Lexikon Deutsche Denktradition

Heroische Leidenschaft

Definition

Die heroische Leidenschaft (eroico furore) ist bei Giordano Bruno die Liebe des Menschen zur göttlichen Weisheit: der Form nach ein Laster, aber das Laster eines göttlicheren Wesens. Bruno beschreibt sie 1585 in „Von den heroischen Leidenschaften“.

Die heroische Leidenschaft ist bei Giordano Bruno (1548–1600) die Liebe des Menschen zur göttlichen Weisheit, die der Form nach ein Laster ist, jedoch das Laster eines göttlicheren Wesens. Der Renaissance-Philosoph aus Nola beschreibt sie 1585 in De gli eroici furori, deutsch Von den heroischen Leidenschaften, einem Werk aus Sonetten und Dialogen, das in London erschien und dem englischen Dichter Philip Sidney gewidmet ist. Es ist eine der Schriften, die Bruno in England veröffentlichte, fünfzehn Jahre bevor ihn die Inquisition 1600 in Rom verbrennen ließ. Die Gedichte sprechen von Liebe, die Dialoge legen sie aus: Gemeint ist das Begehren des Erkennenden nach dem göttlichen Wahren und Schönen. Gwendolin Kirchhoff hat dem Werk 2024 einen Symposiumsvortrag gewidmet und liest darin aus der deutschen Ausgabe des Meiner-Verlags (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Spinoza & Bruno“, 01:08). Für sie handelt das Buch buchstäblich von der Philosophie, und zwar von einer Philosophie, die im Menschen als sein eigentliches Wesen angelegt ist (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Spinoza & Bruno“, 01:59).

#Was ist die heroische Leidenschaft bei Giordano Bruno?

Die heroische Leidenschaft ist für Bruno der Form nach ein Laster, aber das Laster eines göttlicheren Wesens, und darin unterscheidet sie sich von allen niederen Leidenschaften. Brunos Dialog geht von der Lehre aus, dass die Tugend in der Mitte wohnt, wo die Gegensätze zusammenfallen, und das Laster in der Nähe der Extreme. Vom heroisch Liebenden heißt es dort, er halte dieses Maß nicht: Er zittere in eisigen Hoffnungen und brenne in glühenden Wünschen. Die heroische Leidenschaft unterscheidet sich von den anderen Leidenschaften also nicht wie eine Tugend von einem Laster, sondern wie ein Laster in einem göttlicheren Wesen von einem Laster in einem tierischen; der Unterschied liegt in den Wesen, die ergriffen sind, und in der Art des Ergriffenseins (vgl. Bruno, 1585, I. Teil, 2. Dialog).

Gwendolin Kirchhoff erläutert die tierische Ebene im Vortrag mit dem Hunger: eine Strebebewegung, die schnell zu ihrem Ende kommt und keine große Erkenntnisbewegung in sich trägt (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Spinoza & Bruno“, 26:31). Diese Bewegungen haben nach ihren Worten durchaus ihren Platz, das sage auch Bruno; zugleich seien das Hohe und das Niedere zu unterscheiden (vgl. ebd., 26:46).

#Wie erzählt Bruno den Mythos des Aktaion?

Bruno erzählt den antiken Mythos vom Jäger Aktaion, der die Göttin Diana nackt im Bad erblickt, in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerrissen wird, als Bild für den Weg des Erkennenden. Im Sonett zu Beginn des vierten Dialogs im ersten Teil lässt der junge Aktaion seine Hunde los. Der Dialog deutet ihn als den Verstand, der auf die Jagd nach der göttlichen Weisheit geht; die schnelleren Windhunde stehen für das Wirken des Verstandes, die stärkeren Doggen für das des Willens, und die Hunde insgesamt für die Gedanken des Jägers (vgl. Bruno, 1585, I. Teil, 4. Dialog).

Wenn Du Aktaion so als Bild des Erkennenden liest, kehrt sich die gewohnte Richtung der Jagd um. Im zweiten Dialog des zweiten Teils wird das Bild zu Ende geführt. Die Sonne, das absolute Licht, kann niemand schauen, wohl aber ihren Schatten: Diana, die Welt, die Natur, die in den Dingen ist. Von den vielen, die durch diesen wüsten Wald jagen, gelangen nur sehr wenige an Dianas Quelle, und ganz selten ist einer wie Aktaion, der vom Jäger zum Gejagten wird. Die Hunde, die Gedanken an göttliche Dinge, verschlingen ihn. Für die Menge ist er tot, gelöst aus den Verwirrungen der Sinne, und er wird ganz Auge für den ganzen Horizont und sieht alles als Eines (vgl. Bruno, 1585, II. Teil, 2. Dialog).

Das Auge hatte Bruno schon ein Jahr zuvor zum Tor des Liebesgottes erklärt, in einem Sonett aus Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen: „Das Aug’ ist meines Gottes Thor“ (Bruno, 1584, S. 23).

Gwendolin Kirchhoff liest im Vortrag die Aktaion-Passage vor und fasst ihr Ziel in einem Satz: Das letzte Ziel der heroischen Leidenschaften ist „die Schau des Ganzen aus dem Herzen heraus“ (Kirchhoff, G., 2024, „Spinoza & Bruno“, 38:55). Diese Bewegung sei für Bruno im Menschen selbst angelegt, in seinem Gefühl, aber „eine Saat, die nicht immer aufgeht“ (ebd., 39:06): Das Gefühl könne auch erschlaffen und in die Blindheit abdriften.

#Kann man die Wahrheit je erreichen?

Gwendolin Kirchhoff stellt im Vortrag die Frage, ob man die Wahrheit je erreichen kann, und gibt zwei Antworten, Nein und Ja; beide stützt sie auf Brunos vierten Dialog des ersten Teils (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Spinoza & Bruno“, 27:57). Für das Nein liest sie Bruno: Bei jeder Gestalt, die der Verstand erfasst, urteilt die Seele, dass über ihr eine größere stehen muss: Alles, was sie besitzt, ist gemessen und genügt ihr nicht. Das Unendliche kann nur ohne Ende verfolgt werden, in einer Bewegung, die die Stufen der Vollkommenheit umkreist (vgl. Bruno, 1585, I. Teil, 4. Dialog). Für das Ja liest sie eine spätere Stelle desselben Dialogs: Niemand verlangt nach etwas, das ihm ganz unbekannt ist, denn im Sehvermögen liegt alles Sichtbare als Möglichkeit, im Verstandesvermögen alles Verstehbare (vgl. ebd.).

Gwendolin Kirchhoff knüpft an diese zweite Antwort an: Erkennen sei dadurch ein Akt der Erinnerung (vgl. Kirchhoff, G., 2024, „Spinoza & Bruno“, 33:17). Es entfalte sich, was in der Möglichkeit angelegt ist; insofern sei die Wahrheit die Grundlage dieser Bewegung (vgl. ebd., 33:20). Wie Erkenntnis und Liebe in diesem Gedanken zusammenhängen, führt der Eintrag Weisheit weiter.

#Was hat die heroische Leidenschaft mit Philosophie zu tun?

Für Gwendolin Kirchhoff ist die heroische Leidenschaft die Leidenschaft der Philosophie selbst, der Liebe zur Weisheit. In ihrem Vortrag stellt sie Bruno neben Spinoza, der in der Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes berichtet, wie er beschloss, nach einem wahren Gut zu suchen, statt nach Ehre, Reichtum und Sinnenlust (vgl. Spinoza, 1677). Im Anschluss an Spinozas Bericht bestimmt sie die Philosophie: Die Liebe zur Weisheit sei „die irreversible Bewegung der Seele“ hin auf die Weisheit, die jedoch eine bewusste Entscheidung und Praxis brauche (Kirchhoff, G., 2024, „Spinoza & Bruno“, 17:23). Die Leidenschaft der tiefen Unzufriedenheit und der Suche nach Sinn, sagt sie, „die kann man natürlich auch ertränken und betäuben“ (ebd., 17:48).

Daran schließt die Frage an, ob ein Mensch krank ist, den dieser Drang erfasst. Kirchhoff stellt sie am Beispiel Spinozas: ob er sich nicht lieber ablenken sollte. Ihre Antwort: „Nein, er ist von etwas Heroischem befallen.“ Und weiter: „sein Leiden hat etwas Edles“ (ebd., 26:17). Den Unterschied zwischen dieser Unruhe und einer Depression behandelt der Text Sinnkrise oder Depression.

Brunos Bild hat sie nach eigener Auskunft auch in Klientengesprächen öfter herangezogen, wenn es um die Frage nach dem eigenen Erkenntnisstreben geht und darum, wie jemand zu den anderen und in der Welt steht (vgl. Kirchhoff, Interview, 2026-02-23).

#Bruno, Spinoza und die Folge der Schönheit

Der Eintrag Giordano Bruno stellt Brunos lebendigen, unendlichen Kosmos dar, in dem diese Leidenschaft ihren Ort hat, und verfolgt, wie die philosophische Moderne an Bruno anknüpfte, bis hin zu Schelling, der 1802 einem eigenen Dialog Brunos Namen gab. Der Kosmische Anthropos beschreibt den Menschen, in dem das ins Absolute drängende Erkenntnisstreben angelegt ist. Die Maxime Folge der Schönheit formuliert Gwendolin Kirchhoff in einem Gespräch, in dem sie kurz zuvor einen Gedanken Brunos aufgreift: Der einzelne Mensch werde alles, was er sein kann, nacheinander, in einer unendlichen Folge von Wandlungen (vgl. Kirchhoff, G., 2026, „Durch den Nebel“, 44:51). Was Philosophieren über das Denken hinaus bedeutet, entfaltet der Text Was ist Philosophieren?. Offen bleibt, was Brunos Bild Dir zurückgibt: ob Du Deine Netze in den Wind stellst und am Ende Fliegen in der Hand hältst, wie die meisten Jäger in Brunos Wald, oder ob Du die Quelle suchst.

#Quellen

  • Bruno, G. (1585). De gli eroici furori. London. Stellen nach Teil und Dialog: I. Teil, 2. und 4. Dialog; II. Teil, 2. Dialog.
  • Deutsche Ausgaben bei Felix Meiner, Hamburg: Von den heroischen Leidenschaften, übersetzt und herausgegeben von Christiane Bacmeister, Einleitung von Ferdinand Fellmann (Philosophische Bibliothek); zweisprachig italienisch-deutsch in der Reihe Giordano Bruno – Werke (Bd. 7, herausgegeben von Thomas Leinkauf), mit der von Henning Hufnagel grundlegend überarbeiteten Übersetzung Christiane Bacmeisters und der Edition des italienischen Originaltextes von Eugenio Canone.
  • Bruno, G. (1584). Von der Ursache, dem Princip und dem Einen. Deutsche Ausgabe Leipzig, 3. Aufl. 1902, S. 23 (Sonett „Von der Liebe“).
  • Spinoza, B. de (1677). Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
  • Kirchhoff, G. (2024). „Spinoza & Bruno – Von den heroischen Leidenschaften – SYMPOSIUM“ [Video]. YouTube, 27.06.2024. https://www.youtube.com/watch?v=3gtN5lzxTo4 (Zitate 17:23, 17:48, 26:14, 26:17, 38:55, 39:06).
  • Kirchhoff, G. im Gespräch mit L. Dillmann (2026). „Folge der Schönheit“ - Philosophin Gwendolin Kirchhoff über Beziehungen als Weg aus dem Nebel [Video]. Durch den Nebel, YouTube, 30.08.2026. https://www.youtube.com/watch?v=nNxKGk3bXeA (44:51).
  • Kirchhoff, G. (2026). Interview zur philosophischen Praxis, 23.02.2026 (unveröffentlicht).

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet heroische Leidenschaft?
Heroische Leidenschaft (italienisch eroico furore) ist Giordano Brunos Name für die Liebe des Menschen zur göttlichen Wahrheit und Schönheit. Der Form nach ist sie ein Laster, weil sie nicht in der maßvollen Mitte bleibt. Von den niederen Leidenschaften unterscheidet sie sich durch das Wesen, das sie ergreift, und die Art, wie es ergriffen ist: Sie ist das Laster eines göttlicheren Wesens und richtet sich auf das höchste Gut.
Wann schrieb Giordano Bruno „Von den heroischen Leidenschaften“?
Bruno veröffentlichte „De gli eroici furori“ 1585 in London und widmete das Buch dem englischen Dichter Philip Sidney. Es besteht aus Sonetten und Dialogen in zwei Teilen zu je fünf Dialogen; die Dialoge legen die Gedichte aus.
Was bedeutet der Mythos des Aktaion bei Bruno?
Bei Bruno steht der Jäger Aktaion für den Verstand, der nach der göttlichen Weisheit jagt, seine Hunde für die Gedanken. Wer wie Aktaion Diana erblickt, die Natur in den Dingen, wird vom Jäger zum Gejagten: Die Gedanken an göttliche Dinge verschlingen ihn, er stirbt für die Menge und wird ganz Auge für das Ganze.
Ist die heroische Leidenschaft eine Tugend oder ein Laster?
Für Bruno ist sie der Form nach ein Laster. Die Tugend wohnt in der Mitte zwischen den Extremen, die heroische Leidenschaft lebt im Widerstreit der Gegensätze. Sie unterscheidet sich von den niederen Leidenschaften nicht wie eine Tugend von einem Laster, sondern wie ein Laster in einem göttlicheren Wesen von einem Laster in einem tierischen.
Kann man die Wahrheit je erreichen?
Gwendolin Kirchhoff gibt im Vortrag zwei Antworten, Nein und Ja, und stützt beide auf Bruno. Nein: Über jeder erfassten Gestalt urteilt die Seele, dass eine größere über ihr stehen muss, und das Unendliche kann nur ohne Ende verfolgt werden. Ja: Niemand verlangt nach etwas, das ihm ganz unbekannt ist; im Sehvermögen liegt alles Sichtbare als Möglichkeit, im Verstandesvermögen alles Verstehbare.
Was hat die heroische Leidenschaft mit Philosophie zu tun?
Gwendolin Kirchhoff liest Brunos Werk als Buch über die Philosophie selbst. In ihrem Symposiumsvortrag von 2024 nennt sie die Liebe zur Weisheit „die irreversible Bewegung der Seele“ hin auf die Weisheit und das letzte Ziel der heroischen Leidenschaften „die Schau des Ganzen aus dem Herzen heraus“.

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