Sapere aude — habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen: Mit dieser Formel fasste Kant 1784 das Programm der Aufklärung zusammen, und zugleich begann mit ihr ein Verlust, der bis heute nachwirkt. Gwendolin Kirchhoff bezieht sich auf die Aufklärung, um deren Dialektik freizulegen: den Emanzipationsgewinn der Vernunft und den gleichzeitigen Verlust der Verbindung zum Lebendigen. Es war ein emanzipatorischer Imperativ, gerichtet gegen die Selbstverschuldung intellektueller Unmündigkeit. Der Ruf, selbst zu denken statt sich bevormunden zu lassen, gehört zum Stärksten, was die europäische Geistesgeschichte hervorgebracht hat. Und doch erzählt er nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte handelt davon, was auf dem Weg zur Emanzipation der Vernunft verloren ging.
#Die neue Höhle
Die konzeptuelle Metapher, die die Aufklärung antrieb, war die der platonischen Höhle. Die Menschheit sitzt in einer dunklen Kammer, sieht Schatten an der Wand, hält sie für die Wirklichkeit. Der Aufklärer führt einen aus der Dunkelheit ins Licht, zeigt ihm die Mechanismen hinter dem Schattenspiel und die Sonne des Wahren jenseits der Täuschung. So weit das Bild.
Jochen Kirchhoff hat in Der andere Ausgang (Kirchhoff, 2012) die Gegenthese formuliert: Die Aufklärung hat den Menschen nicht aus der Höhle befreit, sondern eine neue errichtet — eine, die sich für das Freie hält. Die Befreiung von der Bevormundung durch religiöse Dogmen und Obrigkeitsdenken war real. Aber sie ging einher mit einer ontologischen Verengung: einer Gleichsetzung des Erkennbaren mit dem Messbaren, des Realen mit dem Quantifizierbaren. Der Preis dieser Befreiung war eine neue Gefangenschaft im Abstrakten.
Drei Merkmale kennzeichnen die neue Höhle. Erstens der Chorismus: die radikale Trennung von Subjekt und Objekt, von Innen und Außen. Das Innere wird zum Raum der Täuschung, das Äußere zum alleinigen Ort des Wirklichen. Zweitens die Lethe: Was im Inneren erfahrbar ist — angeborene Ideen, leibliches Wissen, kosmische Partizipation — wird gelöscht. Die Tabula rasa wird zum erkenntnistheoretischen Ideal. Drittens die Simulation: Wissenschaft produziert Modelle, verwechselt sie zunehmend mit der Wirklichkeit und verliert die Unterscheidung zwischen der Karte und dem Gebiet. Die Verselbständigung des Prinzips der Rechenmaschine ist, wie Lewis Mumford gezeigt hat, die Veräußerlichung einer bereits erfolgten geistigen Gefangensetzung des Menschen in einem Ausschnitt seiner selbst: der abstrakten Rationalität.
#Vier Standpunkte, eine Leerstelle
Kirchhoff unterscheidet in Der andere Ausgang vier Haltungen zur Ambivalenz der Aufklärung. Der totalitäre Standpunkt (Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung, 1944/1947) marginalisiert das Positive und liest die Aufklärung primär als Herrschaftsinstrument. Der neurotische Standpunkt (Wolfgang Giegerich) diagnostiziert eine Verdrängung: das Abendland leugne die destruktiven Konsequenzen des eigenen Seinsbezugs. Der fatalistische Standpunkt (Blumenberg, Heidegger) akzeptiert die Selbstzerstörung als geschichtlich unausweichlich. Der dualistische Standpunkt schließlich unterscheidet gutes von schlechtem Denken innerhalb der Aufklärung und verortet in der Naturphilosophie der Renaissance und Romantik eine genuine Gegenströmung — eine, die nicht gegen die Vernunft gerichtet ist, sondern für eine erweiterte Vernunft. Kirchhoff und mit ihm Gwendolin stehen in diesem vierten Standpunkt.
Was bei allen vieren fehlt und was Der andere Ausgang zur Sprache bringt, ist die Verbindung der ethischen mit der ontologischen Dimension. Die Krise der Aufklärung ist kein bloß politisches oder psychologisches Problem. Sie betrifft die Frage, in welcher Art von Welt wir leben: in einer toten, die wir vermessen, oder in einer lebendigen, an der wir teilhaben.
#Schiller, Schelling und das Gegenprogramm
Die Gegenbewegung begann nicht nach der Aufklärung, sondern in ihr. Friedrich Schiller formulierte sie 1795 in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen als anthropologische Diagnose. Der moderne Mensch sei zerrissen zwischen Stofftrieb und Formtrieb, zwischen Empfindsamkeit und Abstraktion. Nur der Spieltrieb — die Vereinigung beider — könne den ganzen Menschen wiederherstellen. Schillers Spieltrieb ist keine Freizeitbeschäftigung. Er beschreibt einen Zustand, in dem der Mensch weder gezwungen noch unbestimmt ist, sondern gestaltend in das Gegebene eingreift. Das ist philosophisch präzise: Bildung im Vollsinne — nicht als Wissensanhäufung, sondern als Formung der ganzen Person.
Zwei Jahre später legte Schelling mit den Ideen zu einer Philosophie der Natur (Schelling, 1797, Breitkopf und Härtel, Leipzig) den Grundstein für eine Naturphilosophie, die den Riss zwischen Geist und Natur an seiner Wurzel angreift. Die mathematische Beschreibung der Natur biete zwar Akkuranz, aber keinen wirklichen Erkenntniswert. Es gleiche dem Versuch, Homers Werke zu beschreiben, indem man die Zeichen zählt. Von der inneren Bewegung wisse man gar nichts. Schelling dachte die Natur als lebendigen Prozess, in dem Geist und Materie nicht getrennt sind. Goethe ergänzte den Gedanken durch sein Prinzip der denkenden Anschauung — ein Schauen, das zugleich denkt, und ein Denken, das zugleich schaut. In seiner Farbenlehre (Goethe, 1810, J.G. Cotta) bestand er darauf, dass die Verbindung mit dem wahrnehmenden Subjekt nie ausgeklammert werden darf.
Novalis brachte den Zusammenhang auf eine Formel: Das Bewusstsein ist eine lebendige Wirkgröße. Und das, so Novalis, ohne in irgendeiner Form die Ratio aus dem Fenster zu werfen. Die Romantiker waren keine Schwarmgeister, die die Vernunft negierten. Sie erweiterten sie.
#Herzensbildung statt Kopfgeburt
Was die Aufklärung verloren hat, trägt einen präzisen Namen: Herzensbildung. Gemeint ist die Kultivierung des Gefühls als Erkenntnisorgan — die Fähigkeit, nicht nur zu wissen, sondern auch zu spüren, in welcher Beziehung man zur Welt steht. Der Modernismus hat, wie Gwendolin im Gespräch formuliert, dem Herz etwas weggenommen, das im Englischen treffend disheartening heißt — eine gedankenlose Vernutzung nicht nur der Natur, sondern der ganzen Lebensumgebung.
Die Frage lautet nicht: Aufklärung oder Gegenaufklärung. Die Frage lautet: Welche Aufklärung? Das prometheische Projekt — Leben nachzubauen, Bewusstsein nachzubauen, die Natur durch Kontrolle zu ersetzen — ist ein Kind der Aufklärung. Aber es ist nicht ihr einziges Kind. Schelling, Goethe, Schiller, Novalis stehen für ein anderes Erbe: eine Vernunft, die das Lebendige einschließt statt es auszuschließen. Bildung als Herzensbildung und als Kulturprojekt, wie Gwendolin es im Anschluss an den konfuzianischen Mengzi versteht, meint genau diese Erweiterung.
Was es braucht, ist die Wiedereinbeziehung eines zu Unrecht herausgeschobenen Seinsbereichs — der leiblichen Erfahrung, der lebendigen Naturwahrnehmung, der kosmologischen Dimension des Menschseins. Nicht auf Kosten der Vernunft, sondern als ihre Vervollständigung. Oswald Spengler beschrieb in Der Untergang des Abendlandes (Spengler, 1918, C.H. Beck) die Aufklärung als wiederkehrendes Kulturphänomen: die Phase, in der das kritische Bewusstsein aufgeht und das religiöse Denken abzieht. Die Diagnose ist morphologisch treffend. Sie wird dort unzureichend, wo sie den Prozess für unumkehrbar hält. Die deutsche Denktradition von Schelling bis Jochen Kirchhoff vertritt eine andere These: Die Aufklärung hat etwas liegen lassen — und es ist nicht zu spät, danach zu greifen.
#Quellen
- Kant, I. (1784). Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784.
- Kirchhoff, J. (2012). Der andere Ausgang — Was die Aufklärung hat liegen lassen.
- Schelling, F.W.J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur. Leipzig: Breitkopf und Härtel.
- Schiller, F. (1795). Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen.
- Goethe, J.W. (1810). Zur Farbenlehre. Tübingen: J.G. Cotta.
- Spengler, O. (1918). Der Untergang des Abendlandes. München: C.H. Beck.