Wer heute von einem Informationsfeld spricht, meint in der Regel eines von zwei Dingen: entweder ein esoterisches Konzept, in dem der Kosmos als eine Art kosmische Datenbank fungiert, oder ein technisches Modell, in dem Bewusstsein auf Informationsverarbeitung reduziert wird. Gwendolin Kirchhoff versteht darunter weder eine kosmische Datenbank noch ein Informationsverarbeitungsmodell — sondern die Frage nach der Innerlichkeit des Raumes selbst. Beide Lesarten verfehlen das, worum es philosophisch geht. Die eine mystifiziert Information, die andere entseelt sie. Was zwischen beiden liegt, ist eine ältere und tiefere Frage: Wie teilt sich der Kosmos dem Menschen mit?
#Der Begriff zwischen Esoterik und Computerwissenschaft
Rupert Sheldrake hat mit seinen morphogenetischen Feldern den Gedanken populär gemacht, dass Formen und Verhaltensweisen nicht nur genetisch, sondern durch ein überindividuelles Feld weitergegeben werden; Ervin Laszlo spricht vom Akashischen Feld als einem kosmischen Gedächtnis; David Bohm entwarf mit der impliziten Ordnung eine spekulative Ontologie als Interpretation der Quantenmechanik. Diese drei Konzepte werden in der akademischen Physik und Biologie überwiegend als fringe bis paraphysisch eingeordnet; sie stehen nicht auf demselben methodischen Stand wie die Quantenfeldtheorie oder etablierte Neurobiologie. In Kirchhoffs Lesart werden sie hier nicht als bewährte Naturwissenschaft zitiert, sondern als philosophische Versuche, nicht-lokale Zusammenhänge jenseits rein kausalmechanischer Erklärung zu denken — eine philosophische, keine physikalische Referenz.
Auf der anderen Seite steht das Informationsparadigma der Computerwissenschaft und der neueren Bewusstseinsphilosophie. Hier wird Information als grundlegende Kategorie behandelt: Bewusstsein entsteht durch Informationsverarbeitung, Kommunikation ist Datenaustausch, der Kosmos lässt sich als rechnerische Struktur beschreiben. Joscha Bach formulierte diese Position in der Everlast-AI-Debatte 2026 konsequent: Was wir Bewusstsein nennen, sei letztlich die Informationsverarbeitung eines Systems, das sich seiner eigenen Zustände bewusst werde.
#Warum Information nicht genügt
Gwendolin Kirchhoff lehnt beide Verkürzungen ab. Die Zuschreibung, dass der Kosmos eine Maschine sei, weist sie zurück, weil die Maschine genau diejenigen Qualitäten nicht hat, die der Mensch unmittelbar wahrnimmt: Lebendigkeit und Bewusstsein (vgl. Kirchhoff, G., 2026, Everlast AI Debate). Information im rechnerischen Sinne operiert mit diskreten Einheiten, die gespeichert, kopiert, übertragen werden können. Was dabei verloren geht, ist alles, was sich nicht digitalisieren lässt: die Stimmung eines Raumes, die Atmosphäre einer Begegnung, die Qualität eines Augenblicks.
Eine Mutter, die den Schrei ihres Kindes unter hundert anderen erkennt, verarbeitet keine Daten. Sie nimmt eine Qualität wahr, die sich an kein Messgerät adressiert. Die Tatsache, dass Neurowissenschaftler diese Wahrnehmung in neuronale Korrelate zerlegen können, erklärt nicht, warum es sich auf eine bestimmte Weise anfühlt, diesen Schrei zu hören. Die Erfahrungsqualität bleibt im Informationsmodell eine Leerstelle. Wer alles auf Datenverarbeitung reduziert, handelt sich genau jenes Problem ein, das David Chalmers als hard problem of consciousness formuliert hat: Auch eine vollständige Beschreibung der Informationsflüsse erklärt nicht, warum es subjektives Erleben gibt.
#Schellings Weltseele: Der Kosmos als Mitteilendes
Was Schelling in Von der Weltseele (1798) entwarf, war etwas anderes als ein Informationsfeld im heutigen Sinne. Für ihn ist die Natur kein Speichermedium und kein Rechenwerk, sondern ein durchgängig beseelter Organismus, in dem jede Kraft auf eine Gegenkraft antwortet. Die Weltseele ist das organisierende Prinzip, durch das alles Lebendige in einem inneren Zusammenhang steht. Der Anorganismus, so Schellings These, ist nur der negierte Organismus, das Tote nur das zurückgedrängte Leben.
Jochen Kirchhoff (1944-2025) radikalisierte diese Position. In Was die Erde will (1998) formulierte er die ontologische These, dass Leben ausnahmslos nur aus Leben entsteht, niemals aus Totem. Wenn der Kosmos lebendig ist, dann teilt er sich auch mit. Natur ist ein Eigenlebendiges. Als Eigenlebendiges kann der Mensch mit ihr in Kommunikation treten, und dann antwortet sie (vgl. Kirchhoff, J., passim in den Gwendolin-Jochen-Gesprächen, 2019-2025). Das ist kein mystischer Zusatz zur Naturwissenschaft, sondern eine ontologische Grundentscheidung: Entweder das, was wir wahrnehmen, ist ein Epiphänomen toter Materie, oder es ist Teilhabe an etwas Lebendigem.
#Qualitäten statt Daten
Was Gwendolin Kirchhoff in der Debatte mit Joscha Bach „Informationsfeld” nannte, meint den Erfahrungsraum, in dem der Mensch qualitative Zusammenhänge wahrnimmt. Es gibt intuitive Überschreitungsleistungen im Geist, die eine KI nicht leisten kann, weil sie das Vorhandene rekombiniert, aber nicht das innere Sehen vollzieht, das Nikola Tesla sein rotierendes Magnetfeld buchstäblich schauen ließ, bevor er es baute (vgl. Kirchhoff, G., 2026, Everlast AI Debate). Die Fähigkeit, etwas innerlich zu schauen, was noch nicht existiert, ist kein Rechenvorgang. Sie setzt voraus, dass der Mensch Zugang hat zu einer Dimension, die sich ihm qualitativ mitteilt.
Schopenhauer beschrieb diesen Zugang als einen unterirdischen Gang, eine geheime Verbindung, die den Menschen durch Verrat in die Festung versetzt, die von außen zu nehmen unmöglich ist (vgl. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819). Die Naturwissenschaft steht draußen und misst. Der philosophisch Wahrnehmende findet einen Weg nach innen, weil er selbst Teil dessen ist, was er erkennt. Gleiches wird nur von Gleichem erkannt, wie Schelling formulierte: Wer lebendig ist, erkennt das Lebendige.
Das hat Konsequenzen für das, was hier unter einem Feld verstanden ist. Das Feld, von dem die Rede ist, ist keine physikalische Feldgröße im Sinne der Feldtheorien der modernen Physik, sondern eine phänomenologisch-metaphorische Redeweise: gemeint ist die erlebbare Qualität eines Raumes, die Stimmigkeit oder Unstimmigkeit einer Situation, das, was ein anderer Mensch ausstrahlt, ohne es in Worte zu fassen. Dass der Mensch diese Qualitäten wahrnimmt, ist in Kirchhoffs Deutung Hinweis auf das, was Jochen Kirchhoff das Raumorgan nannte — eine anthropologische These, keine Messgrösse.
#Die verdrängte Frage hinter dem Begriff
Dass der Begriff „Informationsfeld” überhaupt so wirkmächtig geworden ist, in der Esoterik wie in der populären Wissenschaftsrezeption, verweist auf eine Sehnsucht, die er selbst nicht einlöst. Der Mensch ahnt, dass es einen Zusammenhang gibt, der über das rein kausalmechanisch Erklärbare hinauszugehen scheint. Sheldrakes morphogenetische Felder, Laszlos Akashisches Feld, Bohms implizite Ordnung sind philosophisch-spekulative Versuche, diesen Zusammenhang zu benennen; sie gelten in den akademischen Disziplinen, an die sie sich formal anlehnen (Biologie, Quantenphysik), überwiegend als umstritten bis unzureichend begründet. In Kirchhoffs Lesart ringen sie mit einer richtigen Frage, bleiben aber — insofern sie „Information” als einen quasi-physikalischen Stoff behandeln, der gespeichert und verarbeitet werden könne — in der Grammatik des Paradigmas, das sie überwinden wollen.
#Quellen
Kirchhoff, G. (2026). Everlast AI Debate: Gwendolin Kirchhoff vs. Joscha Bach [Video].
Kirchhoff, J. (1998). Was die Erde will. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag.
Kirchhoff, J. (2006). Räume, Dimensionen, Weltmodelle. Klein Jasedow: Drachen Verlag.
Kirchhoff, J. (2021). Schelling: Genie der Naturphilosophie [Video]. Jochen Kirchhoff — In Memoriam, YouTube. https://youtube.com/watch?v=Hw-jL1EER5Q.
Kirchhoff, J. (2023). Leben mit der Weltseele [Video]. Pantheismus TV, YouTube. https://youtube.com/watch?v=5uViHZauN5o.
Schelling, F. W. J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur. Leipzig: Breitkopf und Härtel.
Schelling, F. W. J. (1798). Von der Weltseele. Hamburg: Friedrich Perthes.