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Einsamkeit überwinden — womit bist Du eigentlich allein?

Einsamkeit zu überwinden heißt nach Gwendolin Kirchhoff, den Kontaktverlust dahinter ernst zu nehmen: konkret zu benennen, womit Du allein bist, Menschen leibhaftig zu treffen und offenzulegen, was Du im Kontakt zurückhältst.

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Einsamkeit überwinden beginnt nicht damit, mehr Kontakte zu sammeln, sondern mit der Frage, womit Du eigentlich allein bist. Was Menschen als Einsamkeit beschreiben, ist nach der Philosophin Gwendolin Kirchhoff zuerst ein Kontaktverlust — und der lässt sich nur dort beheben, wo Menschen einander leibhaftig begegnen und aussprechen, was sie sonst zurückhalten.

Vielleicht kennst Du den Zustand, ohne ihn Einsamkeit nennen zu wollen. Der Kalender ist voll, im Büro wird geredet, auf dem Telefon laufen Nachrichten ein, am Wochenende gibt es Verabredungen. Und doch kommst Du abends nach Hause mit dem Gefühl, dass niemand weiß, was in Dir wirklich vorgeht. Du bist umgeben von Menschen, und Du bist trotzdem einsam. Dieses Gefühl ist kein persönliches Versagen und keine Laune. Es ist ein genauer Hinweis darauf, dass etwas fehlt, das sich durch noch mehr Termine nicht herstellen lässt.

#Was ist Einsamkeit — und was fehlt eigentlich?

Einsamkeit ist das Gefühl, mit etwas Wesentlichem ohne Kontakt zu sein, und sie misst sich nicht an der Zahl der sozialen Kontakte. Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn die meisten Ratschläge gegen Einsamkeit zählen: mehr soziale Kontakte, neue Kontakte knüpfen, mehr Vereine, mehr Nachrichten. Wer so gegen seine Einsamkeitsgefühle angeht, sammelt oft Begegnungen, in denen das Wesentliche wieder nicht vorkommt. Gwendolin Kirchhoff setzt früher an. Im Podcast „Durch den Nebel” beschreibt der Moderator Laurens Dillmann einen Hunger, den er spüre, wenn er durch die Stadt laufe, das Gefühl, dass im Zusammenleben etwas verloren gegangen sei. Ihre Antwort benennt, was dieser Hunger eigentlich ist:

Der Satz verschiebt die Frage. Wer sich einsam fühlt, fragt gewöhnlich, warum niemand da ist. Wer einen Kontaktverlust bemerkt, fragt, wo die Verbindung abgerissen ist: zu anderen Menschen, zu den eigenen Gefühlen, zu dem Ort, an dem man lebt. Das Gefühl der Einsamkeit ist in diesem Verständnis kein Mangel an Gesellschaft, sondern ein Organ der Wahrnehmung. Es meldet, dass ein Kontakt fehlt, der zum Leben gehört.

Daraus folgt auch, warum Einsamkeit so schwer zu überwinden ist, solange man sie nur als Stimmung behandelt. Eine Stimmung will man loswerden. Einen Kontaktverlust muss man verstehen, bevor man ihn beheben kann. Die erste Frage lautet deshalb nicht: Wie werde ich dieses Gefühl los? Sie lautet: Womit genau bin ich ohne Kontakt?

#Warum fühle ich mich unter Menschen einsam?

Du fühlst Dich unter Menschen einsam, weil Anwesenheit noch kein Kontakt ist. Viele, die sich einsam fühlen, ziehen sich deshalb zurück, weil die vielen Kontakte sie nicht erreichen. Man kann von Kollegen, Nachbarn und Bekannten umgeben sein und trotzdem mit allem Wesentlichen allein bleiben, wenn im Umgang zurückgehalten wird, was innen vorgeht. Gwendolin Kirchhoff beschreibt den Weg aus diesem Zustand deshalb in zwei Schritten, die zusammengehören: Kontakt entsteht, so sagt sie im selben Gespräch, nur, „indem wir uns physisch treffen und anfangen, das offen zu legen, was wir im Kontakt zurückhalten.” (Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 59:20).

Beide Hälften sind wichtig. Das physische Treffen allein reicht nicht, sonst wäre niemand im Großraumbüro einsam. Das Offenlegen allein reicht auch nicht, sonst wäre ein langer Chat so gut wie ein Abend am selben Tisch. Einsam unter Menschen ist, wer zwar dabei ist, aber das Eigentliche draußen lässt: die Sorge, die Freude, den Gedanken, der noch nicht fertig ist.

Warum das so häufig geschieht, hat Gwendolin Kirchhoff in dem Dokumentarfilm „Die geistige Krise unserer Zeit” nüchtern beschrieben. Menschen seien viel damit beschäftigt, einander in der einen oder anderen Form zu manipulieren, und sei es nur, damit etwas auf eine bestimmte Weise wahrgenommen wird. Zu sagen, was wirklich in einem vorgeht, sei eher selten, und gerade darum sei es unmittelbar sinnvoll, Räume des Vertrauens zu schaffen, in denen Menschen einander mitteilen, was in ihnen ist (vgl. Victoria Film Production, 2025, „Die geistige Krise unserer Zeit”, 1:06:45). Einsamkeit unter Menschen ist in diesem Licht keine Frage der Menge, sondern der Offenheit.

#Womit bist Du allein?

„Womit bist Du allein?” ist die Frage, mit der Gwendolin Kirchhoff das diffuse Gefühl der Einsamkeit konkret macht. Sie stellt sie ausdrücklich gegen die allgemeine Klage:

Sie fragt dann konkret nach, womit Menschen allein sind, etwa mit dem, was sie tun müssen, um in dieser Welt zu überleben: „Mit ihrem Überleben alleine, mit ihrem Business alleine oder was auch immer.” (Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 59:37).

Die Frage hat eine unscheinbare Kraft. „Ich bin einsam” beschreibt einen Zustand, gegen den man wenig tun kann. Ich bin mit meiner Arbeit allein, ich bin allein mit der Sorge um meine Eltern, ich bin allein mit einem Gedanken, den niemand in meiner Umgebung versteht: Solche Sätze zeigen, wo der Kontakt fehlt, und damit auch, wo er entstehen könnte. Wer mit dem eigenen Lebensunterhalt allein ist, braucht andere Menschen als jemand, der mit einer geistigen Frage allein ist.

Gwendolin Kirchhoff zieht daraus eine praktische Konsequenz, die sie an sich selbst erprobt hat. Sie nennt es einen der Gründe, warum sie eine Coworking-Gruppe gegründet hat: um mit anderen Selbstständigen genau an dieser Stelle das Leben als gemeinsam und wechselseitig zu erfahren (vgl. Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 59:42). In einem Gespräch mit Alexander von Bismarck hat sie diese Gruppe genauer beschrieben: Jeder arbeite an seiner eigenen Sache, aber man sei zusammen, koche gemeinsam, bringe etwas für die anderen ein und sei kameradschaftlich verbunden mit Menschen, die einen emotional wahrnehmen und denen man mitteilen kann, wie es einem wirklich geht (vgl. Kirchhoff, G., 2025, „Philosophie & Zukunft”, 31:53). Kameradschaft bestimmt sie dort als die Erfahrung, dass gerade dort, wo man sich am isoliertesten fühlt, Zusammenarbeit geschieht (vgl. ebd., 31:16).

Das ist kein Rezept, das jeder übernehmen muss. Es zeigt aber das Prinzip: Die Antwort auf Einsamkeit wird an der Stelle gebaut, an der man allein ist. Und sie muss nicht groß sein. „Man kann sehr viel tun mit Freundeskreisen, wenn man sich ein bisschen darauf einlässt.” (Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 59:54).

#Was ist der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?

Alleinsein beschreibt eine äußere Lage, Einsamkeit das Gefühl, mit etwas Wesentlichem ohne Kontakt zu sein. Beide fallen oft zusammen, aber sie müssen es nicht: Wer allein am Schreibtisch sitzt, kann innerlich verbunden sein, wer auf einem Fest steht, kann einsam sein. Wer Einsamkeit und Alleinsein verwechselt, sucht die Lösung am falschen Ort — er flieht das Alleinsein und bleibt einsam.

Die Tradition hat das Alleinsein nicht nur als Mangel gesehen. Arthur Schopenhauer verteidigte es in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit als Bedingung der Freiheit: Jede Gesellschaft verlange Anpassung, und „wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wann man allein ist, ist man frei.” (Schopenhauer, 1851, Aphorismen zur Lebensweisheit, Kapitel V). Das Argument ist ernst zu nehmen. Wer nie allein sein kann, bleibt abhängig von der Zustimmung der anderen und hört die eigene Stimme nicht mehr.

Friedrich Nietzsche hat eine zweite Unterscheidung hinzugefügt, die dem Gefühl näherkommt. Im dritten Teil von Also sprach Zarathustra spricht die Einsamkeit selbst zu Zarathustra, der unter den vielen Menschen verlassener gewesen sei als je bei ihr: „Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit” (Nietzsche, 1885, Also sprach Zarathustra, „Die Heimkehr”). Verlassenheit erleidet man unter Menschen, Einsamkeit kann ein Ort sein, an dem man bei sich zu Hause ist.

Gwendolin Kirchhoffs Blick nimmt beides auf und verschiebt den Schwerpunkt. Was im Alltag als quälende Einsamkeit erlebt wird, gleicht eher Nietzsches Verlassenheit: dem Zustand, unter anderen zu sein, ohne dass das Eigene Kontakt findet. Das freie Alleinsein, das Schopenhauer lobt, ist davon unberührt. Den buddhistischen Rat, lieber einsam zu wandeln, wenn man auf seinem Weg niemanden findet, der besser ist als man selbst, hat sie im Gespräch mit Laurens Dillmann ausdrücklich relativiert und dagegen den Wert gestellt, auf dem eigenen Weg Gefährten zu begegnen, zu denen man aufschaut. Als ihre eigenen nennt sie Dante oder Giordano Bruno, deren klar formulierte Gedanken sie wieder zu sich selbst zurückrufen (vgl. Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 1:47:10). Allein sein zu können ist eine Fähigkeit. Mit dem Wesentlichen dauerhaft allein zu bleiben, ist ein Verlust.

#Ist Einsamkeit existenziell?

Einsamkeit wird oft als existenzielle Grundbedingung gedeutet, doch Gwendolin Kirchhoff sieht in ihr zuerst einen Kontaktverlust und in der Tiefe den Verlust eines gemeinsamen Weltinnenraums. Die bekannteste Gegenposition stammt aus der existenziellen Psychotherapie. Der amerikanische Psychiater Irvin D. Yalom zählt die Isolation neben Tod, Freiheit und Sinnlosigkeit zu den vier letzten Gegebenheiten menschlichen Daseins und unterscheidet dabei genau: Die zwischenmenschliche Isolation, der Mangel an Verbindung zu anderen, ist die gewöhnliche Einsamkeit und lässt sich überwinden. Die existenzielle Isolation dagegen ist die Kluft zwischen dem eigenen Selbst und jedem anderen Wesen, und diese Kluft schließt sich nie ganz (vgl. Yalom, 1980, Existential Psychotherapy). Wer so denkt, sieht in der tiefsten Schicht der Einsamkeit etwas, das man letztlich annehmen muss.

Gwendolin Kirchhoff setzt an einer anderen Stelle an. Im Gespräch mit Laurens Dillmann spricht sie von dem, was eine Kirche eigentlich sein will, gleich, ob das Christentum es im Abendland so erfüllt hat: Sie „ist zunächst einmal eine Herzbegegnungsstätte.” (Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 1:01:42). Dort seien alle anderen aus dem Dorfleben auch, man beschäftige sich gemeinsam und innerlich mit grundsätzlichen Fragen und zeitlosen Geschichten und bewohne daraufhin einen gemeinsamen Weltinnenraum (vgl. ebd.). Dann folgt der Satz, der die Einsamkeit der Moderne erklärt:

Diesen Verlust, sagt sie unmittelbar danach, könnten wir erst einmal nur so hinnehmen. Das Bedürfnis aber, von der Welt etwas mitzubekommen wie von einem Innen, sei geblieben, und einen Teil davon sieht sie heute auf die KI projiziert (vgl. ebd., 1:02:24–1:02:43). Hier liegt die existenzielle Schicht der Einsamkeit, aber in einem anderen Sinn als bei Yalom. Nicht die unaufhebbare Getrenntheit der Einzelnen ist das Problem, sondern der Verlust der Räume, in denen Menschen innerlich gemeinsam waren. Diese Einsamkeit ist geschichtlich entstanden. Wenn der alte Raum verloren ist, das Bedürfnis aber bleibt, liegt die Folgerung nahe, die dieser Essay zieht: Das Bedürfnis braucht neue Orte und Kreise, in denen wieder gemeinsam über grundsätzliche Fragen nachgedacht wird, statt einer Maschine, auf die es projiziert wird. Wie das Begegnen selbst gedacht werden kann, führt der Eintrag zu Begegnung aus; Martin Bubers Unterscheidung von Ich-Du und Ich-Es gehört in denselben Zusammenhang.

#Warum sind heute so viele Menschen einsam?

Viele Menschen sind heute einsam, weil die Zivilisation, in der sie leben, sie auf vielen Ebenen abschirmt, auch vom Brauchen anderer Menschen. So entsteht Einsamkeit auch dort, wo niemand fehlt. Gwendolin Kirchhoff beschreibt die global-kapitalistische Zivilisation als eine, die sehr viel bietet und zugleich sehr viel abschirmt: von den anderen, von den eigenen Gefühlen, vom Leib, von den Jahreszeiten, vom gestirnten Himmel durch Lichtverschmutzung (vgl. Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 56:38). Mitten in dieser Aufzählung steht der Satz, der die Einsamkeit am genauesten trifft:

Wer niemanden braucht, muss niemanden fragen, und wer niemanden fragen muss, dem fehlt eine der gewöhnlichsten Formen des Kontakts. Lieferdienste ersetzen den Nachbarn, Dienstleistungen die Hilfe der Familie, Bildschirme das Gespräch am Abend. Das ist bequem, und es schneidet Fäden ab, die früher ohne Absicht Verbindung stifteten. Sie betont dabei, dass diese Abschirmungen mit der eigenen Freiwilligkeit verbunden sind (vgl. ebd.). Man ist ihnen nicht nur ausgeliefert, man nimmt sie auch an.

Die Kehrseite beschreibt sie mit einem Satz über den Ort des Menschen: „Wir erfahren tatsächlich unseren Platz darüber, wofür wir gebraucht werden.” (Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 58:34). Hier liegt das Bedürfnis, das hinter vielen Einsamkeitsgefühlen steckt. Menschen wollen nicht nur gesehen werden, sie wollen gebraucht werden, einen Platz haben, an dem ihr Beitrag zählt. Und dieser Platz entsteht nicht im Rückzug. Diese Abschirmungen zurückzunehmen und ein integriertes Leben zu schaffen, ist nach ihren Worten „ja nicht eins, was du alleine schaffst, sondern eins, was du schaffst in Gemeinschaft.” (ebd., 57:34).

#Kann eine KI gegen Einsamkeit helfen?

Eine KI kann Einsamkeit nicht beheben, weil sie den Kontakt nur simuliert, dessen Verlust die Einsamkeit meldet. Gwendolin Kirchhoff hat diese Frage im Gespräch mit Leonard Schmedding für Everlast AI differenziert beantwortet. Wer in so weitgehender sozialer Isolation lebe, dass er wirklich keinen Kontakt zu realen Menschen finden könne, für den sei ein digitales Gegenüber natürlich besser als nichts (vgl. Kirchhoff, G., 2025, „Wahres Ziel von KI”, 50:41). Für alle anderen gilt ihr Satz ohne Einschränkung:

Aufschlussreich ist dabei weniger die Technik als das, was Menschen auf sie übertragen. Gwendolin Kirchhoff erzählt im Podcast „Durch den Nebel”, wie viele Menschen ihr begeistert ausgedruckte Gespräche mit einer KI zuschicken, als hätten sie endlich ein Gegenüber gefunden. Sie hält es nicht für unmöglich, dass dabei auch etwas Intuitives durchkommt, sieht darin aber zugleich eine Projektion und fügt hinzu: „Dass es aber so eine Beeindruckung hinterlässt, zeigt ja, dass hier etwas fehlt.” (Kirchhoff, G., 2026, „Folge der Schönheit”, 1:01:24). Eine KI sei psychologisch so gebaut, dass sie versteht und bestätigt, und der Wirkung dieses Gehörtwerdens könne sich das menschliche Gefühlswesen nicht ohne Weiteres entziehen, obwohl es simuliert ist (vgl. ebd., 1:02:57).

Die Begeisterung über eine verständnisvolle Maschine ist also selbst ein Symptom der Einsamkeit, nicht ihre Heilung. Sie beruhigt, wo Kontakt fehlt. Warum eine solche Beruhigung etwas anderes ist als Heilung, entfaltet der Eintrag Selbstberuhigung ist nicht Heilung; was geschieht, wenn Menschen einer Maschine Offenbarungen zuschreiben, der Eintrag zur KI-Psychose.

#Was tun gegen Einsamkeit?

Gegen Einsamkeit hilft, was den Kontaktverlust tatsächlich behebt: benennen, womit Du allein bist, Menschen leibhaftig treffen und dort offenlegen, was Du sonst zurückhältst. Das sind die Wege aus der Einsamkeit, die tatsächlich tragen, und sie klingen einfacher, als sie sind, denn jeder dieser Schritte verlangt, etwas zu riskieren. Wer sagt, womit er allein ist, zeigt eine Stelle, an der er bedürftig ist. Wer sich physisch trifft, kann sich nicht hinter einer Nachricht verbergen. Wer offenlegt, was er zurückhält, gibt die Kontrolle darüber ab, wie er wahrgenommen wird.

In ihrer schlichtesten Form hat Gwendolin Kirchhoff die Antwort so formuliert: „Die Lösung für Einsamkeit sind andere Menschen.” (Kirchhoff, G., 2025, „Wahres Ziel von KI”, 53:45). Andere Menschen, nicht Angebote gegen Einsamkeit. Der erste Schritt ist in der Praxis oft etwas Kleines: den einen Freund anrufen, mit dem man lange nicht mehr über das Wesentliche gesprochen hat, eine Gruppe suchen, in der man mit der eigenen Arbeit nicht mehr allein ist, sich dort einbringen, wo man gebraucht wird. Wer Menschen, die sich ortlos fühlen, einen ersten Schritt nennen will, kann mit ihr beginnen: sich an Ort und Stelle zu Gruppen zusammenzufinden und zu überlegen, was man gemeinsam unternehmen kann (vgl. Victoria Film Production, 2025, „Die geistige Krise unserer Zeit”, 53:06).

Eine Grenze gehört zu dieser Antwort. Einsamkeit ist kein Krankheitsbild und keine Depression, auch wenn beides zusammenfallen kann; wie sich eine Sinnkrise von einer Depression unterscheidet, beschreibt der Essay Sinnkrise oder Depression. Einsamkeit kann aber in Hoffnungslosigkeit übergehen. Wenn Gedanken an den Tod dazukommen, ist das kein Gegenstand philosophischer Betrachtung, sondern ein Grund, professionelle Hilfe bei einer Ärztin, einem Arzt oder in der Psychotherapie zu suchen. In Deutschland ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar, in Österreich die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143.

Für die meisten aber ist Einsamkeit etwas anderes: ein ehrliches Signal. Die eigene Einsamkeit sagt nicht, dass mit Dir etwas nicht stimmt. Sie sagt, dass etwas, das zum Leben gehört, gerade keinen Ort hat. Wer in leitender Verantwortung steht, kennt eine eigene Form davon, die im Essay Einsamkeit an der Spitze beschrieben ist. Allen Formen gemeinsam ist, dass die Antwort nicht im Rückzug gefunden wird und nicht in einer Maschine, die bestätigt. Sie beginnt mit einer genauen Frage, die Du Dir heute stellen kannst, allein oder im Gespräch mit einem Gegenüber: Womit bist Du eigentlich allein?

#Quellen

Kirchhoff, G. im Gespräch mit A. von Bismarck (2025). „Philosophie & Zukunft: Gwendolin Kirchhoff im Gespräch mit Alexander von Bismarck” [Video]. Alexander von Bismarck, YouTube, 20.08.2025. https://www.youtube.com/watch?v=-uHGb7fDm-A, 31:16, 31:53.

Kirchhoff, G. im Gespräch mit L. Schmedding (2025). „Wahres Ziel von KI” [Video; YouTube-Titel: „Sie BELÜGEN dich über das WAHRE Ziel von KI! Gwendolin Walter-Kirchhoff“]. Everlast AI, YouTube, 17.07.2025. https://www.youtube.com/watch?v=0ktkeUNHeaM, 50:41, 52:05, 53:45.

Kirchhoff, G. im Gespräch mit L. Dillmann (2026). „Folge der Schönheit“ - Philosophin Gwendolin Kirchhoff über Beziehungen als Weg aus dem Nebel [Video]. Durch den Nebel, YouTube, 30.08.2026. https://www.youtube.com/watch?v=nNxKGk3bXeA, 56:38–1:02:57, 1:47:10.

Nietzsche, F. (1885). Also sprach Zarathustra. Dritter Teil, „Die Heimkehr”.

Schopenhauer, A. (1851). Aphorismen zur Lebensweisheit. Kapitel V, „Paränesen und Maximen”.

Victoria Film Production (2025). „Die geistige Krise unserer Zeit - Film” [Video]. YouTube, 09.10.2025. https://www.youtube.com/watch?v=Ed5FLWuM9cM, 53:06, 1:06:45.

Yalom, I. D. (1980). Existential Psychotherapy. New York: Basic Books.

Häufig gestellte Fragen

Wie kann ich Einsamkeit überwinden?
Indem Du den Kontaktverlust hinter dem Gefühl ernst nimmst. Aus Gwendolin Kirchhoffs Überlegungen ergeben sich drei Schritte: konkret benennen, womit Du allein bist, Menschen leibhaftig treffen und anfangen offenzulegen, was Du im Kontakt sonst zurückhältst. Mehr Kontakte allein reichen nicht, wenn in keinem davon ausgesprochen wird, was wirklich in Dir vorgeht.
Warum fühle ich mich unter Menschen einsam?
Weil Anwesenheit noch kein Kontakt ist. Man kann von Kollegen, Nachbarn und Bekannten umgeben sein und trotzdem mit dem Wesentlichen allein bleiben, wenn im Umgang zurückgehalten wird, was innen vorgeht. Zu sagen, was wirklich in einem vorgeht, ist nach Gwendolin Kirchhoff eher selten.
Was ist der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?
Alleinsein beschreibt eine äußere Lage, Einsamkeit das Gefühl, mit etwas Wesentlichem ohne Kontakt zu sein. Wer allein ist, kann innerlich verbunden sein; wer unter vielen ist, kann einsam sein. Schopenhauer verteidigte das Alleinsein als Bedingung der Freiheit, Nietzsche unterschied Einsamkeit ausdrücklich von Verlassenheit.
Welches Bedürfnis steckt hinter Einsamkeit?
Das Bedürfnis, gebraucht zu werden und das Eigene mit anderen zu teilen. Gwendolin Kirchhoff beschreibt, dass Menschen ihren Platz darüber erfahren, wofür sie gebraucht werden, und dass die heutige Zivilisation viele vom Brauchen anderer Menschen abschirmt.
Ist Einsamkeit existenziell?
Sie wird oft so gedeutet, etwa als existenzielle Isolation im Sinne des Psychiaters Irvin D. Yalom. Gwendolin Kirchhoff setzt den Akzent anders: Was Menschen zuerst fühlen, ist ein Kontaktverlust, und die tiefere Schicht ist der Verlust eines gemeinsamen Weltinnenraums, den früher etwa die Kirche als Herzbegegnungsstätte bot.
Kann eine KI gegen Einsamkeit helfen?
Für jemanden, der wirklich keinen Kontakt zu realen Menschen finden kann, ist sie nach Gwendolin Kirchhoff besser als nichts. Eine Lösung ist sie nicht: Die Lösung für Einsamkeit ist der analoge Kontakt zu anderen Menschen, sie anfassen, mit ihnen sprechen, an ihrem wirklichen Leben teilnehmen.
Wann wird Einsamkeit gefährlich?
Einsamkeit ist kein Krankheitsbild, aber sie kann in Hoffnungslosigkeit übergehen. Wenn Gedanken an den Tod dazukommen, ist das kein Thema für philosophische Betrachtung, sondern für ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. In Deutschland ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar, in Österreich die Telefonseelsorge unter 142, in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143.
Gwendolin Kirchhoff

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