Das Mythische ist weder Lüge noch überwundene Vorstufe des Rationalen, sondern eine ständig gegenwärtige Schicht der Wirklichkeit, die sich in Urgeschichten, Bildern und kosmischen Mustern zeigt und vom rationalen Bewusstsein nicht ersetzt, nur verdrängt werden kann.
Schlüsselmomente
Das Mythische lässt sich nicht auf eine Entwicklungsstufe reduzieren. In seinem Vortrag über Freud von 1936 formuliert Thomas Mann einen Satz, der bis heute irritiert: Der Mythos sei im Gesamten der Menschheit eine primitive und frühe Form, im Einzelnen jedoch eine späte und reife (Mann, 1936). Zwei entgegengesetzte Bewegungen in einem einzigen Begriff. Wer heute vom Mythischen spricht, begegnet sofort dem Verdacht der Rückständigkeit. Mythos gilt als Lüge, als überwundene Phase, bestenfalls als Stoff für Fantasy-Romane. Und doch lässt er uns nicht los. Vielleicht kennst Du das: ein Bild, ein Traum, eine Geschichte, die Dich ergreift, ohne dass Du erklären könntest, warum. Ein Moment, in dem die rationale Ordnung der Dinge plötzlich dünn wird und etwas Älteres durchscheint.
Dieses Durchscheinen hat einen Grund. Es ist kein Rückfall in vormodernes Denken und kein sentimentales Schwärmen für vergangene Zeiten. Es zeigt an, dass unter der Oberfläche des rationalen Bewusstseins eine Schicht der Wirklichkeit liegt, die nie verschwunden ist. Eine Schicht, die sich nicht dadurch erledigt, dass wir sie für überholt erklären.
Was unterscheidet mythisches von rationalem Denken?
Die übliche Antwort lautet: Der Mythos war zuerst, dann kam der Logos. Vom Magischen über das Mythische zum Mentalen. So erzählt es die Bewusstseinsgeschichte von Jean Gebser bis Ken Wilber (Gebser, 1949). Das Rationale hätte das Mythische abgelöst wie der Erwachsene das Kind. Wer noch am Mythos hängt, hätte eine Entwicklungsstufe verpasst.
Diese Stufentheorie ist nicht falsch, aber sie greift zu kurz. Sie setzt voraus, dass das Mythische eine frühe Bewusstseinslage war, die wir überwunden haben. Aber was, wenn das Mythische gar keine Stufe ist, sondern eine Schicht? Das Schichtmodell der Wirklichkeit denkt anders als das Stufenmodell: Eine Schicht wird nicht abgelöst. Sie wird überlagert, verdrängt, vergessen, aber sie verschwindet nicht. Sie wirkt weiter, im Verborgenen, im Traum, in der Kunst, in dem, was uns ohne rationale Erklärung ergreift.
Jochen Kirchhoff hat diesen Unterschied auf eine einfache Frage gebracht: Ist das Mythische eine Vorstufe, die wir abgelegt haben, oder eine ständig gegenwärtige Weltwirklichkeit, die nur im Verborgenen liegt — eine Frage, die auch den kosmischen Anthropos betrifft (Kirchhoff, 2002)? Seine Antwort war klar: Der Mythos ist nicht tot. Der Mythos ist ständig gegenwärtig. Es gibt diese Schicht des Mythischen, und sie hat eine Ambivalenz, die wir aushalten müssen, statt sie wegzuordnen.
Mythos und Mythologie: ein entscheidender Unterschied
Wer vom Mythischen spricht, muss eine Unterscheidung treffen, die im alltäglichen Sprachgebrauch fast immer verwischt wird: die zwischen dem Mythischen und dem Mythologischen. Das Mythologische ist, wörtlich genommen, der Logos vom Mythos, eine rationale Verarbeitung mythischer Inhalte. Tolkiens Herr der Ringe ist mythologisch zusammengebaut, nicht mythisch. Ein rationaler Mensch hat Urbilder zusammenkonstruiert und daraus eine Erzählung geformt. Das funktioniert literarisch, aber es ist etwas anderes als die Erfahrung, die den Bildern zugrunde liegt.
Das Mythische selbst ist keine Konstruktion. Es ist eine Grundgestimmtheit der Wirklichkeit, die sich in Urgeschichten zeigt. Geschichten, die jeder durchlebt, der eine menschliche Biografie hat. Man ist jung, und plötzlich ist man nicht mehr jung. Man liebt, man verliert, man sucht. Diese Geschichten wiederholen sich, weil sie eine kosmische, eine geistig-kosmische Wurzel haben. Sie kommen nicht aus dem menschlichen Erfindungsreichtum. Sie kommen aus einer Tiefe, die der Naturphilosophie vertraut ist: aus einer Welt, die durchlebt und durchgeistet ist und von hohem Bewusstsein durchwirkt.
Platons Höhle und die Bildschirmwelt
Eines der mächtigsten mythischen Bilder des Abendlands ist Platons Höhlengleichnis. Menschen sitzen vor einer Wand, auf die Schatten geworfen werden. Hinter ihnen eine Priesterschaft, die den Bildschirm bespielt. Einer wird herausgeführt, vorbei an der Maschinerie der Täuschung, hinaus ins Licht der Sonne, der Sonne der Wahrheit und des Guten.
Dieses Bild wurde zum Kerngeschehen der Aufklärung: die Entlarvung des Priesterbetrugs, die Befreiung aus der Matrix der Täuschung. Doch hier zeigt sich das Mythische in seiner ganzen Wucht. Denn ausgerechnet das Abendland, das auszog, sich vom Bildschirm zu befreien, ist der Teil der Erde, der eine Welt voller Bildschirme gebaut hat. Das ist keine Ironie der Geschichte. Das ist ein mythisches Geschehen, das sich vor unseren Augen vollzieht. Wir sehen es nicht, weil wir das Mythische für erledigt halten.
Hier wird das Analogiemodell sichtbar: Ein Bild, das vor zweieinhalbtausend Jahren in die Welt gesetzt wurde, bildet sich in der Gegenwart ab, nicht als Wiederholung, sondern als lebendige Spiegelung. Der Mythos erinnert nicht an Vergangenes. Er zeigt, was jetzt geschieht.
Unterwelt oder Anderswelt?
Die Frage im Titel dieses Essays ist kein Wortspiel, sondern eine philosophische Weggabelung. Wer das Mythische als Unterwelt versteht, als das Dunkle, Verdrängte, Chaotische, das unter dem Rationalen lauert, wird es fürchten oder romantisieren, aber in beiden Fällen wird er es als das Andere des Denkens behandeln. Das Mythische wäre dann das, was wir kontrollieren oder in Schach halten müssen.
Wer das Mythische als Anderswelt versteht, denkt anders. Die Anderswelt ist nicht unter uns, sondern neben uns. Sie ist eine eigene Wirklichkeitsdimension, die mit der rationalen Welt verschränkt ist, aber nicht von ihr abgeleitet werden kann. Die keltische Tradition spricht von der Anderswelt als einem Raum, der nicht jenseitig im Sinne von unerreichbar ist, sondern der sich in bestimmten Momenten öffnet: an Schwellen, in Übergängen, in der Kunst, im Traum, in der echten Begegnung.
Die Konsequenz dieser Unterscheidung reicht weit. Wer das Mythische als Unterwelt auffasst, braucht Kontrolle. Wer es als Anderswelt begreift, braucht Durchlässigkeit. Er braucht die Fähigkeit, sich einem anderen Register der Wirklichkeit zu öffnen, ohne das Rationale aufzugeben. Jochen Kirchhoff hat immer wieder betont, dass gerade die solide rationale Grundlage nötig ist, um dem Mythischen begegnen zu können, ohne von ihm weggerissen zu werden (Kirchhoff, 2002). Thomas Mann meinte dasselbe: Wer das Rationale vollkommen aufgibt, landet im Irrsinn.
Was verloren geht, wenn der Mythos stirbt
Die Verdrängung des Mythischen hat Folgen, die weit über die individuelle Psyche hinausreichen. Im abendländischen Nihilismus des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt sich, was geschieht, wenn eine Zivilisation das Mythische abtötet: die Entwertung aller metaphysischen und religiösen Werte, das Gefühl kosmischer Verlorenheit, das Grauen vor der Leere des unendlichen Raumes. Der Mensch wird zum kosmisch bedeutungslosen Wesen an der Schwelle des Nichts.
Das ist kein abstraktes philosophiegeschichtliches Problem. Es ist eine Beschreibung dessen, was viele Menschen heute empfinden, ohne es benennen zu können. Ein Sinnvakuum, das weder durch Konsum noch durch Effizienz zu füllen ist. Die Götter haben sich zurückgezogen, wie Jochen Kirchhoff es formulierte (Kirchhoff, 2002). Aber sie sind nicht verschwunden. Sie sind verdrängt worden. Und was verdrängt wird, wirkt im Verborgenen weiter: als Symptom, als Unruhe, als das diffuse Gefühl, dass etwas Wesentliches fehlt.
Heraklit, der Vorsokratiker, bei dem Logos und Mythos noch nicht getrennt waren, wusste: „Ich erforschte mich selbst” (Heraklit, DK 101). Selbsterforschung und Welterkenntnis sind dasselbe Geschehen. Wer sich selbst erkennt, erkennt den Kosmos. Wer den Kosmos erkennt, erkennt sich selbst. Dieses Wissen lebt in der mythischen Schicht der Wirklichkeit weiter, auch wenn das rationale Bewusstsein es für erledigt erklärt hat.
Das Mythische und Du
Vielleicht hast Du beim Lesen dieser Zeilen etwas wiedererkannt. Nicht eine Information, die Du vorher nicht hattest, sondern ein Empfinden, das Du kennst, aber selten Worte dafür findest. Das Mythische ist keine Theorie. Es ist eine Erfahrungsdimension, die sich meldet, wenn Du zulässt, dass die rationale Ordnung nicht die einzige ist. Die Frage, ob die Götter unter uns sind, stellt sich hier mit voller Wucht.
Es geht dabei nicht darum, das Denken aufzugeben. Es geht darum, es zu erweitern: um eine Schicht, die das Denken selbst nicht erzeugen kann, die es aber braucht, um lebendig zu bleiben. Die philosophische Begleitung arbeitet in genau diesem Zwischenraum: dort, wo das Sagbare an seine Grenze stößt und das Bild beginnt.
Wenn Dich die Frage bewegt, was jenseits der rationalen Oberfläche liegt, nicht als Flucht ins Irrationale, sondern als Erweiterung Deines Denkens um eine tiefere Schicht der Wirklichkeit, dann hast Du bereits begonnen, dem Mythischen zuzuhören.
Quellen
- Gebser, J. (1949). Ursprung und Gegenwart. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
- Heraklit (ca. 500 v. Chr.). Fragmente. DK 101: „Ich erforschte mich selbst” (ἐδιζησάμην ἐμεωυτόν).
- Kirchhoff, J. (2002). Die Anderswelt: Eine Annäherung an die Wirklichkeit. Klein Jasedow: Drachen Verlag.
- Mann, T. (1936). Freud und die Zukunft. Vortrag im Akademischen Verein für medizinische Psychologie, Wien.
- Platon (ca. 375 v. Chr.). Politeia. In: Sämtliche Werke. Übers. Friedrich Schleiermacher.