Existenz & Erkenntnis Konsultation

Neid: Blind für den eigenen Platz

Neid macht, so beschreibt es Gwendolin Kirchhoff, blind für den eigenen Platz: Man möchte plötzlich den Platz des anderen haben. Max Scheler leitet den Neid aus einem Ohnmachtsgefühl ab, Spinoza sieht ihn nur unter Gleichen.

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Neid macht, so beschreibt es Gwendolin Kirchhoff, blind für den eigenen Platz: „du wirst ja blind für deinen eigenen Platz und möchtest plötzlich den Platz des anderen haben“ (Kirchhoff, G., 2026, „Addictive Programming Live“, 3:19:15). Vielleicht kennst Du diesen Moment: Einer Kollegin gelingt, worum Du Dich selbst bemühst, oder das Leben eines Freundes wirkt leichter als Deines, und auf einmal bist Du neidisch und schaust nur noch auf seinen Platz. Dieser Essay folgt Gwendolin Kirchhoffs Beschreibung des Neides, ihrem Gespräch mit Jochen Kirchhoff über das Ressentiment und drei Stimmen aus der Tradition: Baruch de Spinoza, Max Scheler und Johann Wolfgang von Goethe.

#Was ist Neid?

Neid im gewöhnlichen Wortsinn entspringt nach dem Philosophen Max Scheler (1874–1928) aus dem Gefühl der Ohnmacht, ein Gut zu erlangen, das ein Anderer besitzt (vgl. Scheler, 1915, S. 61). Zum Neid wird diese Spannung zwischen Streben und Ohnmacht erst, wo sie sich in einem Hassakt oder in einer gehässigen Haltung gegen den Besitzer entlädt (vgl. ebd.). Der Andere und sein Besitz werden dann, durch eine Täuschung, als Ursache des eigenen Nichtbesitzes erlebt (vgl. ebd., S. 61 f.). Scheler grenzt den Neid von der bloßen Unlust ab: „Bloße Unlust daran, daß ein Anderer das Gut besitzt, das ich erstrebe, ist nicht »Neid«“ (ebd., S. 62). Sie sei ebenso Motiv, das Gut oder ein gleiches auf irgendeine Art zu erwerben, etwa durch Arbeit oder Kauf (vgl. ebd.). Erst wo dieser Versuch misslingt und das Ohnmachtsbewusstsein einsetzt, entspringt nach Scheler der Neid (vgl. ebd.). Darum hält er es für einen völligen Irrtum, den Neid als Triebkraft der Entwicklung der Zivilisation hinzustellen: „Der Neid spannt nicht, sondern entspannt den Willen zum Erwerb.“ (ebd.)

Älter ist die Bestimmung Spinozas. In der deutschen Ausgabe seiner Ethik, nach der hier zitiert wird, steht in der Definition das Wort Mißgunst: „Mißgunst ist Haß, sofern er den Menschen so erregt, daß er sich über das Glück eines andern betrübt und sich dagegen über das Unglück eines andern freut.“ (Spinoza, 1677, Ethik III, Definitionen der Affekte XXIII; Ausgabe Leipzig 1975, S. 240)

#Wie beschreibt Gwendolin Kirchhoff den Neid?

Gwendolin Kirchhoff beschreibt den Neid als eine Emotion, die blind macht für den eigenen Platz. Im Livestream „Addictive Programming“ mit Aron Morhoff nahm sie im April 2026 die Frage auf, woher der Neid stammt, und antwortete: „Neid ist ja eine sehr interessante Form von Emotion, weil sie so uneigentlich ist“ (Kirchhoff, G., 2026, „Addictive Programming Live“, 3:18:59). Es gebe Schattentore, durch die die Seele gehen kann und durch die sie in einer Form gebunden ist, und auch der Neid sei so eines (vgl. ebd., 3:19:08–3:19:15). Darauf folgt ihr Satz vom Platz: Wer neidet, wird blind für den eigenen Platz und möchte plötzlich den des anderen haben (vgl. ebd., 3:19:15–3:19:19).

Dem stellt sie eine andere Wirklichkeit gegenüber: „Aber in der tieferen Realität ist es so, dass jeder seinen Platz hat, buchstäblich“ (ebd., 3:19:20). In diesem Platz erfülle jeder eine Aufgabe, die niemand sonst ersetzen kann (vgl. ebd., 3:19:24–3:19:34). Dann spricht sie von sich selbst, ausdrücklich ohne falsche Überheblichkeit: Mit Neid habe sie kein Thema und habe nie eines gehabt; mit Stolz habe sie durchaus einmal ein Thema, mit Neid aber nicht und auch nicht mit Gier (vgl. ebd., 3:19:35–3:19:56). Sie führt das darauf zurück, dass sie davon ausgeht, ein Eigenes zu haben und zu sein, und sich darauf konzentriert, dieses Eigene in die Welt zu bringen (vgl. ebd., 3:19:54–3:20:09). „Und dann erübrigt sich der Vergleich mit allen anderen.“ (ebd., 3:20:09) Sie fügt hinzu: „Also ich vermute, dass es damit auch zu tun hat“ (ebd., 3:20:12).

#Was denkt der Neid?

Der Neid denkt, in Gwendolin Kirchhoffs Worten: „wenn ich etwas nicht haben kann, darf es auch der andere nicht haben“ (Kirchhoff, G., 2026, „Addictive Programming Live“, 3:22:13). Sie spricht dabei von wirklich ernsthaftem Neid und hält fest: „es sind üble Dinge geschehen aus Neid“ (ebd., 3:22:20). Sie nennt ihn eine Verdunklung, ein Einfallstor (vgl. ebd., 3:22:23–3:22:26). Vielleicht hätten andere eine entspanntere Sicht auf diese Sache, sagt sie; sie persönlich nicht, weil sie das sehr erschrecke (vgl. ebd., 3:22:28–3:22:35). Sie verweist darauf, in was für Dynamiken man Menschen da nutzen und gegeneinander ausspielen könne, in entsprechenden Regimen, indem man ihren Neid anspricht: „du kannst das haben von dem anderen, dem du das neidest, wenn du dies und das tust für uns“ (ebd., 3:22:45; vgl. 3:22:35–3:22:49). Damit könne man sehr gut korrumpieren, sagt sie (vgl. ebd., 3:22:52–3:22:57).

Auch in ihrem Vortrag über Laozi, Konfuzius und Menzius spricht Gwendolin Kirchhoff vom Neid. Über das, was man in den Geschichten aus dem alten China liest, und die Probleme, die man dort betrachtet hat, sagt sie: „das Hauptproblem, was ich sehe, ist Neid“ (Kirchhoff, G., 2025, „Lao-Tsu, Konfuzius & Menzius“, 53:34). Die Leute seien in diesen Geschichten absolut hemmungslos, aus ihrem Neid heraus Dinge zu tun, und zwar ohne Scham (vgl. ebd., 53:40–53:47). Eine typische Geschichte: Ein junger, begabter Gelehrter kommt an einen Hof und will dort anheuern. Die Minister, die schon dort sind, meinen, wenn er an den Hof komme, würden sie alle gefeuert, weil er sie dann entlasse; und er könne ja alles besser. Dann sorgen sie dafür, dass er im Gefängnis landet (vgl. ebd., 53:49–54:11). Solche Geschichten gebe es am laufenden Meter; sie nennt das menschliche Korruption (vgl. ebd., 54:13–54:20).

#Wen beneiden wir?

Wir beneiden nach Spinoza nur, wen wir für unseresgleichen halten: „Der Mensch beneidet nur seinesgleichen um einen Vorzug.“ (Spinoza, 1677, Ethik III, Lehrsatz 55, Zusatz; Ausgabe Leipzig 1975, S. 222) Spinoza begründet das so: Der Mensch begehrt nichts zu tun, als was aus seiner gegebenen Natur erfolgen kann; eine Tugend, die der Natur eines anderen eigentümlich und der seinigen fremd ist, begehrt er nicht, und er kann einen, der nicht seinesgleichen ist, nicht darum beneiden, wohl aber seinesgleichen, bei dem er eine der seinen gleiche Natur voraussetzt (vgl. ebd., S. 223). Wo wir einen Menschen für seine Klugheit oder Tapferkeit bewundern und hochachten, stellen wir uns nach Spinoza diese Tugenden als ihm eigentümlich vor und nicht als gemeinsame Eigenschaften der Menschennatur:

Im selben Zusammenhang beschreibt Spinoza den Vergleich mit anderen. Wer sich vorstellt, dass seine Handlungen im Vergleich mit den Handlungen anderer schwächer sind, empfindet Unlust; von ihr sucht er sich zu befreien, indem er die Handlungen seiner Nebenmenschen missdeutet oder seine eigenen, so viel er vermag, herausstreicht (vgl. ebd., S. 222). Daraus folgert Spinoza, dass die Menschen von Natur zu Hass und Missgunst geneigt sind, und fügt hinzu, diese Neigung werde durch die Erziehung noch gefördert, weil Eltern ihre Kinder nur durch den Stachel des Ehrgeizes und des Neids zur Tugend anzueifern pflegen (vgl. ebd.).

#Was ist Existenzialneid?

Existenzialneid nennt Max Scheler den Neid, der sich auf das individuelle Wesen und Sein einer fremden Person richtet, und er hält ihn für den Neid, der die stärkste Ressentimentbildung auslöst (vgl. Scheler, 1915, S. 63). Für Scheler führt der Neid erst da und umso mehr zum Ressentiment, als es sich um Werte und Güter handelt, die ihrer Natur nach unerwerbbar sind und gleichwohl in der Sphäre liegen, in der wir uns mit anderen vergleichen (vgl. ebd., S. 62 f.). „Der ohnmächtigste Neid ist zugleich der furchtbarste.“ (ebd., S. 63) Den Existenzialneid lässt Scheler selbst sprechen:

Dieser Neid flüstert gleichsam fortwährend: »Alles kann ich Dir verzeihen; nur nicht, daß Du bist und das Wesen bist, das Du bist; nur nicht, daß nicht ich bin, was Du bist; ja daß »ich« nicht »Du« bin.« (Scheler, 1915, S. 63)

Dieser Neid, so Scheler, entmächtigt die fremde Person von Hause aus schon ihrer bloßen Existenz, die als Druck, als Vorwurf, als furchtbares Maß der eigenen Person empfunden wird (vgl. ebd.). Scheler fährt fort: Es gebe im Leben großer Menschen stets kritische Zeiten, in denen Liebesintention und Neid gegen Andere, die sie ihrer großen Vorzüge wegen schätzen müssen, sie noch abwechselnd durchfluten, bis sich langsam das eine oder das andere fixiert; solche Zeiten habe Goethe im Auge (vgl. ebd.). Scheler zitiert Goethes Satz in abweichendem Wortlaut. In den Wahlverwandtschaften, unter den Aufzeichnungen aus Ottiliens Tagebuch, lautet er:

#Ist Ressentiment eine Form von Neid?

Jochen Kirchhoff nennt das Ressentiment eine eigenartige Form von Neid. Im Gespräch über Nietzsche, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, greift er das Wort auf, das Gwendolin Kirchhoff zuvor benutzt hat (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 23:16–23:20; 23:29): „Ressentiment ist der Neid“, sagt er, „eine eigenartige Form von Neid“ (ebd., 23:40; 23:43). Er fährt fort: Der sieht gut aus, „der ist mächtig, also muss der runter, muss der weg, weil wir sind hässlich und klein“ (ebd., 24:04; vgl. 24:02–24:10). Gwendolin Kirchhoff führt den Gedanken weiter: Die, die ganz unten sind, „sind durch ihr ganz unten sein plötzlich die Guten“, weil sie nicht die Bösen seien (ebd., 24:13; vgl. 24:11–24:17). Das könne man vielfältig auffassen und an Nietzsche zum Teil auch kritisieren, sagt sie; es sei aber auf jeden Fall sehr interessant, was er dazu sagt und womit er da aufzuräumen meint (vgl. ebd., 24:17–24:28).

Max Scheler zählt den Neid zu einem zweiten Ausgangspunkt der Ressentimentbildung (vgl. Scheler, 1915, S. 61). Den wichtigsten Ausgangspunkt sieht er im Racheimpuls (vgl. ebd., S. 49).

#Wie lässt sich Neid überwinden?

Um diese Neidthematik zu überwinden, brauche man Praxis und Kontakt: Das sagt Gwendolin Kirchhoff im Anschluss an ein Beispiel, die Kogi, die nach ihrer Darstellung eine solche Praxis haben (vgl. Kirchhoff, G., 2026, „Addictive Programming Live“, 3:20:18–3:22:08). Wer irgendwo eine Gemeinschaft aufziehe, bei dem komme Neid irgendwann vor, und das könne sehr destruktive Formen annehmen; spannend sei, wie Kulturen damit umgehen (vgl. ebd., 3:20:25–3:20:36). Bei den Kogi geschehe das in einer Form, die nicht beschämt (vgl. ebd., 3:20:40–3:20:45). Die Kogi, so erzählt sie, ordnen die Quellen der Gedanken Urgeistern zu, und es gebe auch solche, die Neid hervorbringen (vgl. ebd., 3:20:45–3:21:31). Alle zwei Wochen, erzählt sie, halten die Kogi eine Aussprache, in der alle sagen, was sie denken; Neidgedanken würden in einer eigenen Form von Ritualen an Ursprungsorte zurückgebracht (vgl. ebd., 3:21:32–3:21:49). „So gehen sie damit um. Und so halten sie Neid aus ihren Communities raus.“ (ebd., 3:21:51) Das sei eine Praxis, sagt sie (vgl. ebd., 3:21:59–3:22:01).

Auch in ihrer Einführung in die Aufstellungsarbeit spricht Gwendolin Kirchhoff vom Neid. Was sie persönlich aus dieser Arbeit für die Ethik entnimmt, die diese Arbeit lehrt, beginnt mit dem Satz: „man lernt von der Aufstellungsarbeit Respekt, da jeder dazugehört und eine angemessene Anerkennung verdient“ (Kirchhoff, G., 2024, „Systemisches Familienstellen“, 44:17). Man lerne, auf alle Emotionen liebevoll zu blicken, übrigens auch auf so etwas wie Neid, und dafür gebe es den Lösungssatz: „Bitte blick freundlich auf mich, auch wenn ich es besser habe als du“ (ebd., 44:36; vgl. 44:28–44:42). Wenige Sätze später sagt sie über alles, was lebt, es habe eine fundamentale Gleichheit vor dem Leben und „hat seinen ihm angestammten Platz, hat sein Recht und auch sein Recht auf Anerkennung“ (ebd., 45:29). Was Anerkennung in Familien- und Beziehungssystemen bedeutet, beschreibt der Eintrag Anerkennung; wie eine Aufstellung abläuft, die Seite zur Familienaufstellung.

Ob Neid sich so lösen lässt, entscheidet kein Text. Er kann aber eine Frage dorthin lenken, wo Gwendolin Kirchhoff sie stellt: weg vom Platz des anderen, hin zum eigenen. Was Selbstachtung heißt, verfolgt der Eintrag Selbstachtung. Und wenn Du den Neid, der Dich gerade beschäftigt, in einem Gespräch genauer anschauen möchtest, ist das eine Frage, mit der man in einer philosophischen Begleitung beginnen kann: Welcher Platz ist Deiner, und was ist das Eigene, das niemand sonst in die Welt bringt? Und was geschieht, wenn Du dem anderen seinen Platz gönnst?

#Quellen

  • Goethe, J. W. von (1809). Die Wahlverwandtschaften. Zweiter Teil, Fünftes Kapitel („Aus Ottiliens Tagebuche“). Textgrundlage: Projekt Gutenberg.
  • Kirchhoff, G. (2024). „Systemisches Familienstellen (nach Bert Hellinger), eine Einführung – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube, 28.08.2024. https://www.youtube.com/watch?v=Kwd1x1RzNoE (44:17–45:35).
  • Kirchhoff, G. (2024). „Nietzsche und die Große Gesundheit – Ein Gespräch mit Jochen Kirchhoff – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube, 19.10.2024. https://www.youtube.com/watch?v=XS8vCl4BkvI (23:16–24:28; Gesprächspartner: Jochen Kirchhoff).
  • Kirchhoff, G. (2025). „Lao-Tsu, Konfuzius & Menzius – Politische Weisheit in der Chinesischen Philosophie“ [Video]. YouTube, 11.02.2025. https://www.youtube.com/watch?v=SRhjoVeim_8 (53:34–54:20).
  • Kirchhoff, G. (2026). „Addictive Programming Live mit Gwendolin Kirchhoff am 19. April 2026“ [Video]. Livestream mit Aron Morhoff vom 19.04.2026, wiederveröffentlicht auf dem YouTube-Kanal Curcuma – Chris, 16.05.2026. https://www.youtube.com/watch?v=D2RJpbS2SZA (3:18:56–3:22:57).
  • Scheler, M. (1915). „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“. In: Abhandlungen und Aufsätze, Bd. 1. Leipzig: Verlag der Weißen Bücher, S. 39–274. Digitalisat: https://archive.org/details/abhandlungenunda01sche (S. 61–63).
  • Spinoza, B. de (1677). Ethik. Zitiert nach der Ausgabe Leipzig 1975 (Textgrundlage zeno.org), Teil III, Lehrsatz 55 mit Anmerkung und Zusatz (S. 221–223) und Definitionen der Affekte XXIII (S. 240).

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Häufig gestellte Fragen

Was ist Neid?
Neid entspringt nach Max Scheler aus dem Gefühl der Ohnmacht, ein Gut zu erlangen, das ein Anderer besitzt. Zum Neid wird diese Spannung erst, wo sie sich in einem Hassakt oder einer gehässigen Haltung gegen den Besitzer entlädt. Gwendolin Kirchhoff beschreibt den Neid so: Man wird blind für den eigenen Platz und möchte plötzlich den Platz des anderen haben.
Was denkt der Neid?
Gwendolin Kirchhoff fasst den Gedanken des Neides in einem Satz: Wenn ich etwas nicht haben kann, darf es auch der andere nicht haben. Sie nennt den Neid eine Verdunklung und ein Einfallstor und sagt, es seien üble Dinge aus Neid geschehen.
Wen beneidet man?
Nach Spinoza beneidet der Mensch nur seinesgleichen um einen Vorzug. Eine Tugend, die er für eine Eigenheit eines anderen hält, beneidet er so wenig wie die Bäume um ihre Höhe oder die Löwen um ihre Stärke; er bewundert sie.
Was ist Existenzialneid?
Existenzialneid nennt Max Scheler den Neid, der sich auf das individuelle Wesen und Sein einer fremden Person richtet. Er löse die stärkste Ressentimentbildung aus. Dieser Neid könne, so Scheler, dem Anderen alles verzeihen, nur nicht, dass er ist und das Wesen ist, das er ist.
Ist Ressentiment eine Form von Neid?
Jochen Kirchhoff nennt das Ressentiment im Gespräch mit Gwendolin Kirchhoff eine eigenartige Form von Neid. Max Scheler zählt den Neid zu einem zweiten Ausgangspunkt der Ressentimentbildung; zum Ressentiment führe er erst da und umso mehr, als es um Werte und Güter geht, die ihrer Natur nach unerwerbbar sind und doch in der Sphäre liegen, in der wir uns mit anderen vergleichen.
Wie kann man mit Neid umgehen?
Gwendolin Kirchhoff erzählt dazu von den Kogi, die nach ihrer Darstellung alle zwei Wochen eine Aussprache halten und Neidgedanken in Ritualen an Ursprungsorte zurückbringen. Das sei eine Praxis, sagt sie; man brauche Praxis und Kontakt, um diese Neidthematik zu überwinden. In der Aufstellungsarbeit lerne man, sagt sie, auf alle Emotionen liebevoll zu blicken, auch auf so etwas wie Neid; dafür gebe es den Lösungssatz: Bitte blick freundlich auf mich, auch wenn ich es besser habe als du.
Gwendolin Kirchhoff

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