Naturphilosophie bezeichnet ein Denken, das die Natur nicht als toten Mechanismus begreift, sondern als lebendigen Kosmos, in dem Geist und Materie nicht getrennt, sondern wesensgleich sind. Nicht die Zerlegung der Natur in messbare Einzelteile führt zur Erkenntnis, sondern die denkende Teilnahme an ihrem lebendigen Zusammenhang.
Was Naturphilosophie bedeutet
Die Naturphilosophie stellt eine Grundfrage, die das moderne wissenschaftliche Denken nicht mehr stellt: Was ist die Natur ihrem Wesen nach? Die herrschende Naturwissenschaft setzt voraus, dass die Natur ein Gegenstand ist, der sich durch Analyse, Messung und mathematische Modellierung erschließen lässt. Die Naturphilosophie bestreitet nicht den Nutzen dieser Methoden, aber sie bestreitet die stillschweigende Annahme, die dahinter liegt: dass die Natur etwas Totes ist, das von außen betrachtet werden kann.
Alles starre Sein in der Natur ist eine Täuschung. Die Dinge als solche sind Ausdruck gehemmter Kräfte, gehemmter Ströme, gehemmter Willensimpulse. In Wirklichkeit gibt es die festen Dinge nicht; es ist ein lebendiges, fluktuierendes Etwas. Die Welt der Erscheinung ist halbreal: real, aber nicht vollkommen real. Das eigentlich Reale ist das Unendliche. Die Erscheinungswelt erhält den Charakter des Wirklichen erst durch die Einbildung des Unendlichen in das Endliche.
Diese Einsicht hat Konsequenzen für die Erkenntnistheorie. Was man erkennt, muss man selber sein. Gleiches wird nur von Gleichem erkannt. Leben kann nur Leben erkennen, Geist nur Geist. Das reine Objekt als Todesobjekt kann gar nicht erkannt werden. Der Mensch erkennt die Welt, weil er in der Tiefe identisch ist mit dem, was er erkennt. Wahrheit ist daher nicht etwas von der Wirklichkeit Verschiedenes; wer in die Wirklichkeit tiefer eindringt, dringt in die Wahrheit ein. Dies widerspricht dem konstruktivistischen Standpunkt, der Wahrheit als bloße Perspektive deutet.
Woher der Begriff kommt
Schelling (1775–1854) formulierte die Naturphilosophie als systematisches Programm. In seinen Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797) und Von der Weltseele (1798) entwarf er ein Denken, in dem die Natur nicht das Andere des Geistes ist, sondern der sichtbare Geist, so wie der Geist die unsichtbare Natur. Die äußere Welt liegt vor uns aufgeschlagen, um in ihr die Geschichte unseres Geistes wiederzufinden. Schwere ist für Schelling keine mechanische Massenanziehung, sondern Manifestation eines Willens zurück in die göttliche Ursubstanz. Er denkt eine subtile Äthertheorie, in der die Kräfte als geistartige Wirklichkeiten verstanden werden, nicht als abstrakte Größen.
Goethe (1749–1832) ging den Weg der Anschauung. Seine Metamorphose der Pflanzen (1790) und seine Farbenlehre (1810) sind keine Ergänzungen zur herrschenden Physik, sondern deren philosophischer Gegenentwurf. Goethe sprach von anschauender Urteilskraft und meinte ein Erkennen, in dem Wahrnehmen und Denken zusammenfallen. Die Natur, schrieb er, füllt mit ihrer grenzenlosen Produktivität alle Räume; alles, was wir böse und unglücklich nennen, kommt daher, dass sie nicht allem Entstehenden Raum geben kann. Das Naturschöne enthält ein Versprechen, das es nicht einlöst: Die Schönheit verbirgt und entbirgt zugleich eine Nähe zum Göttlichen.
Novalis (1772–1801) trieb den Gedanken weiter. Romantisieren, schrieb er, ist eine qualitative Potenzierung: dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein geben. Dies ist keine Projektion, sondern die Wiedergewinnung eines ursprünglichen Sinns, der in der Entzweiung verlorengegangen ist. In seinen Lehrlingen zu Sais (1802) lässt er die Natur als Gesprächspartnerin auftreten, nicht als Objekt der Vermessung.
Jochen Kirchhoff (1944–2025) hat die Naturphilosophie im 20. und 21. Jahrhundert weitergeführt. Sein Denken verbindet Schellings Identitätsphilosophie mit einer kosmologischen Grundlegung. Der Kosmos ist für Kirchhoff kein leerer Raum, in dem tote Materie kreist, sondern ein lebendiges, beseeltes Ganzes, in dem jedes Gestirn ein Ausdruck desselben Weltenwillens ist. In seinen Werken Räume, Dimensionen, Weltmodelle und Die Anderswelt zeigt er, dass die Kritik am Materialismus nicht rückwärtsgewandt ist, sondern die Voraussetzung dafür, die Natur überhaupt als das zu begreifen, was sie ist.
Naturphilosophie in der Praxis
In der philosophischen Begleitung wirkt die Naturphilosophie als Hintergrund, nicht als Thema. Sie bestimmt die Art, wie der Mensch verstanden wird: nicht als isoliertes Subjekt in einer bedeutungslosen Umwelt, sondern als Teil eines lebendigen Zusammenhangs, der ihn trägt und dem er antwortet. Wer in der Erfahrung des Schönen erlebt, dass Subjekt und Objekt ineinander fließen, dass die übliche scharfe Trennung von Innen und Außen in der ästhetischen Begegnung wegfällt, berührt eine Erkenntnisform, die über die analytische Distanz hinausgeht.
Heraklits Logos ist zugleich Weltgesetz, Weltvernunft und Weltstoff, eine lebendige Einheit, die alles durchwaltet. Anders als der begriffliche Logos ist er kein abstraktes Gesetz, sondern ein fließendes Geschehen, das den Menschen ergreift. Die Naturphilosophie steht in dieser Tradition: Sie fragt nicht nach Fakten über die Natur, sondern nach der lebendigen Beziehung des Menschen zur Welt, in der er steht.
Verwandte Begriffe
Die Naturphilosophie bildet den Erkenntnisrahmen, in dem die Denkende Einfühlung ihren Platz hat: Nur weil der Mensch wesensgleich mit dem ist, was er erkennt, ist ein Denken möglich, das zugleich fühlt. Sie verbindet sich mit der Urteilskraft über Goethes anschauende Urteilskraft, die aus der Teilnahme an der Natur, nicht aus der Distanz zu ihr, entsteht. In der Ordnungsarbeit zeigt sich die naturphilosophische Grundeinsicht darin, dass Beziehungssysteme eigene Ordnungen tragen, die nicht willkürlich sind, sondern einer größeren Logik folgen.