das Ergebnis nennt sie beim Namen: „Das ist eine klassische Verstrickung, weil das Kind gar nicht lösen kann, was es da auf sich nimmt.“ (ebd., 32:01) Kirchhoff beschreibt hier den Versuch eines Kindes, etwas für seine Eltern zu tragen, das es selbst nicht lösen kann. Es kann die Last halten, aber nicht wirklich etwas mit ihr anfangen (vgl. ebd., 32:05–32:11). Wie sich solche Bindungen über Generationen fortsetzen, beschreiben die Einträge zu Verstrickung und Lösung und zur transgenerationalen Weitergabe.

Die Last kann auch von einem Menschen stammen, der nicht mehr lebt. In ihrem Vortrag über den Tod beschreibt Gwendolin Kirchhoff, wie jemand, der unbewusst auf einen Toten blickt, sich unbewusst für dessen Schicksal schuldig fühlt und einen Ausgleich zu leisten versucht, ohne zu wissen, worum es geht (vgl. Kirchhoff, G., 2024, Nachdenken über den Tod (1), 36:33–36:45). Der eigentliche Ausgleich, sagt sie dort, ist ein Erkenntnisakt: ein Sehen und ein Anerkennen (vgl. ebd., 36:45–36:56). Und sie nennt einen zweiten Weg, auf dem fremde Schuld zu einem kommt: Wo jemand seine Schuld nicht übernehmen will, wird sie oft auf einen anderen abgewälzt, der dann das Gefühl hat, für etwas bezahlen zu müssen, das er nicht begangen hat (vgl. ebd., 38:27–38:40).

#Wie gibst Du eine Last zurück, die nicht Deine ist?

Eine übernommene Last gibst Du zurück, indem Du das Schicksal des anderen achtest und es bei ihm lässt. Gwendolin Kirchhoff begründet das mit einem einfachen Satz über die Grenzen jedes Menschen: „denn ich kann das Schicksal eines anderen mir nicht zu eigen machen.“ (Kirchhoff, G., 2024, Systemisches Familienstellen, 32:40) Und sie nennt den Satz, der die Rückgabe vollzieht: „der Erlösungssatz ist dabei, ich achte dein Schicksal und ich lasse es bei dir.“ (ebd., 32:44)

In einer Aufstellung, so beschreibt sie es, kann diese Rückgabe sogar körperlich vollzogen werden. Man nimmt ein schweres Objekt, hält es, bis man fühlen kann, wie schwer das eigentlich ist, und gibt es dem Gegenüber zurück (vgl. ebd., 32:11–32:37). Im Alltag bleibt der innere Satz, der sich immer wieder sprechen lässt: „nein, ich achte dein Schicksal wirklich, ich sehe, was du trägst und ich lasse es bei dir und ich bleibe dadurch aber auch frei.“ (ebd., 33:06)

Der Satz enthält zwei Bewegungen, und beide sind nötig. Die erste ist Achtung. Sie nimmt das Leid des anderen ernst, ohne es kleinzureden und ohne es ihm abzunehmen. Die zweite ist Freiheit. Wer die Last zurückgibt, verlässt den anderen nicht. Bert Hellinger hat eine verwandte Haltung gegenüber Menschen in ihrer Verstrickung beschrieben, und er nennt sie ausdrücklich eine Frucht der Einsicht, nicht der Liebe: „ich kann ihn da lassen, wo er ist und kann ihn achten und würdigen, ohne daß ich eingreife“ (Hellinger, 1996, S. 48). Kirchhoff verbindet die Achtung vor dem Schicksal des anderen mit der Freiheit, es bei ihm zu lassen.

#Wie gehst Du mit eigener Schuld um?

Mit eigener Schuld gehst Du um, indem Du Dich ihr stellst, und dafür gibt es einen Satz, der in seiner Schlichtheit fast enttäuscht. Gwendolin Kirchhoff: „Wenn es Schuld gibt innerhalb eines Systems, ist der Lösungssatz, ich war’s, ich hab’s getan.“ (Kirchhoff, G., 2024, Systemisches Familienstellen, 40:06) Sie räumt ein, dass man das kaum für die Lösung hält, „aber das ist die Lösung.“ (ebd., 40:17) Der Satz gilt ausdrücklich auch für das Alltägliche: wenn ich mich einer Sache schuldig fühle und es keine Lastenübernahme ist, auch bei Fehlern. Er lässt sich innerlich sprechen.

Der Satz ist die schlichteste Form, Verantwortung zu übernehmen. Was er bewirkt, beschreibt sie mit zwei Verneinungen: „Ich schiebe es auf niemand anderen und ich verschließe mich nicht vor mir selber.“ (ebd., 40:38) Die eine schließt die Ausrede aus, die andere die Verdrängung. Wer beides lässt, steht in seiner Tat, und dort findet er eine Kraft, die ihm vorher fehlte: „Das hat einen sehr kräftigen Aspekt, deswegen Hellinger immer wieder gesagt hat, wo die Schuld ist, ist auch die Kraft.“ (ebd., 40:42)

Bert Hellinger hat den Gedanken in Anerkennen, was ist zugespitzt. Er hält die Bereitschaft zur Schuld für eine Bedingung des Handelns überhaupt: „Ohne Bereitschaft zur Schuld, gibt es keine Handlungsfähigkeit. Diejenigen, die unschuldig bleiben wollen, bleiben schwach.“ (Hellinger, 1996, S. 168) Das ist eine harte Einsicht für Menschen, die vor allem nichts falsch machen wollen. Wer handelt, lädt Schuld auf sich, und wer um jeden Preis unschuldig bleiben will, handelt am Ende nicht mehr.

Vom Bereuen unterscheidet sich der Satz „ich war’s“ grundlegend. Baruch de Spinoza hat die Reue in seiner Ethik nüchtern bewertet: „Reue ist keine Tugend oder entspringt nicht aus der Vernunft; sondern der, welcher eine Tat bereut, ist doppelt gedrückt oder unvermögend.“ (Spinoza, 1677, Ethik, IV, Lehrsatz 54) Doppelt, so begründet er es, weil sich der Reuige erst von einer verwerflichen Begierde und dann noch von der Unlust darüber besiegen lässt. In der anschließenden Anmerkung hält Spinoza zugleich fest, dass Reue mehr Nutzen als Schaden stiften kann, weil Menschen selten nach der Vernunft leben (vgl. ebd., Anmerkung). Kirchhoffs Satz richtet den Blick auf die Verantwortung für die eigene Tat. Welche Wiedergutmachung daraus folgen kann, ist eine weitere Frage.

#Darf ich einem anderen Menschen ein Nein zumuten?

Ja, Du darfst einem anderen Menschen ein Nein zumuten, auch wenn es ihn verletzt, und das Schuldgefühl danach ist kein Beweis, dass das Nein falsch war. Gwendolin Kirchhoff schließt das Neinsagen unmittelbar an den Satz von der Lastenrückgabe an: Dazu gehöre auch das Nein (vgl. Kirchhoff, G., 2024, Systemisches Familienstellen, 33:14). Der Zusammenhang liegt nahe, denn wer nicht Nein sagen kann, nimmt die Enttäuschung des anderen auf sich. Sie bestreitet nicht, was ein Nein auslöst: „Beim Nein sagen zum Beispiel ist es so, dass der andere verletzt ist. Das kann ich nicht verhindern.“ (ebd., 33:16)

Entscheidend ist, was dann geschieht. Gwendolin Kirchhoff beschreibt die systemische Haltung so: „In der Systemik wird dieses nicht bekämpft, sondern ich mute dir mein Nein zu.“ (ebd., 33:21)

Dazu gehört ein zweiter Schritt, und er unterscheidet das Zumuten von der Kälte: „Ich erkenne an, dass ich dir gerade was zumute.“ (ebd., 33:27) Das Nein wird nicht beschönigt, und der Schmerz des anderen wird nicht übersehen. Dann folgt der Satz, der die Beziehung hält: „Und ich bleibe mit dir verbunden.“ (ebd., 33:33) Hellingers Begriff des Bindungsgewissens eröffnet hier eine Frage: Fürchte ich nach dem Nein, meine Zugehörigkeit zu verlieren?

#Können andere Dir Schuldgefühle machen?

Ja, Schuldgefühle lassen sich einreden. Friedrich Nietzsche hat in der Genealogie der Moral beschrieben, wie das Schuldgefühl erst unter den Händen des asketischen Priesters Gestalt gewann, „dieses eigentlichen Künstlers in Schuldgefühlen“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, III, §20). Der Priester redet dem Leidenden ein, die Ursache seines Leidens liege in einer Schuld, in einem Stück Vergangenheit. Gwendolin Kirchhoff hat diesen Mechanismus im Gespräch mit Jochen Kirchhoff über Nietzsche aufgenommen. Sie beschreibt den Priester als jemanden, der aus Ressentiment Schuldgefühle einpflanzen will, um den anderen zu dem zu bringen, was er von ihm verlangt (vgl. Kirchhoff, G., 2024, Nietzsche und die Große Gesundheit, 23:05–23:29).

Wenn jemand Dir Schuldgefühle macht, kannst Du fragen, was er von Dir verlangt. Welche Regel sollst Du erfüllen, wessen Regel ist das, und hältst Du sie selbst für richtig? Hellingers Beschreibung des Bindungsgewissens zeigt, dass unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Maßstäbe der Zugehörigkeit haben (vgl. Hellinger, 1996, S. 46–47).

#Wie löst Du Schuldgefühle auf?

Um mit Schuldgefühlen umzugehen, kannst Du zunächst fragen, worauf sie sich beziehen: auf eine eigene Tat, auf eine übernommene Last oder auf eine Erwartung, die jemand an Dich stellt. Die übernommene Last gibst Du zurück, der eigenen Schuld stellst Du Dich, die eingeredete prüfst Du. Wer ein Schuldgefühl nur loslassen oder loswerden will, ohne es zuzuordnen, sucht die Freiheit an der falschen Stelle: Er betäubt eine Auskunft, die er noch nicht gelesen hat.

In ihrem Vortrag über den Tod formuliert Gwendolin Kirchhoff eine These über den Todestrieb: Hinter ihm stehe ein unbewusster Wunsch, neu anzufangen und neu geboren zu werden. Als Beispiel nennt sie den Wunsch, eine aufgeladene Schuld abzuladen und sich als jemand neu zu gebären, der nicht mehr schuldig ist. In diesem Zusammenhang deutet sie auch die christliche Taufe als Geburtsritual, in dem der Mensch über seine Schuld hinauswachsen kann (vgl. Kirchhoff, G., 2024, Nachdenken über den Tod (1), 23:28–24:25). Der Gedanke gehört zu ihrem Bild vom Leben als einer Folge von Geburten, das der Eintrag zum Geburtsprozess entfaltet.

Vielleicht trägst Du gerade ein Schuldgefühl, das sich keiner dieser drei Formen eindeutig zuordnen lässt. Vielleicht bleibt zunächst offen, was Du selbst getan hast und was Du für einen anderen zu tragen versuchst. Die Unterscheidung ist dann keine Formel, sondern eine Frage, die man mit Geduld stellt. Manche Menschen stellen sie in einer Familienaufstellung, in der sichtbar werden kann, wessen Last im Raum steht. Wann das ein passender Weg ist und wann nicht, beschreibt der Text Ist eine Familienaufstellung sinnvoll?. Andere denken die Frage lieber im Gespräch zu zweit durch, in einer philosophischen Konsultation. Beide Wege beginnen an derselben Stelle: bei der Bereitschaft, das Schuldgefühl nicht wegzuschieben, sondern es zu fragen, wem es gehört.

#Quellen

Hellinger, B. (1996). Anerkennen, was ist. Gespräche mit Gabriele ten Hövel. München: Kösel.

Kirchhoff, G. (2024). „Boten aus der Zukunft — Romantik, Leiblichkeit und innere Gewissensinstanz“ [Video]. Cosmic Cine TV, YouTube. Zeitmarken 36:22–37:19: https://youtu.be/uRWfepxBrWE

Kirchhoff, G. (2024). „Nachdenken über den Tod (1) – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube. Zeitmarken 23:28–24:25, 36:33–38:40: https://www.youtube.com/watch?v=KSltRJB88jg

Kirchhoff, G. (2024). „Nietzsche und die Große Gesundheit – Ein Gespräch mit Jochen Kirchhoff – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube. Zeitmarken 23:05: https://youtu.be/XS8vCl4BkvI

Kirchhoff, G. (2024). „Systemisches Familienstellen (nach Bert Hellinger), eine Einführung – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube. Zeitmarken 24:20–25:07, 31:26–33:36, 40:02–40:47: https://www.youtube.com/watch?v=Kwd1x1RzNoE

Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. Leipzig: C. G. Naumann.

Spinoza, B. de (1677). Ethik. Vierter Teil, Lehrsatz 54 mit Beweis und Anmerkung.

Häufig gestellte Fragen

Woher kommen Schuldgefühle?
Die Quellen dieses Essays behandeln unterschiedliche Zusammenhänge: Nietzsche verbindet den moralischen Begriff der Schuld mit Schulden; Hellinger beschreibt Schuldgefühle im Bindungsgewissen als Furcht vor dem Verlust der Zugehörigkeit. Gwendolin Kirchhoff unterscheidet eigene Schuld von einer Last, die jemand von einem anderen übernommen hat.
Welches Bedürfnis steckt hinter Schuldgefühlen?
Hinter vielen Schuldgefühlen steht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Bert Hellinger nennt das Gewissen, das darüber wacht, das Bindungsgewissen: Es meldet sich, sobald jemand fürchtet, nicht mehr dazuzugehören. Gwendolin Kirchhoff beschreibt im Zusammenhang mit der Kundalini-Praxis eine innere Gewissensinstanz und die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen.
Was sind unbegründete Schuldgefühle?
Dass sich jemand schuldig fühlt, beweist noch nicht, dass er sich mit Recht so fühlt; darauf weist Nietzsche hin. Gwendolin Kirchhoff spricht von einem merkwürdigen Schuldgefühl und verbindet es in der Regel mit einer Lastenübernahme. Eine Definition als Schuldgefühl ohne eigene Tat gibt sie an dieser Stelle nicht.
Wie gebe ich eine übernommene Last zurück?
Mit einer inneren Haltung, die Gwendolin Kirchhoff in den Satz fasst: „ich achte dein Schicksal und ich lasse es bei dir.“ Er erkennt an, was der andere trägt, und lässt es bei ihm. In einer Familienaufstellung kann diese Rückgabe auch körperlich vollzogen werden, indem jemand ein schweres Objekt nimmt, bis er fühlt, wie schwer es ist, und es seinem Gegenüber zurückgibt.
Was hilft bei eigener Schuld?
Sich ihr zu stellen. Der Lösungssatz lautet nach Gwendolin Kirchhoff: „ich war's, ich hab's getan.“ Wer ihn ausspricht, schiebt die Schuld auf niemand anderen und verschließt sich nicht vor sich selbst. Darin liegt nach Bert Hellinger eine Kraft: Wo die Schuld ist, ist auch die Kraft. Spinoza beschreibt Reue als einen Affekt, in dem der Mensch doppelt leidet; in der anschließenden Anmerkung hält er zugleich fest, dass Reue unter den üblichen menschlichen Bedingungen mehr Nutzen als Schaden stiften kann.
Darf ich einem anderen Menschen ein Nein zumuten?
Ja. Ein Nein verletzt den anderen manchmal, und das lässt sich nicht verhindern. Gwendolin Kirchhoff beschreibt die systemische Haltung so: Man mutet dem anderen das Nein zu, erkennt an, dass es ihm weh tut, und bleibt dabei mit ihm verbunden. Das Schuldgefühl nach einem Nein ist dann kein Beweis, dass das Nein falsch war.
Wie löse ich Schuldgefühle auf?
Zuerst kannst Du fragen, worauf sich das Schuldgefühl bezieht. Kirchhoff unterscheidet das Sichstellen bei eigener Schuld von der Rückgabe einer übernommenen Last. Bei eingeredeter Schuld stellt sich die Frage, welche Regel Du erfüllen sollst und ob Du sie selbst für richtig hältst.
Gwendolin Kirchhoff

Gwendolin Kirchhoff — Philosophin in Berlin

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