Panpsychismus ist eine der wenigen Positionen in der zeitgenössischen Bewusstseinsphilosophie, die das Grundproblem überhaupt ernst nimmt: dass Bewusstsein sich nicht aus bewusstlosem Stoff ableiten lässt. Gwendolin Kirchhoff unterscheidet den akademischen Panpsychismus, der Bewusstsein atomisiert und verteilt, von der Naturphilosophie, die den Kosmos als Ganzes als beseelt versteht. Wer fragt, warum es „etwas ist, wie” ein Lebewesen zu sein — die Formulierung stammt von Thomas Nagel (1974, What Is It Like to Be a Bat?) —, stößt auf eine Grenze, an der materialistische Erklärungen verstummen. Der Panpsychismus antwortet darauf mit einer radikalen These: Bewusstsein ist kein Produkt komplexer neuronaler Verschaltung, sondern ein Grundzug der Materie selbst.
David Chalmers hat diese Grenze als „hard problem of consciousness” formuliert (vgl. Chalmers, 1996, The Conscious Mind): Selbst wenn alle funktionalen, neuronalen und informationsverarbeitenden Prozesse vollständig beschrieben wären, bliebe ungeklärt, warum es sich auf eine bestimmte Weise anfühlt, rot zu sehen, Schmerz zu empfinden oder einen Gedanken zu denken. Der Panpsychismus versucht, dieses Problem zu umgehen, indem er die Prämisse ändert: Wenn Erfahrung bereits auf fundamentalster Ebene vorhanden ist, muss sie nicht mehr aus Nicht-Erfahrung entstehen.
#Eine richtige Intuition — und ihre Schwäche
Die Intuition des Panpsychismus ist korrekt: Bewusstsein kann nicht aus Bewusstlosem entstehen. Diese Einsicht teilt er mit der gesamten naturphilosophischen Tradition. Schelling formulierte sie 1797 als ontologisches Prinzip: Die Natur soll der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur sein (vgl. Schelling, 1797, Ideen zu einer Philosophie der Natur). Für Schelling ist die Frage, wie aus toter Materie Bewusstsein entsteht, keine Frage — sie stellt sich gar nicht, weil die Trennung von Geist und Materie eine Abstraktion ist, die der Wirklichkeit nicht entspricht.
Der zeitgenössische Panpsychismus, wie ihn Philip Goff (2019, Galileo’s Error) vertritt, greift diese Tradition auf, bleibt aber auf halbem Weg stehen. Er schreibt jedem physikalischen Partikel eine „Proto-Erfahrung” zu — eine winzige, elementare Form von Innerlichkeit. Ein Elektron hat demnach keine Gedanken und keine Gefühle, aber irgendeine rudimentäre Erfahrungsqualität. Bewusstsein, wie wir es kennen, wäre dann das Ergebnis der Kombination unzähliger solcher Mikro-Erfahrungen.
Hier liegt das erste Problem. Es heißt in der Philosophie „Kombinationsproblem”: Wie entsteht aus Milliarden winziger Erfahrungsfetzen ein einheitliches Bewusstsein? Wie wird aus dem diffusen Proto-Erleben eines Elektrons das Erleben eines Menschen, der Schmerz empfindet, eine Fuge von Bach hört, über den eigenen Tod nachdenkt? Der Panpsychismus verteilt Bewusstsein auf alles — und verliert dadurch die Einheit des bewussten Erlebens.
#Was der Panpsychismus nicht sieht
Der tiefere Mangel des Panpsychismus liegt nicht in einem technischen Problem, sondern in einer ontologischen Blindstelle. Er denkt Bewusstsein als Eigenschaft — als etwas, das Dingen zukommt, wie Masse oder Ladung. Das Elektron „hat” Proto-Erfahrung, so wie es Spin „hat”. Diese Denkfigur bleibt dem Rahmen verhaftet, den sie überwinden will: Bewusstsein wird wie eine weitere physikalische Eigenschaft behandelt, nur eben eine seltsame.
Für die Naturphilosophie in der Tradition von Schelling und Kirchhoff ist Bewusstsein keine Eigenschaft, die der Materie zukommt. Es ist das Wesen der Wirklichkeit selbst. „Alles im Universum ist beseelt”, zitiert Jochen Kirchhoff die Grundthese Schellings — aber er fügt hinzu: „Zum Organismus gehört das organisierende Prinzip des Geistes. Das Prinzip Leben ist allgegenwärtig im Kosmos” (Kirchhoff, J., 2021, Schelling: Genie der Naturphilosophie). Das ist mehr als die Behauptung, dass alles ein bisschen Erfahrung hat. Es ist die Behauptung, dass der Kosmos als Ganzer lebendig ist und dass diese Lebendigkeit sich selbst organisiert.
#Von der Eigenschaft zur Beziehung
Der entscheidende Schritt über den Panpsychismus hinaus liegt in der Frage, ob Innerlichkeit bloß vorhanden ist oder ob sie kontaktiert werden kann. Die Innerlichkeit, die der Panpsychismus der Materie zuschreibt, ist stumm. Sie ist da, aber sie spricht nicht. Ein Elektron erfährt nach panpsychistischer Auffassung irgendetwas, aber niemand kann mit ihm in Beziehung treten.
Die naturphilosophische Position, die Gwendolin Kirchhoff vertritt, behauptet mehr: „Natur ist ein Eigenlebendiges. Und als Eigenlebendiges kann ich auch mit ihm in Kommunikation treten. Dann antwortet es mir, dann bin ich im Dialog” (Kirchhoff, G., 2024, Was ist Erkenntnis?). Innerlichkeit ist hier nicht stumme Eigenschaft, sondern etwas, das sich mitteilt — in der Wahrnehmung von Stimmigkeit und Unstimmigkeit, im Spüren dessen, was ein Ort, eine Pflanze, ein Gegenüber ausdrückt.
Schelling erkannte dieses Prinzip bereits im Mineralreich: In dem Maße, als wir selbst in uns verstummen, redet die Natur zu uns; auch in Metallen und Steinen ist der gewaltige Trieb zur Bestimmtheit und Individualität unverkennbar (vgl. Schelling, 1797, Ideen zu einer Philosophie der Natur). Der Animismus geht genau diesen Schritt: Er behauptet nicht nur, dass alles Bewusstsein hat, sondern dass alles in einer kommunikativen Beziehung steht — einer Beziehung, die das menschliche Bewusstsein durch das erschließen kann, was Jochen Kirchhoff das Raumorgan nannte.
Novalis drückte dieselbe Einsicht dichterisch aus: „Die Natur wäre nicht die Natur, wenn sie keinen Geist hätte, nicht jenes einzige Gegenbild der Menschheit, nicht die unentbehrliche Antwort dieser geheimnisvollen Frage, oder die Frage zu dieser unendlichen Antwort” (Novalis, 1802, Die Lehrlinge zu Sais). Natur und Mensch stehen in einem Verhältnis von Frage und Antwort — nicht in der Beziehung eines Beobachters zu einem stummen Gegenstand, dem man theoretisch Bewusstsein zuschreibt.
#Warum der Panpsychismus trotzdem zählt
Die Wiederentdeckung des Panpsychismus in der akademischen Philosophie — durch Chalmers, Goff, Strawson und andere — ist ein Zeichen dafür, dass das materialistische Paradigma an seinen eigenen Fragen scheitert. Der Versuch, Bewusstsein aus neuronaler Komplexität abzuleiten, hat nach Jahrzehnten intensiver Forschung keine befriedigende Antwort hervorgebracht. Dass Philosophen heute ernsthaft erwägen, ob Elektronen Erfahrung haben könnten, zeigt die Tiefe der Krise.
Doch die Lösung liegt nicht darin, den Rahmen des Materialismus zu erweitern, indem man ihm eine weitere Eigenschaft hinzufügt. Die Lösung liegt in einem anderen Rahmen. Die Naturphilosophie bietet ihn: einen Kosmos, der nicht aus toten Teilchen besteht, denen man nachträglich Erfahrung zuschreibt, sondern der von Anfang an lebendig ist — durchdrungen von einem Geist, den der Mensch nicht erzeugt, an dem er aber teilhat. Das Leib-Seele-Problem löst sich nicht durch Verfeinerung der Prämissen, sondern durch Revision des Weltbildes.
Wer den Panpsychismus weiterdenkt, landet bei einer Entscheidung: Ist Innerlichkeit ein abstraktes Attribut der Materie oder eine lebendige Wirklichkeit, der man begegnen kann? Die Naturphilosophie wählt das Zweite — und öffnet damit eine Dimension, die der Panpsychismus ahnt, aber nicht betritt.
#Quellen
Chalmers, D. (1996). The Conscious Mind: In Search of a Fundamental Theory. Oxford University Press.
Goff, P. (2019). Galileo’s Error: Foundations for a New Science of Consciousness. Pantheon Books.
Kirchhoff, G. (2019). „Was ist Erkenntnis?” [Video]. Gwendolin Kirchhoff, YouTube. https://youtube.com/watch?v=msqlr1nZLuA.
Kirchhoff, J. (2021). „Schelling: Genie der Naturphilosophie” [Video]. Jochen Kirchhoff — In Memoriam, YouTube. https://youtube.com/watch?v=Hw-jL1EER5Q.
Nagel, T. (1974). „What Is It Like to Be a Bat?” The Philosophical Review, 83(4), S. 435–450.
Novalis (1802). Die Lehrlinge zu Sais. In: Schriften.
Schelling, F. W. J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur.
Schelling, F. W. J. (1798). Von der Weltseele.