Lexikon

Buber und das Ich-Du

Du hast viele Gespräche geführt — und weißt trotzdem, dass die meisten davon keine echten Begegnungen waren. Nicht weil die Menschen nicht interessant wären oder die Themen nicht wichtig. Sondern weil etwas fehlt, das sich schwer benennen lässt: eine Qualität des Gegenüberseins, die über den Austausch von Informationen hinausgeht. Du ahnst, dass es dieses Andere gibt — Du hast es erlebt, in seltenen Momenten. Aber Du kannst es nicht herstellen.

Martin Buber gab diesem Anderen einen Namen. Er unterschied zwei Grundhaltungen, in denen der Mensch der Welt begegnen kann: Ich-Es und Ich-Du. In der Ich-Es-Haltung ist das Gegenüber ein Objekt — etwas, das beobachtet, benutzt, eingeordnet wird. Das ist nicht verwerflich; es ist unvermeidlich. Wir können nicht jeden Moment als Du-Begegnung leben. Aber wenn die Ich-Es-Haltung zur einzigen wird — wenn der andere Mensch nur noch Funktion ist, nur noch Mittel, nur noch Fall —, dann verödet das Leben, auch wenn es äußerlich funktioniert.

Die Ich-Du-Begegnung ist etwas grundlegend anderes. Sie lässt sich nicht planen, nicht methodisch herbeiführen, nicht als Kommunikationstechnik erlernen. “Alles wirkliche Leben ist Begegnung” — dieser berühmte Satz Bubers ist keine Sentimentalität, sondern eine ontologische Aussage. Wirkliches Leben, im Unterschied zu bloßem Funktionieren, entsteht dort, wo ein Ich einem Du begegnet — ohne Absicht, ohne Programm, ohne die Absicherung einer Rolle.

Für Gwendolin Kirchhoffs Arbeit ist Bubers Philosophie nicht Hintergrund, sondern Fundament. Die philosophische Konsultation ist der Versuch, einen Raum zu schaffen, in dem Ich-Du-Begegnung möglich wird. Das bedeutet: kein Schema, das über den Klienten gelegt wird. Keine Diagnose, die das Gegenüber zum Objekt macht. Keine Methode, die zwischen den beiden Menschen steht. Sondern die Bereitschaft, sich wirklich einzulassen — mit allem, was das fordert.

In der Aufstellungsarbeit wird Bubers Einsicht körperlich erfahrbar. Wenn ein Mensch sich einem anderen gegenüberstellt und einen Lösungssatz spricht — “Ich sehe Dich”, “Du gehörst dazu” —, dann geschieht etwas, das über Worte hinausgeht. Es ist ein Moment der Ich-Du-Begegnung, oft mit jemandem, dem der Sprechende nie wirklich begegnet ist, obwohl sie ein Leben lang in derselben Familie gelebt haben. Die Aufstellung macht sichtbar, was Buber dachte: dass Beziehung nicht nachträglich zwischen zwei fertigen Individuen entsteht, sondern dass der Mensch am Du zum Ich wird.

“Im Anfang ist die Beziehung” — Bubers zweiter großer Satz kehrt die gesamte westliche Psychologie um. Nicht zuerst das Individuum, dann die Beziehung. Sondern zuerst die Beziehung, dann das Individuum. Das hat Konsequenzen, die weit über die Philosophie hinausreichen: Wenn Beziehung primär ist, dann sind Verstrickungen nicht Fehler des Individuums, sondern Verzerrungen einer Grundstruktur. Und Lösung ist nicht Trennung, sondern die Wiederherstellung der richtigen Beziehung.

Bubers Denken ist keine historische Referenz. Es ist der lebendige Kern einer Praxis, die Begegnung nicht als Nebeneffekt der Arbeit versteht, sondern als ihren eigentlichen Inhalt.

Wenn Du spürst, dass in Deinen Beziehungen etwas fehlt, das sich nicht durch bessere Kommunikation ersetzen lässt — dann beschreibt Bubers Ich-Du vielleicht genau das, was Du suchst: nicht eine neue Methode, sondern eine andere Art, dem Gegenüber zu begegnen.