Deutsche Denktradition Konsultation
Was wollte Nietzsche wirklich? Eine philosophische Neubetrachtung
Nietzsche las die Vernünftigkeit um jeden Preis als eine Krankheit, die sich für ihre Heilung hält. Seine eigene Antwort war die Bejahung.
Was Friedrich Nietzsche (1844–1900) wollte, hat er nach Jochen Kirchhoff selbst immer wieder gesagt, „ganz eindeutig, nämlich die Umwertung aller Werte“ (Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 16:08–16:13; vgl. 15:52–16:13). Gwendolin Kirchhoff hat ihren Vater, den Philosophen Jochen Kirchhoff, in der Folge „Was wollte Nietzsche?“ seiner Philosophischen Gespräche (2019) nach Nietzsche gefragt; dieser Essay folgt dem Gespräch und zwei weiteren, die die beiden über Nietzsche geführt haben.
Nietzsche — Übermensch, Wille zur Macht, Gott ist tot. Sätze, die so oft wiederholt wurden, dass sie zur Karikatur geronnen sind — zu Schlagworten, die mehr verdecken als sie zeigen. Ein Unbehagen begleitet sie: dass diese Formeln nicht treffen, was Nietzsche wirklich bewegte. Dass etwas Wesentliches in der Rezeption verlorengegangen ist.
Jochen Kirchhoff, der der Frage nach Nietzsche und dem Nationalsozialismus in seinem Buch „Nietzsche, Hitler und die Deutschen“ nachgegangen ist, sagt, er habe es mit großem Widerwillen geschrieben, überzeugt, es gebe überhaupt keine Zusammenhänge, und habe dann einsehen müssen, dass es einzelne Elemente gebe, die man nicht leugnen könne, neben vielen Widersprüchen (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 1:35:15–1:35:40; 1:37:56–1:38:03).
#Was ist der zentrale Gedanke bei Nietzsche?
Eine ganz zentrale Frage ist für Jochen Kirchhoff, was Nietzsche an der modernen Welt, an der modernen Seele problematisch fand; er beantwortet sie mit Nietzsches Diagnose: Die moderne Welt sei, so gibt er Nietzsches Diktum wieder, im Grunde genommen „in der Grundsubstanz nihilistisch“, auch wenn die Werte für sich genommen noch halbwegs aufrechterhalten würden (Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 07:25–07:28; vgl. 07:01–07:37). Man habe ja immer wieder gesagt, Nietzsche sei so eine Art Diagnostiker der modernen Seele gewesen, sagt Jochen Kirchhoff (vgl. ebd., 07:09–07:16).
Wie Nietzsche diagnostiziert, zeigt sein Urteil über Sokrates (Nietzsche, 1889, Götzen-Dämmerung, „Das Problem des Sokrates“). Die sokratische Gleichsetzung von Vernunft, Tugend und Glück nennt er „jene bizarrste Gleichsetzung, die es giebt“ (ebd., 4). Zu Sokrates’ Zeit seien die Instinkte überall in Anarchie gewesen; dazu setzt Nietzsche einen Satz in Anführungszeichen: „Die Triebe wollen den Tyrannen machen; man muss einen Gegentyrannen erfinden, der stärker ist“ (ebd., 9). Sokrates machte, so Nietzsche, aus der Vernunft einen Tyrannen (vgl. ebd., 10).
Was Nietzsche angreift, ist die „Vernünftigkeit um jeden Preis“: das Leben „hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt“, das selbst nur eine Krankheit gewesen sei, „eine andre Krankheit“ (ebd., 11). Die Instinkte bekämpfen zu müssen, „das ist die Formel für décadence“, schreibt Nietzsche; „so lange das Leben aufsteigt, ist Glück gleich Instinkt“ (ebd.).
#Was Nietzsche in der Moral sah
In der moralischen Weltordnung der Religionen sah Nietzsche nach Jochen Kirchhoff den Willen zum Nichts am Werk. Nietzsche unterscheide den Willen zum Nichts und den unerschöpften, zeugenden Lebenswillen, und er habe das Gefühl gehabt, dass in seiner Gegenwart faktisch der Wille zum Nichts vorherrsche (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 12:40–13:14). Er zitiert dazu aus Nietzsches Nachlass und fährt fort, der Wille zum Nichts sei für Nietzsche die gesamte moralische Weltordnung aller Religionen, im Besonderen die des Christentums, aber nicht nur des Christentums (vgl. ebd., 14:15–15:07).
Gwendolin Kirchhoff beschreibt im SYMPOSIUM-Gespräch „Nietzsche und die Große Gesundheit“, was Nietzsche im nihilistischen Willen sehe: einen depressiven Impuls, der die Lebensimpulse vergällt oder unterdrückt; man möchte im Prinzip gar nicht mehr da sein, oder man will etwa dem anderen bestimmte Dinge aufzwingen, weil er Impulse in sich hat, die man nicht sehen will (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 19:13–19:30). Der Priester wolle den anderen beherrschen, sagt sie; das habe Nietzsche wie kaum ein anderer herausgearbeitet, diesen Herrschaftsimpuls und Herrschaftsanspruch im Priester, „der aber meint, er spreche für das Gute oder für Gott oder sonst irgendwen“ (ebd., 19:38; vgl. 19:30–19:42).
Dass damit nicht jede Moral gemeint ist, sagt Gwendolin Kirchhoff im selben Gespräch: Auf Jochen Kirchhoffs Satz, Nietzsche habe unermüdlich betont, dass die Moral auch Verlogenheit sei, antwortet sie: „Eine bestimmte Moral.“ (ebd., 22:25; vgl. 22:17–22:25). Die Umwertung aller Werte nennt Nietzsche in Ecce homo „meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit“ (Nietzsche, 1908, Ecce homo, „Warum ich ein Schicksal bin“, 1). In der Genealogie der Moral stellt er zwei Wertungsweisen gegenüber: Die vornehme Moral wachse „aus einem triumphierenden Ja-sagen zu sich selber“ heraus, die Sklaven-Moral sage „von vornherein Nein“ zu einem Außerhalb (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, I 10).
#Was meint Nietzsche mit „Jenseits von Gut und Böse“?
Mit „Jenseits von Gut und Böse“ meint Nietzsche einen Standpunkt außerhalb des Gegensatzes von Gut und Böse, nicht außerhalb jeder Wertung: Über die Losung seines Buches von 1886 schreibt er ein Jahr später, sie heiße „zum mindesten nicht »Jenseits von Gut und Schlecht«“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, I 17). In Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft unterscheidet er zwei Grundtypen, Herren-Moral und Sklaven-Moral, die in höheren Kulturen bisweilen hart nebeneinander stehen, „sogar im selben Menschen, innerhalb Einer Seele“ (Nietzsche, 1886, Jenseits von Gut und Böse, § 260). In der ersten bedeute der Gegensatz gut und schlecht so viel wie vornehm und verächtlich; der Gegensatz gut und böse sei „anderer Herkunft“ (ebd.): gesetzt, die Gedrückten, Leidenden und Unfreien moralisierten, dann liege dort „der Herd für die Entstehung jenes berühmten Gegensatzes“ (vgl. ebd.). Das böse stamme, so die Genealogie der Moral, „aus dem Braukessel des ungesättigten Hasses“ (Nietzsche, 1887, Zur Genealogie der Moral, I 11); mehr dazu im Eintrag Ressentiment.
Warum Nietzsche gerade Zarathustra sprechen lässt, begründet er in Ecce homo: „Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral: folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt.“ (Nietzsche, 1908, Ecce homo, „Warum ich ein Schicksal bin“, 3). Jochen Kirchhoff sagt im Gespräch „Was wollte Nietzsche?“, Nietzsche nehme Zarathustra, weil dieser, so meine Nietzsche, den Gut-Böse-Dualismus erfunden habe: „Deswegen greift er ihn auf, um nun jenseits von Gut und Böse zu sein.“ (Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 28:15–28:20; vgl. 28:01–28:20). „Aber faktisch ist es so, dass er doch wieder einen Antagonismus plus minus einführt, der in der Welt miteinander kämpft“ (ebd., 28:20–28:27). Eine umfassende Bejahung müsste auch den Gegner bejahen, sonst verfalle man in einen Dualismus; Nietzsche aber bejahe seine Gegner gar nicht, und das sei „ein Grundwiderspruch“ (ebd., 28:31–28:33; vgl. 27:38–28:33). Er selbst, sagt Jochen Kirchhoff, neige der Auffassung zu, dass zwei Grundprinzipien im Kosmos antagonistisch und ewig so seien; Nietzsches Auffassung sei das nicht gewesen (vgl. ebd., 27:50–28:01).
Im SYMPOSIUM-Gespräch sagt Gwendolin Kirchhoff im Anschluss an Jochen Kirchhoffs Bemerkung über das Ressentiment: Die, die ganz unten sind, „sind durch ihr ganz unten sein plötzlich die Guten“, weil sie nicht die Bösen seien (Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 24:13; vgl. 24:11–24:17); das könne man vielfältig auffassen und an Nietzsche zum Teil auch kritisieren (vgl. ebd., 24:17–24:28). Den Zusammenhang seines Denkens zeigt der Eintrag Nietzsche.
#Der unbekannte Naturphilosoph
Dass Nietzsche ein Denker der Natur war, hat Jochen Kirchhoff in einem eigenen Gespräch mit Gwendolin Kirchhoff ausgeführt, „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“ (2022). Die Physik könne nicht erklären, die Naturwissenschaft könne nicht erklären; das sei auch eine wichtige Kritik bei Nietzsche, sagt er dort (vgl. Kirchhoff, J., 2022, „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“, 47:38–47:46). Die Grundfrage, die man auch heute stellen könne, laute, ob die Naturwissenschaft die Natur erklären könne „oder beschreibt sie sie nur?“ (ebd., 47:52–47:54; vgl. 47:46–47:54). Formeln zu finden, die halbwegs stimmen, und Voraussagen zu machen, sei noch keine Erklärung; Nietzsches Antwort auf die Frage, was eine Erklärung sei, nennt Jochen Kirchhoff eine sehr schöne, schlichte: die Zurückführung des Unbekannten auf etwas Bekanntes (vgl. ebd., 47:54–48:15). Das Gespräch verfolgt der Essay Nietzsche als Wissenschaftskritiker.
In Jenseits von Gut und Böse feiert Nietzsche den Naturphilosophen Boscovich, der gelehrt habe, dem Glauben an den Stoff, an die Materie, „an das Erdenrest- und Klümpchen-Atom“ abzuschwören: „es war der grösste Triumph über die Sinne, der bisher auf Erden errungen worden ist“ (Nietzsche, 1886, Jenseits von Gut und Böse, § 12). Jochen Kirchhoff erläutert, Atome seien für Boscovich und auch für Nietzsche ausdehnungslose Kraftzentren, und der Raum werde zum Träger eines Kraftfeldkontinuums (vgl. Kirchhoff, J., 2022, „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“, 34:17–34:56). In einem nachgelassenen Fragment schreibt Nietzsche: „Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese begrenzt und gestaltet.“ (Nietzsche, Nachlass, zitiert nach Der Wille zur Macht, Auswahl Brahn, 1917, Nr. 365). Jochen Kirchhoff nennt das einen ganz zentralen, ganz merkwürdigen Satz und liest ihn so, dass Nietzsche den Raum „wie ein Kraftpaket“ sehe (Kirchhoff, J., 2022, „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“, 55:50–55:52; vgl. 55:20–55:54). Gwendolin Kirchhoff wirft ein, in einem Behälter; nicht unbedingt als Behälter, antwortet er, aber als ein Behälter, der ein Kraftpaket sei. Jeder Raum, den man begrenzt denke, sei letztlich ein Behälter, sagt sie; ein Behälter, aber kein leerer, antwortet er, und sie ergänzt, es könne ein voller Behälter sein (vgl. ebd., 55:54–56:12).
Nietzsche könne, so Jochen Kirchhoff, auf eine Tradition zurückgreifen, die in der deutschen Philosophie doch recht mächtig gewesen sei, die Willensmetaphysik; von Schopenhauer habe er übernommen, dass alles Geschehen in der Natur ein Außen und ein Innen habe, und das Innen sei bei Schopenhauer der Wille (vgl. ebd., 1:29:08–1:29:48). Gwendolin Kirchhoff nennt Spinoza, der Verstand und Wille in eins gesetzt habe; Jochen Kirchhoff führt die Linie noch weiter zurück, zu Meister Eckhart und Jakob Böhme (vgl. ebd., 1:29:48–1:30:11). Die Romantiker, vor allen Dingen Schelling, hätten eine hochintelligente Wissenschaftskritik geliefert, sagt Jochen Kirchhoff; Nietzsche spotte über Schelling und nehme ihn gar nicht ernst, „zu Unrecht“: Er wisse gar nicht, wie sehr er auch in dieser Tradition stehe (ebd., 14:35–14:37; vgl. 14:18–14:43). Ob man Nietzsches Willen zur Macht in einer anderen Begrifflichkeit mit der metaphysischen Naturphilosophie zusammenbringen kann, für die Jochen Kirchhoff Schelling als Beispiel nennt, stellt er als Frage und als eigene These: „Also das halte ich für möglich.“ (ebd., 1:38:06–1:38:09; vgl. 1:36:05–1:38:09). Nietzsche gehöre dann auch zu einer Strömung der deutschen Naturphilosophie, die durchaus auch etwas mit Goethe zu tun habe (vgl. ebd., 1:38:17–1:38:25).
#Der Leib als Gedanke
Wie Nietzsche das Denken mit dem Leib verbindet, beschreibt Jochen Kirchhoff im SYMPOSIUM-Gespräch mit Gwendolin Kirchhoff: Nietzsche sei ein großer Phänomenologe, und er versuche, das Denken mit dem organischen Werden in Verbindung zu bringen: Die Natur denke quasi auch, das organische Werden sei auch ein Denken (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 06:29–06:51). Dann liest er aus Nietzsches Nachlass vor (vgl. ebd., 07:04–07:54). Dort heißt es, der menschliche Leib, „an dem die ganze fernste und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens wieder lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu fließen scheint“, sei ein erstaunlicherer Gedanke als die alte Seele (Nietzsche, Nachlass, zitiert nach Der Wille zur Macht, Auswahl Brahn, 1917, Nr. 436).
Die Seele selbst will Nietzsche nicht abschaffen. Im Kampf gegen die Seelen-Atomistik sei es „ganz und gar nicht nöthig“, die Seele selbst dabei loszuwerden, schreibt er in Jenseits von Gut und Böse; Begriffe wie „Seele als Gesellschaftsbau der Triebe und Affekte“ wollten fürderhin in der Wissenschaft Bürgerrecht haben (Nietzsche, 1886, Jenseits von Gut und Böse, § 12). Was Nietzsche Inspiration nannte, beschreibt er in Ecce homo als Offenbarung, als eine Glückstiefe, „in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt“, sondern als eine notwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses (Nietzsche, 1908, Ecce homo, „Also sprach Zarathustra“, 3). Jochen Kirchhoff liest die Stelle im Gespräch „Was wollte Nietzsche?“ vor (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 1:16:25–1:18:12).
#Nihilismus und Übermensch
Den Begriff Nihilismus habe Nietzsche nicht erfunden, sagt Jochen Kirchhoff, aber er habe ihn in einen bestimmten Kontext gestellt (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 08:15–08:21). Woher das Wort kommt, hat Jochen Kirchhoff recherchiert: Das Wort Nihilismus sei, so liest er aus einem eigenen Buch vor, seines Wissens anderthalb Jahrzehnte nach Kants Kritik der reinen Vernunft zum ersten Mal aufgetaucht, in bewusster Bezugnahme auf dieses Werk (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 08:02–08:07; 08:37–09:08). Kant habe geglaubt, bewiesen zu haben, dass metaphysische Erkenntnisse für die Vernunft unmöglich sind; ein völlig unbekannter Autor namens Jenisch habe die Kantische Vernunftkritik 1796 als Atheismus und Nihilismus bezeichnet (vgl. ebd., 09:16–10:15). Zur Metaphysik führt ein eigener Eintrag.
Den Übermenschen lässt Nietzsche Zarathustra lehren: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.“ (Nietzsche, 1883, Also sprach Zarathustra, Vorrede 3). Jochen Kirchhoff liest den Übermenschen als Nietzsches Begriff für den eigentlichen Menschen; spirituell könne man sagen, „der Mensch, wie er eigentlich gemeint ist“, was er selbst als kosmischen Anthropos bezeichne (Kirchhoff, J., 2019, „Was wollte Nietzsche?“, 33:00–33:03; vgl. 32:50–33:06). Gwendolin Kirchhoff fragt im selben Gespräch: „Also Übermensch hier in diesem Fall als vielleicht Gegenbegriff zum Allzumensch?“ Jochen Kirchhoff antwortet: „Ja, genau.“ (ebd., 1:26:34–1:26:39). Den Übermenschen nennt er zugleich „eine ambivalente Formel“, „eine ganz schwierige Formel, die natürlich zu jeder Art Missbrauch sofort einlädt“ (ebd., 39:08–39:16). Mehr dazu im Eintrag Übermensch.
#Warum seine Fragen drängend bleiben
Wie weit Nietzsches Fragen reichen, zeigt das Gespräch über seine Wissenschaftskritik. Im Gespräch „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“ sagt Jochen Kirchhoff, Nietzsche kritisiere die Kausalität so scharf, wie es zum Teil die frühen Quantentheoretiker getan hätten; eine Akausalität, in der die Dinge zufällig ohne Ursache passieren, würde Nietzsche aber auch wieder ablehnen (vgl. Kirchhoff, J., 2022, „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“, 1:09:28–1:10:04). Gwendolin Kirchhoff überträgt die Kritik auf die Gegenwart: Sie nennt die Verwechslung von Korrelation und Ursache, die man immer wieder kenne (vgl. ebd., 1:10:56–1:11:02), und das Beispiel einer Erkältung: Da werde an einer Ebene eine Ursache, ein Schuldiger fixiert, und alle Umgebungsfaktoren kämen hinzu; es sei ein Gesamtphänomen (vgl. ebd., 1:11:19–1:11:41). Das sei, was Nietzsche als Kritik erst einmal hereinbringe, sagt sie: die Fixierung auf dieses eine Ding (vgl. ebd., 1:11:41–1:11:47).
Den Gedanken Pathogenese statt Fortschritt verfolgt ein eigener Eintrag.
Nietzsches eigene Antwort war die Bejahung. In der Fröhlichen Wissenschaft schreibt er: „Amor fati: das sei von nun an meine Liebe!“ und „ich will irgendwann einmal nur noch ein Jasagender sein!“ (Nietzsche, 1882, Die fröhliche Wissenschaft, § 276). Jochen Kirchhoff nennt im SYMPOSIUM-Gespräch als das, was er selbst von Nietzsche gelernt habe, eine Bejahung grundsätzlich: Alle Neins müssten in ein Ja einmünden (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Nietzsche und die Große Gesundheit“, 37:07–37:13). Wie Nietzsche die Liebe zum Schicksal fasst, verfolgt der Eintrag Amor fati; wie Jochen Kirchhoff Nietzsches Ja als Gesundheit liest, der Eintrag Große Gesundheit.
Die philosophische Beratung steht in einer Tradition, die diese Fragen nicht beantwortet, sondern ernst nimmt — als lebendige Auseinandersetzung mit dem, was Denken, Fühlen und Erkennen heute bedeuten können.
#Quellen
- Kirchhoff, J. (2019). „Was wollte Nietzsche?“ [Video]. Philosophische Gespräche mit Jochen Kirchhoff, Episode 21. YouTube, 14.04.2019. https://www.youtube.com/watch?v=-EcVGcw8LlI (Gesprächspartnerin: Gwendolin Kirchhoff).
- Kirchhoff, J. (2022). „Nietzsche als Wissenschaftskritiker“ [Video]. YouTube, 05.11.2022. https://www.youtube.com/watch?v=tP9zNqZG5pI (Gesprächspartnerin: Gwendolin Kirchhoff).
- Kirchhoff, G. (2024). „Nietzsche und die Große Gesundheit – Ein Gespräch mit Jochen Kirchhoff – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube, 19.10.2024. https://www.youtube.com/watch?v=XS8vCl4BkvI (Gesprächspartner: Jochen Kirchhoff).
- Nietzsche, F. (1882). Die fröhliche Wissenschaft. Chemnitz: Ernst Schmeitzner. Zitiert nach zeno.org (§ 276).
- Nietzsche, F. (1883). Also sprach Zarathustra. Chemnitz: Ernst Schmeitzner. Zitiert nach Projekt Gutenberg (Vorrede 3).
- Nietzsche, F. (1886). Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Leipzig: C. G. Naumann. Zitiert nach Projekt Gutenberg (§ 12, § 260).
- Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral. Leipzig: C. G. Naumann. Zitiert nach zeno.org (Erste Abhandlung, 10, 11, 17).
- Nietzsche, F. (1889). Götzen-Dämmerung. Leipzig: C. G. Naumann. Zitiert nach Projekt Gutenberg („Das Problem des Sokrates“, 4, 9, 10, 11).
- Nietzsche, F. (1908). Ecce homo. Niedergeschrieben 1888, Erstveröffentlichung Leipzig: Insel. Zitiert nach Projekt Gutenberg („Die Geburt der Tragödie“, 1–2; „Also sprach Zarathustra“, 3; „Warum ich ein Schicksal bin“, 1, 3).
- Nietzsche, F. Der Wille zur Macht. Eine Auslegung alles Geschehens. Neu ausgewählt und geordnet von Max Brahn. Leipzig: Alfred Kröner, 1917 (Nr. 2, 365, 436). Posthume Auswahl aus dem Nachlass, keine von Nietzsche autorisierte Schrift.