Eine Nahtoderfahrung ist ein außergewöhnliches Erleben, von dem vor allem Menschen berichten, die dem physischen Tod sehr nahe kamen, etwa bei einem Herzstillstand, einem Unfall oder im Beinahe-Ertrinken: ein Heraustreten aus dem Körper, ein Rückblick auf ihr ganzes Leben oder ein dunkler Tunnel (vgl. Grof, 2002, S. 238 f.). Van Lommel und Kollegen nennen auch Berichte ohne unmittelbare Lebensgefahr (vgl. van Lommel et al., 2001, S. 2039). So beschreibt es die Forschung, und wenn Du an eine Nahtoderfahrung denkst, denkst Du vermutlich an genau diese Bilder. Jochen Kirchhoff setzt den Akzent an anderer Stelle: Das eigentliche Phänomen ist für ihn nicht das klinische Ereignis, sondern eine allgemeine Todesnähe, die schon jede Annäherung an die Anderswelt in einer grenzüberschreitenden Erfahrung umfasst. In seinem Buch Die Anderswelt (2002), aus dem Gwendolin Kirchhoff im Gespräch mit ihm vorlas, heißt es dazu:
„Was übrigens üblicherweise als Nah-Toderfahrung bezeichnet wird, ist nur ein Sonderfall dieser allgemeinen Todesnähe.“
— Jochen Kirchhoff, Die Anderswelt (2002), gelesen von Gwendolin Kirchhoff in „Die Anderswelt: Nachdenken über den Tod (2)“, SYMPOSIUM, 2024
#Was erleben Menschen bei einer Nahtoderfahrung?
Menschen mit einer Nahtoderfahrung berichten von Elementen eines wiederkehrenden Musters: dem Heraustreten aus dem Körper, einem Rückblick auf das eigene Leben und dem Weg durch einen dunklen Tunnel. Die Thanatologie, die Forschung über Sterben und Tod, beschreibt dieses Muster seit den 1970er Jahren als Zusammenfassung vieler Berichte; es bedeutet nicht, dass die meisten Menschen alle drei Elemente erleben, und im Einzelfall kann, so Grof, die eine oder andere Komponente fehlen (vgl. Grof, 2002, S. 239). Raymond Moody sammelte 1975 die Berichte von 150 Menschen, die dem Tod sehr nahe gewesen oder für klinisch tot erklärt worden waren (vgl. Grof, 2002, S. 174). Der Bewusstseinsforscher Stanislav Grof fasst die Untersuchungen von Moody, Kenneth Ring, Michael Sabom und Bruce Greyson so zusammen:
„Normalerweise beginnt es mit dem Erlebnis des Aus-dem-Körper-Tretens, einem persönlichen Lebensrückblick und dem Passieren eines dunklen Tunnels.“
— Stanislav Grof, Psychologie der Zukunft, 2002, S. 239
Danach kann, so Grof, die Begegnung mit einem strahlenden göttlichen Wesen folgen und eine Beurteilung des eigenen Lebens nach ethischen Maßstäben; seltener sind quälende und angstvolle Nahtoderfahrungen (vgl. ebd.). Schon in Moodys Berichten beschreiben viele den Weg durch einen dunklen Tunnel auf ein helles Licht von übernatürlicher Schönheit zu (vgl. Grof, 2002, S. 174). Die bekannteste medizinische Untersuchung stammt von dem niederländischen Kardiologen Pim van Lommel, der mit Kollegen Überlebende eines Herzstillstands in niederländischen Kliniken befragte und einen Teil von ihnen Jahre später erneut interviewte (van Lommel et al., 2001). Solche Studien beschreiben, was berichtet wird. Was das Berichtete bedeutet, entscheiden sie nicht.
#Warum ist die Nahtoderfahrung nur ein Sonderfall der Todesnähe?
Die Nahtoderfahrung ist für Jochen Kirchhoff ein Sonderfall, weil Todesnähe nicht erst am Rand des klinischen Todes beginnt. Jochen Kirchhoff versteht jede Annäherung an die Anderswelt in einer grenzüberschreitenden Erfahrung als Todesnähe. Jede solche Annäherung ist in seinem Sinn eine Nahtoderfahrung, die treffender Todesnähe-Erfahrung hieße; den geläufigen Begriff behält er dennoch bei (vgl. Kirchhoff, J., 2002, gelesen in SYMPOSIUM, 2024, 29:31–29:47). Selbst das Denken gehört dazu. Wirkliches, existenzielles Denken hebt den Denkenden nach Kirchhoff ein wenig aus dem stofflichen Leib heraus; es ist nicht lebensfeindlich, sondern überschreitet ein Leben, das von seinem Tod nichts wissen will (vgl. ebd., 30:45–31:07).
Daraus folgt eine Verschiebung, die für den Begriff entscheidend ist: Du musst nicht klinisch tot gewesen sein, um die Frage zu kennen, die eine Nahtoderfahrung stellt. Schon 1989 schrieb Jochen Kirchhoff, dass wir im Verlauf einer Inkarnation viele kleinere und größere Tode sterben, und berief sich dabei auf die tibetische Lehre vom Bardo, dem Zwischenzustand: „Unsere kleinen Tode im Leben lassen sich genauso wach und bewußt erfahren wie der Tod am Ende unserer physischen Existenz.“ (Kirchhoff, J., 1989, Klang und Verwandlung, S. 48 f.) Dass ein Mensch eine Lebenskrise als Todesnähe erlebt, ist in dieser Sicht keine Übertreibung, sondern eine genaue Beschreibung.
#Was geschieht in der Todesnähe?
In der Todesnähe richtet sich das Leben neu aus. Gwendolin Kirchhoff hat diesen Moment in ihrem Vortrag „Nachdenken über den Tod (1)“ (2024) beschrieben: Wird die Angst vor dem Tod akut, entsteht ein Schwellenbewusstsein, und der Tod erscheint, in ihren Worten, so: „es ist wie ein Schnitt im Raum und dahinter ist die totale Unwissbarkeit“ (Kirchhoff, G., 2024, 17:23). Vor dieser Schwelle wird akut klar, wohin die eigene Lebenskraft fließt und wo sie verschwendet wird; die Tätigkeiten des Menschen werden nicht beliebig, sondern ausgerichtet (vgl. ebd., 18:12–18:54).
Noch etwas geschieht. In der unmittelbaren Todesnähe, sagt Gwendolin Kirchhoff, „wird die Wahrheit wichtiger als die Selbsttäuschung“ (ebd., 19:37). Sonst könne man sich in alle möglichen Illusionen werfen, aber vor dem Tod „gibt es plötzlich eine starke Unterscheidung zwischen dem Realen und dem Nichtrealen“ (ebd., 19:57). Der Wille zur Wahrheit ist in dieser Deutung vielleicht ein Kind des Todesbewusstseins (vgl. ebd., 19:43).
Gwendolin Kirchhoff beschreibt hier eine Veränderung des Wahrheitsinteresses im Todesbewusstsein. Diese Beschreibung betrifft den Ernst, mit dem ein Mensch sein Leben prüft; sie entscheidet nicht darüber, welche Deutung einer Nahtoderfahrung zutrifft. Ihre Überlegungen zum Verhältnis von Tod und Geburt führt der Eintrag Tod in der Philosophie weiter.
#Beweisen Nahtoderfahrungen ein Leben nach dem Tod?
Nahtoderfahrungen beweisen kein Leben nach dem Tod. Auch Jochen Kirchhoff nahm ein eigenes außerkörperliches Erlebnis von 1976 nicht als Beweis: Er habe damals am Schreibtisch, ohne eine psychoaktive Substanz eingenommen zu haben, in völlig wachem und klarem Bewusstsein, rundum alles gesehen; das sei „kein Beweis dafür, dass es eine andere Welt gibt, aber es ist zumindest eigenartig“ (Kirchhoff, J., in SYMPOSIUM, 2024, 26:23).
Die verbreitete Gegenposition erklärt solche Erlebnisse als Halluzinationen eines sterbenden Gehirns unter Extrembedingungen. Jochen Kirchhoff unterscheidet zwischen einem Beweis und einem Indiz für eine andere Wirklichkeit. Seine Überlegungen zur Todesnähe gehen von der Annahme aus, dass die physisch-sinnliche Welt nicht die gesamte Wirklichkeit umfasst (vgl. Kirchhoff, J., in SYMPOSIUM, 2024, 5:31–7:05 und 35:44–36:13). Er griff ein Wort auf, das er Schelling zuschreibt: Die Welt sei halbreal. Und weiter: „Und das begreift man in Todesnähe, dass sie nämlich nicht wirklich real ist.“ (ebd., 36:09)
Gwendolin Kirchhoff argumentiert in dieselbe Richtung, wenn sie im Gespräch mit Everlast AI auf außersinnliche Wahrnehmungen und auf Berichte aus Nahtoderlebnissen verweist: „Es gibt so viele Ebenen, wo das Leibliche von einer subtileren Ebene überschritten ist“, dass sich das Bewusstsein nicht auf materielle Sinnesvorgänge beschränken lasse (Kirchhoff, G., 2025, 22:54). Neben der Frage nach der Wirklichkeit des Erlebnisses lässt sich damit auch fragen, ob die physisch-sinnliche Welt die gesamte Wirklichkeit umfasst.
#Was bedeutet eine Nahtoderfahrung für das weitere Leben?
Für viele Menschen beginnt die eigentliche Arbeit nach einer Nahtoderfahrung erst mit der Rückkehr in den Alltag. Die meisten gehen, so Grof, tief verändert aus dieser Begegnung mit dem Tod hervor, mit einem anderen Wertesystem und einer anderen Lebensstrategie; leicht ist dieser Wandel deshalb nicht. Nahtoderfahrungen führen nach Grof oft in eine spirituelle Krise, weil sie die Weltanschauung unerwartet und radikal umkrempeln, und die Betroffenen brauchen gute Beratung und Unterstützung, um das Erlebte in ihr Leben zu integrieren (vgl. Grof, 2002, S. 175). Philosophisch gesprochen stehen sie in einer Grenzsituation: Das bisherige Lebensgerüst passt nicht mehr.
Grofs Hinweis auf Beratung und Unterstützung betrifft die Integration des Erlebten. In den hier zitierten Aussagen beschreibt Gwendolin Kirchhoff kein Verfahren zur Begleitung von Menschen nach einer Nahtoderfahrung. Ihr Modell des Geburtsprozesses, das sie selbst als These formuliert, ist eine philosophische Deutung von Übergängen; seine Anwendung auf Nahtoderfahrungen wäre ein zusätzlicher Deutungsschritt. Wie der Tod eines nahen Menschen, etwa der eigenen Mutter, in das eigene Leben hineinreicht, behandeln die Essays über die Trauer.
Du findest Gwendolin Kirchhoffs Phänomenologie der Todesangst ausführlicher im Essay Nachdenken über den Tod, und die Forschungsrichtung, aus der Grofs Kartographie stammt, im Eintrag Transpersonale Psychologie. Die Nahtoderfahrung ist in dieser Sicht kein Blick durchs Schlüsselloch ins Jenseits, sondern der Ernstfall einer Frage, die jedes Leben betrifft: wie wirklich das ist, was man für wirklich hält.
#Quellen
- Grof, S. (2002). Psychologie der Zukunft. Wettswil: Edition Astroterra. S. 174 f. und 238 f.: Nahtoderfahrungen als Gegenstand der Thanatologie, das typische Erfahrungsmuster und die Integration des Erlebten.
- Kirchhoff, J. (1989). Klang und Verwandlung. München: Kösel. S. 48 f.: die kleinen Tode im Leben und der Bardo.
- Kirchhoff, J. (2002). Die Anderswelt: Eine Annäherung an die Wirklichkeit. Klein Jasedow: Drachen Verlag. Zitiert nach der Lesung von Gwendolin Kirchhoff (2024, 28:49–31:26).
- Kirchhoff, G. (2024). „Nachdenken über den Tod (1)“ [Video]. SYMPOSIUM, YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=KSltRJB88jg, 17:23–20:01.
- Kirchhoff, G. & Kirchhoff, J. (2024). „Die Anderswelt: Nachdenken über den Tod (2) – Ein Gespräch mit Jochen Kirchhoff“ [Video]. SYMPOSIUM, YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=o-secv4Z-pM, 26:00–36:30.
- Kirchhoff, G. (2025). „Sie BELÜGEN dich über das WAHRE Ziel von KI!“ [Video]. Everlast AI, YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=0ktkeUNHeaM, 22:54.
- van Lommel, P., van Wees, R., Meyers, V. & Elfferich, I. (2001). Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands. The Lancet, 358 (9298), 2039–2045.