Wer ein Naturschauspiel als schön empfindet, vollzieht bereits einen philosophischen Akt. Gwendolin Kirchhoff versteht darunter nicht die Lehre vom Schönen, sondern den philosophischen Akt, der sich im Empfinden von Naturschönheit bereits vollzieht. Die betäubend duftende Frühlingsblüte, die den Betrachtenden auf beglückende Weise ergreift, wirkt wie ein Versprechen, das sie nicht einlöst. Sie verheißt eine Erfüllung und bleibt, wie Novalis sagen würde, im Geheimniszustand. Das Naturschöne verbirgt und entbirgt zugleich eine Nähe zum Göttlichen (Kirchhoff, J., 2019, „Schönheit und Kosmos”, 51:00). Die Ästhetik als philosophische Disziplin beginnt dort, wo dieses Versprechen ernst genommen wird.
#Warum die Subjektfrage in die Irre führt
Die neuzeitliche Ästhetik kreist seit Baumgarten, der den Terminus 1750 in seiner Aesthetica erstmals systematisch verwendet, um eine Grundfrage: Liegt die Schönheit im Gegenstand oder im Betrachter? Kant verschob in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) die Antwort auf die Seite des Subjekts: Das ästhetische Urteil sei interesseloses Wohlgefallen, ein Spiel der Erkenntniskräfte ohne bestimmendes Begriffswissen. Er rettete die Eigenständigkeit des ästhetischen Urteils, doch der Preis war hoch. Die Schönheit wurde zu einer Eigenschaft des Erlebens, nicht des Erlebten.
Für die Naturphilosophie ist diese Trennung unhaltbar. Wer in der Begegnung mit dem Schönen stehen bleibt und genau wahrnimmt, was geschieht, bemerkt: Die übliche scharfe Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt fällt weg. Da fließen zwei verschiedene Strahlungen ineinander, und es entsteht etwas Neues (Kirchhoff, J., 2019, „Schönheit und Kosmos”, 12:39). Die Schönheit ist eine Erkenntnisform, die über die analytische Distanz hinausgeht und die Einheit von Erkennendem und Erkanntem offenbart.
#Schiller: Der Weg durch die Schönheit zur Freiheit
Schiller nahm diese Einsicht in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) auf und gab ihr eine anthropologische Wendung. Der Mensch, so seine Analyse, wird zerrissen zwischen zwei Trieben: dem Stofftrieb, der ihn an die sinnliche Gegenwart bindet, und dem Formtrieb, der ihn zum Allgemeinen und Zeitlosen drängt. Keiner der beiden Triebe macht den Menschen frei, solange er allein herrscht. Freiheit entsteht erst in ihrer Vereinigung, im Spieltrieb, dessen Gegenstand die Schönheit ist.
„Die Schönheit kann ein Mittel werden, den Menschen von der Materie zur Form, von Empfindungen zu Gesetzen, von einem beschränkten zu einem absoluten Dasein zu führen” (Schiller, 1795, Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Brief 15). Das bedeutet: Die ästhetische Erfahrung ist kein Luxus nach getaner Arbeit, sondern die Bedingung menschlicher Reifung. Ohne die Vermittlung durch das Schöne bleibt der Mensch entweder roh oder abstrakt. In Dänemark hat diese Idee durch den Pädagogen Grundtvig eine konkrete Verwirklichung erfahren: die Gründung der Volkshochschulen, die das Bildungsideal der Ich-Aufrichtung durch Theaterspiel, Gesang und Gemeinschaft praktisch umsetzten.
#Schelling: Schönheit als ewiger Begriff
Schelling, der in seiner Naturphilosophie den Kosmos als lebendigen Organismus dachte, trieb die Frage tiefer. In seinem Bruno (1802) argumentiert er, dass die Schönheit nichts Zeitliches sein kann. Notwendig ist, dass, wenn die Schönheit etwas Unzeitliches ist, jedes Ding nur durch seinen ewigen Begriff schön sei; notwendig, wenn die Schönheit nie entstehen kann, dass sie das Erstgegebene ist (vgl. Schelling, 1802, Bruno). Die Schönheit entsteht also nicht, wenn ein Subjekt sie wahrnimmt. Sie ist im ewigen Begriff des Dinges selbst enthalten.
Im System des transzendentalen Idealismus (1800) verbindet Schelling diese ontologische Behauptung mit der Kunst: Die ästhetische Produktion löst den unendlichen Widerstreit zwischen Bewusstem und Unbewusstem auf, der das menschliche Dasein durchzieht. Wo die Philosophie diesen Widerstreit nur denken kann, bringt die Kunst ihn zur Anschauung. Schönheit ist daher, in Schellings strengem Sinne, die sinnliche Erscheinung der Wahrheit. Absolute Schönheit und absolute Wahrheit sind eins und dasselbe (vgl. Schelling, 1803, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums).
#Goethe: Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt
Goethe nähert sich derselben Einsicht von der Seite der Anschauung. In seinen Maximen und Reflexionen formuliert er: „Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt, in der größten Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen, bringt das objektiv Schöne hervor” (Goethe, Maximen und Reflexionen). Das Schöne ist nicht das Gefällige, nicht der Reiz und nicht die Überraschung. Es ist die Erscheinung eines Gesetzes, das sich frei verwirklicht.
Diese Bestimmung steht Schellings Position nahe, ohne deren spekulative Höhe zu teilen. Goethe bleibt beim Konkreten: bei der Pflanze, deren Form ihr inneres Gesetz sichtbar macht; beim Tier, das in seiner Gestalt vollendet ist; beim Kunstwerk, das nur dann vortrefflich wirkt, wenn es eine tiefumfassende Synthese gelingt. Die Urteilskraft, die das objektiv Schöne erkennt, ist für Goethe kein bloßes Geschmacksurteil, sondern ein Akt der Anschauung, der den ganzen Menschen fordert.
#Das Gute, Wahre und Schöne als Orientierungspole
In der Tradition, der Gwendolin Kirchhoffs Arbeit verpflichtet ist, bilden das Gute, Wahre und Schöne keine voneinander trennbaren Kategorien, sondern Aspekte einer einzigen Wirklichkeit. „Es ist ja so, dass wir es als zusammengehörig empfinden. Das, was wahrhaft Gutes, das empfinden wir auch als Schön, als Wahr, als eine Offenbarung von etwas” (Kirchhoff, G., 2018, „Geistige Krise unserer Zeit”, 18:46). Diese Trias wirkt als Orientierungspol, auf den sich alles zubewegt und der ordnend über dem Leben steht.
Die Konsequenz ist weitreichend. Wenn Schönheit kein Geschmacksurteil ist, sondern eine Qualität des Seins, dann hat ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Raum nicht nur ästhetische, sondern existenzielle Folgen. Die normative Ästhetik, die sich in klassischer Architektur, Dichtung und Musik niederschlägt, gibt dem Ich ein Rankengerüst, an dem es sich aufrichten und entwickeln kann. Die aggressive Verdrängung normativer Ästhetik durch das Bizarre und Provokative ist dann weniger ein Befreiungsakt als eine Form der Demoralisierung: Sie entzieht dem Menschen das Leitbild, an dem er seine eigene Würde erkennen könnte.
#Ästhetik als Erkenntnisweg
Was die naturphilosophische Tradition von Schelling bis Jochen Kirchhoff verbindet, ist die Überzeugung, dass ästhetische Erfahrung eine Erkenntnisform eigenen Ranges darstellt. In der Erfahrung des Schönen fließen Subjekt und Objekt ineinander. Die Distanz, die analytisches Denken von seinem Gegenstand hält, wird in der ästhetischen Begegnung aufgehoben, ohne dass der Erkennende sich verliert. Im Gegenteil: Gerade dort, wo die Grenze zwischen Ich und Welt durchlässig wird, entsteht eine tiefere Klarheit.
Wer Ästhetik so versteht, begreift, warum Schillers Idee einer ästhetischen Erziehung kein Bildungsprogramm unter anderen ist, sondern den Kern philosophischer Arbeit berührt. Die Herzensbildung, die Denken und Fühlen als ursprüngliche Einheit freilegt, das Schichtmodell, das von der Oberfläche zur ontologischen Wirklichkeit vordringt, und die ästhetische Erfahrung als Erkenntnisform gehören zusammen. Philosophie, die den ästhetischen Zugang zur Wirklichkeit ernst nimmt, arbeitet dort, wo das Schöne, das Wahre und das Gute noch nicht getrennt sind. In der philosophischen Konsultation wird die ästhetische Erfahrung als Erkenntnisweg praktisch: als Zugang zu dem, was im Leben eines Menschen nach Gestalt verlangt.
#Quellen
Goethe, J. W. Maximen und Reflexionen. Insel.
Kirchhoff, G. (2018). „Geistige Krise unserer Zeit” [Film]. Victoria Film.
Kirchhoff, J. (2019). „Schönheit und Kosmos” [Video]. Jochen Kirchhoff — In Memoriam, YouTube. https://youtube.com/watch?v=Bi0ux1EFyzQ.
Schelling, F. W. J. (1800). System des transzendentalen Idealismus. Cotta.
Schelling, F. W. J. (1802). Bruno, oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge. Unger.
Schelling, F. W. J. (1803). Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums. Cotta.
Schiller, F. (1795). Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Horen.