Lexikon

Denkende Einfühlung

Denkende Einfühlung bezeichnet eine Erkenntnishaltung, in der Denken und Fühlen nicht getrennt operieren, sondern als Einheit wirken. Nicht bloßes Mitfühlen, das beim Gegenüber stehen bleibt, und nicht abstraktes Analysieren, das den Gegenstand zerlegt, sondern ein Denken, das sich auf das Wesen des anderen einstimmt, und ein Fühlen, das zur Klarheit drängt.

Was Denkende Einfühlung bedeutet

Wer den Begriff zum ersten Mal hört, denkt vielleicht an Empathie, die Fähigkeit, die Gefühle anderer nachzuvollziehen. Denkende Einfühlung geht einen Schritt weiter. Sie ist nicht nur eine zwischenmenschliche Kompetenz, sondern eine erkenntnistheoretische Haltung: eine Weise, an das heranzukommen, was in einem Menschen tatsächlich wirkt. Der Ausgangspunkt ist phänomenologisch: Was nehme ich aus der Ersten-Person-Perspektive tatsächlich wahr?

Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen lebendigen und toten Gedanken. Tote Gedanken sind rein kopflastig, systemhaft, abstrakt, ihnen fehlt die Verkörperung, die Gefühlskomponente. Das ist nicht gegen Abstraktion an sich gerichtet, denn Denken braucht Abstraktion. Aber es gibt ein Denken, das nur im Verstand kreist, ohne dass es empfunden, gespürt oder leiblich wirksam wird. Lebendige Gedanken dagegen sind verkörpert, sie setzen an, sie werden spürbar, aus ihnen entsteht etwas. Denkende Einfühlung richtet sich auf die lebendigen Gedanken: auf das, was tatsächlich wirkt, nicht auf das, was bloß gedacht wird.

Das Ergebnis ist ein gesamt-leiblicher Eindruck. Das Denken ist nicht als abstraktes Verfahren präsent, sondern im Gefühl. Man empfindet, was gesagt wird, und prüft in sich auf Stimmigkeit und Unstimmigkeit. Dieser Eindruck ist die Grundlage der philosophischen Arbeit: nicht eine Deutung von außen, nicht eine diagnostische Einordnung, sondern ein inneres Resonanzgeschehen, das dem reinen Verstand verschlossen bleibt.

Woher der Begriff kommt

Die Unterscheidung zwischen lebendigen und toten Gedanken findet sich bei den Kogi-Indianern der Sierra Nevada de Santa Marta, die den Unterschied zwischen einem Denken, das lebendig mit der Welt verbunden ist, und einem Denken, das diese Verbindung verloren hat, ins Zentrum ihrer Weltauffassung stellen. Schelling (1775–1854) formulierte aus der europäischen Tradition heraus eine verwandte Einsicht: Er wandte sich gegen eine Philosophie, die das lebendige Werk des menschlichen Geistes in tote Vermögen zerlege (Vom Ich als Princip der Philosophie, 1795). Die Trennung von Denken und Fühlen war für Schelling der Grundirrtum des abstrakten Rationalismus.

Goethe (1749–1832) sprach von denkender Anschauung und beschrieb ein Erkennen, in dem Wahrnehmen und Denken zusammenfallen: dass mein Anschauen selbst ein Denken, mein Denken ein Anschauen sei (Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort, 1823). Die anschauende Urteilskraft, die er beschrieb, meint die Fähigkeit, nicht über die Dinge zu urteilen, sondern aus der Anschauung heraus zu erkennen.

Die spezifische Kombination, die Gwendolin Kirchhoff denkende Einfühlung nennt, ist in dieser Form von niemandem übernommen. Sie verbindet phänomenologische Aufmerksamkeit, die Unterscheidung der Kogi, Schellings Einsicht und Goethes denkende Anschauung zu einer Erkenntnishaltung, die aus der eigenen Praxiserfahrung entstanden ist.

Denkende Einfühlung in der Praxis

In der philosophischen Begleitung zeigt sich denkende Einfühlung als eine bestimmte Qualität des Gesprächs. Die Begleiterin hört nicht nur zu, sie empfängt einen im Gefühl präsenten Eindruck vom Gegenüber, der nach Worten sucht. Die Arbeit besteht darin, für diesen Eindruck Sprache zu finden und dabei fortwährend auf innere Stimmigkeit zu prüfen.

Drei Zugänge lassen sich unterscheiden. Der erste ist logischer Natur: die gedankliche Struktur einer Aussage prüfen, Widersprüche aufzeigen, verborgene Prämissen sichtbar machen. Der zweite ist leiblich: einem Gedanken nachgehen, wie er sich im Körper zeigt, wo er sitzt, ob er eine Form hat, eine Oberfläche, eine Farbe. Ein Klient nimmt einen bestimmten Gedanken wahr wie eine Blase um sich herum, und die Arbeit besteht darin, diese Blase gemeinsam zu berühren, bis sie sich von selbst auflöst und das, was darunter liegt, sichtbar wird. Der dritte Zugang betrifft das Aussprechen: den Unterschied zwischen dem Darüber-Reden und dem tatsächlichen Sagen dessen, was in der Seele wirkt. Ein Mensch sagt: Ich bin ein bisschen enttäuscht. Denkende Einfühlung fragt weiter, und der eigentliche Satz lautet vielleicht: Du hast mich verraten.

Was therapeutische Einfühlung leistet, dass Verborgenes an die Oberfläche tritt und verarbeitet wird, geschieht auch hier. Der Weg ist ein anderer: Nicht Störungskonzepte und diagnostische Kategorien leiten die Wahrnehmung, sondern der Gedanke selbst wird direkt angehoben. Die Philosophin interagiert mit dem Gedanken, der wirkt, und bringt den größeren Kontext mit ein, ontologisch, gesellschaftlich, geistesgeschichtlich, den ein rein biografischer Zugang nicht erschließen würde.

Verwandte Begriffe

Denkende Einfühlung steht in enger Verbindung zum Schichtmodell, dem Prinzip, dass die Wahrheit eine Schicht tiefer liegt als das, was zunächst ausgesprochen wird. Sie setzt das Raumorgan voraus, jenes innere Empfangsorgan, das Jochen Kirchhoff als Bedingung geistiger Wahrnehmung beschrieb und das sich nur in ethischer Offenheit und im Loslassen des Rechthaben-Wollens aktiviert. In der Philosophischen Begleitung ist denkende Einfühlung die tragende Haltung, die das Gespräch ermöglicht, nicht als Technik, die man erlernt, sondern als Erkenntnisform, die sich einstellt, wenn zwei Denkende einander wirklich begegnen.