Lexikon Deutsche Denktradition

Ressentiment

Definition

Ressentiment ist ein Groll gegen einen Anderen, der nicht in die Tat geht, sondern immer wieder nachgefühlt wird. Friedrich Nietzsche macht das französische Wort 1887 in der Genealogie der Moral zu einem Terminus technicus seiner Moralkritik.

Ressentiment ist ein Groll gegen einen Anderen, der nicht in die Tat geht, sondern immer wieder nachgefühlt wird; Friedrich Nietzsche (1844–1900) macht das französische Wort in der Genealogie der Moral von 1887 zu einem Terminus technicus seiner Moralkritik. Für Nietzsche beginnt dort, wo das Ressentiment selbst Werte schafft, der „Sklavenaufstand in der Moral“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, I 10). Gwendolin Kirchhoff hat darüber mit ihrem Vater, dem Philosophen Jochen Kirchhoff, im SYMPOSIUM gesprochen, in dem Gespräch „Nietzsche und die Große Gesundheit“, das seit 2024 auf ihrem Kanal steht.

#Was bedeutet Ressentiment?

Ressentiment ist ein feindseliges Gefühl gegen einen Anderen, das nicht entladen, sondern immer wieder durchlebt wird. Der Philosoph Max Scheler (1874–1928) schreibt, er gebrauche das Wort nicht aus Vorliebe für das Französische, sondern „weil es uns nicht gelang, es ins Deutsche zu übersetzen“ (Scheler, 1915, S. 44). Nietzsche habe es zu einem Terminus technicus geprägt (vgl. ebd.). In der natürlichen französischen Wortbedeutung findet Scheler zwei Elemente: das wiederholte Durch- und Nachleben einer bestimmten emotionalen Antwortreaktion gegen einen Anderen und eine negative Qualität dieser Emotion, eine Bewegung der Feindlichkeit (vgl. ebd., S. 44 f.). „Vielleicht wäre das deutsche Wort »Groll« noch am ehesten geeignet“, schreibt Scheler, um einen Grundbestandteil der Bedeutung zu decken (ebd., S. 45).

Statt einer Wortdefinition gibt Scheler eine Sachbeschreibung: „Ressentiment ist eine seelische Selbstvergiftung mit ganz bestimmten Ursachen und Folgen“ (ebd., S. 48 f.). Es sei eine dauernde psychische Einstellung, die durch systematisch geübte Zurückdrängung von Entladungen gewisser Gemütsbewegungen und Affekte entsteht, die an sich normal sind und zum Grundbestand der menschlichen Natur gehören (vgl. ebd., S. 49). Als die Gemütsbewegungen, die dabei an erster Stelle in Betracht kommen, nennt er Rachegefühl und Racheimpuls, Hass, Bosheit, Neid, Scheelsucht und Hämischkeit; den wichtigsten Ausgangspunkt der Ressentimentbildung sieht er im Racheimpuls (vgl. ebd.). Schelers Abhandlung erschien 1912 zuerst unter dem Titel „Über Ressentiment und moralisches Werturteil“ und 1915 erweitert als „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“.

#Wie wird bei Nietzsche aus dem Ressentiment eine Moral?

Bei Nietzsche wird aus dem Ressentiment eine Moral, wenn das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werte gebiert. Gemeint ist der Groll von Wesen, „denen die eigentliche Reaktion, die der Tat, versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, I 10). In der Ersten Abhandlung der Genealogie der Moral stellt er zwei Wertungsweisen gegenüber. Die vornehme Moral wachse aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber heraus; die Sklaven-Moral sage von vornherein Nein zu einem Außerhalb, zu einem Anders, zu einem Nicht-selbst, und dieses Nein sei ihre schöpferische Tat (vgl. ebd.). Ihre Aktion, schreibt Nietzsche, „ist von Grund aus Reaktion“ (ebd.).

Der Mensch des Ressentiment konzipiert nach Nietzsche zuerst „den bösen Feind“ und denkt sich von dort aus als Gegenstück einen „Guten“ aus, sich selbst (vgl. ebd.). Böse im Sinn der Moral des Ressentiment ist eben der Vornehme, der Mächtige, der Herrschende, „nur umgefärbt, nur umgedeutet, nur umgesehn durch das Giftauge des Ressentiment“ (ebd., I 11). Nietzsches Bild dafür sind die Lämmer, die den großen Raubvögeln gram sind und unter sich sagen: „diese Raubvögel sind böse; und wer so wenig als möglich ein Raubvogel ist, vielmehr deren Gegenstück, ein Lamm – sollte der nicht gut sein?“ (ebd., I 13).

Die Verachtung, mit der die vornehme Wertungsweise auf die Niedrigen blickt, bleibt nach Nietzsche, auch wo sie deren Bild fälscht, weit hinter der Fälschung zurück, mit der sich „der zurückgetretene Haß, die Rache des Ohnmächtigen“ an seinem Gegner vergreift (ebd., I 10). Auch am vornehmen Menschen kann nach Nietzsche das Ressentiment auftreten. Bei ihm vollziehe und erschöpfe es sich in einer sofortigen Reaktion, „es vergiftet darum nicht“ (ebd., I 10). Vom Menschen des Ressentiment schreibt Nietzsche dagegen: „Seine Seele schielt“ (ebd.). Wie Nietzsche den Zerfall der Werte als Zeitdiagnose fasst, verfolgt der Eintrag Nihilismus.

#Warum nennt Nietzsche den Priester den Richtungs-Veränderer des Ressentiment?

Nietzsche nennt den Priester den Richtungs-Veränderer des Ressentiment, weil der Priester die Schuld, die der Leidende bei einem anderen sucht, auf den Leidenden selbst lenkt. In der Dritten Abhandlung der Genealogie der Moral fasst er den Wert der priesterlichen Existenz in die kürzeste Formel: „der Priester ist der Richtungs-Veränderer des Ressentiment“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, III 15). Der asketische Priester muss nach Nietzsche selbst krank sein und den Kranken und Schlechtweggekommenen von Grund aus verwandt, um sie zu verstehen (vgl. ebd.).

Jeder Leidende, so Nietzsche, suche instinktiv zu seinem Leid eine Ursache, genauer einen Täter, an dem er seine Affekte entladen kann (vgl. ebd.). „»Ich leide: daran muß irgend jemand schuld sein« – also denkt jedes krankhafte Schaf“ (ebd.). Der Priester stimmt zu, dass irgendwer schuld sein müsse, und antwortet: „du selbst bist an dir allein schuld“ (ebd.). Damit ist, wie Nietzsche schreibt, die Richtung des Ressentiment verändert (vgl. ebd.). Wie das Schuldgefühl unter den Händen des asketischen Priesters Gestalt gewann, verfolgt der Essay Schuldgefühle.

#Wie sprechen Gwendolin und Jochen Kirchhoff über das Ressentiment?

Gwendolin und Jochen Kirchhoff sprechen über das Ressentiment im Zusammenhang mit Nietzsches Priester. Der Priester wolle den anderen beherrschen, sagt Gwendolin Kirchhoff; das habe Nietzsche wie kaum ein anderer herausgearbeitet, diesen Herrschaftsimpuls und Herrschaftsanspruch im Priester, „der aber meint, er spreche für das Gute oder für Gott oder sonst irgendwen“ (Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 19:38; vgl. 19:30–19:42). Das seien alles Betrugsversuche, sagt sie (vgl. ebd., 19:42).

Jochen Kirchhoff sagt im selben Gespräch: „Ich bin sowas von misstrauisch gegen moralische Formeln“ (ebd., 19:58); dieses Grundmisstrauen habe ihm Nietzsche eingeflößt (vgl. ebd., 21:27–21:31). Nietzsche habe unermüdlich betont, dass die Moral auch Verlogenheit sei (vgl. ebd., 22:17–22:25). Gwendolin Kirchhoff präzisiert: „Eine bestimmte Moral.“ (ebd., 22:25). Nietzsche beschreibe ja auch, sagt sie, dass Dinge wie Gerechtigkeit, Fairness zum Beispiel, „ein Ausfluss sind von vitaler Stärke“ (ebd., 22:33). Der Starke, der in seinem Willen zur Macht gut dasteht, leiste sich nach ihrer Darstellung, auch aus einem ästhetischen Empfinden heraus, etwa Fairness und Freundlichkeit (vgl. ebd., 22:35–22:57). „Aber es ist eine freie Wahl“ (ebd., 23:05), sagt Gwendolin Kirchhoff, und der Priester versuche, aus dieser aus Stärke fließenden Gestaltung des Umgangs mit anderen bestimmte Dinge, die er gerne hätte, herauszunehmen, „aus seinem Ressentiment, aus seinem schlecht weggekommen sein“ (ebd., 23:19), um sie dem anderen vorzuhalten und ihm Schuldgefühle einzupflanzen (vgl. ebd., 23:16–23:29).

Jochen Kirchhoff greift das Wort auf und bemerkt, es sei im Sprachgebrauch nicht mehr so präsent wie früher (vgl. ebd., 23:29–23:36). „Ressentiment ist der Neid“, sagt er, „eine eigenartige Form von Neid“ (ebd., 23:40; 23:43). Er fährt fort: Der sieht gut aus, „der ist mächtig, also muss der runter, muss der weg, weil wir sind hässlich und klein“ (ebd., 24:04; vgl. 24:02–24:10). Gwendolin Kirchhoff führt den Gedanken weiter: Die, die ganz unten sind, „sind durch ihr ganz unten sein plötzlich die Guten“, weil sie nicht die Bösen seien (ebd., 24:13; vgl. 24:11–24:17). Das könne man vielfältig auffassen und an Nietzsche zum Teil auch kritisieren, sagt sie; es sei aber auf jeden Fall sehr interessant, was er dazu sagt und womit er da aufzuräumen meint (vgl. ebd., 24:17–24:28).

#Ist Ressentiment dasselbe wie Neid?

Ob Ressentiment Neid ist, wird unterschiedlich gewichtet. Jochen Kirchhoff nennt das Ressentiment „eine eigenartige Form von Neid“ (Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 23:43). Max Scheler zählt den Neid zu den Gemütsbewegungen, die beim Ressentiment an erster Stelle in Betracht kommen, sieht den wichtigsten Ausgangspunkt der Ressentimentbildung aber im Racheimpuls (vgl. Scheler, 1915, S. 49). Bei Nietzsche ist vom Neid auf die Gesunden die Rede, gegen den der asketische Priester seine Herde verteidigt (vgl. Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, III 15). Dem Neid selbst geht der Essay Neid nach.

Scheler hält Nietzsches Entdeckung des Ressentiment als Quelle moralischer Werturteile für die tiefgreifendste unter den spärlichen neueren Entdeckungen über deren Herkunft, und zwar auch dann, wenn sich Nietzsches speziellere Behauptung als falsch erweisen sollte, die christliche Moral und insbesondere die christliche Liebe seien die feinste Blüte des Ressentiment (vgl. Scheler, 1915, S. 45).

#Was lässt sich aus dem Begriff für das eigene Leben fragen?

Aus dem Begriff lässt sich vor allem fragen, woher eine eigene Wertung kommt. Für das philosophische Gespräch schlägt dieser Eintrag vor, das Ressentiment als Frage an die eigenen Wertungen aufzunehmen, nicht als Urteil über andere. Nietzsches Unterscheidung zwischen einem Ja, das aus sich selbst wächst, und einem Nein, das zuerst ein Außerhalb braucht, lässt sich auf Dein eigenes Urteilen übertragen: Sagst Du Ja zu etwas, oder beginnt Dein Wert erst mit dem Nein zu jemand anderem? Wo hältst Du einem Menschen etwas vor, das Du selbst gerne hättest? Und wo ist ein Groll nicht in die Tat gegangen, sondern wird von Dir immer wieder nachgefühlt?

Solche Fragen entscheiden nicht, wer im Recht ist; sie fragen danach, wo Du selbst wertest. Wie Jochen Kirchhoff Nietzsches Ja liest, verfolgt der Eintrag Große Gesundheit; Nietzsche als Diagnostiker des kulturellen Verfalls stellt der Eintrag Nietzsche vor. Wie Nietzsche die Liebe zum Schicksal fasst, verfolgt der Eintrag Amor fati.

#Quellen

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Ressentiment?
Ressentiment ist ein Groll gegen einen Anderen, der nicht in die Tat geht, sondern immer wieder nachgefühlt wird. Max Scheler schreibt, er gebrauche das französische Wort, weil es ihm nicht gelungen sei, es ins Deutsche zu übersetzen; vielleicht sei das deutsche Wort Groll noch am ehesten geeignet, einen Grundbestandteil der Bedeutung zu decken.
Was versteht Nietzsche unter Ressentiment?
In der Genealogie der Moral (1887) beschreibt Nietzsche das Ressentiment von Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der Tat, versagt ist. Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt für ihn damit, dass dieses Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werte gebiert.
Warum nennt Nietzsche den Priester den Richtungs-Veränderer des Ressentiment?
Nach Nietzsche sucht jeder Leidende zu seinem Leid einen schuldigen Täter. Der asketische Priester antwortet ihm, er selbst sei an sich allein schuld, und verändert damit die Richtung des Ressentiment (Genealogie der Moral, Dritte Abhandlung, § 15).
Ist Ressentiment dasselbe wie Neid?
Jochen Kirchhoff nennt das Ressentiment im Gespräch mit Gwendolin Kirchhoff eine eigenartige Form von Neid. Max Scheler zählt den Neid zu den Gemütsbewegungen, die beim Ressentiment an erster Stelle in Betracht kommen, nennt als wichtigsten Ausgangspunkt aber den Racheimpuls.
Wie beschreibt Gwendolin Kirchhoff das Ressentiment des Priesters?
Gwendolin Kirchhoff beschreibt den Priester bei Nietzsche als jemanden, der aus seinem Ressentiment, aus seinem Schlechtweggekommensein, dem anderen etwas vorhalten und ihm Schuldgefühle einpflanzen will. Gerechtigkeit und Fairness beschreibt Nietzsche nach ihrer Darstellung als Ausfluss vitaler Stärke.
Wer hat über Ressentiment geschrieben?
Zu einem Terminus technicus machte das Wort Friedrich Nietzsche in der Genealogie der Moral (1887). Max Scheler veröffentlichte 1912 die Abhandlung „Über Ressentiment und moralisches Werturteil“, die 1915 erweitert als „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“ erschien.

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