Egon Friedell (1878–1938) war ein Wiener Schriftsteller, Kabarettist, Schauspieler und Kulturhistoriker, dessen Kulturgeschichte der Neuzeit die Neuzeit mit der Schwarzen Pest von 1348 beginnen lässt und Krankheit als produktive Kraft der Geschichte liest. Gwendolin Kirchhoff stellt ihn in ihrem Symposiumsvortrag „Antifragilität – Über den Wert der Krankheit“ neben Nassim Taleb und spricht dort vom „wunderbaren Egon Friedell“ (Kirchhoff, G., 2024, „Antifragilität“, 01:18). Sie liest dort mehrere Passagen aus der Kulturgeschichte im Wortlaut vor, weil es ihr zu schade sei, ihn zu paraphrasieren (vgl. ebd., 02:35).
#Wer war Egon Friedell?
Egon Friedell war ein Wiener Schriftsteller, Kulturhistoriker und Schauspieler, der das literarische und kulturelle Leben Wiens prägte (Wien Geschichte Wiki, „Egon Friedell“). Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die kulturhistorische Arbeit (ebd.). Geboren wurde er am 21. Jänner 1878 in Wien als Egon Friedmann; 1916 ließ er seinen Familiennamen amtlich in Friedell ändern (Wien Geschichte Wiki, „Egon Friedell“). 1904 wurde er mit einer Arbeit über Novalis als Philosoph promoviert (Wikipedia, „Egon Friedell“). Danach war er vieles: von 1908 bis 1910 künstlerischer Leiter des Cabaret Fledermaus, Theaterkritiker, Übersetzer aus dem Französischen und Englischen und Schauspieler an den Bühnen Max Reinhardts in Wien und Berlin (Wien Geschichte Wiki, „Egon Friedell“). Mit Alfred Polgar schrieb er die Schulsatire Goethe im Examen, in der er selbst den Goethe spielte (Wikipedia, „Egon Friedell“).
Sein Hauptwerk ist die dreibändige Kulturgeschichte der Neuzeit, deren erster Band 1927 bei C. H. Beck in München erschien (Friedell, 1927, Bd. 1, Impressum). Eine Kulturgeschichte des Altertums blieb unvollendet; ihr erster Teil über Ägypten und den Alten Orient erschien 1936 (Wikipedia, „Egon Friedell“). Ende 1937 wurden Friedells Werke vom nationalsozialistischen Regime beschlagnahmt, im Februar 1938 wurde die Kulturgeschichte in Deutschland verboten (Wikipedia, „Egon Friedell“). Am Abend des 16. März 1938, wenige Tage nach dem Anschluss Österreichs, fragten zwei SA-Männer an seiner Wiener Wohnung nach ihm; Friedell nahm sich das Leben, indem er aus dem Fenster sprang (Wikipedia, „Egon Friedell“).
#Warum beginnt die Neuzeit für Friedell mit der Pest?
Für Friedell beginnt die Neuzeit mit der Schwarzen Pest, weil er ein Zeitalter wie ein Menschenleben datiert: nicht ab der Geburt, sondern ab der Zeugung (vgl. Friedell, 1927, Bd. 1, S. 62). Den Anfang macht nach seinem Schema meist ein großes äußeres Trauma, etwa eine Epidemie; ihm folgt eine traumatische Neurose, die alles in einen labilen, chaotischen Zustand bringt, und erst später bildet sich eine neue seelische Ordnung, wie sie die Klassizismen tragen (vgl. ebd., S. 63). Daraus folgt seine Datierung: „das Konzeptionsjahr des Menschen der Neuzeit war das Jahr 1348“ (ebd., S. 63). Sichtbar wird die neue Zeit erst später: „mit dem aufgehenden sechzehnten Jahrhundert ist die Neuzeit in die Welt getreten; aber im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ist sie entstanden, und zwar durch Krankheit“ (ebd., S. 64).
Die Pest ist bei Friedell dennoch nicht die Ursache der Neuzeit. Er vergleicht sie mit einer Schwangerschaft, die auch nicht die Ursache eines neuen Organismus ist: Ein neuer Geist erzeugte in der europäischen Menschheit eine Art Entwicklungskrankheit, und die Pest war deren auffälligste Form. Sein Grundsatz dazu lautet: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“ (ebd., S. 96).
Gwendolin Kirchhoff liest Friedells Satz von der Entstehung der Neuzeit durch Krankheit im Vortrag vor (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Antifragilität“, 05:05) und hebt hervor, wovon Friedell bei seiner Datierung ausgeht: „er geht ganz von der subjektiven Evidenz aus“ (ebd., 03:26). Die drei Phasen benennt sie mit ihm als das eigentliche Trauma, für das die Pest steht, die traumatische Neurose und den Klassizismus (vgl. ebd., 06:33).
#Was meint Friedell mit dem Wert der Krankheit?
Mit dem Wert der Krankheit meint Friedell, dass eine Störung des Gleichgewichts der Weg ist, auf dem Neues entsteht. Sein Exkurs beginnt mit dem Satz: „Daß nämlich Krankheit etwas Produktives ist, diese scheinbar paradoxe Erklärung müssen wir an die Spitze unserer Untersuchungen stellen“ (Friedell, 1927, Bd. 1, S. 64). Jede Krankheit sei eine Betriebsstörung im Organismus, aber nur eine sehr äußerliche Betrachtung setze die Betriebsstörung mit Schädigung gleich; jede fruchtbare Neuerung vollziehe sich auf dem Weg eines Umsturzes (vgl. ebd., S. 64 f.). Der kranke Organismus ist für ihn unruhiger und darum lernbegieriger, empfindlicher und darum lernfähiger (vgl. ebd., S. 66). Friedell spitzt das zu: „Alles Höhere ist naturgemäß immer das Kränkere“ (ebd., S. 66). Wo sich Neues bilde, sei Schwäche, Krankheit, Dekadenz: „Alles, was neue Keime entwickelt, befindet sich in einem scheinbaren Zustand reduzierten Lebens“ (ebd., S. 66), etwa die schwangere Frau, das zahnende Kind, der mausernde Kanarienvogel.
Friedell beruft sich dabei auf Novalis und auf Nietzsche, der in der Vorrede zur Fröhlichen Wissenschaft fragt, ob uns die Krankheit überhaupt entbehrlich sei (vgl. ebd., S. 67), und auf Alfred Adlers Studie über Minderwertigkeit von Organen von 1907 (vgl. ebd., S. 68). Er gelangt dabei zu einem Satz, den er selbst paradox nennt: „Gesundheit ist eine Stoffwechselerkrankung“ (ebd., S. 69). Gemeint ist der Durchschnittsmensch, der zwar rationeller und solider lebt, dem es aber an fruchtbaren Reibungen, Widerständen und Polaritäten fehlt (vgl. ebd., S. 69). Gwendolin Kirchhoff fasst den Gedanken im Vortrag so zusammen: Die Krankheit erscheine auch beim Einzelnen als missverstandenes Merkmal einer höheren Öffnung (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Antifragilität“, 11:08).
Nietzsches Begriff der großen Gesundheit stellt der Eintrag Große Gesundheit vor.
#Was bedeutet „zu jeder Ferse ein Achill“?
Mit dem Satz von der Ferse und dem Achill erwägt Friedell, den Mythos vom verwundbaren Helden umzukehren. Achilles, der Unverletzbare, hat seine Ferse, die auf den tödlichen Pfeil wartet, und man könnte darin den geheimen Gifttropfen sehen, der jedem Glück beigemischt ist. Friedell fragt, ob es am Ende umgekehrt gemeint sei: „nicht, daß zu jedem Achill eine Ferse gehört, wohl aber zu jeder Ferse ein Achill“. Aus der verwundbaren Stelle, dem Bewusstsein der Verwundbarkeit und dem zähen, heroischen Kampf gegen sie werde der Held geboren. „Das wäre weniger logisch gedacht, aber vielleicht gerade darum wahrer“ (Friedell, 1927, Bd. 1, S. 74).
Daraus gewinnt Friedell eine neue Stellung zum Darwinismus. Im Kampf ums Dasein siege nicht der tüchtigste, sondern der gefährdetste, labilste, geistigste Organismus; das auslesende Prinzip der Entwicklung sei nicht das Überleben des Passendsten, „sondern das Überleben des Unpassendsten“ (ebd., S. 75). Er schränkt sofort ein: Nicht jeder Minderwertige sei eine höhere Lebensform, aber jede höhere Lebensform sei minderwertig (vgl. ebd., S. 76).
Gwendolin Kirchhoff nennt den Achill-Gedanken im Vortrag einen sehr schönen Gedanken, der sie in der Vorbereitung inspiriert habe (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Antifragilität“, 15:19), und richtet ihn als Frage an sich selbst: „Wie stehe ich überhaupt zum Thema der Verwundbarkeit?“ (ebd., 15:28). Rund um die Gesundheit könne sie sich nur „wie eine Festung immer weiter verschanzen“ (ebd., 15:35). Vielleicht aber trete eine bestimmte Größe und „eine bestimmte Entwicklung in mein Leben erst durch die Wunde ein“ (ebd., 15:43). Das heiße, dass man das Leiden, das bloße Widerfahrnis, „auch bejahen kann, sich dem öffnen kann“ (ebd., 15:54).
#Was verbindet Friedell mit Talebs Antifragilität?
Friedell und Talebs Antifragilität verbindet nach Gwendolin Kirchhoff das Bild der Hydra, das Friedell vorwegnimmt (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Antifragilität“, 16:04). Nassim Taleb nannte rund ein Jahrhundert nach Friedell eine Eigenschaft der Natur antifragil: die Fähigkeit, durch einen Schock oder ein Trauma nicht einzuknicken, sondern über sich hinauszuwachsen, so Kirchhoffs Darstellung im Vortrag (vgl. ebd., 01:48). Friedell berichtet von einer Süßwasserpolypenart, die zwei neue Köpfe bildet, wenn man ihr den Kopf abschneidet, und folgert, die Geschichte von der lernäischen Hydra habe einen tiefen wissenschaftlichen Sinn; in solchen Fällen führe die Verwundung zur Entstehung neuer Individuen (vgl. Friedell, 1927, Bd. 1, S. 70). Über diese Passage sagt Kirchhoff: „in dem nimmt er tatsächlich auch das Bild vorweg“, das Taleb als Beispiel für die Regeneration durch Trauma anführen werde (Kirchhoff, G., 2024, „Antifragilität“, 16:06). Taleb selbst wählt für das Antifragile, so ihre Darstellung, das Bild der lernäischen Hydra (vgl. ebd., 22:36). Den Begriff selbst und das Spektrum von fragil, robust und antifragil behandelt der Eintrag Antifragilität.
#Friedells Sprache und die Krise als Geburt
Neben Friedells Gedanken hebt Gwendolin Kirchhoff seine Sprache hervor: Sie nennt sie „die Sprache, die mir so am Herzen liegt“ (Kirchhoff, G., 2024, „Antifragilität“, 19:24), eine Sprache, wie man sie am Ende des 19. Jahrhunderts noch sprach (vgl. ebd., 19:27). Friedells Gedanke, dass ein Zeitalter wie ein Mensch gezeugt und geboren wird, berührt den Geburtsprozess, in dem eine Krise als Geburt verstanden wird, und den Text Die Krise als Geburt. Dass jedes Zeitalter sich seine Krankheiten macht, schreibt Friedell (vgl. Friedell, 1927, Bd. 1, S. 96); ob eine Epoche ihre Krankheiten erkennt, fragt der Eintrag Pathogenese statt Fortschritt. Den Nietzsche, auf den Friedell sich beruft, stellt der Eintrag Nietzsche als Diagnostiker des Verfalls dar. Ob Deine eigene Ferse ein Makel ist oder der Ort, an dem etwas beginnt, ist die Frage, die Friedells Satz Dir hinterlässt.
#Quellen
- Friedell, E. (1927). Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum ersten Weltkrieg. Bd. 1: Einleitung, Renaissance und Reformation. München: C. H. Beck. Zitiert nach der 28.–32. Auflage, München: C. H. Beck 1954; Seitenangaben nach dieser Ausgabe (S. 62–76, 96).
- Kirchhoff, G. (2024). „Antifragilität – Über den Wert der Krankheit – Egon Friedell & Nassim Taleb – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube, 12.10.2024. https://www.youtube.com/watch?v=AeXzRj9KVXE (Zitate 01:18, 03:26, 15:28, 15:35, 15:43, 15:54, 16:06, 19:24).
- Wien Geschichte Wiki. „Egon Friedell“. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Egon_Friedell (abgerufen am 04.10.2026).
- Wikipedia. „Egon Friedell“. https://de.wikipedia.org/wiki/Egon_Friedell (abgerufen am 04.10.2026).