Wie erkennt der Mensch die Welt? Die Frage klingt einfach, doch die Antwort, die eine Kultur darauf gibt, bestimmt alles Weitere — ihr Verhältnis zur Natur, ihre Wissenschaft, ihr Bild vom Menschen selbst. Die akademische Philosophie behandelt Erkenntnistheorie als Fachgebiet unter vielen: eine Disziplin mit eigenen Lehrstühlen, Fachbegriffen und Streitlinien zwischen Rationalismus und Empirismus. Aber wenn Du die Frage, wie Erkenntnis überhaupt möglich ist, ernst nimmst, lässt sie sich nicht in Seminaren einhegen. Sie reicht tiefer als jede Methode.
Was die Schulphilosophie voraussetzt
Im akademischen Betrieb begegnet man der Erkenntnistheorie gewöhnlich als einer Frage nach den Bedingungen gültiger Aussagen. Kant unterschied in der Kritik der reinen Vernunft zwischen dem, was vor aller Erfahrung gilt, den Formen des Verstandes, die er a priori nannte, und dem, was durch sinnliche Wahrnehmung erst entsteht (Kant, 1781). Rationalismus und Empirismus markieren die beiden Pole: Erkenntnis aus reiner Vernunft oder aus Erfahrung. Diese Unterscheidung hat die westliche Epistemologie über zwei Jahrhunderte geprägt und in vieler Hinsicht auch gepresst.
Denn bei aller Differenzierung teilen beide Schulen eine gemeinsame Voraussetzung, die selten als solche benannt wird: die Trennung von Subjekt und Objekt. Der Erkennende steht der Welt gegenüber. Er beobachtet, ordnet, urteilt, doch er berührt das Erkannte nicht, und das Erkannte berührt ihn nicht. Jochen Kirchhoff hat diesen blinden Fleck der modernen Wissenschaft als Subjektblindheit bezeichnet: Die Abkoppelung der Phänomene von der lebendigen Subjekthaftigkeit des Erkennenden (Kirchhoff, 1998). Die herkömmliche Naturwissenschaft verwendet ständig metaphysische Hypothesen, ohne sie als solche kenntlich zu machen. Ihre Prämissen sind selber nicht mehr hinterfragbar. Genau dort beginnt die philosophische Arbeit.
Gleiches wird nur von Gleichem erkannt
Die ältere philosophische Tradition kannte eine andere Erkenntnistheorie. Ihr Grundsatz, der von Empedokles über Platon bis Schelling reicht: Was ich erkenne, muss ich in gewisser Weise selber sein. Platon nannte das Anamnesis, Wiedererinnerung. Die Seele erkennt die Ideen, weil sie ihnen schon vor der Geburt begegnet ist. Erkenntnis ist dann keine Aneignung von Fremdem, sondern Wiedererkennen des immer schon Gewussten.
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling hat diese Einsicht 1800 in seinem System des transzendentalen Idealismus systematisch entfaltet (Schelling, 1800). Das Ich, so Schelling, sei „nichts anderes als Selbstbewußtsein”, und im Selbstbewusstsein liege „ein Streit entgegengesetzter Richtungen”, der ideellen und der reellen Tätigkeit, die „sich wechselseitig voraussetzen” (Schelling, 1800, S. 76). Dieselbe Tätigkeit, die im freien Handeln mit Bewusstsein produktiv ist, sei im Hervorbringen der Welt ohne Bewusstsein produktiv. Natur und Geist sind nicht zwei getrennte Sphären, sondern Ausdrucksformen einer einzigen Tätigkeit. Daraus folgt für die Erkenntnistheorie: Ich kann die Natur verstehen, weil ich ihr nicht gegenüberstehe, sondern ihr angehöre. Solange ich selbst mit der Natur identisch bin, begreife ich, was lebendige Natur ist.
Goethe brachte diesen Gedanken in die konkrete Naturforschung. In der Farbenlehre beobachtete er, wie die geforderten Farben „neben und nach der fordernden leicht erscheinen” und sich gegenseitig steigern, „da wo sie sind” (Goethe, 1810, §59) — ein Phänomen, das nur dem aufmerksamen Auge zugänglich ist, das sich auf den Gegenstand einlässt. Seine Formel der zarten Empirie, „die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird” (Goethe, 1833), beschreibt einen Erkenntnisweg, der die Kluft zwischen Beobachter und Beobachtetem aufhebt. Die anschauende Urteilskraft, die er in der Farbenlehre (Goethe, 1810) und der Morphologie übte, war keine bloße Empfindsamkeit. Sie war ein Erkenntnisvermögen: die Fähigkeit, im konkreten Einzelphänomen das Gesetz zu sehen, ohne es abstrakt herauszuziehen.
Novalis formulierte den gleichen Gedanken in seiner eigenen Sprache: „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten” (Novalis, 1802). Der Sitz der Erkenntnis liegt dort, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Was Du verstehen willst, muss sich in Dir selbst organisch entwickeln.
Denken, das fühlt
In Gwendolin Kirchhoffs philosophischer Arbeit verdichtet sich diese Tradition in einem bestimmten Erkenntnisweg: der Denkenden Einfühlung. Der Begriff verbindet Schellings Einsicht, dass jedes echte Denken zugleich Fühlen ist, mit phänomenologischer Aufmerksamkeit und leiblicher Wahrnehmung zu einer Haltung, die aus der philosophischen Praxis selbst entstanden ist.
Denkende Einfühlung trennt nicht zwischen intellektueller Analyse und leiblichem Eindruck. Sie arbeitet mit der Unterscheidung zwischen lebendigen und toten Gedanken: Es gibt Gedanken, die als abstraktes Etwas im Verstand kreisen, und solche, die eine Lebendigkeit haben, die spürbar ist. Wer Philosophie mit dem ganzen Leib aufnimmt, nicht nur mit dem Verstand, bemerkt etwas, das argumentativ noch gar nicht begriffen wurde. Der Körper erkennt philosophische Wahrheit vor dem Geist. Gwendolin Kirchhoff beschreibt das als ein gesamtleibliches Empfinden: Beim Lesen von Spinozas Ethik (Spinoza, 1677) geht der Atemrhythmus herunter, es entsteht tiefe Konzentration; bei Bruno sprudelt eine Lebendigkeit entgegen; bei Kant zieht sich die Aufmerksamkeit vom Leib weg und verengt sich in einen Ring um den Kopf.
Das ist keine Mystifizierung des Lesens. Es ist eine Erkenntnistheorie, die den ganzen Menschen einbezieht und sich in der Praxis täglich bewährt. In der philosophischen Begleitung entsteht ein solcher gesamtleiblicher Eindruck, und die Arbeit besteht darin, Worte für diesen Gefühlseindruck zu finden.
Warum das keine bloße Philosophiegeschichte ist
Die Frage, wie Erkenntnis möglich ist, hat praktische Konsequenzen. Wer Erkenntnis auf Datensammlung und logische Verarbeitung reduziert, baut Maschinen, die rechnen, aber nicht verstehen. Wer die lebendige Subjekthaftigkeit aus dem Naturverständnis streicht, erzeugt eine Wissenschaft, die ihre eigenen Voraussetzungen nicht mehr reflektieren kann. Die Wissenschaftskritik, die Jochen Kirchhoff formuliert hat, ist im Kern erkenntnistheoretisch: Die Absolutsetzung mathematischer Fiktionen in der theoretischen Physik folgt dem Gesetz der Ideenverschiebung: von der Fiktion zur Hypothese und schließlich zum Dogma (Kirchhoff, 1998).
Die Naturphilosophie bietet eine andere epistemologische Grundlage. Ihr Ausgangspunkt ist die Identität von Natur und Geist, nicht deren Trennung. Wer von dieser Identität ausgeht, fragt nicht: Wie kann ein isoliertes Subjekt eine ihm fremde Welt erkennen? Sondern: Was geschieht, wenn ein Wesen, das zur Welt gehört, sich denkend und fühlend in sie vertieft? Erkenntnis wird dann zu einem Akt der Teilhabe, zu dem, was Goethe „eine Synthese von Welt und Geist” nannte, „welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt” (Goethe, 1833).
Wenn Du Erkenntnistheorie so verstehst, betrittst Du ein Feld, das weder im Rationalismus noch im Empirismus aufgeht. Es ist ein Denken, das die Frage nach der Wahrheit nicht von der Frage nach dem Menschen trennen kann. In dieser Untrennbarkeit liegt seine eigentliche Tiefe.
Quellen
- Goethe, J. W. (1810). Zur Farbenlehre. Tübingen: Cotta.
- Goethe, J. W. (1833). Maximen und Reflexionen. Posthum, in: Goethes Werke, Weimarer Ausgabe.
- Kant, I. (1781). Kritik der reinen Vernunft. Riga: Hartknoch.
- Kirchhoff, J. (1998). Was die Erde will. München: Diederichs.
- Novalis (1802). Heinrich von Ofterdingen. Posthum, in: Novalis Schriften. Berlin: Reimer.
- Schelling, F. W. J. (1800). System des transcendentalen Idealismus. Tübingen: Cotta.
- Spinoza, B. de (1677). Ethica ordine geometrico demonstrata. Posthum, Amsterdam.
Verwandte Begriffe
- Denkende Einfühlung — die Erkenntnisform, die Denken und Fühlen als Einheit praktiziert
- Urteilskraft — das Vermögen, im Konkreten zu erkennen, wofür es kein Schema gibt
- Naturphilosophie — die philosophische Grundlage einer nicht-reduktionistischen Erkenntnislehre
- Wissenschaftskritik — die Prüfung der verborgenen Prämissen moderner Naturwissenschaft