Nietzsche kritisiert die Naturwissenschaft als Fiktion, die sich für Wahrheit hält. Sein Philosophieren mit dem Hammer trifft die unbefragten Prämissen des mechanistischen Weltbilds — von der Atomistik bis zur Monokausalität.
Schlüsselmomente
Wer Nietzsche liest, begegnet einem Denker, der mit der Abrissbirne arbeitet. Die Moral wird zerlegt, die Religion durchleuchtet, die Metaphysik verabschiedet. Soweit die populäre Lesart. Was dabei fast immer übersehen wird: Nietzsche richtete seinen Hammer auch gegen die Naturwissenschaft. Er traf sie an einer Stelle, die bis heute empfindlich ist.
Vielleicht hast Du selbst schon einmal dieses Unbehagen gespürt, wenn Dir eine wissenschaftliche Erklärung vorgetragen wird, die zwar funktioniert, aber nichts erklärt. Wenn Du merkst, dass hinter den Formeln und Modellen Fragen verschwinden, die die entscheidenden wären. Nietzsche hat dieses Unbehagen ernst genommen. Er griff tiefer als die einzelnen Ergebnisse der Forschung. Er fragte nach den Voraussetzungen, auf denen das gesamte Gebäude ruht, und fand dort Fiktionen, wo andere Fundamente sahen.
Was Nietzsche an der Wissenschaft kritisiert
Die Wissenschaftskritik Nietzsches hat drei Schichten, die man auseinanderhalten muss, wenn man sie ernst nehmen will.
Die erste Schicht betrifft Nietzsches Position innerhalb der Wissenschaft selbst. Er war kein Feind der Naturerkenntnis. Im Gegenteil: Er studierte die physikalischen Debatten seiner Zeit mit einer Aufmerksamkeit, die den meisten Philosophen fehlte. Besonders der dalmatinische Naturforscher Ruggero Boscovich faszinierte ihn. Boscovich hatte bereits im 18. Jahrhundert die Vorstellung materieller Atome, greifbarer und unteilbarer Teilchen, durch ein Modell ausdehnungsloser Kraftzentren ersetzt. Nietzsche sah darin den größten Triumph über die Sinne, der bisher auf Erden errungen worden war. So sein Wortlaut in Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 12 (Nietzsche, 1886): Boscovich habe dem Glauben an den Stoff, an die Materie, an das Erdenrest und Klümpchenatom den Boden entzogen.
Was Nietzsche daran begeisterte, war der Bruch mit dem Augenschein. Wie Kopernikus gezeigt hatte, dass die Erde sich bewegt, obwohl die Sinne das Gegenteil sagen, so zeigte Boscovich, dass die Materie gar keine feste Substanz ist, sondern ein Netz von Kräften. Der Raum wird zum Träger eines Kraftfeldkontinuums, in das Gedanken einfließen, die sich bei Leibniz und Giordano Bruno finden. Nietzsches dynamische Naturphilosophie ist keine bloße Spekulation. Sie ist ein ernsthafter Versuch, die Starrheit des mechanistischen Weltbilds von innen her aufzubrechen.
Kann die Naturwissenschaft die Natur erklären — oder beschreibt sie sie nur?
Die zweite Schicht liegt tiefer. Hier geht es nicht mehr um eine Theorie innerhalb der Wissenschaft, sondern um die Frage, was Wissenschaft zu leisten vermag. Nietzsche gibt eine schlichte, aber wirkungsvolle Antwort: Erklärung ist die Zurückführung des Unbekannten auf etwas Bekanntes. Wer etwas erklären will, muss eine Brücke schlagen zu dem, was der andere bereits kennt. Er muss anknüpfen an das, was schon verstanden wurde.
Und genau hier liegt das Problem. Die Physik kann Phänomene mit erstaunlicher Präzision beschreiben. Sie kann Formeln finden, die stimmen. Sie kann Voraussagen machen und Maschinen bauen. Das ist keine geringe Leistung. Aber es ist noch keine Erklärung. Zwischen Beschreibung und Erklärung liegt ein Abgrund, den die Naturwissenschaft in der Regel stillschweigend überbrückt.
Auch Gustav Robert Kirchhoff, der Physiker des 19. Jahrhunderts, hatte in seinen Vorlesungen zur Mechanik ausdrücklich gesagt: Naturwissenschaft kann nicht erklären, sie kann nur beschreiben. Weil die Beschreibung so raffiniert ist, denken viele, es sei eine Erklärung. Es ist keine.
Was heißt es, dass der Magnetismus die Eisenspäne in eine bestimmte Form bringt? Es wird benannt, aber nicht erklärt. Was ist das Feld? Was ist die Kraft? Was transportiert das Licht durch den Raum? Das sind Fragen, vor denen die Physik bis heute ausweicht, indem sie Begriffe setzt, die das Phänomen zwar ordnen, aber nicht verstehen lassen.
Und da kommt ein Gedanke ins Spiel, der für Nietzsches Wissenschaftskritik zentral ist: die Fiktion. Nietzsche entlarvt, dass viele wissenschaftliche Grundannahmen keine Hypothesen sind, die man prüfen könnte, sondern Fiktionen: Setzungen, die als Wirklichkeit ausgegeben werden. Der Philosoph Vaihinger hat das später in seinem Werk Die Philosophie des Als-Ob (Vaihinger, 1911) systematisch entfaltet: Ehe wir uns versehen, werden Fiktionen zu Hypothesen umgebaut, und plötzlich ist es dann die Wirklichkeit. Plötzlich sind wir in einem Weltbild und sollen uns da zurechtfinden. Dabei hat eine Fiktion die andere gejagt.
Nietzsches Kritik an der Monokausalität
Die dritte Schicht betrifft die Kausalität. Nietzsche bezweifelt den Kausalitätsbegriff der Naturwissenschaft, allerdings auf eine Art, die differenzierter ist, als es auf den ersten Blick scheint. Er lehnt die Kausalität nicht ab, weil er an den reinen Zufall glaubt. Was er kritisiert, ist die Fixierung auf eine einzige, vordergründig abgreifbare Ursache — die Monokausalität. Die Kontexterschließung, die Nietzsche hier praktiziert, legt die unbefragten Prämissen des kausalen Denkens frei.
Diese Kritik ist von erstaunlicher Aktualität. Denke an jede Debatte der letzten Jahre, in der eine einzelne Ursache für ein komplexes Geschehen verantwortlich gemacht wurde: in der Medizin, in der Politik, in der Wissenschaftsgeschichte. Überall dieselbe Verwechslung von Korrelation und Ursache. Das und das soll das und das ausgelöst haben. Aber stimmt das? Was ist die wirkliche Ursache einer Erkrankung, eines gesellschaftlichen Wandels, einer historischen Entwicklung? Nietzsche zeigt: Es ist ein Gesamtphänomen. Die Festnagelung auf einen Schuldigen, auf eine Causa, ist selbst eine perspektivische Verirrung. Wer Ursache und Wirkung verwechselt (und das geschieht, wie Nietzsche in der Götzen-Dämmerung unter dem Titel „Die vier grossen Irrthümer” zeigt (Nietzsche, 1889), gerade im Umgang mit der décadence ständig), der kuriert Symptome und hält die Narkotisierung für Heilung.
An dieser Stelle wird Nietzsches Perspektivismus, den viele nur als erkenntnistheoretische Spielerei kennen, zu einem scharfen diagnostischen Werkzeug. Wer eine Ursache benennt, projiziert. Wer eine Kausalität fixiert, baut eine Fiktion. Und wer genug Fiktionen übereinandertürmt, kann den Irrsinn für Ordnung halten. Wenn Du das nächste Mal hörst, die Wissenschaft habe etwas festgestellt, lohnt es sich, Nietzsches Frage mitzudenken: Was genau wurde hier festgestellt, und was wurde dabei stillschweigend vorausgesetzt?
Was der Hammer trifft — und was er freilegt
Was meint Nietzsche, wenn er davon spricht, mit dem Hammer zu philosophieren? In der Götzen-Dämmerung (Nietzsche, 1889) steht der Untertitel: Wie man mit dem Hammer philosophirt. Der Hammer ist hier kein Werkzeug der Zerstörung, sondern ein Instrument der Prüfung. Wie der Hammer des Arztes, der an das Knie klopft, um den Reflex zu testen. Nietzsche klopft die Götzen ab und hört, ob sie hohl klingen.
Die Götzen der modernen Wissenschaft klingen hohl, wenn man sie mit diesem Hammer prüft: der Gedanke ewiger Naturgesetze, die Absolutheit des Kausalgesetzes, die Fiktion eines leeren Raumes, in dem sich tote Materie bewegt. Die Wissenschaft auf dem Prüfstand zeigt, dass diese Prüfung heute dringlicher ist denn je. Nietzsche benennt das Problem: Naturwissenschaft operiert mit mathematisierten Fiktionen, baut auf ihnen Maschinen, und weil die Maschinen funktionieren, hält man die Fiktionen für wahr. Mein Computer funktioniert, folglich gibt es den Urknall — das ist ein Kurzschluss, den Nietzsche mit Vergnügen seziert hätte.
Darin ist er nicht allein. Goethe, den Nietzsche zutiefst bewunderte und dessen Farbenlehre er wahrscheinlich nie gelesen hat, hatte unermüdlich davor gewarnt, die Natur mit abstrakten Fiktionen erklären zu wollen. Die beiden sind, wie Jochen Kirchhoff es formuliert hat (vgl. Kirchhoff, 2024), die intelligentesten Kritiker des 19. Jahrhunderts auf diesem Feld. Goethe kritisierte die Abstraktion von der lebendigen Anschauung. Nietzsche kritisierte die Abstraktion von der perspektivischen Bedingtheit jeder Erkenntnis. Beides trifft denselben wunden Punkt: eine Wissenschaft, die vergessen hat, dass ihre Grundlagen Setzungen sind und keine Offenbarungen. Jochen Kirchhoff hat es auf die Formel gebracht (Kirchhoff, 2024): Die Naturwissenschaftler interpretieren die Welt nicht voraussetzungslos. Sie interpretieren die Welt nach Maßgabe ganz bestimmter Prämissen, die selber nicht mehr hinterfragbar sind. Der Philosoph zielt darauf, diese Prämissen aufzugreifen.
Nietzsche und die Tradition der lebendigen Naturphilosophie
Hier wird etwas sichtbar, das in der konventionellen Nietzsche-Rezeption fast nie thematisiert wird. Nietzsche lehnte die Metaphysik ab, äußerte sich abfällig über Schelling (vgl. Nietzsche, 1886, Jenseits von Gut und Böse, §11), verspottete auch Schopenhauer, obwohl er ihm viel verdankte. Und doch liegt er, wenn man genauer hinsieht, näher an der deutschen Naturphilosophie, als er selbst wahrhaben wollte.
Sein Gedanke, dass die Welt ein Innen hat, dass hinter den Erscheinungen ein Willenprinzip wirkt, das sich in unzähligen Kraftzentren äußert, ist in der Substanz ein zutiefst naturphilosophischer Gedanke. Schopenhauer hatte es so formuliert: Alles Geschehen in der Natur hat ein Außen und ein Innen. Das Innen ist der Wille. Nietzsche verschärft das zu seinem Willen zur Macht. Dieser meint nicht nur die politische Macht des Gewaltherrschers, sondern eine Urkraft in den Dingen, die sie vorantreibt, steigert, zu höheren Gestalten heranreifen lässt.
Kann man Nietzsches Naturphilosophie in eine Verbindung bringen mit der transzendentalen Naturphilosophie Schellings? Jochen Kirchhoff hat diese Frage über Jahrzehnte verfolgt und bejaht (vgl. Kirchhoff, 2024). Denn wenn der Wille zur Macht als das Innen der Welt gedacht wird, als dasjenige, was in der menschlichen Selbstüberwindung ebenso wirkt wie im Wachstum einer Pflanze oder in der Bindungskraft eines chemischen Elements, dann öffnet sich eine Dimension, die über den Nihilismus hinausweist. Dann steht der Mensch über seine Willenskräfte in einem lebendigen Kontakt mit der Welt — eine Einsicht, die in der Frage nach dem Weltenwillen als kosmischem Prinzip ihre volle Tragweite entfaltet. Nicht als isoliertes Subjekt in einer toten Maschinerie, sondern als Teil eines Kraftzusammenhangs, der ihn trägt und den er mitgestaltet.
Das ist es, was Alwin Mittasch als Nietzsches allhaft kosmische Zielsetzung bezeichnet hat (Mittasch, 1952). Es ist die Einsicht, dass Selbstüberwindung und kosmisches Geschehen keine getrennten Bereiche sind, sondern Ausdrucksformen desselben Willens. Dante hat es in der Divina Commedia auf eine Formel gebracht, die über Nietzsche hinausweist: L’amor che muove il sole e l’altre stelle — es ist die Liebe, die die Sonne und die anderen Sterne bewegt. Was Nietzsche als Willen zur Macht denkt, lässt sich, gegen seinen eigenen Widerstand, auch als jene Kraft lesen, die bindet, hält, zur Fürsorge bewegt. Nicht nur die Kraft, die überwältigt, sondern auch die, die aufbaut.
Was wir von Nietzsche lernen können — und wo er nicht weiterführt
Nietzsches Wissenschaftskritik ist ein Geschenk an jeden, der bereit ist, die Grundlagen des eigenen Denkens zu befragen. Sein Misstrauen gegen Absolutheitsansprüche, seine Entlarvung von Fiktionen, die sich als Tatsachen ausgeben, seine Kritik an der Monokausalität: das alles ist nicht gestrig, sondern von einer Dringlichkeit, die in einer Zeit der algorithmischen Welterklärung eher zunimmt. Wenn Du die Prämissen hinterfragst, auf denen Dein eigenes Weltbild ruht, nicht aus Destruktivität, sondern aus dem Wunsch nach Redlichkeit, dann stehst Du in einer Tradition, die Nietzsche mit begründet hat.
Und doch bleibt Nietzsche an einem entscheidenden Punkt stehen. Er sieht die Krankheit klar, klarer als die meisten Diagnostiker vor und nach ihm. Aber er hat, wie Jochen Kirchhoff es einmal formuliert hat (Kirchhoff, 2024), keinen Kosmos, in den er sich stellen kann. Seine Ablehnung der Metaphysik schneidet ihn von dem Boden ab, auf dem eine wirkliche Alternative zum mechanistischen Weltbild wachsen könnte. Der Hammer prüft, aber er baut nicht.
Was Nietzsche aufbricht, führen andere weiter: Goethe in seiner denkenden Anschauung, Schelling in seiner Philosophie der lebendigen Natur, Jochen Kirchhoff in der Verbindung von Wissenschaftskritik und kosmologischem Denken. Nietzsche steht am Anfang einer Frage, die noch nicht beantwortet ist: Was wäre eine Erkenntnis, die den Menschen nicht von der Welt trennt, sondern ihn tiefer in sie hineinführt?
Wer diese Frage als die eigene erkennt, hat bereits begonnen, mit dem Hammer zu philosophieren. Der Hammer prüft die Götzen — aber Dein Ohr muss hören können, ob sie hohl klingen.
Quellen
- Kirchhoff, J. (2024). Nietzsche als Wissenschaftskritiker — Mit dem Hammer philosophieren. YouTube: Gwendolin Kirchhoff [tP9zNqZG5pI].
- Mittasch, A. (1952). Friedrich Nietzsche als Naturphilosoph. Stuttgart: Kröner.
- Nietzsche, F. (1882). Die fröhliche Wissenschaft. Chemnitz: Schmeitzner.
- Nietzsche, F. (1886). Jenseits von Gut und Böse. Leipzig: Naumann.
- Nietzsche, F. (1889). Götzen-Dämmerung. Leipzig: Naumann.
- Nietzsche, F. (1901). Der Wille zur Macht (Nachlass). Leipzig: Naumann.1
- Vaihinger, H. (1911). Die Philosophie des Als-Ob. Berlin: Reuther & Reichard.
Footnotes
-
Der Wille zur Macht ist keine von Nietzsche autorisierte Schrift, sondern eine posthume Kompilation aus seinen Notizbüchern, zusammengestellt von Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast. Die Philologen Giorgio Colli und Mazzino Montinari wiesen nach, dass die Auswahl und Anordnung der Fragmente redaktionelle Konstruktionen sind. Im vorliegenden Artikel wird der „Wille zur Macht” vorwiegend als philosophisches Konzept behandelt, nicht als Werkzitat. ↩