Schellings Naturphilosophie denkt die Natur als lebendigen Organismus, in dem Geist und Materie eine untrennbare Einheit bilden, nicht als toten Mechanismus, der von aussen berechnet wird.
Schlüsselmomente
#Schelling — Das Genie der Naturphilosophie
Im November 1841 betrat Friedrich Wilhelm Joseph Schelling den Hoersaal der Berliner Universität, um seine Antrittsvorlesung zu halten. Unter den Zuhörern sassen Friedrich Engels, Soeren Kierkegaard und der Anarchist Bakunin. Sie erwarteten einen Befreier, jemanden, der die erstarrte Philosophie aufbrechen wuerde. Was sie stattdessen erlebten, war ein alter Mann, der langsam, bedächtig sprach und sich als Vollender der Philosophie präsentierte. Der Hoersaal leerte sich von Vorlesung zu Vorlesung. Schellings späte Berliner Jahre gelten als Scheitern.
Doch das, was er Jahrzehnte zuvor in neun gewaltigen Jahren niedergeschrieben hatte, zwischen 1797 und 1806, als junger Mann von zweiundzwanzig bis einunddreissig, gehört zum Radikalsten, was die europäische Philosophie hervorgebracht hat. Hier liegt sein eigentliches Vermächtnis: eine Naturphilosophie, die den lebendigen Kosmos gegen die tote Abstraktion verteidigt. Wenn Du Dich heute fragst, warum Dein Verhältnis zur Natur so zerrissen wirkt, warum die Welt gleichzeitig messbar und unbegreiflich erscheint, findest Du in Schellings Denken nicht nur eine Diagnose, sondern einen Weg zurück.
#Was ist Schellings Naturphilosophie?
Die Frage klingt einfach. Die Antwort ist es nicht, denn Schellings Naturphilosophie ist keine Theorie, die sich in drei Saetzen zusammenfassen laesst. Sie ist ein Denkansatz, der mit einer entschiedenen Absage an eine bestimmte Auffassung von Natur beginnt.
Vielleicht kennst Du diese Auffassung aus Deiner eigenen Schulzeit: Natur als Gegenstand, der vermessen, berechnet und auf Formeln gebracht wird. Natur als Ressource, die auf ihre Verwertbarkeit hin untersucht wird. Schelling sah in dieser Haltung nicht bloss eine Vereinfachung, sondern eine Verfälschung, die mit seinem Lehrer Fichte einen philosophischen Hoehepunkt erreichte.
Was schrieb Schelling gegen Fichte (Schelling, 1797)? Die Natur soll nur gebraucht, benutzt werden. Ihr ganzes Dasein laeuft auf den Zweck ihrer Bearbeitung und Bewirtschaftung durch den Menschen hinaus, als waere nicht jede Unterwerfung unter menschliche Zwecke eine Toetung des Lebendigen. Der Satz stammt aus dem Jahr 1797. Er trifft die Mentalität unserer Zeit mit einer Schärfe, die erschreckt. Die Natur als blosses Material fuer menschliche Zwecke: was Fichte formulierte, ist die geistige Grundlage dessen, was heute als Smart City, Cyborgisierung und technische Welterlösung wiederkehrt.
Schellings Naturphilosophie setzt dem einen Grundgedanken entgegen, der in einem einzigen Satz verdichtet ist: Die Natur soll der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur sein (Schelling, 1797). Das ist keine poetische Floskel. Es ist eine ontologische Behauptung: Natur und Geist sind nicht zwei getrennte Bereiche, die nachträglich zusammengebracht werden muessen. Sie sind in ihrer Wurzel eins. Wenn Du einen Baum betrachtest, begegnest Du nicht einem stummen Ding, sondern einer Gestalt, in der sich derselbe Geist ausspricht, der auch in Dir denkt. Das System der Natur, schreibt Schelling, ist zugleich das System unseres Geistes. Nur deshalb koennen wir die Natur ueberhaupt erkennen. Waere kein Geist in der Natur, wuerde das menschliche Denken an ihr abprallen wie an einer eisernen Wand.
Diesen Ansatz nannte Schelling Realidealismus: einen realistischen Idealismus innerhalb des Deutschen Idealismus, der die materielle Welt als Selbstoffenbarung des Geistes versteht (Schelling, 1800). Die aeussere Welt liegt vor uns aufgeschlagen, schrieb er mit zweiundzwanzig Jahren, um in ihr die Geschichte unseres Geistes wiederzufinden. In diesem Satz liegt das gesamte Programm seiner Naturphilosophie.
#Warum ist Schelling fuer die Naturphilosophie wichtig?
Schelling ist nicht der einzige Denker, der die Natur als lebendig betrachtete. Giordano Bruno tat es vor ihm, Goethe neben ihm, Jochen Kirchhoff nach ihm. Doch Schelling gab dieser Einsicht zum ersten Mal eine systematische philosophische Form innerhalb des Deutschen Idealismus. Er verband sie mit einer Erkenntnistheorie, einer philosophischen Kosmologie und einer Kritik der mathematischen Naturwissenschaft, die in ihrer Radikalität bis heute nachwirkt. Drei Beiträge ragen heraus.
Sein erster systematischer Beitrag war die Kritik an der mathematischen Abstraktion. Schelling verglich die mathematische Beschreibung der Natur mit dem Versuch, die Werke Homers zu erfassen, indem man die Zeichen zaehlt (Schelling, 1797). Von der inneren Bewegung weiss man gar nichts. Natürlich koenne man die Bewegung der Gestirne mathematisieren, aber man habe letztlich nichts vom Eigentlichen verstanden. Natura Naturans, das innere Streben der Natur, muss verstanden werden. Sonst ist es keine Naturwissenschaft.
Sein zweiter Beitrag war der Gedanke der organischen Einheit aller Naturkräfte. Schelling postulierte einen Ur-Kraft-Zusammenhang, der sich durch verschiedene Wandlungsstufen entfaltet (Schelling, 1798). Es war kein Zufall, dass der daenische Physiker Hans Christian Oersted, ein Schelling-Leser, die Ablenkung einer Magnetnadel im elektrischen Feld entdeckte. Dieses Experiment begründete den Elektromagnetismus. Schelling hatte den Zusammenhang von Elektrizität und Magnetismus philosophisch vorweggenommen, Jahre bevor Faraday ihn experimentell bestätigte.
Sein dritter Beitrag, vielleicht der kuehnste, war die Aufhebung der Grenze zwischen lebendig und tot. Alles starre Sein in der Natur, schrieb er, ist eine Taeuschung (Schelling, 1797). Die Dinge als solche sind Illusionen, Ausdruck gehemmter Kräfte, gehemmter Ströme, gehemmter Willensimpulse. Die Festigkeit der Materie ist kein Urzustand, sondern ein Ergebnis gehemmten Wollens. Der Anorganismus ist nur der negierte Organismus, das Tote nur das zurückgedrängte Leben. In starre Bande geschlagen liegt es in den toten Ueberresten der wahren Substanz.
Kein Physiklehrbuch wuerde das so formulieren. Und doch hat die moderne Physik laengst bestätigt, dass nur ein winziger Bruchteil der Materie tatsächlich fest ist. Der Rest ist Energie, Feld, Bewegung. Was Schelling meinte, war noch radikaler: dass dieses Feld kein toter Mechanismus ist, sondern dass ihm Geist innewohnt. Das Organische ist das Primäre, das Mechanische das Abgeleitete. Wenn Du einen Stein in der Hand haeltst, haeltst Du nicht einfach tote Materie, sondern gehemmtes Leben, zurückgedrängtes Streben, das auf seine Weise an der lebendigen Ordnung des Ganzen teilhat.
#Was hat Schelling mit lebendiger Natur zu tun?
Hier trennt sich Schellings Denken endgültig von dem, was der akademische Betrieb unter Naturphilosophie versteht. Fuer Schelling war die Natur kein Gegenstand der Betrachtung, den man von aussen analysiert. Sie war ein lebendiges Gegenüber, das sich dem offenbart, der in sich selbst verstummt.
In dem Mass, als wir selbst in uns verstummen, redet die Natur zu uns. So formulierte Schelling diese Einsicht (Schelling, 1797). Auch in Metallen und Steinen ist der gewaltige Trieb zur Bestimmtheit und Individualität unverkennbar (Schelling, 1797). Es ist ein Satz, der die denkende Einfühlung als Erkenntnismethode vorwegnimmt. Jochen Kirchhoff hat diesen Gedanken weitergetragen: Jedes echte Denken ist Fuehlen. Fuehlen ist das eigentlich wahre Denken, dass das Denken im Fuehlen stattfindet (Kirchhoff, J., 2022). Es gibt den Unterschied zwischen lebendigen und toten Gedanken. Die einen kreisen wie ein abstraktes Etwas im Verstand, die anderen haben eine Lebendigkeit, die ueber das blosse Vorstellen hinausgeht.
Goethe verstand das sofort — was ihn als Philosophen auszeichnet, ist genau diese Faehigkeit, sich vom Gegenstand belehren zu lassen. Unter all den Philosophen seiner Epoche war Schelling der einzige, gegen den Goethe keine Einwände hatte. Er lud den jungen Mann, der sein Sohn haette sein koennen, nach Jena ein, verschaffte ihm eine Professur, trank Tee mit ihm und redete endlos. Die beiden verband eine gemeinsame Gewissheit: dass die Natur nicht beschrieben, sondern verstanden werden will. Goethe hatte in seiner Farbenlehre gezeigt (Goethe, 1810), dass die Natur sich dem offenbart, der sich ihr ganz aussetzt, nicht dem, der sie in Laborversuche zerlegt. Schelling gab diesem Gedanken die philosophische Architektur. Natur als lebendiger Prozess, als organisches Gedeihen, als Metamorphose, als ewige Schöpfung, die nie zu Ende ist.
Novalis, Schellings Zeitgenosse im Romantikerkreis, gab diesem Gedanken eine eigene poetische Form (Novalis, Die Lehrlinge zu Sais, 1798/1802): Die Natur waere nicht die Natur, wenn sie keinen Geist haette — nicht jenes einzige Gegenbild der Menschheit, nicht die unentbehrliche Antwort dieser geheimnisvollen Frage.
#Der vergessene dritte Weg
Es gibt eine Frage, die hinter Schellings gesamtem Denken steht, eine Frage, die Dich vielleicht selbst umtreibt: Gibt es einen dritten Weg zwischen der Resignation im Realen und dem Abdriften ins unrealistisch Fantastische?
Schellings Antwort war der Deutsche Idealismus in seiner lebendigsten Form: ein Realidealismus, der mit der Wirklichkeit voll in Kontakt geht und trotzdem eine Offenheit hat in die spirituelle Weite. Es braucht die volle Ladung der Aufklärung und des kritischen Geistes, verbunden mit einer forschenden Kontaktaufnahme, die wirklich prüft.
Diese Haltung hat Konsequenzen, die weit ueber die akademische Philosophie hinausreichen. Wer die Natur als toten Mechanismus behandelt, der auf seinen Nutzwert reduziert werden kann, wird, so Jochen Kirchhoffs Fortführung von Schellings Gedanken in der Anti-Geschichte der Physik, früher oder später auch um eine materielle Zerstörung des derart Abgewerteten bemüht sein. Die gedankliche Zerstörung des Kosmos fuehrt langfristig zur Zerstörung der Erde.
Der Gegenentwurf ist kein romantisches Zurück zur Natur. Es ist eine andere Art des Denkens, eine Art, die das Lebendige in den Theorieapparat selbst hineinbringt. Ueberall in der Natur zeigt sich differenzierte Kooperation: ein Zusammenspiel von Gegensätzen, das sich selbst organisiert, von innen nach aussen. Der grundsätzliche Unterschied zwischen dem Organischen und dem Mechanischen liegt genau hier: Das Mechanische wird von aussen nach innen gesteuert, auf menschliche Zwecke hin. Das Organische organisiert sich selbst. Das Organische ist dasjenige, was sich fortzeugt und von seiner Art Dinge hervorbringt. Eine Maschine wird gebaut, sie kann auch eine zweite Maschine bauen. Aber sie kann eine Maschine nicht zeugen. Das ist etwas vollkommen anderes.
#Schelling heute lesen
Wenn Du Dich entschliesst, Schellings Werke zu lesen, stehst Du vor einer Herausforderung. Es gibt kein Hauptwerk. Die Naturphilosophie verteilt sich auf Fragmente, Entwürfe, Vorlesungen: grandios formulierte Passagen neben schwer zugänglichen Abschnitten. Es sind Buecher, in denen man untergehen kann, wie Jochen Kirchhoff es formulierte. Die wunderbaren Stellen muss man suchen. Sie stehen nicht in Leuchtbuchstaben da.
Und doch: Was Du findest, wenn Du suchst, trägt. Es trägt, weil Schelling nicht ein System aufstellte, das man akzeptieren oder ablehnen muss. Er formulierte Grundgedanken. Bei einem Philosophen, schrieb er selbst, muss man dort ansetzen, wo er noch nicht in den Folgen fortgegangen ist. In seinen Grundgedanken. Denn in der weiteren Entwicklung kann er gegen seine eigene Absicht irren.
Sein Grundgedanke ist, dass die Welt, in der Du lebst, weder tote Materie noch blosse Vorstellung ist, sondern die lebendige Selbstoffenbarung eines Geistes, der sich in jedem Naturding ausspricht. Dass der Kosmos, wie Novalis es nannte, romantisiert werden muss — nicht im Sinne einer Beschönigung, sondern einer qualitativen Potenzierung: Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst identifiziert, und man findet den ursprünglichen Sinn wieder.
Die Frage, die Schelling Dir hinterlässt, ist keine historische. Sie richtet sich an Dich: Was geschieht mit Dir und mit der Welt, wenn Du aufhörst, die Natur von aussen zu betrachten, und anfängst, sie von innen zu verstehen?
Solange ich selbst mit der Natur identisch bin, schrieb Schelling, verstehe ich, was lebendige Natur ist, so gut, als ich mein eigenes Leben verstehe. Sobald ich aber mich und mit mir alles Ideale von der Natur trenne, bleibt mir nichts uebrig als ein totes Objekt. Und ich hoere auf, zu begreifen, wie ein Leben ausser mir moeglich ist (Schelling, 1797, Ideen zu einer Philosophie der Natur, Einleitung).
Vielleicht merkst Du, dass in diesem Satz bereits Deine eigene Erfahrung aufgehoben ist: das Staunen, das Dich ergreift, wenn Du einem Naturding wirklich begegnest, ohne es sofort einzuordnen. Schelling gibt diesem Staunen seinen philosophischen Grund.
Wenn Du Dich dieser Frage stellen moechtest, nicht als akademische Uebung, sondern als lebendige Erforschung Deines eigenen Denkens, findest Du einen Raum dafür in der philosophischen Konsultation.
#Quellen
- Goethe, J. W. v. (1810). Zur Farbenlehre. Tübingen: Cotta.
- Kirchhoff, J. (2022). Schelling — Das Genie der Naturphilosophie. YouTube: Jochen Kirchhoff.
- Novalis (1802). Die Lehrlinge zu Sais. In: Novalis Schriften, hrsg. v. Friedrich Schlegel u. Ludwig Tieck. Berlin: Buchhandlung der Realschule.
- Schelling, F. W. J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur. Leipzig: Breitkopf und Härtel.
- Schelling, F. W. J. (1798). Von der Weltseele. Hamburg: Friedrich Perthes.
- Schelling, F. W. J. (1800). System des transzendentalen Idealismus. Tübingen: Cotta.
- Schelling, F. W. J. (1809). Über das Wesen der menschlichen Freiheit. Landshut: Philipp Krüll.