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Synchronizität und I Ging: Was Jung und Wilhelm verstanden

Peter Herrmann
Führung & Beziehung chinesische-philosophiei-gingweisheitnaturphilosophie
9 Min. Lesezeit

Synchronizität ist C.G. Jungs Begriff für sinnvolle Koinzidenzen, die sich nicht kausal erklären lassen — das I Ging arbeitet seit dreitausend Jahren mit genau diesem Prinzip: einer Ordnung, die antwortet, wenn man sie ernsthaft befragt.

Synchronizität ist ein Begriff, den C.G. Jung prägte, um etwas zu benennen, das die westliche Wissenschaft bis heute nicht einordnen kann: sinnvolle Zusammentreffen, die sich jeder kausalen Erklärung entziehen. Du denkst an einen Menschen, und er ruft an. Du stellst eine Frage, und die Antwort liegt auf der nächsten Seite des Buches, das Du gerade aufschlägst. Das Wort „Zufall” greift hier nicht, denn was geschieht, hat Bedeutung — und diese Bedeutung lässt sich nicht aus einer Ursache-Wirkungs-Kette ableiten.

Jung fand für dieses Phänomen nicht in der europäischen Tradition den Schlüssel, sondern im I Ging — dem ältesten Weisheitsbuch der Menschheit. Was ihn mit diesem Text verband und warum seine Begegnung mit dem Sinologen Richard Wilhelm mehr war als ein kulturhistorischer Zufall, berührt eine Frage, die weit über Psychologie hinausgeht: Ist der Kosmos ein sinnhaftes Ganzes, das auf echte Fragen antwortet?

#Was Jung im I Ging erkannte

Als Richard Wilhelm in den 1920er Jahren seine deutsche Übersetzung des I Ging vorlegte, geschah etwas Ungewöhnliches. Hier übersetzte ein Mann, der zwanzig Jahre in China gelebt und bei dem konfuzianischen Gelehrten Lao Nai-hsüan studiert hatte, einen Text, der im Westen bestenfalls als exotische Kuriosität galt. Jung erkannte in Wilhelms Übersetzung sofort, was die meisten westlichen Leser übersahen: Das I Ging ist kein Wahrsagebuch. Es ist ein Verfahren, das mit einer Ordnung arbeitet, die der westlichen Wissenschaft fremd ist.

In seinem Vorwort zur englischen Ausgabe von 1950 legte Jung dar, was ihn an diesem Text faszinierte. Die westliche Wissenschaft, so Jung, fragt nach Ursachen. Sie sucht die Kette: A verursacht B verursacht C. Das I Ging fragt anders. Es fragt: Was gehört zu diesem Augenblick? Was zeigt sich in dieser Situation als Ganzes? Die Frage ist nicht „Warum?”, sondern „Was ist jetzt?” (vgl. Jung, 1950, Vorwort).

Jung nannte dieses Prinzip akausale Geordnetheit — eine Ordnung, die nicht durch mechanische Verursachung entsteht, sondern durch Sinnzusammenhang. Dieser Gedanke war sein radikalster Bruch mit dem Weltbild der modernen Naturwissenschaft. Denn er setzte voraus, dass Sinn keine menschliche Zutat zur Welt ist, sondern in der Welt selbst liegt.

#Synchronizität als philosophische Herausforderung

Die übliche Lesart von Jungs Synchronizitätsbegriff reduziert ihn auf psychologische Erfahrung: ein subjektives Erleben von Sinnhaftigkeit, das für den Einzelnen bedeutsam, aber objektiv zufällig sei. Diese Lesart domestiziert den Gedanken und nimmt ihm seine philosophische Schärfe. Jung meinte etwas anderes. Er behauptete, dass es neben der Kausalität ein zweites Ordnungsprinzip in der Wirklichkeit gibt, und er sah im I Ging den ältesten systematischen Ausdruck dieses Prinzips.

Richard Wilhelm, der das Buch der Wandlungen dem Westen zugänglich machte, formulierte in seiner Einleitung den Grundgedanken dieses Textes: „Dieser Wandel aber ist nicht sinnlos, sonst könnte es kein Wissen davon geben, sondern eben dem durchgehenden Gesetz, dem SINN (Tao), unterworfen” (Wilhelm, 1924, I Ging, Vorrede). Hier liegt der Kern: Der Wandel hat eine Richtung, eine innere Logik. Das I Ging setzt voraus, dass die Wirklichkeit durchdrungen ist von einer Ordnung, die sich dem aufrichtigen Fragenden zeigt.

Das ist eine ontologische Behauptung, kein psychologischer Befund. Und genau hier wird der Gedanke für die Naturphilosophie fruchtbar.

#Die Begegnung zwischen Wilhelm und Jung

Die Freundschaft zwischen Richard Wilhelm und C.G. Jung, die in den 1920er Jahren in Zürich begann, war eine jener seltenen Konstellationen, in denen zwei Denker einander das Entscheidende gaben. Wilhelm gab Jung den Zugang zu einem Weltverständnis, das die westliche Aufklärung verworfen hatte: die Vorstellung, dass der Kosmos auf menschliche Fragen reagiert. Jung gab Wilhelm eine psychologische Sprache, die erklären konnte, warum das I Ging wirkt, ohne es auf Aberglauben zu reduzieren.

Was sie verband, war eine gemeinsame Intuition: dass die Trennung zwischen Innen und Außen, zwischen Psyche und Kosmos, zwischen subjektivem Erleben und objektiver Welt nicht das letzte Wort sein kann. Jung formulierte es in der Sprache der Archetypen und der akausalen Geordnetheit. Wilhelm formulierte es in der Sprache des SINN (Tao), des durchgehenden Gesetzes, das allem Wandel zugrunde liegt.

Gwendolin Kirchhoff hat in ihrem SYMPOSIUM-Gespräch über Jung einen Punkt hervorgehoben, der oft übersehen wird: „Anders als Freud wollte Jung nichts vom Unbewussten, sondern hat sich in Kommunikation mit ihm begeben, und zwar nicht manipulativ eingreifend, sondern erst einmal zuhörend empfangend” (Kirchhoff, G., 2024, „C.G. Jung — Das Unbewusste, eine Einführung”, 43:09). Diese Haltung — empfangend statt eingreifend — ist genau die Haltung, die das I Ging von seinem Befragenden verlangt. Wer das I Ging benutzt, um eine bestimmte Antwort zu erzwingen, wird nichts erhalten. Wer es befragt, um zu hören, was sich zeigen will, kann etwas empfangen, das er mit seinem Verstand allein nicht hätte finden können.

#Warum das I Ging wirkt: Akausale Ordnung statt Magie

Die Frage, die sich jedem stellt, der das I Ging ernst nimmt, ist einfach zu formulieren und schwer zu beantworten: Wie kann das Werfen von Münzen oder das Teilen von Schafgarbenstengeln zu einer sinnvollen Antwort führen?

Die materialistische Antwort lautet: Es kann nicht. Der Zusammenhang zwischen dem Wurf und der Antwort ist zufällig. Der Mensch projiziert Bedeutung in ein zufälliges Ergebnis. Diese Erklärung ist schlüssig — solange man voraussetzt, dass Kausalität das einzige Ordnungsprinzip der Wirklichkeit ist.

Jung setzte genau das nicht voraus. Er postulierte eine zweite Form der Ordnung: nicht kausal, sondern sinnhaft. Das I Ging arbeitet nicht mit Ursache und Wirkung. Es arbeitet mit der Frage: Was gehört in diesen Moment? Die 64 Hexagramme sind Bilder von Situationstypen, und der Akt des Befraggens stellt eine Verbindung her zwischen der inneren Frage des Fragenden und dem äußeren Bild, das ihm gezeigt wird. Diese Verbindung ist nicht kausal. Sie ist, in Jungs Terminologie, synchronistisch.

Gwendolin Kirchhoff verwendet das I Ging in ihrer eigenen Praxis, und sie beschreibt die Funktion präzise: „Beim Noch-nicht-Handeln frage ich häufig das I Ching — es hat ein Gefühl für Timing” (Kirchhoff, G., Interview 2026-02-12). Das I Ging gibt keine Befehle. Es zeigt die Struktur einer Situation, und aus diesem Zeigen entsteht ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt — für Handeln oder für Warten. Die Weisheit, die darin liegt, zielt auf das Handeln und das Nicht-Handeln gleichermaßen.

#Der lebendige Kosmos als Voraussetzung

Die Frage, ob Synchronizität real oder projektiv ist, lässt sich nicht beantworten, solange man innerhalb des materialistischen Weltbildes bleibt. Wenn der Kosmos tote Materie ist, die von blinden Gesetzen bewegt wird, dann kann es keine sinnhafte Ordnung geben, die auf menschliche Fragen antwortet. Dann ist jede Form von Synchronizität Illusion.

Aber genau diese Voraussetzung stellt die Naturphilosophie infrage. Schelling formulierte es 1797 so: Die äußere Welt liegt vor uns aufgeschlagen wie ein Buch, um in ihr die Geschichte unseres Geistes wiederzufinden (vgl. Schelling, 1797, Ideen zu einer Philosophie der Natur, Einleitung). Goethe sprach von einer „Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt” (Goethe, Maximen und Reflexionen). Und Jochen Kirchhoff brachte es auf den Punkt: Die Natur ist eigenlebendig, und als Eigenlebendiges kann der Mensch mit ihr in Kommunikation treten — „dann antwortet es mir, sozusagen, dann bin ich im Dialog” (vgl. Kirchhoff, J., 2019, „Was ist Erkenntnis?”, 71:54).

WeltbildOrdnungsprinzipI GingSynchronizität
MaterialismusNur KausalitätZufall, ProjektionIllusion
NaturphilosophieKausalität und SinnKommunikation mit einer lebendigen OrdnungErfahrung einer realen Verbundenheit

In der naturphilosophischen Perspektive ist der Kosmos kein toter Mechanismus, sondern ein lebendiges Ganzes, dem Geist innewohnt. Wenn das der Fall ist, dann ist Synchronizität keine Anomalie, die erklärt werden muss, sondern eine Konsequenz der Tatsache, dass der Mensch Teil dieses Ganzen ist. Das I Ging setzt genau dies voraus: dass die Wirklichkeit auf echte Fragen antwortet, weil der Fragende und die Welt, die ihm antwortet, aus demselben Stoff sind.

Jung ahnte das, ohne es ontologisch auszubuchstabieren. Wilhelm wusste es aus zwanzig Jahren Immersion in die chinesische Tradition. Und die Naturphilosophie von Schelling bis Kirchhoff liefert den philosophischen Rahmen, der beide Intuitionen zusammenführt: Der Kosmos ist lebendig, und wer ihn lebendig befragt, kann eine lebendige Antwort empfangen.

#Jenseits von Jung: Was die Brücke trägt

Was Jung und Wilhelm in den 1920er Jahren zusammenführte, war mehr als eine intellektuelle Neugier. Es war die Ahnung, dass die Trennung zwischen westlicher Wissenschaft und östlicher Weisheit auf einem Irrtum beruht — dem Irrtum, dass nur kausales Denken Zugang zur Wirklichkeit bietet. Das I Ging zeigt, dass es einen anderen Zugang gibt: situativ, bildhaft, empfangend. Und Jungs Synchronizitätsbegriff zeigt, dass auch die westliche Psychologie an die Grenzen des kausalen Denkens stößt, wenn sie die Erfahrung des Sinnhaften ernst nimmt.

Für die philosophische Begleitung, wie Gwendolin Kirchhoff sie versteht, ist diese Brücke nicht nur historisch interessant. Sie ist praktisch relevant. Wer mit dem I Ging arbeitet, arbeitet mit der Voraussetzung, dass es eine Ordnung gibt, die sich zeigen will, wenn man sich ihr öffnet. Das ist kein Glaube im religiösen Sinn. Es ist eine philosophische Haltung: die Bereitschaft, das Timing der Situation über den eigenen Kontrollimpuls zu stellen, und die Erfahrung, dass aus dieser Bereitschaft etwas entsteht, das weder Zufall noch Berechnung ist.

Wenn Du Dich für die philosophischen Grundlagen der chinesischen Weisheitstradition interessierst, findest Du im Seminarprogramm von Gwendolin Kirchhoff den Raum, diese Fragen vertieft zu erkunden.

#Quellen

Jung, C.G. (1950). Vorwort. In: Richard Wilhelm (Übers.), I Ging: Das Buch der Wandlungen. Pantheon Books.

Jung, C.G. (1954). Die Archetypen und das kollektive Unbewusste. Walter.

Kirchhoff, G. (2024). „C.G. Jung — Das Unbewusste, eine Einführung — SYMPOSIUM” [Video]. Gwendolin Kirchhoff, YouTube. https://youtube.com/watch?v=gJU52qS8gxg.

Kirchhoff, J. (2019). „Was ist Erkenntnis? Wissenschaftliche Methode & Philosophie” [Video]. Jochen Kirchhoff — In Memoriam, YouTube.

Schelling, F.W.J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur.

Wilhelm, R. (Übers.) (1924). I Ging: Das Buch der Wandlungen. Diederichs, Jena.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Synchronizität nach C.G. Jung?
Synchronizität bezeichnet bei C.G. Jung das zeitliche Zusammentreffen zweier oder mehrerer Ereignisse, die nicht kausal miteinander verbunden sind, aber einen sinnvollen Zusammenhang bilden. Jung prägte den Begriff 1930 und sah im I Ging das älteste systematische Verfahren, das mit diesem Prinzip arbeitet.
Warum schrieb Jung das Vorwort zu Wilhelms I Ging?
Carl Gustav Jung schrieb 1950 das Vorwort zur englischen Ausgabe von Richard Wilhelms I Ging-Übersetzung, weil er im Buch der Wandlungen die philosophische Grundlage seiner Synchronizitätstheorie erkannte. Wilhelm hatte ihm das I Ging in den 1920er Jahren nahegebracht, und Jung nutzte es jahrelang in seiner eigenen Praxis.
Was ist der Unterschied zwischen Synchronizität und Zufall?
Ein Zufall hat keine innere Bedeutung — er ist eine statistische Koinzidenz. Synchronizität dagegen beschreibt ein Zusammentreffen, das für den Erlebenden sinnvoll ist, ohne dass eine kausale Verbindung besteht. Jung sprach von akausaler Geordnetheit: einer Ordnung, die nicht durch Ursache und Wirkung entsteht, sondern durch Sinn.
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Gwendolin Kirchhoff — Philosophin in Berlin

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