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Daoismus

Definition

Daoismus ist eine chinesische Weisheitstradition; Laozi entfaltet im Dao De Jing das Nicht-Handeln, Wu Wei, und Zhuangzi erzählt Gleichnisse wie das vom nutzlosen Eichbaum.

„Der SINN, den man ersinnen kann, / ist nicht der ewige SINN.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 1; Wilhelm, 1952, S. 3) So beginnt das Dao De Jing in Richard Wilhelms Übersetzung, die das Wort Dao mit SINN wiedergibt. Die beiden folgenden Verse lauten: „Der Name, den man nennen kann, / ist nicht der ewige Name.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 1; Wilhelm, 1952, S. 3) Nach Wilhelm ist die ganze Metaphysik des Buches auf einer Intuition aufgebaut, „die der streng begrifflichen Fixierung unzugänglich ist“ und die Laozi nur „notdürftig“ mit dem Wort Dao bezeichnet (vgl. Wilhelm, 1952, S. XIV). Man kann diesen Anfang als Grenze eines Denkens lesen, das alles auf den Begriff bringen will.

#Dao — ein Wort jenseits des Begriffs

Das chinesische Wort Dao geht nach Wilhelm von der Bedeutung „Weg“ aus und erweitert sich zu „Richtung“, „Zustand“, dann „Vernunft“, „Wahrheit“; SINN hält er für die Übersetzung, die dem chinesischen Wort in seinen verschiedenen Bedeutungen am meisten gerecht wird (vgl. Wilhelm, 1952, S. XIV). Laozi selbst sagt im 25. Kapitel: „Ich weiß seinen Namen nicht. / Ich bezeichne es als »SINN«.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 25; Wilhelm, 1952, S. 26) Vom SINN heißt es im 14. Kapitel, man schaue nach ihm und sehe ihn nicht, man fasse nach ihm und ergreife ihn nicht (vgl. Laozi, Daodejing, Kap. 14; Wilhelm, 1952, S. 15). Wilhelm fasst zusammen: „Der SINN ist in allen Dingen, aber er ist nicht selbst ein Ding.“ (Wilhelm, 1952, S. XX) In heutiger Sprache lässt sich Dao als die lebendige Ordnung der Wirklichkeit lesen, die selbst kein Gegenstand ist.

Für den SINN gebraucht Laozi nach Wilhelm im ganzen Werk häufig das Bild des Wassers (vgl. Wilhelm, 1952, S. 9). Im 8. Kapitel heißt es: „Des Wassers Güte ist es, allen Wesen zu nützen ohne Streit. / Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten. / Drum steht es nahe dem SINN.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 8; Wilhelm, 1952, S. 9) Ein anderes Bild aus der Natur ist die Wurzel: Die zahllosen Wesen entwickeln sich, doch jedes wendet sich zurück zu seiner Wurzel, und dieses Zurückgewandtsein nennt Laozi Stille (vgl. Laozi, Daodejing, Kap. 16; Wilhelm, 1952, S. 17). Laozi war nach Wilhelm wohl ein halbes Jahrhundert älter als Konfuzius, sodass seine Geburt auf das Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. fällt (vgl. Wilhelm, 1952, S. IV). Das Dao De Jing umfasst 81 kurze Abschnitte; die Einteilung ist nach Wilhelm nicht ursprünglich, ganz alt scheinen nur die zwei Hauptteile vom SINN und vom LEBEN zu sein (vgl. Wilhelm, 1952, S. VII). Die bedeutendsten daoistischen Schriftsteller der vorchristlichen Zeit zitieren nach Wilhelm bereits den weitaus größten Teil dieser Abschnitte (vgl. Wilhelm, 1952, S. VI). Die Sprache des Buches ist knapp und oft paradox. Das 78. Kapitel endet mit dem Satz: „Wahre Worte sind wie umgekehrt.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 78; Wilhelm, 1952, S. 82) Wilhelm gibt ihn in moderner Sprache so wieder: Die Wahrheit klingt oft paradox (vgl. Wilhelm, 1952, S. 82–83). Im 29. Kapitel heißt es: „Die Welt ist ein geistiges Ding, / das man nicht behandeln darf. / Wer handelt, verdirbt sie. / Wer festhält, verliert sie.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 29; Wilhelm, 1952, S. 30) In heutiger Sprache könnte man sagen: Die Welt ist kein Gegenstand, über den man verfügt.

Im 38. Kapitel steht Laozi nach Richard Wilhelm „im schroffsten Gegensatz zum Konfuzianismus“: Liebe, Gerechtigkeit und Moral, dessen höchste Begriffe, werden dort in ihrem Wert verneint (vgl. Wilhelm, 1952, S. 43). Wo Konfuzius die gesellschaftliche Ordnung durch Riten, Pflichten und Beziehungsformen kultiviert, heißt es bei Laozi: „Der große SINN ward verlassen: / so gab es Sittlichkeit und Pflicht.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 18; Wilhelm, 1952, S. 19) Nach Wilhelms Erläuterung sind diese Tugenden, solange alles in Ordnung ist, so allgemein und selbstverständlich, dass sie sich nicht hervorheben (vgl. Wilhelm, 1952, S. 19). Zwischen Laozi und dem Konfuzianismus herrscht nach Richard Wilhelm in anderen Dingen vollkommenes Einverständnis, etwa in der hohen Wertung des Nichthandelns als Regierungsprinzip; unversöhnlich ist der Gegensatz in der Wertung des Li, der Moral und Anstandsregeln, das für Konfuzius im Zentrum steht und in dem Laozi nur eine Entartungserscheinung sieht (vgl. Wilhelm, 1952, S. X). Im 57. Kapitel führt Laozi das Wort eines Berufenen an: „Ich handle nicht, und das Volk wandelt sich von selbst.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 57; Wilhelm, 1952, S. 61)

#Wu Wei — die Kraft des Nicht-Erzwingens

Wu Wei heißt wörtlich Nicht-Handeln; Richard Wilhelm spricht bei Laozi von der „Betonung des Nicht-Handelns“ (Wilhelm, 1952, S. XVIII). Er erläutert: „Dieses Nicht-Handeln ist keine Untätigkeit, sondern nur absolute Empfänglichkeit für das, was sich von jenem metaphysischen Grunde aus im Individuum auswirkt.“ (Wilhelm, 1952, S. XVIII) Vom Berufenen heißt es im 64. Kapitel, er fördere den natürlichen Lauf der Dinge und wage nicht zu handeln (vgl. Laozi, Daodejing, Kap. 64; Wilhelm, 1952, S. 68). Bei Laozi heißt es in Richard Wilhelms Übersetzung: „Der SINN ist ewig ohne Handeln, / und nichts bleibt ungewirkt.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 37; Wilhelm, 1952, S. 38) Im 78. Kapitel heißt es, auf der ganzen Welt gebe es nichts Weicheres als das Wasser, und doch komme ihm nichts gleich in der Art, wie es dem Harten zusetzt; dass Schwaches das Starke und Weiches das Harte besiegt, wisse jedermann auf Erden, aber niemand vermöge danach zu handeln (vgl. Laozi, Daodejing, Kap. 78; Wilhelm, 1952, S. 82).

Was treibt das Handeln an? Für heutige Entscheidungen lässt sich das Nicht-Handeln als eine Unterscheidung lesen: zwischen dem Handlungsimpuls, der aus der Sache selbst kommt, und dem nervösen Kontrollbedürfnis, das aus eigener Unruhe stammt. In den Seminaren arbeiten wir mit dieser Unterscheidung — zwischen dem Handlungsimpuls aus der Sache und dem nervösen Kontrollbedürfnis, das sich als Verantwortung tarnt.

Über Moral und Vorbedacht heißt es im 38. Kapitel: „Diese Moral ist Treu und Glaubens Dürftigkeit / und der Verwirrung Beginn. / Vorbedacht ist des SINNES Schein / und der Torheit Anfang.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 38; Wilhelm, 1952, S. 43) Und im 57. Kapitel: „Je mehr die Gesetze und Befehle prangen, / desto mehr gibt es Diebe und Räuber.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 57; Wilhelm, 1952, S. 61) Laozi beschreibt den ganz großen Herrscher als einen, von dem das Volk nur eben weiß, dass er da ist; sind die Werke vollbracht, denken die Leute im Volk: „Wir sind selbständig.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 17; Wilhelm, 1952, S. 18) Harald Gutherz, dessen Aufsatz „Soziologisches“ in Wilhelms Ausgabe abgedruckt ist, liest diesen Abschnitt als Beschreibung einer Wirkung, deren Ursache ein Herrscher ist, der den SINN bewahrt und daher nicht handelt (vgl. Gutherz, in: Wilhelm, 1952, S. XXVI).

#Zhuangzis Gleichnisse — der Nutzen des Nutzlosen

Zhuangzi ist nach Richard Wilhelm „der glänzendste Schriftsteller des Taoismus“; er lebte im 4. Jahrhundert v. Chr. und hat seine Ausführungen durchgängig auf die Lehren des Dao De Jing gegründet (vgl. Wilhelm, 1952, S. VI). Im vierten Buch erzählt er das Gleichnis vom alten Eichbaum: Ein Zimmermann geht an einem riesigen, alten Baum vorbei, ohne ihn zu beachten. Aus seinem Holz lässt sich nichts machen. Aber gerade weil er zu nichts zu gebrauchen ist, hat er es auf ein so hohes Alter bringen können (vgl. Zhuangzi, Buch IV, 4, „Der alte Eichbaum“; Wilhelm, 1912, S. 33–34). Das Buch IV schließt mit dem Gedanken, jedermann wisse, wie nützlich es ist, nützlich zu sein, und niemand wisse, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein (vgl. Zhuangzi, Buch IV, 8; Wilhelm, 1912, S. 36).

Im Traum erscheint der Eichbaum dem Zimmermann und erklärt, er habe sich schon lange Mühe gegeben, ganz nutzlos zu werden, und das sei ihm nun vom größten Nutzen; er fragt, ob er wohl diese Größe erreicht hätte, wäre er zu irgend etwas nütze (vgl. Zhuangzi, Buch IV, 4; Wilhelm, 1912, S. 34). Die Kulturbäume dagegen, die Obst und Beeren tragen, bringen nach seinen Worten durch ihre Gaben ihr eigenes Leben in Gefahr und gehen auf halbem Wege zugrunde (vgl. ebd.). Richard Wilhelm fasst die Baumgleichnisse des vierten Buches so zusammen: Die Bäume des vierten und fünften Abschnitts wussten sich dadurch, dass sie für den gemeinen Gebrauch nicht tauglich waren, vor frühzeitiger Vernichtung zu wahren; im sechsten Abschnitt führt bei den brauchbaren Bäumen die Brauchbarkeit ihren Untergang herbei (vgl. Wilhelm, 1912, S. 26). In heutiger Sprache lässt sich das Gleichnis als Einwand gegen ein Denken lesen, das alles nach seinem Nutzen bemisst; der Zimmermann selbst sagt am Ende, es sei ganz verkehrt, auf diesen Baum die gewöhnlichen Maßstäbe anwenden zu wollen (vgl. Zhuangzi, Buch IV, 4; Wilhelm, 1912, S. 34).

Ein „Gleichnis über die Wirkungen der fügsamen Anpassung an die Gesetze der Natur“ nennt Richard Wilhelm die Geschichte vom Koch im dritten Buch (Wilhelm, 1912, S. 22). Im Gleichnis vom Koch des Fürsten Wen Hui folgt der Koch beim Zerlegen der Rinder den natürlichen Linien, und sein Messer hat nach neunzehn Jahren eine Schneide wie frisch geschliffen (vgl. Zhuangzi, Buch III, 2, „Der Koch“; Wilhelm, 1912, S. 23). Er selbst sagt, es sei der SINN, den er liebe, und das sei mehr als Geschicklichkeit (vgl. ebd.). Kommt er an eine Gelenkverbindung, so sieht er die Schwierigkeiten, nimmt sich vorsichtig in acht und geht ganz langsam weiter (vgl. ebd.). Der Fürst sagt am Ende, er habe die Worte eines Kochs gehört und die Pflege des Lebens gelernt (vgl. ebd.).

Ein Wort aus Zhuangzis zehntem Buch bezieht Gwendolin Kirchhoff auf die Macht. Dort heißt es in Richard Wilhelms Übersetzung: „Solange die Heiligen nicht aussterben, hören die großen Räuber nicht auf.“ (Zhuangzi, Buch X, 3; Wilhelm, 1912, S. 69) Wer eine Spange stiehlt, wird nach derselben Stelle hingerichtet, wer ein Reich stiehlt, wird Landesfürst (vgl. Zhuangzi, Buch X, 3; Wilhelm, 1912, S. 69). Im Gespräch mit Elisa Gratias (TransitionTV, 2026) gibt Kirchhoff die Stelle frei wieder: Ein großer Räuber ist, wer einen Staat raubt, und er wird Fürst, nach ihrem Zusatz auch Oligarch oder etwas in der Art; das sei durchaus auch zu sehen (vgl. Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 00:49:11–00:49:52). Ihre Lesart der Stelle: „Aber alles, was kodifiziertes Wissen ist nach außen, was den Staat führt, kann übernommen werden von demjenigen, der den Staat raubt.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 00:50:05) Deshalb empfehle Zhuangzi, gar nicht so viel nach außen zu geben (vgl. ebd., 00:50:14–00:50:20). Bei näherem Hinsehen gehe es bei Zhuangzi vor allem um Normierungen und Normen; ein geschriebenes Recht nennt Kirchhoff eine Art rationalen Entscheidungsautomaten (vgl. ebd., 00:50:50–00:51:04): „In dem Moment, wo ich einen Entscheidungsautomaten habe, also ein geschriebenes Gesetz, kann sich jeder Oligarch der Sache auch entziehen oder bedienen.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 00:51:07) Dagegen stellt sie die Direktheit: „Aus dem direkten Kontakt zu den Phänomenen wird es auf einmal einfach, indem ich mich nicht beziehe erst auf irgendwas Formalisiertes, was vor mir liegt.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 00:51:36)

Laozi stellt das Weiche und Schwache über das Feste und Starke: „Denn das Feste und Starke gehört dem Tode, / das Weiche und Schwache gehört dem Leben.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 76; Wilhelm, 1952, S. 80) Wilhelm verweist auf die Stellen, an denen das LEBEN „als etwas Weibliches, rein Empfangendes“ bezeichnet wird (vgl. Wilhelm, 1952, S. XVIII).

#Warum soll man eine Lücke lassen?

Das Daodejing antwortet im neunten Kapitel, das Richard Wilhelm „Selbstbeschränkung“ überschreibt, mit zwei Bildern: „Etwas festhalten wollen und dabei es überfüllen: / das lohnt der Mühe nicht. / Etwas handhaben wollen und dabei es immer scharf halten: / das läßt sich nicht lange bewahren.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 9; Wilhelm, 1952, S. 10) Wilhelm erläutert das erste als „Bild einer Schale mit Wasser, die man nicht überfüllen darf, ohne daß es überläuft“, das zweite mit dem Sprichwort „Allzu scharf macht schartig“.

Gwendolin Kirchhoff kommt in einem Gespräch mit Elisa Gratias für TransitionTV (2026) auf diese Bilder zu sprechen. Zuvor sagt sie: „Das Leben ist nicht perfekt und muss nicht perfekt sein.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:04:19) Es müsse nicht vollkommen sein, es müsse und dürfe immer etwas übrig bleiben, und das gelte in allen Lebensbereichen (vgl. ebd., 01:04:22–01:04:29). „Ganz viel Druck entsteht immer, wenn etwas zu Ende gemacht werden soll.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:04:29) Unmittelbar danach zitiert sie zwei Sprüche aus dem Daoismus, das Bild vom Messer, das man zu sehr wetzt, sodass die Klinge schneller stumpf wird, und das Bild von der Tasse, in die man zu viel Wasser gießt, sodass sie überläuft (vgl. ebd., 01:04:33–01:04:46). Darauf folgt ihr eigener Satz: „Dass du immer eine Lücke lässt.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:04:46)

Und weiter: „Weniger sagst, als du sagen könntest. Weniger tust, als du tun könntest.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:04:49) „Immer etwas weniger. Immer Luft lassen. Und auch die Fehler stehen lassen.“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:04:53–01:04:58) Ihr Beispiel ist ihre eigene Arbeit: Wenn sie sich Clips von sich ansieht und bemerkt, dass sie gestottert oder unsauber gesprochen hat, sei das auf der einen Seite ein Exzellenzstreben in ihr, auf der anderen Seite möchte sie das Unperfekte so stehen lassen (vgl. ebd., 01:04:58–01:05:18). „Warum muss alles perfekt sein?“ (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 01:05:18)

#Was ist der Lauf der Dinge im chinesischen Denken?

Der Lauf der Dinge ist nach den chinesischen Ideen, wie Gwendolin Kirchhoff sie in einem Gespräch mit Elisa Gratias über Homers Odyssee wiedergibt (TransitionTV, 2026), stetige Wandlung: Yin und Yang wechseln sich als Urpolarität ständig ab, der Tag wird zur Nacht, die Nacht zum Tage, und nichts bleibt (vgl. Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 00:48:29–00:48:45). Kirchhoff kommt auf diese chinesischen Ideen zum Schicksal und zum Lauf der Dinge im Zusammenhang mit der Frage, was als Nächstes kommt, was Heil und was Unheil ist (vgl. ebd., 00:47:43–00:48:21). Wie bei den Griechen gebe es bei den Chinesen die Idee, dass man das nicht kontrollieren kann (vgl. ebd., 00:48:21–00:48:30). Der Edle passe sich dem an, er „zieht sich zurück, wenn es Zeit ist, sich zurückzuziehen und tritt hervor, wenn es Zeit ist, hervorzutreten“, und gehe mit dem Lauf der Dinge, der größer ist als er, und versuche nicht, sich dagegenzustellen; das sei sehr verkürzt gesagt (Kirchhoff, 2026, TransitionTV, 00:48:47–00:49:08).

#Die Frage nach dem rechten Zeitpunkt

Weisheit orientiert sowohl Handeln als auch Nicht-Handeln; die weise Antwort kann im Handeln oder im Lassen liegen. Vom I Ging wurde Laozi nach Richard Wilhelm zu einigen seiner tiefsten Aphorismen angeregt, und auch Konfuzius gab sich dem Nachdenken darüber hin (vgl. Wilhelm, 1924/1987, S. 18–19). Eines seiner Zeichen heißt „Das Warten“; Wilhelm erläutert es mit dem Regen, der zu seiner Zeit kommt: „Man kann ihn nicht erzwingen, sondern muß darauf warten.“ (Wilhelm, 1924/1987, S. 42) Vom rechten Zeitpunkt spricht auch das achte Kapitel des Dao De Jing: „Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 8; Wilhelm, 1952, S. 9) Das 64. Kapitel sagt: „Man muß wirken auf das, was noch nicht da ist. / Man muß ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist.“ (Laozi, Daodejing, Kap. 64; Wilhelm, 1952, S. 68)

Liest man den Daoismus über das Nicht-Handeln und die rechte Zeit, ist er weniger ein Katalog von Handlungsanweisungen als ein Vertrauen, dass eine Ordnung trägt, die nicht hergestellt werden muss.

#Quellen

  • Kirchhoff, G. & Gratias, E. (2026). «Das Schicksal ist größer als wir» Gwendolin Walter-Kirchhoff über Christopher Nolan und das Leben [Video]. TransitionTV, YouTube, 18. September 2026. https://www.youtube.com/watch?v=smlQFizE8Lg Alle Zeitangaben beziehen sich auf diese TransitionTV-Fassung; die Manova-Fassung Die Odyssee (https://www.youtube.com/watch?v=DjtervR5tR4) hat abweichende Zeiten.
  • Laozi (1952). Tao Te King — Das Buch des Alten vom Sinn und Leben. Übersetzt von Richard Wilhelm. Düsseldorf/Köln. Text nach zeno.org. Darin: Gutherz, H., Soziologisches, S. XXIII–XXXI.
  • Wilhelm, R. (Übers.) (1987). I Ging: Das Buch der Wandlungen (14. Aufl.; Erstausgabe Jena 1924). Köln: Diederichs.
  • Zhuangzi (1912). Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Übersetzt und erläutert von Richard Wilhelm. Digitalisat archive.org.
  • Wilhelm, R. (1926). Die Seele Chinas. Berlin: Reimer Hobbing.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Daoismus einfach erklärt?
Daoismus ist eine chinesische Weisheitstradition, zu deren Grundtexten das Dao De Jing des Laozi gehört. Richard Wilhelm spricht bei Laozi von der Betonung des Nicht-Handelns, Wu Wei; vom Berufenen heißt es dort, er fördere den natürlichen Lauf der Dinge und wage nicht zu handeln (Daodejing, Kap. 64).
Was ist der Unterschied zwischen Daoismus und Konfuzianismus?
Der Konfuzianismus ordnet die Welt über Beziehungen, Riten und bewusste Selbstkultivierung. Nach Richard Wilhelm herrscht zwischen beiden Richtungen vollkommenes Einverständnis in der hohen Wertung des Nichthandelns als Regierungsprinzip; ein unversöhnlicher Gegensatz besteht in der Wertung des Li, der Moral und Anstandsregeln: Für Konfuzius steht das Li im Zentrum, Laozi sieht darin nur eine Entartungserscheinung (Wilhelm, 1952, S. X).
Ist Daoismus eine Religion?
Der Daoismus hat sowohl eine philosophische als auch eine religiöse Tradition. Laozi und Zhuangzi stehen für die philosophische Seite. Daneben entwickelte sich ein religiöser Daoismus mit Tempeln, Ritualen und Götterwelt — beides gehört zur Geschichte des Dao.
Warum soll man eine Lücke lassen?
Laozi beschreibt im neunten Kapitel des Daodejing zwei Bilder: Was man festhalten will und dabei überfüllt, lohnt der Mühe nicht, und was man immer scharf halten will, lässt sich nicht lange bewahren. Gwendolin Kirchhoff zitiert diese zwei Sprüche aus dem Daoismus und sagt dazu: Lass immer eine Lücke, sag weniger und tu weniger, als du könntest, und lass auch die Fehler stehen. Das Leben ist nach ihren Worten nicht perfekt und muss nicht perfekt sein, und ganz viel Druck entsteht immer, wenn etwas zu Ende gemacht werden soll.
Was meint Zhuangzi mit den großen Räubern?
Im zehnten Buch des Zhuangzi heißt es in Richard Wilhelms Übersetzung, wer eine Spange stiehlt, werde hingerichtet, wer ein Reich stiehlt, werde Landesfürst, und solange die Heiligen nicht aussterben, hörten die großen Räuber nicht auf. Gwendolin Kirchhoff liest die Stelle so: Alles kodifizierte Wissen, das nach außen gegeben ist und den Staat führt, kann von dem übernommen werden, der den Staat raubt. Ein geschriebenes Gesetz nennt sie einen Entscheidungsautomaten, dem sich jeder Oligarch entziehen oder den er sich zunutze machen kann.