Begegnung bezeichnet das Geschehen zwischen zwei Menschen, in dem keiner den anderen zum Objekt macht, sondern beide einander als Du gegenübertreten. Nicht Technik und nicht Methode, sondern ein Ereignis, das sich nicht herstellen, aber ermöglichen lässt.
Was Begegnung bedeutet
Der Mensch ist in seinem Kern ein Beziehungswesen. Die gesamte menschliche Emotionalität entspringt dem Ich-Du-Bezug, nicht dem Ich-Es. In der Familie kommen die elementarsten Du-Bezüge zum Ausdruck, und die Beziehung ist das absolute Zentrum der menschlichen Existenz, aus dem alle Philosophien folgen und alles, was in der Welt sichtbar wird.
Martin Buber (1878–1965) gab dieser Einsicht eine philosophische Sprache. Er unterschied zwei Grundhaltungen, in denen der Mensch der Welt begegnen kann: Ich-Es und Ich-Du. In der Ich-Es-Haltung ist das Gegenüber Objekt, etwas, das beobachtet, benutzt, eingeordnet wird. Das ist unvermeidlich und nicht verwerflich. Aber wenn die Ich-Es-Haltung zur einzigen wird, wenn der andere Mensch nur noch Funktion ist, verödet das Leben, auch wenn es äußerlich funktioniert. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung”, schrieb Buber in Ich und Du (1923), und meinte damit keine Sentimentalität, sondern eine ontologische Aussage: Wirkliches Leben entsteht dort, wo ein Ich einem Du begegnet, ohne Absicht, ohne Programm, ohne die Absicherung einer Rolle.
Bubers zweiter Grundsatz kehrt die gesamte westliche Psychologie um: „Im Anfang ist die Beziehung.” Nicht zuerst das Individuum, dann die Beziehung, sondern zuerst die Beziehung, dann das Individuum. Der Mensch wird am Du zum Ich. Wenn Beziehung primär ist, dann sind Verstrickungen nicht Fehler des Einzelnen, sondern Verzerrungen einer Grundstruktur. Und Lösung ist nicht Trennung, sondern die Wiederherstellung der richtigen Beziehung.
Woher der Begriff kommt
Die Erfahrung, dass Begegnung mehr ist als Kommunikation, durchzieht die philosophische Tradition. Schopenhauer (1788–1860) beschrieb das Mitgefühl als Urphänomen: Im Mitleid begreift der Mensch, dass er der andere auch ist. Das principium individuationis, die Vereinzelung, ist eine Illusion. Mitgefühl durchbricht sie und offenbart die metaphysische Einheit aller Wesen.
Gefühle sind räumliche Entitäten, nicht innerpsychische Zustände. Man fällt in ein Gefühl hinein oder wird davon ergriffen: Die Sprache verrät diese räumliche Qualität. In der Antike war dies selbstverständlich: Der Zorn als Thymos ergreift den Achilles als reale Kraft. Hermann Schmitz bestätigt in seiner Leibesphänomenologie die räumliche Natur der Gefühle. Stimmungen können ganze Gesellschaften ergreifen, und der moderne Mensch unterschätzt diese räumliche Dimension.
In der Erfahrung des Schönen fließen Subjekt und Objekt ineinander. Die übliche scharfe Trennung von Innen und Außen fällt in der ästhetischen Begegnung weg. Schönheit ist eine Erkenntnisform, die über die analytische Distanz hinausgeht und die Einheit von Erkennendem und Erkanntem offenbart. Die Begegnung mit dem Schönen ist daher kein ästhetisches Vergnügen, sondern ein Erkenntnisakt.
Begegnung in der Praxis
Der Raum hat die Eigenschaft, Nähe herzustellen; er ist Kontaktfläche. In der Aufstellungsarbeit wird dies erlebbar: Im Raum stehen Menschen in Beziehung zueinander, und der Raum selbst vermittelt diese Beziehung. Nähe und Distanz sind räumliche Qualitäten, nicht nur psychologische Kategorien.
Jede Bindung stirbt unter Schmerzen in einer Trennung. Die Bindungsenergie hat ein Eigenleben: Sie hat keiner geschaffen, sie lebt von sich alleine und hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Deswegen sind Bindungen eine ernste Angelegenheit. In Paarbeziehungen muss Geben und Nehmen ausgeglichen sein. Eine gelingende Beziehung lebt von wechselseitiger Großzügigkeit, einem kleinen Überschuss. Gibt einer dauerhaft mehr, setzt er sich in die Elternrolle und zerstört die Partnerschaft.
In der philosophischen Begleitung ist Begegnung nicht Nebeneffekt der Arbeit, sondern ihr eigentlicher Inhalt. Was therapeutische Verfahren durch den Rahmen der professionellen Beziehung leisten, geschieht auch hier. Der Weg ist ein anderer: Nicht die Rolle schafft den Rahmen, sondern die Bereitschaft, sich wirklich einzulassen, mit allem, was das fordert.
Verwandte Begriffe
Begegnung setzt die Denkende Einfühlung voraus: Ohne ein Denken, das fühlt, bleibt das Gegenüber Objekt. In der Ordnungsarbeit stellt Begegnung her, was im Leben nicht stattgefunden hat: zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lebenden und Toten, zwischen dem Gesagten und dem Verschwiegenen. In der Philosophischen Begleitung ist Begegnung die tragende Qualität des Gesprächs, nicht Methode, sondern Geschehen.