Lexikon Deutsche Denktradition

Nietzsche — Diagnostiker des Verfalls

Definition

Nietzsche als Diagnostiker kulturellen Verfalls und als Phänomenologe des Leidenden gelesen. Gwendolin Kirchhoff sieht seine Schwäche darin, dass er die Liebe nicht in sein System integrieren konnte; Jochen Kirchhoff nennt die ewige Wiederkunft etwas ganz Seltsames.

Wer Nietzsche für den Propheten des Übermenschen hält, hat ihn nur in Überschriften gelesen. Friedrich Nietzsche (1844–1900) war in erster Linie Diagnostiker: ein Denker, der die Verfallsformen seiner Kultur beschrieb. Die Popularisierung hat aus ihm einen Machtphilosophen gemacht, einen Vordenker des Individualismus, bisweilen einen Zyniker. Nietzsche rang mit der Frage, warum eine ganze Zivilisation ihre Instinktsicherheit verloren hat — und was an die Stelle der zerbrochenen Ordnung treten könnte.

#Die Phänomenologie eines Leidenden

In der Morgenröte (1881) beschreibt Nietzsche den Zustand des Schwerleidenden: „Der Schwerleidende sieht aus seinem Zustande mit einer entsetzlichen Kälte hinaus auf die Dinge: alle jene kleinen lügnerischen Zaubereien, in denen für gewöhnlich die Dinge schwimmen, wenn das Auge des Gesunden auf sie blickt, sind ihm verschwunden” (Nietzsche, 1881, Morgenröte, §114). Gwendolin Kirchhoff nennt die Tiefe und die Präzision dieser Phänomenologie in der ersten Person Nietzsches „größte Leistung“ (Kirchhoff, G., Everlast AI, 2026, 2:18:23–2:18:30).

Den Zustand kranker Menschen, die lange und furchtbar von ihren Leiden gemartert werden und deren Verstand sich dabei nicht trübt, nennt Nietzsche „nicht ohne Wert für die Erkenntnis“ (vgl. Nietzsche, 1881, Morgenröte, §114). Gwendolin Kirchhoff sieht Nietzsches Erkenntnisse eines Leidenden „sehr parallel zu den perinatalen Geburtsmatrizen von Grof“, also aus der transpersonalen Psychologie „nochmal anders bestätigt“ (Kirchhoff, G., Everlast AI, 2026, 2:18:48–2:18:56; vgl. 2:18:45–2:18:56). Wie solche Einsichten aus der Selbstbeobachtung gewonnen werden, beschreibt der Eintrag Introspektion.

Auf Nietzsches Wertschätzung der Krankheit für die Selbstzucht des Geistes beruft sich Egon Friedell in seinem Exkurs über den Wert der Krankheit und zitiert die Vorrede zur Fröhlichen Wissenschaft (vgl. Friedell, 1927, Bd. 1, S. 67); der Eintrag Egon Friedell verfolgt diesen Exkurs.

#Wille zur Macht — mehr als ein Herrschaftsbegriff

In Jenseits von Gut und Böse (1886) wagt Nietzsche die Hypothese, alle wirkende Kraft sei Wille zur Macht, und folgert unter dieser Voraussetzung: „Die Welt von innen gesehen, die Welt auf ihren ‚intelligiblen Charakter‘ hin bestimmt und bezeichnet – sie wäre eben ‚Wille zur Macht‘ und nichts ausserdem“ (Nietzsche, 1886, Jenseits von Gut und Böse, §36).

Hier berührt Nietzsche die Naturphilosophie. Im Gespräch „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“ (2022) stellt Gwendolin Kirchhoff die Zusammenstellung der bleibenden Werte von Nietzsches Naturphilosophie vor, die Alwin Mittasch (Friedrich Nietzsche als Naturphilosoph, 1952) am Schluss seines Buches gibt; als Erstes könne man von Nietzsche lernen, dass die Welt ein Innen hat und Kraft, nach innen hin betrachtet, Wille ist (vgl. Kirchhoff, J., 2022, Nietzsche als Wissenschaftskritiker, 1:27:19–1:28:14). Das, sagt Jochen Kirchhoff, habe Nietzsche von Schopenhauer übernommen (vgl. ebd., 1:29:08–1:29:30). Jochen Kirchhoff vertritt dort die These, Nietzsche liege näher an Schelling, als man denkt, obwohl er über ihn spottet, und sein Wille zur Macht lasse sich mit der Begrifflichkeit der Naturphilosophie zusammenbringen (vgl. ebd., 1:36:05–1:38:07).

#Der Hammer, der hohle Götzen prüft

In der Götzen-Dämmerung (1889) vollzieht Nietzsche seine berühmte Abrechnung mit der philosophischen Tradition. Er schreibt, er habe Sokrates und Plato „als Verfalls-Symptome, als Werkzeuge der griechischen Auflösung, als pseudogriechisch, als antigriechisch“ erkannt (Nietzsche, 1889, Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates, §2). Den Hammer, mit dem er philosophiert, gebraucht Nietzsche nach seinem Vorwort wie eine Stimmgabel: An ewige Götzen werde hier „mit dem Hammer wie mit einer Stimmgabel gerührt“, und wer mit dem Hammer Fragen stellt, hört vielleicht als Antwort „jenen berühmten hohlen Ton“ (vgl. Nietzsche, 1889, Götzen-Dämmerung, Vorwort).

Diese diagnostische Haltung erstreckt sich auch auf die Naturwissenschaft. Sofern die Sinne das Werden, das Vergehen, den Wechsel zeigen, lügen sie nach Nietzsche nicht: „Die ‚scheinbare‘ Welt ist die einzige: die wahre Welt ist nur hinzugelogen“ (Nietzsche, 1889, Götzen-Dämmerung, Die „Vernunft“ in der Philosophie, §2). Nicht die sinnliche Erfahrung täuscht, sondern die Abstraktion, die sich für das Wirkliche ausgibt. In sechs nummerierten Schritten verdichtet er die „Geschichte eines Irrthums“: wie die „wahre Welt“ von Platon über Kant („königsbergisch“) bis zum „Hahnenschrei des Positivismus“ zur Fabel wurde — und wie mit der wahren Welt auch die scheinbare abgeschafft wurde (Nietzsche, 1889, Götzen-Dämmerung, Wie die „wahre Welt“ endlich zur Fabel wurde). Was bleibt, ist die Aufgabe, die Wirklichkeit neu zu denken, ohne metaphysische Hinterwelten und ohne positivistischen Reduktionismus.

#Bach liest Nietzsche als Künstler, Gwendolin Kirchhoff als Phänomenologen

In der Everlast AI Debate (2026) zeigt sich der Unterschied der Lesarten mit seltener Schärfe. Joscha Bach sagt dort, Nietzsche sei jemand, „der erkannt hat, wie es ist“, und zwar aus der Sicht von jemandem, der sagt, es macht ihm alles keinen Spaß mehr; das sei eine wertvolle Einsicht, aber in einer gewissen Weise „mehr Kunst als Philosophie“ (Bach, J., Everlast AI, 2026, 2:15:29–2:15:41; vgl. 2:15:27–2:15:41). Der Künstler sei derjenige, „der seinen Bewusstseinszustand einfängt, nicht nur seine Erkenntnis“, und das sei keine Abwertung Nietzsches (ebd., 2:15:42–2:15:47; vgl. 2:15:41–2:15:52). Später in der Debatte nennt Bach Nietzsche in gewisser Weise einen „Vater des Dark Enlightenment in seiner eigenen Ära“ (ebd., 2:21:53–2:21:58; vgl. 2:21:49–2:21:58).

Gwendolin Kirchhoff sagt in derselben Debatte: „Nietzsches größte Leistung ist die Tiefe und die Präzision seiner Phänomenologie in der ersten Person.“ (Kirchhoff, G., Everlast AI, 2026, 2:18:23–2:18:30) Wer etwas Brillantes lesen wolle, solle in der Morgenröte die Erkenntnisse eines Leidenden lesen (vgl. ebd., 2:18:30–2:18:37). Nietzsche sei „vor allem da ernst zu nehmen, wo er Phänomenologe ist und wo er bestimmten Dingen in sich auf die Spur kommt“ (ebd., 2:19:33–2:19:40), und dort, wo er auf Grundlage seiner Phänomenologie sogar Vorhersagen über politische und gesellschaftliche Entwicklungen trifft, „die in der Regel zugetroffen sind“ (ebd., 2:19:47–2:19:49; vgl. 2:19:40–2:19:49).

Wo Nietzsche schwach sei oder nicht weitergekommen, liegt für Gwendolin Kirchhoff darin, „dass er Liebe nicht hat integrieren können in sein System“ (ebd., 2:19:53–2:19:58; vgl. 2:19:49–2:19:58). „Die Liebe hat gefehlt.“ (ebd., 2:19:57–2:19:59) Er sei bei einem Autonomiestreben stehen geblieben, sein Wille zur Macht sei die reine Autonomie (vgl. ebd., 2:19:58–2:20:04). Es sei ja nicht alles nur Überwältigung, sondern auch vieles Kommunikation und Kontakt, was im Naturzusammenhang passiert: „Das findet bei ihm keine Abbildung.“ (ebd., 2:20:13–2:20:16; vgl. 2:20:06–2:20:16) Das habe, denkt sie, auch etwas Biografisches mit ihm zu tun, damit, wie er gelebt und was er erlebt hat, als jemand, der lange unter Migräne gelitten hat (vgl. ebd., 2:20:16–2:20:24).

Gwendolin Kirchhoff legt in der Everlast-Debatte jedem, der Nietzsche nur für den Philosophen vom Tod Gottes hält, sein Gedicht Dem unbekannten Gotte ans Herz: Es zeige einen inneren Altar, der immer noch da sei (vgl. Kirchhoff, G., Everlast AI, 2026, 2:22:38–2:22:53).

Wo der Satz vom Tod Gottes in Nietzsches Werk steht und was danach kam, verfolgt der Essay Gott ist tot.

#Was ist die ewige Wiederkehr?

Die ewige Wiederkehr ist Friedrich Nietzsches Gedanke, dass alles, was geschieht, in derselben Reihe und Folge unzählige Male wiederkommt; in Ecce homo heißt er „der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann“ (Nietzsche, 1888, Ecce homo, „Also sprach Zarathustra“ 1). Nietzsche datiert ihn dort in den August 1881: Am See von Silvaplana sei ihm der Gedanke bei einem pyramidal aufgetürmten Block gekommen (vgl. ebd.).

In der Fröhlichen Wissenschaft von 1882 führt Nietzsche den Gedanken mit einer Frage ein: wie es wäre, wenn ein Dämon einem in die einsamste Einsamkeit nachschliche und sagte, man werde dieses Leben noch einmal und noch unzählige Male leben müssen, jeden Schmerz und jede Lust in derselben Reihe und Folge (vgl. Nietzsche, 1882, Die fröhliche Wissenschaft, § 341). „Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“, lässt Nietzsche den Dämon sagen (ebd.). Ob man ihn verfluchen oder ihm antworten würde, „du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!“, fragt der Abschnitt; wenn jener Gedanke Gewalt über einen bekäme, so Nietzsche, würde er einen „wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen“ (ebd.). In Also sprach Zarathustra spricht Zarathustra vor einem Torweg, über dem „Augenblick“ geschrieben steht, und fragt: „müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?“ (Nietzsche, 1884, Also sprach Zarathustra, Dritter Teil, „Vom Gesicht und Räthsel“ 2). Im Abschnitt „Der Genesende“ sagen Zarathustras Tiere zu ihm: „du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft“ (ebd., „Der Genesende“ 2).

Jochen Kirchhoff liest im Gespräch „Was wollte Nietzsche?“ einen längeren Ausschnitt aus „Vom Gesicht und Räthsel“ vor, bis zu Zarathustras Rede am Torweg (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 58:51–1:05:08); die Zitate oben stehen nach Nietzsches Text, nicht nach der Lesung.

#Wie lesen Jochen und Gwendolin Kirchhoff die ewige Wiederkehr?

Jochen Kirchhoff erklärt die ewige Wiederkehr im Gespräch „Was wollte Nietzsche?“ (2019) aus Nietzsches Bejahung: „Er sah darin einen extremen Bejahungsgedanken.“ (Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 1:08:20–1:08:26; vgl. 56:02–56:54); Gwendolin Kirchhoff wendet im selben Gespräch ein, wenn sich alles genau gleich wiederhole, wäre man wieder bei einem Begriff des Seins und bei etwas Statischem, „dann wäre im Prinzip das Werden aufgehoben“ (ebd., 1:07:29–1:07:31; vgl. 1:07:24–1:07:31).

Jochen Kirchhoff nennt die ewige Wiederkunft bei Nietzsche „etwas ganz Seltsames“ (ebd., 54:41–54:43; vgl. 54:38–54:44). Nietzsche habe die Idee aus der Antike gekannt; dort sei sie gedacht worden, auch im Sinne des großen platonischen Jahres (vgl. ebd., 54:49–55:14); bei Nietzsche aber sei sie „vollkommen anders konzipiert“: Alles kehre buchstäblich so immer wieder (ebd., 58:10–58:13; vgl. 58:13–58:23). Nietzsche glaube, so Jochen Kirchhoff, dass die Gesamtkraft endlich sei und alle möglichen Konstellationen durchlaufen würden, und Nietzsche meine „absolut identisch“ (ebd., 1:06:21–1:06:23; vgl. 1:05:35–1:05:54 und 1:06:20–1:06:33). Als Jochen Kirchhoff das zum ersten Mal las, habe er gedacht, das stimme gar nicht, die Konstellationen seien ewig andere, und er fragt gleich weiter: oder doch, oder nur Ähnliches (vgl. ebd., 1:05:54–1:06:20). Ob das nicht „der Albtraum pur, die Verdammnis pur“ sei, habe er damals auch gedacht; der erlösungssüchtige Mensch, ob Buddhist, Hindu oder Sufi, würde es als Albtraum empfinden (ebd., 1:06:58–1:07:04; vgl. 1:06:53–1:07:11).

In einer unendlichen Welt, „die immer wieder neu und anders ist“, hebe sich der Gedanke auf, sagt Jochen Kirchhoff mit Blick auf Giordano Bruno, und das habe Nietzsche gewusst (ebd., 1:07:58–1:08:03; vgl. 1:07:55–1:08:09). Später sagt er, er habe sich oft gefragt, ob dieser Gedanke der absoluten Bejahung nicht einfach nur eine „ekstatische Attitüde“ sei, die sich auflöst, wenn man sie näher und schärfer betrachtet (ebd., 1:12:06–1:12:09; vgl. 1:11:47–1:12:15). Gwendolin Kirchhoff setzt hinzu, ein absolutes Werden innerhalb einer Endlichkeit, „eine sich kreisende Vorstellung“, finde sie „nicht sehr kongruent mit dem Gedanken eines wirklichen Werdens“ (ebd., 1:12:19–1:12:27; vgl. 1:12:15–1:12:27), einer wirklichen Lebendigkeit (vgl. ebd., 1:12:27–1:12:30).

Im Gespräch „Nietzsche und die Große Gesundheit“ sagt Jochen Kirchhoff, man müsse dann eigentlich alles bejahen; so komme Nietzsche auf den, wie man auch sagen könne, „wahnwitzigen Gedanken der ewigen Wiederkunft“ (Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 18:53; vgl. 18:47–18:55). Gwendolin Kirchhoff fasst im selben Gespräch zusammen, Nietzsche setze dem nihilistischen, gegen das Leben gerichteten Willen die große Bejahung und den Amor fati entgegen, auch im Extrembild der ewigen Wiederkunft (vgl. ebd., 24:29–24:54). Wie die Wiederkunft mit der Liebe zum Schicksal zusammenhängt, verfolgt der Eintrag Amor fati.

#Welche Werke von Nietzsche sollte man lesen?

Aus Nietzsches Werken empfiehlt Gwendolin Kirchhoff in der Everlast-Debatte (2026) eine Stelle der Morgenröte von 1881: „wer mal was Brillantes lesen will, der lese in der Morgenröte die Erkenntnisse eines Leidenden“ (Kirchhoff, G., Everlast AI, 2026, 2:18:30–2:18:37). Der Aphorismus 114 der Morgenröte trägt die Überschrift „Von der Erkenntnis des Leidenden“ (Nietzsche, 1881, Morgenröte, § 114).

Jochen Kirchhoff unterscheidet im Gespräch „Was wollte Nietzsche?“ (2019) grob drei Phasen: den frühen Nietzsche, den glühenden Wagnerianer und Bewunderer Schopenhauers, dann einen mittleren Nietzsche, der ihm, wie er sagt, sehr nah ist, einen brillanten Essayisten (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 16:31–17:13 und 19:20–19:33). „Das schönste Buch ist die Morgenröte“, sagt er über diese mittleren Bücher (ebd., 17:14–17:18; vgl. 17:14–17:19). Mit der Ur-Intuition vom August 1881 in Sils-Maria, als ihm der Gedanke des Zarathustra kam, gerät Nietzsche nach Jochen Kirchhoff in ein ganz anderes Fahrwasser (vgl. ebd., 17:48–19:47).

Die Nietzsche-Stellen, die dieser Eintrag und die Einträge zu Nietzsches Begriffen zitieren, stehen in diesen Werken:

  • Morgenröte (1881): Aphorismus 114, „Von der Erkenntnis des Leidenden“.
  • Die fröhliche Wissenschaft (1882, erweitert 1887): § 341, „Das größte Schwergewicht“, mit dem Gedanken der Wiederkehr; § 276 mit der Formel amor fati, verfolgt im Eintrag Amor fati; § 382, „Die große Gesundheit“, verfolgt im Eintrag Große Gesundheit.
  • Also sprach Zarathustra (1883–1885): Zarathustras Rede vom Übermenschen, verfolgt im Eintrag Übermensch, und „Vom Gesicht und Räthsel“.
  • Jenseits von Gut und Böse (1886): § 36 über den Willen zur Macht.
  • Zur Genealogie der Moral (1887): das Ressentiment, verfolgt im Eintrag Ressentiment.
  • Götzen-Dämmerung (1889): „Das Problem des Sokrates“ und „Wie die ‚wahre Welt‘ endlich zur Fabel wurde“.
  • Ecce homo (1888 niedergeschrieben, 1908 erschienen): Im Kapitel „Warum ich so gute Bücher schreibe“ geht Nietzsche seine eigenen Bücher der Reihe nach durch, von der Geburt der Tragödie (1872) bis zum Fall Wagner (1888).

Der Wille zur Macht (1901) ist kein Buch, das Nietzsche selbst herausgegeben hat, sondern eine Zusammenstellung aus seinem Nachlass, die nach seinem Tod erschien.

#Nietzsches Ort in der Denktradition

Nietzsche gehört zu den Denkern, die man nicht abschließend einordnen kann. Gwendolin Kirchhoff nimmt ihn vor allem dort ernst, wo er Phänomenologe ist und bestimmten Dingen in sich auf die Spur kommt (vgl. Kirchhoff, G., Everlast AI, 2026, 2:19:33–2:19:40); Jochen Kirchhoff hält es für möglich, seine Philosophie mit der Naturphilosophie zusammenzubringen (vgl. Kirchhoff, J., 2022, Nietzsche als Wissenschaftskritiker, 1:36:05–1:38:07). Den Gedanken, dass der Fortschritt selbst ein Symptom sein könnte, verfolgt der Eintrag Pathogenese statt Fortschritt.

Nietzsche zu kritisieren findet Gwendolin Kirchhoff schwierig, weil er dazu zu gut sei; bei ihm als einem Leidenden könne man nicht stehen bleiben, aber man könne sich von ihm vielfältig anregen lassen (vgl. Kirchhoff, G., Everlast AI, 2026, 2:19:05–2:19:19).

#Quellen

  • Nietzsche, F. (1881). Morgenröte. Chemnitz: Ernst Schmeitzner.
  • Nietzsche, F. (1882). Die fröhliche Wissenschaft. Chemnitz: Ernst Schmeitzner.
  • Nietzsche, F. (1886). Jenseits von Gut und Böse. Leipzig: C.G. Naumann.
  • Nietzsche, F. (1889). Götzen-Dämmerung. Leipzig: C.G. Naumann.
  • Nietzsche, F. (1883). Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Erster und Zweiter Teil Chemnitz: Ernst Schmeitzner, 1883; Dritter Teil ebd., 1884; Vierter Teil als Privatdruck Leipzig: C. G. Naumann, 1885. Zitiert nach Projekt Gutenberg (Dritter Teil, „Vom Gesicht und Räthsel“ 2).
  • Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral. Leipzig: C. G. Naumann.
  • Nietzsche, F. (1888). Ecce homo. Wie man wird, was man ist. Niedergeschrieben 1888, Erstveröffentlichung Leipzig: Insel-Verlag, 1908. Zitiert nach Projekt Gutenberg-DE („Also sprach Zarathustra“ 1; „Warum ich so gute Bücher schreibe“).
  • Nietzsche, F. (1901). Der Wille zur Macht. Leipzig: C. G. Naumann. Posthume Zusammenstellung aus dem Nachlass.
  • Kirchhoff, J. (2022). Nietzsche als Wissenschaftskritiker — Mit dem Hammer philosophieren [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=tP9zNqZG5pI (Gesprächspartnerin: Gwendolin Kirchhoff).
  • Mittasch, A. (1952). Friedrich Nietzsche als Naturphilosoph.
  • Kirchhoff, J. (2019). „Was wollte Nietzsche?“ [Video]. Philosophische Gespräche mit Jochen Kirchhoff, Episode 21. YouTube, 14.04.2019. https://www.youtube.com/watch?v=-EcVGcw8LlI (Gesprächspartnerin: Gwendolin Kirchhoff).
  • Kirchhoff, G. (2024). „Nietzsche und die Große Gesundheit – Ein Gespräch mit Jochen Kirchhoff – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube, 19.10.2024. https://www.youtube.com/watch?v=XS8vCl4BkvI (Gesprächspartner: Jochen Kirchhoff).
  • Kirchhoff, G. & Bach, J. (2026). Streitgespräch: „Der Mensch soll abgeschafft werden!” Wohin steuert uns KI wirklich? [Video]. Everlast AI, YouTube, 21.05.2026. https://www.youtube.com/watch?v=vSwmJDMw4xY

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Häufig gestellte Fragen

War Nietzsche ein Nihilist?
Gwendolin Kirchhoff fasst im Gespräch „Nietzsche und die Große Gesundheit“ zusammen, dass Nietzsche dem nihilistischen, gegen das Leben gerichteten Willen die große Bejahung und den Amor fati entgegensetzt, auch im Extrembild der ewigen Wiederkunft. Nach Jochen Kirchhoff sah Nietzsche in der ewigen Wiederkunft einen extremen Bejahungsgedanken.
Was bedeutet Wille zur Macht bei Nietzsche?
In Jenseits von Gut und Böse (1886, § 36) wagt Nietzsche die Hypothese, alle wirkende Kraft sei Wille zur Macht; dann wäre die Welt, von innen gesehen und auf ihren intelligiblen Charakter hin bestimmt, Wille zur Macht und nichts außerdem. Damit reicht der Begriff über politische Selbstbehauptung hinaus.
Was hat Nietzsche mit Naturphilosophie zu tun?
Jochen Kirchhoff vertritt im Gespräch „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“ (2022, 1:36:05–1:38:07) die These, Nietzsches Wille zur Macht lasse sich mit der Begrifflichkeit der Naturphilosophie zusammenbringen; Nietzsche liege näher an Schelling, als man denkt, obwohl er über ihn spottet.
Was ist die ewige Wiederkehr bei Nietzsche?
Die ewige Wiederkehr ist Nietzsches Gedanke, dass alles, was geschieht, in derselben Reihe und Folge unzählige Male wiederkommt. In der Fröhlichen Wissenschaft (1882, § 341) führt er ihn mit der Frage ein, wie es wäre, wenn ein Dämon einem sagte, man werde dieses Leben noch unzählige Male leben müssen; in Ecce homo nennt er ihn die höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann. Jochen Kirchhoff nennt den Gedanken etwas ganz Seltsames; Gwendolin Kirchhoff wendet ein, eine Wiederholung des immer Gleichen würde im Prinzip das Werden aufheben.
Welche Werke von Nietzsche sollte man lesen?
Gwendolin Kirchhoff empfiehlt in der Everlast-Debatte (2026), in der Morgenröte (1881) die Erkenntnisse eines Leidenden zu lesen; Jochen Kirchhoff nennt die Morgenröte das schönste der mittleren Bücher Nietzsches. Die Nietzsche-Stellen, die dieses Lexikon zitiert, stehen außerdem in der Fröhlichen Wissenschaft, in Also sprach Zarathustra, in Jenseits von Gut und Böse, in der Genealogie der Moral, in der Götzen-Dämmerung und in Ecce homo. Der Wille zur Macht ist eine Zusammenstellung aus dem Nachlass, die nach Nietzsches Tod erschien.

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