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Akzelerationismus

Definition

Akzelerationismus ist die Forderung, die Prozesse von Kapitalismus und Technik nicht zu bremsen, sondern zu beschleunigen. Benjamin Noys gab der Strömung 2010 kritisch ihren Namen; ihre Formel „accelerate the process“ stammt aus dem Anti-Ödipus von Deleuze und Guattari (1972).

Akzelerationismus ist die Forderung, die Prozesse von Kapitalismus und Technik nicht zu bremsen, sondern zu beschleunigen. Marc Andreessen, Mitgründer der Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz, fasst das 2023 in einem Satz: „We believe in accelerationism – the conscious and deliberate propulsion of technological development“ (Andreessen, 2023). Seinen Namen erhielt das Denken allerdings von einem Kritiker: Der Theoretiker Benjamin Noys nannte 2010 eine Haltung so, die er für eine Pathologie hielt, den Wunsch, die Flut des globalisierten Kapitalismus möge noch schneller steigen (vgl. Peden, 2011). Heute steht das Wort für die Philosophie Nick Lands, für ein linkes Manifest, für e/acc im Silicon Valley und für eine Strömung des Rechtsterrorismus. Gwendolin Kirchhoff verwendet das Wort in den hier zitierten Gesprächen nicht. Was sie über den technischen Fortschritt sagt, den die Akzelerationisten beschleunigen wollen, steht in den letzten beiden Abschnitten, getrennt von dem, was die Akzelerationisten selbst vertreten.

#Woher kommt der Begriff Akzelerationismus?

Der Begriff Akzelerationismus geht auf eine Formel zurück, die älter ist als das Wort: „accelerate the process“. Gilles Deleuze und Félix Guattari fragen 1972 im Anti-Ödipus, ob der revolutionäre Weg darin bestehe, sich aus dem Weltmarkt zurückzuziehen, oder darin, in der Bewegung des Marktes noch weiter zu gehen; ihre Antwort lautet, man solle sich nicht aus dem Prozess zurückziehen, sondern weitergehen und, wie Nietzsche gesagt habe, den Prozess beschleunigen (vgl. Deleuze & Guattari, 1972, zitiert nach Land, 2017).

Der Philosoph Nick Land beschreibt 2017 das Grundschema, um das es dem Akzelerationismus geht, als einen positiven Rückkopplungskreis, in dem Kommerzialisierung und Industrialisierung einander in einem davonlaufenden Prozess anregen; dieser Prozess wachse, um zu wachsen. Über den Menschen schreibt Land: „Mankind is its temporary host, not its master.“ Kritik am Prozess sieht er nicht vor: „The process is not to be critiqued.“ (Land, 2017). Benannt worden sei das Ganze, so Land, erst vier Jahrzehnte nach dem Anti-Ödipus, und zwar kritisch, von Benjamin Noys (vgl. ebd.). Der Rezensent Knox Peden fasst die Haltung, die Noys meint, als die Vorstellung zusammen, je schlimmer es werde, desto besser werde es (vgl. Peden, 2011).

#War Nietzsche ein Akzelerationist?

Das Wort Akzelerationismus kannte Nietzsche nicht, aber ein nachgelassenes Fragment von ihm fordert, einen Prozess zu beschleunigen. Es lautet: „Die Ausgleichung des europäischen Menschen ist der große Prozeß, der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn noch beschleunigen.“ (Nietzsche, Der Wille zur Macht, Auswahl Brahn, 1917, Nr. 672). Beschleunigt werden soll in diesem Fragment die Ausgleichung; daraus folgt für Nietzsche die Notwendigkeit einer „Kluftaufreißung“, einer Distanz und Rangordnung, und die ausgeglichene Spezies finde ihre Rechtfertigung im Dienst einer „höheren souveränen Art“ (ebd.). Nick Land zählt Nietzsche neben Karl Marx zu denen, die wichtige Aspekte des Trends erfasst hätten (vgl. Land, 2017).

Gwendolin Kirchhoff nennt in der Everlast-Debatte mit Joscha Bach (2026) als Nietzsches größte Leistung „die Tiefe und die Präzision seiner Phänomenologie in der ersten Person“; schwach sei er dort, wo er die Liebe nicht in sein System habe integrieren können: „Er ist bei einem Autonomiestreben stehen geblieben.“ (Kirchhoff & Bach, 2026, 2:18:23–2:18:30 und 2:19:49–2:20:02). Joscha Bach nennt Nietzsche in seiner nächsten Antwort in gewisser Weise einen Vater des Dark Enlightenment in seiner Ära (vgl. ebd., 2:21:49–2:22:38). Wie Nietzsche in dieser Philosophie gelesen wird, beschreiben die Einträge Nietzsche und Übermensch.

#Was ist effektiver Akzelerationismus?

Effektiver Akzelerationismus, kurz e/acc, ist eine Strömung, die nach Forbes das Silicon Valley erfasst hat. Ihre Grundsätze erschienen im Juli 2022 als „Notes on e/acc principles and tenets“, gezeichnet von Beff Jezos und bayes. Die Notizen erklären, e/acc wolle die Ankunft eines Grenzzustands beschleunigen, der oft „technocapital singularity“ genannt werde, und grenzen sich von den gegen AGI gerichteten Strömungen des effektiven Altruismus ab. Über das Leben heißt es dort: „e/acc has no particular allegiance to the biological substrate for intelligence and life, in contrast to transhumanism“ (Jezos & bayes, 2022). Hinter Beff Jezos steht nach Recherchen von Forbes Guillaume Verdon, ein früherer Quantencomputing-Ingenieur bei Google (vgl. Baker-White, 2023). Marc Andreessen führt Nick Land und @BasedBeffJezos in seinem Manifest unter den „Patron Saints of Techno-Optimism“ (Andreessen, 2023). Die Abgrenzung gilt ausdrücklich dem Transhumanismus: Teile von e/acc verstehen sich nach den Notizen als Posthumanisten (vgl. Jezos & bayes, 2022).

#Welche Formen des Akzelerationismus gibt es?

Neben Lands Akzelerationismus und e/acc gibt es einen linken und einen militanten Akzelerationismus. Alex Williams und Nick Srnicek veröffentlichten 2013 das „#ACCELERATE MANIFESTO for an Accelerationist Politics“, das eine neue globale Hegemonie der Linken fordert. In Lands Bild des Kapitals, schreiben sie, könne der Mensch am Ende als bloßer Bremsklotz einer abstrakten planetarischen Intelligenz verworfen werden, und Lands Neoliberalismus verwechsle Geschwindigkeit mit Beschleunigung (vgl. Williams & Srnicek, 2013). Sie selbst wollen den Prozess der technologischen Evolution beschleunigen, warnen aber: „Never believe that technology will be sufficient to save us.“ (ebd.).

Militanter Akzelerationismus ist etwas anderes. Als politisches Handlungskonzept ziele er darauf ab, das Gesellschaftssystem liberaler und kapitalistischer Gesellschaften zum Zusammenbruch zu bringen, schreibt das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) in seinem Report von 2022; zentral sei die Beschleunigung widersprüchlicher oder als problematisch empfundener Gesellschaftsprozesse durch diskursive Mittel oder durch „Gewaltmittel wie Terrorismus“ (CeMAS, 2022, S. 12–13). In das militante rechtsextreme Milieu gelangte das Konzept nach CeMAS auf zwei Wegen: über Nick Land und, prägender, über die Newslettersammlung Siege des US-amerikanischen Neonazis James Mason (vgl. ebd., S. 13). In seinem Kapitel über den Beginn der ersten transnationalen Terrorwelle nennt CeMAS den Anschlag von Christchurch (Neuseeland) im März 2019 und erklärt, die brutale Professionalität, mit der der Attentäter seine Tat propagierte, habe eine Welle von Nachahmern in den USA, in Norwegen und in Deutschland (Halle) ausgelöst; schon 2019 hatte sich auf Telegram eine rechtsterroristische Subkultur etabliert, Terrorgram (vgl. ebd., S. 8). Abgeordnete der Grünen nennen ihn in einer Kleinen Anfrage im Bundestag (2026) „seit Jahren ein relevantes Phänomen des Rechtsterrorismus“ und berichten, CeMAS rechne seit 2018 mehrere Gruppierungen und zahlreiche Einzelpersonen in Deutschland dem militanten Akzelerationismus zu, darunter den Attentäter von Halle 2019 (vgl. Deutscher Bundestag, 2026).

#Ist technischer Aufwand schon Fortschritt?

Gwendolin Kirchhoff bezweifelt, dass technischer Aufwand schon Fortschritt ist. Sie würde in Frage stellen, „dass alles, was technisch aufwendiger ist, notwendigerweise einen Fortschritt darstellt“ (Kirchhoff, 2025, 18:35–18:42). Ihr Beispiel im Gespräch mit Everlast AI (2025): Wer Pestizide ausbringt, bis die Bienen wegbleiben, und dann winzige Bienenroboter baut, hat enormen technischen Aufwand betrieben; „Die Frage ist aber, das Gesamtpaket, was wir hier bekommen, ist das Fortschritt?“ (ebd., 17:36–18:34). Und weiter: „die Fortschrittserzählung würde ich schon mal anzweifeln“, was nicht heiße, dass nicht manches auch Fortschritt sei (ebd., 19:52–19:58).

Den Ausbau der Kontrollsysteme rund um die KI vergleicht sie im selben Gespräch mit einer großen Pyramide: „Wir alle bauen sie zwangsläufig, weil jeder einzelne Spieler innerhalb dieses Gesamtspiels muss es machen, aufgrund von externen ökonomischen Drücken“ (ebd., 15:01–15:11; vgl. 14:59–15:30). In der Debatte mit Joscha Bach (2026) nennt sie den technischen Fortschritt ein prometheisches Projekt, das mit der Aufklärung angefangen habe: die Idee, Leben und inzwischen Bewusstsein nachzubauen. Sie fragt, warum jemand das will (vgl. Kirchhoff & Bach, 2026, 17:42–17:55). Über die Zerstörung lebender Systeme, die ihr Bienenbeispiel zeigt, sagt sie: „Und die ist durchaus unterlassbar. Das ist ja kein Zwang, dem wir ausgesetzt sind.“ (ebd., 19:34–19:40; vgl. 19:29–19:34). Erst von einer anderen grundsätzlichen Auffassung von Mensch und Kosmos aus lasse sich beurteilen, „was ein sinnvoller Fortschritt ist und was nicht“ (ebd., 19:26–19:29; vgl. 19:18–19:26). Der Eintrag Prometheischer Impuls führt diesen Gedanken aus.

#Warum spricht Gwendolin Kirchhoff von Pathogenese statt Evolution?

Gwendolin Kirchhoff bezweifelt, dass die Verschmelzung des Menschen mit der Technik eine Evolution ist. Sie fragt: „Warum nun sollte eine Verschmelzung des Menschen mit der KI und technischen Bauteilen eine Evolution darstellen, mit der impliziten Unterstellung einer Höherentwicklung? Man könnte doch genauso gut von einer Pathogenese sprechen, also einer fortschreitenden Symptomentwicklung einer bestimmten psychischen, sogar psychophysischen Erkrankung.“ (Kirchhoff, G. & Kirchhoff, J., 2023, 01:12–01:29). Der Eintrag Pathogenese statt Fortschritt entfaltet diese Umkehrung. Die akzelerationistischen Texte selbst sprechen vom Menschen als Durchgangsstation: Land nennt die Menschheit den vorübergehenden Wirt des Prozesses, die e/acc-Notizen erklären, keine besondere Bindung an das biologische Substrat des Lebens zu haben (vgl. Land, 2017; Jezos & bayes, 2022).

Wohin die Entwicklung derzeit zeigt, sagt Gwendolin Kirchhoff in der Debatte mit Joscha Bach: „Derzeit ist der Vektor nicht, dass wir in einen Agrarfeudalismus zurückfallen, sondern in einen Technofeudalismus voranfallen“ (zum Begriff: Techno-Feudalismus); in der sogenannten Dark-Enlightenment-Philosophie, die im Silicon Valley kursiere, wollten viele in einen feudalistischen Raum (Kirchhoff & Bach, 2026, 25:35–25:44; vgl. 26:00–26:18). Jochen Kirchhoff erklärt, er habe den Begriff des megatechnischen Pharao aus Lewis Mumfords Megamaschine herausdestilliert; der megatechnische Pharao baue auf einem Abstraktionismus auf, es gehe um die „Herrschaft abstrakter Systeme“ (Kirchhoff, J. & Kirchhoff, G., 2018, 01:44–05:17 und 07:56–09:28).

Für das Gesamtspiel, in das nach ihren Worten alle eingespannt sind, schlägt Gwendolin Kirchhoff zuerst einen Halt vor: „Da kann man erstmal für einen Moment Pause machen, einen Schritt zurücktreten und sagen, okay, wollen wir das? Sind wir vielleicht sogar dagegen?“ (Kirchhoff, 2025, 15:26–15:40). Die Frage richtet sich auch an Dich: Was würdest Du beschleunigen, wenn Du nicht müsstest, und was würdest Du lassen?

#Quellen

Häufig gestellte Fragen

Was ist Akzelerationismus?
Akzelerationismus ist die Forderung, die Prozesse von Kapitalismus und Technik nicht zu bremsen, sondern zu beschleunigen. Marc Andreessen bekennt sich 2023 in seinem Techno-Optimist Manifesto zum Akzelerationismus als bewusstem und absichtlichem Vorantreiben der technologischen Entwicklung.
Wer hat den Begriff Akzelerationismus geprägt?
Die Formel „accelerate the process“, den Prozess beschleunigen, stammt aus dem Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari (1972), die sich dafür auf Nietzsche berufen. Als Namen einer Strömung verwendete das Wort der Theoretiker Benjamin Noys 2010 in seinem Buch The Persistence of the Negative, und zwar kritisch; Nick Land bestätigt das 2017 in seiner eigenen Einführung.
War Nietzsche ein Akzelerationist?
Das Wort Akzelerationismus kannte Nietzsche nicht, aber ein nachgelassenes Fragment liefert das Stichwort: Die Ausgleichung des europäischen Menschen sei ein Prozess, der nicht zu hemmen sei, man solle ihn noch beschleunigen. Deleuze und Guattari berufen sich 1972 auf Nietzsche, und Nick Land zählt ihn zu den Denkern, die wichtige Aspekte des Trends erfasst hätten.
Was ist effektiver Akzelerationismus?
Effektiver Akzelerationismus, kurz e/acc, ist eine Strömung, die nach Forbes das Silicon Valley erfasst hat; ihre Grundsätze erschienen im Juli 2022 als Notes on e/acc principles and tenets. Sie will die Ankunft einer technokapitalistischen Singularität beschleunigen und erklärt, keine besondere Bindung an das biologische Substrat von Intelligenz und Leben zu haben. Hinter dem Pseudonym Beff Jezos steht nach Forbes Guillaume Verdon.
Was ist militanter Akzelerationismus?
Militanter Akzelerationismus ist eine rechtsextreme Strömung, die nach dem Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) das Gesellschaftssystem liberaler und kapitalistischer Gesellschaften zum Zusammenbruch bringen will, auch mit Gewaltmitteln wie Terrorismus. Eine Kleine Anfrage im Bundestag (2026) nennt ihn seit Jahren ein relevantes Phänomen des Rechtsterrorismus; CeMAS rechnet ihm unter anderem den Attentäter von Halle 2019 zu.
Was sagt Gwendolin Kirchhoff zum technischen Fortschritt?
Gwendolin Kirchhoff würde in Frage stellen, dass alles, was technisch aufwendiger ist, notwendigerweise einen Fortschritt darstellt, und zweifelt die Fortschrittserzählung an, ohne zu bestreiten, dass manches Fortschritt ist. Statt von einer Evolution des Menschen zur Technik könne man genauso gut von einer Pathogenese sprechen.

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