Lexikon Deutsche Denktradition

Große Gesundheit

Definition

Die große Gesundheit ist Friedrich Nietzsches Begriff für eine Gesundheit, die man nicht nur hat, sondern immer wieder erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgibt. Er entfaltet ihn 1887 in der Fröhlichen Wissenschaft (§ 382).

Die große Gesundheit ist Friedrich Nietzsches Begriff für eine Gesundheit, die man „nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt und erwerben muß, weil man sie immer wieder preisgibt, preisgeben muß“ (Nietzsche, 1887, Die fröhliche Wissenschaft, § 382). Nietzsche (1844–1900) entfaltet den Begriff im Fünften Buch der Fröhlichen Wissenschaft, das 1887 in der erweiterten Ausgabe erschien, und nennt die große Gesundheit in Ecce homo die „physiologische Voraussetzung“ des Typus Zarathustra (Nietzsche, 1888, Ecce homo, „Also sprach Zarathustra“ 2). Gwendolin Kirchhoff hat über den Begriff mit ihrem Vater, dem Philosophen Jochen Kirchhoff, im SYMPOSIUM gesprochen; das Gespräch „Nietzsche und die Große Gesundheit“ steht seit 2024 auf ihrem Kanal.

#Was meint Nietzsche mit der großen Gesundheit?

Die große Gesundheit ist bei Nietzsche eine Gesundheit, die man nicht nur besitzt, sondern immer wieder neu erwerben muss. In § 382 der Fröhlichen Wissenschaft spricht ein „Wir“, das sich „Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft“ nennt: Es bedürfe zu einem neuen Zweck auch eines neuen Mittels, „nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren, gewitzteren, zäheren, verwegneren, lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren“ (ebd.). Wer den ganzen Umfang der bisherigen Werte und Wünschbarkeiten selbst erleben will, braucht nach Nietzsche dazu zuallererst die große Gesundheit (vgl. ebd.). Dieses „Wir“ nennt sich „Argonauten des Ideals“, oft genug schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber „gefährlich-gesund, immer wieder gesund“ (ebd.).

In Ecce homo schreibt Nietzsche, er wisse diesen Begriff nicht besser und nicht persönlicher zu erläutern, als er es im Fünften Buch der Fröhlichen Wissenschaft getan habe, und führt den Abschnitt dort erneut an (vgl. Nietzsche, 1888, Ecce homo, „Also sprach Zarathustra“ 2). Den Ausdruck verwendet er schon in der Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches, die mit „Nizza, im Frühling 1886“ unterzeichnet ist: Dort heißt ein Überschuss an plastischen, ausheilenden, nachbildenden und wiederherstellenden Kräften das Zeichen der großen Gesundheit (vgl. Nietzsche, 1878, Menschliches, Allzumenschliches, Vorrede 4). In der Genealogie der Moral nennt er einen letzten, selbstgewissesten Mutwillen der Erkenntnis, der zur großen Gesundheit gehört (vgl. Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, II 24).

Schon in der Erstausgabe der Fröhlichen Wissenschaft von 1882 schreibt er: „Denn eine Gesundheit an sich gibt es nicht“ (Nietzsche, 1882, Die fröhliche Wissenschaft, § 120). Was Gesundheit selbst für den Leib bedeute, hänge nach Nietzsche vom Ziel, vom Horizont, von den Kräften, Antrieben und Irrtümern ab und namentlich von den Idealen und Phantasmen der Seele; „Somit gibt es unzählige Gesundheiten des Leibes“ (ebd.). Der Abschnitt trägt den Titel „Gesundheit der Seele“ (ebd.); erst wenn der Begriff einer Normal-Gesundheit abhandenkomme, dürfte es nach Nietzsche an der Zeit sein, über Gesundheit und Krankheit der Seele nachzudenken (vgl. ebd.).

#Welche Rolle spielt die Krankheit in der großen Gesundheit?

Für Nietzsche kann die Krankheit ein Mittel sein: Die Vorrede von 1886 zu Menschliches, Allzumenschliches beschreibt eine Gesundheit, die auf die Krankheit selbst als Mittel und Angelhaken der Erkenntnis nicht verzichten mag (vgl. Nietzsche, 1878, Menschliches, Allzumenschliches, Vorrede 4). In Ecce homo schreibt er, für einen typisch Gesunden könne „Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum Leben, zum Mehr-leben sein“ (Nietzsche, 1888, Ecce homo, „Warum ich so weise bin“ 2). Von sich selbst sagt er dort: „Als summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich décadent.“ (ebd.). Über seine lange Krankheitszeit schreibt er im selben Abschnitt: „ich entdeckte das Leben gleichsam neu“ (ebd.); aus seinem Willen zur Gesundheit, zum Leben, habe er seine Philosophie gemacht (vgl. ebd.).

Die Vorrede zur zweiten Ausgabe der Fröhlichen Wissenschaft, unterzeichnet im Herbst 1886, fragt: „Und was die Krankheit angeht: würden wir nicht fast zu fragen versucht sein, ob sie uns überhaupt entbehrlich ist?“ (Nietzsche, 1887, Die fröhliche Wissenschaft, Vorrede 3). Unmittelbar darauf heißt es: „Erst der große Schmerz ist der letzte Befreier des Geistes“ (ebd.). Auf diese Vorrede beruft sich der Kulturhistoriker Egon Friedell, wenn er vom Wert der Krankheit handelt (vgl. Friedell, 1927, Bd. 1, S. 67). Seinen Exkurs stellt der Eintrag Egon Friedell vor; verwandt ist der Eintrag Antifragilität.

Den Satz aus Ecce homo legt Gwendolin Kirchhoff zu Beginn des Gesprächs ihrem Vater als Frage vor: Was meine Nietzsche, wenn er sagt, er habe aus dem Willen zum Leben, zur Gesundheit seine Philosophie gemacht (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 00:28)? Jochen Kirchhoff erinnert in seiner Antwort daran, dass Nietzsche ein schwer kranker Mensch war, der tagelang Kopfschmerzen hatte, sich erbrechen musste und immer auf der Suche nach einem Platz zum Leben war (vgl. ebd., 00:41–01:35). Gesundheit bei Nietzsche sei „nicht nur körperliche Gesundheit, leibliche Gesundheit, sondern auch mentale Gesundheit“, sagt Jochen Kirchhoff (ebd., 01:07).

#Wie liest Jochen Kirchhoff die große Gesundheit?

Jochen Kirchhoff liest die große Gesundheit als das Ja, das Nietzsche dem Nein zu seiner Zeit entgegensetzt. Alles, was damals lief, sei für Nietzsche offener oder versteckter Nihilismus gewesen, und dagegen habe er gefragt, wo sein Ja sei; dieses Ja sei das Ja der Gesundheit, sagt Jochen Kirchhoff (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 02:18–03:02). Nach seiner Darstellung hielt Nietzsche die abendländische Kultur für am Ende und meinte, alle Werte müssten umgewertet werden; dann habe er diesen Impuls gehabt: „zur großen Gesundheit, zum großen Ja sagen“, heraus aus dem Nein-Sagen, das nach Nietzsches Glauben das Christentum predige (ebd., 15:43; vgl. 15:27–15:52). Zu diesem Ja gehört für Jochen Kirchhoff die Totalbejahung: Wer einen Moment absolut bejaht, habe alles bejaht, was zu ihm geführt hat, alle Leiden, Irrtümer und Fehler (vgl. ebd., 18:02); das sei auch die Gesundheit, alles zu bejahen, auch das Leiden (vgl. ebd., 18:55).

Bloße Vitalität sagt nach Jochen Kirchhoff wenig über einen Menschen aus; vollkommene Gesundheit könne auch zu Dummheit und Dumpfheit führen (vgl. ebd., 10:56–11:16). Der geistig Gesunde sei nicht immer unmittelbar auch der physisch Gesunde: „Der Gesunde kann auch krank sein“ (ebd., 29:07). Jochen Kirchhoff fügt hinzu: „Das heißt nicht, dass ich die Krankheit bejahe“ (ebd., 29:43); eine Grundgesundheit müsse da sein (vgl. ebd., 30:20). Die stärkste Kraft, die Nietzsche sich selbst zuschreibe, ist nach Jochen Kirchhoff die Selbstüberwindung (vgl. ebd., 26:45). Es gebe auch Situationen, in denen man sich überwinden müsse und dann erst zu sich selbst komme; das sei nicht lebensfeindlich, sagt Jochen Kirchhoff (vgl. ebd., 28:02).

#Was hat die große Gesundheit mit dem Nihilismus zu tun?

Mit dem Nihilismus hängt die große Gesundheit über einen Gegenspieler des Lebenswillens zusammen, den Gwendolin Kirchhoff im Gespräch benennt. Der Wille, am Leben zu sein, nicht nur zu überleben, sondern auch zu gedeihen, werde bei Nietzsche nicht allein betrachtet; es gebe „noch einen widerstreitenden Antagonisten“ (Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 10:04). Nietzsche sei, so Gwendolin Kirchhoff, der festen Überzeugung, dass bestimmte Gedanken die leibliche Vitalität unterdrücken, und spüre das auch an sich selbst; er meine, seine Gesundheit dadurch bekommen zu können, dass er diese Gedanken abschüttelt (vgl. ebd., 10:15–10:30). Jochen Kirchhoff sagt im selben Gespräch, Nietzsche habe den Willen zur Macht antagonistisch gesehen: Es gebe zwei antagonistische Willen, den unerschöpften, zeugenden Lebenswillen und den Willen zum Nichts (vgl. ebd., 11:38–12:14).

Was Nietzsche im nihilistischen Willen sehe, ist nach Gwendolin Kirchhoff ein depressiver Impuls, der die Lebensimpulse vergällt oder unterdrückt (vgl. ebd., 19:13). Später im Gespräch fasst sie zusammen: Der gegen das Leben gerichtete Wille wolle das Leben entweder irgendwie im eigenen Sinn beherrschen oder er erzeuge in irgendeiner Form Depressionen oder unterdrückte Lebensimpulse (vgl. ebd., 24:35–24:46). Dem setze Nietzsche, so Gwendolin Kirchhoff weiter, die große Bejahung und den Amor fati entgegen, im Extrembild der ewigen Wiederkunft, und meine, wenn man alles bejahe, sei keine einzige depressive oder lebensverneinende Stelle im Menschen vorhanden (vgl. ebd., 24:46–25:04). Wie Nietzsche den Nihilismus als Zeitdiagnose fasst, verfolgt der Eintrag Nihilismus. Den Begriff des Ressentiment in der Genealogie der Moral stellt der Eintrag Ressentiment vor. Wie Nietzsche die Liebe zum Schicksal fasst, verfolgt der Eintrag Amor fati; Zarathustras Lehre vom Übermenschen verfolgt der Eintrag Übermensch.

#Was bedeutet die große Gesundheit für das eigene Leben?

Für das eigene Leben übersetzt Jochen Kirchhoff die Frage nach der Bejahung in Fragen an sich selbst: „Was bejahe ich? Und wie weit geht meine Bejahung?“ (Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 25:22). Aus lauter Neins müsse sich immer ein Ja formen, sagt er; es dürfe nie im Nein stecken bleiben (vgl. ebd., 26:01).

Für das philosophische Gespräch schlägt dieser Eintrag vor, die große Gesundheit als Frage aufzunehmen, nicht als Befund: nicht, ob Du gesund bist, sondern wo Du bejahst, wo Du ständig verneinst und ob Dein Nein irgendwo in ein Ja mündet. Dazu gehört die Frage, ob Du eine Gesundheit suchst, die Du einmal hast, oder eine, die Du immer wieder erwerben musst. Über körperliche Krankheit entscheidet ein solches Gespräch nichts. Es fragt nach dem Verhältnis zu dem, was einem widerfährt.

Nietzsche als Diagnostiker des kulturellen Verfalls stellt der Eintrag Nietzsche vor; verwandt ist der Eintrag Lebensphilosophie.

#Quellen

  • Nietzsche, F. (1887). Die fröhliche Wissenschaft („la gaya scienza“). Neue Ausgabe mit Fünftem Buch; Erstausgabe 1882. Zitiert nach zeno.org, http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Die+fr%C3%B6hliche+Wissenschaft (Vorrede 3; § 120; § 382).
  • Nietzsche, F. (1888). Ecce homo. Wie man wird, was man ist. Erstveröffentlichung Leipzig: Insel 1908. Zitiert nach Projekt Gutenberg-DE („Warum ich so weise bin“ 2; „Also sprach Zarathustra“ 2).
  • Nietzsche, F. (1878). Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Vorrede (Nizza, Frühling 1886), Abschnitt 4. Zitiert nach Projekt Gutenberg.
  • Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral. Zweite Abhandlung, § 24. Zitiert nach zeno.org.
  • Friedell, E. (1927). Kulturgeschichte der Neuzeit. Bd. 1. München: C. H. Beck. Zitiert nach der 28.–32. Auflage, München: C. H. Beck 1954 (S. 67).
  • Kirchhoff, G. (2024). „Nietzsche und die Große Gesundheit – Ein Gespräch mit Jochen Kirchhoff – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube, 19.10.2024. https://www.youtube.com/watch?v=XS8vCl4BkvI (Gesprächspartner: Jochen Kirchhoff).

Häufig gestellte Fragen

Was ist die große Gesundheit bei Nietzsche?
Die große Gesundheit ist Nietzsches Begriff für eine Gesundheit, die man nicht nur hat, sondern beständig neu erwirbt und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgibt. Er entfaltet ihn in § 382 der Fröhlichen Wissenschaft, im Fünften Buch, das 1887 erschien.
Wo schreibt Nietzsche über die große Gesundheit?
Ausführlich in § 382 der Fröhlichen Wissenschaft (1887), den er in Ecce homo im Kapitel über den Zarathustra erneut anführt. Den Ausdruck verwendet er auch in der Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches, unterzeichnet im Frühling 1886, und in der Genealogie der Moral (1887), Zweite Abhandlung, § 24.
Welche Rolle spielt die Krankheit in der großen Gesundheit?
Für Nietzsche kann die Krankheit ein Mittel sein: Die Vorrede von 1886 zu Menschliches, Allzumenschliches beschreibt eine Gesundheit, die auf die Krankheit selbst als Mittel der Erkenntnis nicht verzichten mag. In Ecce homo schreibt er, für einen typisch Gesunden könne Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum Leben sein.
Wie versteht Jochen Kirchhoff die große Gesundheit?
Jochen Kirchhoff versteht sie als das große Ja, das Nietzsche dem Nein zu seiner Zeit entgegensetzt. Bloße Vitalität sage wenig über einen Menschen aus, und der geistig Gesunde sei nicht immer auch der physisch Gesunde; zugleich betont er, dass eine Grundgesundheit da sein muss.
Was hat die große Gesundheit mit dem Nihilismus zu tun?
Gwendolin Kirchhoff beschreibt den nihilistischen Willen bei Nietzsche als einen Willen, der das Leben entweder im eigenen Sinn beherrschen will oder Depressionen und unterdrückte Lebensimpulse erzeugt. Dem setze Nietzsche, so Gwendolin Kirchhoff, die große Bejahung und den Amor fati entgegen, im Extrembild der ewigen Wiederkunft.
Ist mit der großen Gesundheit körperliche Gesundheit gemeint?
Nicht nur. Jochen Kirchhoff betont, dass Gesundheit bei Nietzsche nicht nur körperliche, sondern auch mentale Gesundheit meint. Nietzsche selbst nennt die große Gesundheit in Ecce homo die physiologische Voraussetzung des Typus Zarathustra.

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