Lexikon

Buber: Ich und Du

Martin Bubers Ich und Du (1923) formuliert die ontologische Grundlage der Begegnung: Der Mensch wird am Du zum Ich. Die Beziehung ist das Erste, das Individuum das Abgeleitete.

Ein offener Durchgang fuehrt aus einem dunklen Raum hinaus in einen gruenen Garten
Javier Gomez

Ich und Du ist Martin Bubers philosophisches Hauptwerk von 1923, in dem er die ontologische Grundlage menschlicher Existenz in der Beziehung verortet: Der Mensch wird am Du zum Ich, nicht umgekehrt (Buber, 1923). Das Buch unterscheidet zwei Grundhaltungen zur Welt — die Ich-Du-Haltung der Begegnung und die Ich-Es-Haltung der Vergegenständlichung — und begründet damit die Dialogphilosophie.

„Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung” (Buber, 1923, S. 7). Mit diesem Satz eröffnet Buber sein schmales, folgenreiches Buch. Zwiefältig heißt: zwei Haltungen zur selben Welt, die alles verändern. Wer ein Gegenüber beobachtet, einordnet, benutzt, lebt in der Welt des Ich-Es. Wer sich einem Gegenüber ohne Vorbehalt zuwendet, betritt die Welt des Ich-Du. Die Unterscheidung klingt einfach. Sie ist radikal, weil sie keine Kommunikationstheorie beschreibt, sondern eine ontologische Grundverfassung des Menschseins.

Die Umkehrung: Beziehung vor Individuum

Bubers tiefste Provokation liegt nicht in der Unterscheidung von Es und Du, sondern in ihrer Konsequenz: „Im Anfang ist die Beziehung” (Buber, 1923, S. 18). Nicht zuerst der Einzelne, dann die Verbindung. Zuerst die Beziehung, dann der Mensch, der aus ihr hervorgeht. „Der Mensch wird am Du zum Ich” (Buber, 1923, S. 32).

Die gesamte westliche Psychologie geht den umgekehrten Weg. Sie setzt das Individuum voraus und fragt, wie es Beziehungen eingeht, gestaltet, repariert. Buber kehrt die Reihenfolge um: Beziehung ist der Boden, auf dem sich Subjektivität erst bildet. Identität entsteht im Angesprochen-Werden durch ein Du, in der Resonanz eines Gegenübers, das den ganzen Menschen meint.

Wenn Beziehung das Erste ist, dann sind Verstrickungen Verzerrungen einer Grundstruktur, keine Fehler des Einzelnen. Lösung bedeutet Wiederherstellung der richtigen Beziehung. Diese Einsicht macht Bubers Philosophie für die systemische Arbeit unmittelbar relevant, denn sie verlagert den Blick vom isolierten Problem auf das Beziehungsfeld, in dem es entstanden ist.

Der Zwischenraum

Buber verortet das Entscheidende weder im Ich noch im Du, sondern im Zwischen. Der Zwischenraum ist kein leeres Feld zwischen zwei Personen. Er ist der Ort, an dem sich Begegnung ereignet, ein eigenständiger Wirklichkeitsbereich, der weder dem einen noch dem anderen gehört.

Jedes Gefühl ist in seinem Wesenskern ein Verhältnis von Zweien im Raum (Buber, 1923, S. 29). Die Fülle der menschlichen Emotionalität entspringt dem Ich-Du, nicht dem Ich-Es. Das ist keine Metapher. In der Aufstellungsarbeit wird der Zwischenraum leibhaftig erfahrbar: Wenn ein Stellvertreter einen Platz im Raum einnimmt, spürt er etwas, das nicht von ihm selbst kommt. Der Raum vermittelt eine Beziehung, die da ist, unabhängig davon, ob die Beteiligten sie wahrnehmen oder nicht. Buber hat diesen Sachverhalt philosophisch vorgedacht, bevor die Aufstellungsarbeit ihn phänomenologisch bestätigte. Der Zwischenraum ist der Ort, an dem sich Ordnung und Unordnung eines Beziehungsgefüges offenbaren.

Schelling formulierte Verwandtes aus der Naturphilosophie: In der lebendigen Natur gibt es kein isoliertes Einzelding, jedes Wesen existiert in einem Feld wechselseitiger Durchdringung (Schelling, 1798). Was Buber dialogisch als Zwischenraum beschrieb, hat in der Naturphilosophie seine Entsprechung in der Idee eines lebendigen Kosmos, in dem Beziehung die Grundstruktur der Wirklichkeit ist. Schopenhauer näherte sich dem Kern von einer anderen Seite: Im Mitleid begreift der Mensch, dass er der andere auch ist (Schopenhauer, 1840, § 18). Das principium individuationis, die Vereinzelung, ist Schein. Mitgefühl durchbricht ihn. Buber geht weiter: In jeder echten Begegnung, im Zwischenraum, erweist sich Verbundenheit als das Erste und Vereinzelung als das Abgeleitete.

Ich-Du ist nicht planbar

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung” (Buber, 1923, S. 15), schrieb Buber, und meinte damit keine Sentimentalität. Er meinte eine ontologische Feststellung: Wirkliches Leben, im Unterschied zu bloßem Funktionieren, entsteht dort, wo ein Ich einem Du begegnet, ohne Absicht, ohne Programm, ohne die Absicherung einer Rolle.

Die Ich-Du-Haltung lässt sich nicht herstellen. Man kann nicht beschließen, dem anderen als Du zu begegnen, so wie man beschließen kann, pünktlich zu sein. Die Ich-Du-Begegnung geschieht, oder sie geschieht nicht. Was sich vorbereiten lässt, ist die Bereitschaft: die Bereitschaft, das Gegenüber weder als Fall zu behandeln noch als Bestätigung des eigenen Weltbildes. Diese Bereitschaft hat eine Struktur. Das erste Wort der Einlassung ist Ja: den anderen anschauen mit allem, was zu ihm gehört, mit seiner Familie, seinen Verstrickungen, seinem Schicksal, und vollbewusst Ja sagen. Das zweite ist Bitte. Das dritte ist die Bereitschaft, dem zu folgen, was sich im Raum zwischen beiden zeigt, ohne es kontrollieren zu wollen.

In der Philosophischen Begleitung bedeutet das: Die Qualität des Gesprächs entsteht durch die Qualität der Begegnung selbst. Die Bereitschaft, sich wirklich einzulassen, schafft den Rahmen, in dem sich das Wesentliche zeigen kann.

Buber jenseits der Dialogphilosophie

Martin Buber (1878–1965) kam aus der jüdischen Tradition des Chassidismus und wurde zum Begründer der Dialogphilosophie (Friedman, 1981). Ich und Du, 1923 erschienen, ist ein schmales Buch von dichter, fast hymnischer Sprache. Buber schrieb es in einer Phase intensiver Auseinandersetzung mit dem Chassidismus, in dem die lebendige Beziehung zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mensch, den Kern des Religiösen bildet. Sein Denken steht in einer Linie mit Franz Rosenzweig und Emmanuel Levinas, die beide die Begegnung mit dem Anderen ins Zentrum des Philosophierens rückten. Doch Bubers Relevanz reicht über die Dialogphilosophie hinaus.

In der Aufstellungsarbeit wird seine Einsicht konkret. Wenn ein Mensch sich einem anderen gegenüberstellt und einen Lösungssatz spricht, „Ich sehe Dich” oder „Du gehörst dazu”, geschieht ein Moment der Ich-Du-Begegnung, oft mit jemandem, dem der Sprechende nie wirklich begegnet ist, obwohl beide ein Leben lang in derselben Familie gelebt haben. Die Aufstellung macht sichtbar, was Buber philosophisch dachte: dass der Mensch am Du zum Ich wird, und dass die Verweigerung des Du eine Wunde hinterlässt, die über Generationen wirkt.

Buber selbst hat seine Philosophie keiner religiösen Konfession untergeordnet. Er dachte phänomenologisch: Was geschieht, wenn zwei Menschen einander wirklich begegnen? Was verändert sich im Raum zwischen ihnen? Diese Fragen sind nicht historisch. Sie stellen sich in jeder philosophischen Konsultation, in jeder Aufstellung, in jedem Moment, in dem ein Mensch bereit ist, sein Gegenüber als ganzes Wesen wahrzunehmen.

Bubers Ich-Du bildet die philosophische Grundlage des Begriffs der Begegnung, der das Geschehen zwischen Zweien als eigenständigen Wirklichkeitsbereich beschreibt. Die Denkende Einfühlung beschreibt die Erkenntnishaltung, die eine Ich-Du-Begegnung ermöglicht: ein Denken, das fühlt, und ein Fühlen, das denkt. In der Anerkennung kommt die Ich-Du-Haltung zu ihrem ethischen Ausdruck: das vollbewusste Ja zum anderen, das dem Gesehen-Werden vorausgeht.

Quellen

  • Buber, M. (1923). Ich und Du. Leipzig: Insel-Verlag.
  • Friedman, M. S. (1981). Martin Buber’s Life and Work: The Early Years 1878–1923. New York: Dutton.
  • Schelling, F. W. J. (1798). Von der Weltseele. Hamburg: Perthes.
  • Schopenhauer, A. (1840). Über die Grundlage der Moral. Frankfurt: Schmerber.

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