Stille Seeoberfläche spiegelt Baeume und Ufer in perfekter Symmetrie
Lexikon

Das Analogiemodell

Ingemar Johnsson

Das Analogiemodell ist ein erkenntnistheoretisches Prinzip: Jede Erklärung beruht auf einer Analogie, und die Wahl der Analogiequelle bestimmt, was erkannt werden kann — und was systematisch übersehen wird.

Das Analogiemodell ist ein erkenntnistheoretisches Prinzip: Jede Erklärung beruht auf einer Analogie — der Zurückführung von etwas Unbekanntem auf etwas Bekanntes —, und die Wahl der Analogiequelle bestimmt, was erkannt werden kann und was systematisch uebersehen wird. Das Analogiemodell geht auf Novalis und die naturphilosophische Tradition zurück — Gwendolin Kirchhoff führt diesen Gedanken weiter, indem sie den Menschen als berechtigte Analogiequelle für das Verständnis des Kosmos gegen die mechanistische Weltsicht verteidigt.

Die Welt hat etwas Menschliches — so Novalis in den Lehrlingen zu Sais (Novalis, 1802). Die Welt ist ein Makro-Anthropos, und der Mensch ist ein Mikrokosmos, in dem sich das Ganze spiegelt. Wenn dieser Satz zutrifft, hat das Konsequenzen, die weit ueber eine poetische Formel hinausreichen. Es bedeutet, dass der Mensch berechtigt ist, von sich selbst auf den Kosmos zu schliessen — und dass die Wahl, wovon er stattdessen ausgeht, ueber die gesamte Reichweite seines Erkennens entscheidet.

Friedrich Nietzsche formulierte diesen Grundsatz in aller Schärfe: Erklären heisst Zurückführen von etwas Fremdem auf etwas Bekanntes (Nietzsche, 1882). Die Frage ist daher nie, ob in Analogien gedacht wird, sondern welche Analogie gewählt wird — und ob diese Wahl bewusst geschieht oder unbefragt uebernommen.

#Gleiches wird nur von Gleichem erkannt

Die aelteste Begründung des Analogieprinzips stammt von Empedokles: Gleiches wird nur von Gleichem erkannt. Der Satz klingt schlicht, hat aber eine tiefgreifende Konsequenz. Wenn nur Lebendiges Lebendiges erkennen kann, dann bestimmt die Beschaffenheit des Erkennenden, was ihm an der Wirklichkeit ueberhaupt zugänglich wird. Ein Instrument, das selbst nicht lebt, kann Leben messen, aber nicht verstehen. Der Unterschied betrifft die gesamte Naturwissenschaft.

Novalis (1772–1801) entfaltete diesen Gedanken im Blüthenstaub, Fragment 16 (Novalis, 1798): Was auf der biologischen Ebene als Geschlechtspolarität erscheint, entspricht auf der subatomaren Ebene Anziehung und Abstossung. Das Mineralische laesst sich auf der Ebene des Menschlichen als Politik lesen. Alle Bereiche der Wirklichkeit sind analog verknüpft, und ueber das eine kann auf das andere geschlossen werden. Novalis sprach von chemischer Musik — ein Bild, das zeigt, wie ernst die Korrespondenz gemeint ist. Die Analogie ist der Schlüssel zu allem, weil die Wirklichkeit selbst so verfasst ist, dass sich ihre Ebenen ineinander spiegeln.

Goethe (1749–1832) hielt in den Maximen und Reflexionen fest, dass das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt (Goethe, 1833). Er sprach von zarter Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Erkenntnis durch Analogie ist hier kein Notbehelf, sondern die angemessene Form, in der die Wirklichkeit sich dem Menschen erschliesst.

Schelling (1775–1854) trieb den Gedanken in seiner Identitätsphilosophie auf die Spitze. In den Vorlesungen ueber die Methode des akademischen Studiums (Schelling, 1803) und in den Ideen zu einer Philosophie der Natur (Schelling, 1797) erkannte er in der Natur ein Analogon des Geistes und formulierte: Das Licht ist ein Analogon des Geistes, der Geist selbst auf einer tieferen Stufe. Der Kosmos ist demnach nicht dem Geist entgegengesetzt, sondern sein Ausdruck auf einer anderen Ebene. Der Schluss vom Inneren des Menschen auf das Innere der Natur ist kein Anthropomorphismus, sondern eine Erkenntnis, die sich auf die Struktur des Seins selbst stützt.

#Die Maschine und der lebendige Kosmos

Seit der Neuzeit wird die Welt mit der jeweils vorherrschenden Maschine verglichen: Uhrwerk, Dampfmaschine, Computer. Diese Vergleiche sind so vertraut geworden, dass sie als sachliche Beschreibung gelten. Das Analogiemodell stellt dagegen eine einfache Frage: Ist die Maschine die richtige Analogiequelle?

Die Maschine ist ein Artefakt. Sie ist entlebt. Wer von einem entlebten Gegenstand auf das Ganze der Wirklichkeit schliesst, erzeugt ein Bild, in dem weder Bewusstsein noch Lebendigkeit vorkommen koennen, weil sie im Ausgangsbild nicht enthalten sind. Dass aus etwas Totem Lebendiges entsteht, ist nie beobachtet worden. Die mechanistische Analogie ist daher nicht neutral — sie ist eine Vorentscheidung, die das Ergebnis der Untersuchung bereits bestimmt, bevor die Untersuchung begonnen hat.

Jochen Kirchhoff (1944–2025) hat in seiner Anti-Geschichte der Physik gezeigt, wie die moderne Naturwissenschaft vom Toten ausgeht und das Tote als abstrakte Grundlage setzt (Kirchhoff, 1991). Diese Grundentscheidung prägt den gesamten Horizont, innerhalb dessen geforscht, argumentiert und geurteilt wird. Ein konkretes Beispiel macht die Tragweite sichtbar: Ein englischer Arzt des 19. Jahrhunderts beobachtete, dass Bakterien durch Kuehlung an der Vermehrung gehindert werden. Er schloss daraus, Fieber muesse ebenfalls abgekühlt werden, weil es der bakteriellen Gaerung gleiche. Die Analogie klang plausibel. Sie war falsch. Und sie begründete die moderne Antipyrese, die bis heute medizinische Praxis ist. An diesem Beispiel wird sichtbar: Eine falsche Analogie erzeugt nicht nur ein schiefes Bild — sie fuehrt zu konkreten Fehlhandlungen.

#Der Mensch als Analogienquelle

Wenn die Maschine die falsche Quelle ist, welche waere die richtige? Der Mensch ist ein Innen-Aussen-Wesen. Er kann sich von aussen betrachten und zugleich von innen erleben. Weil er Bewusstsein hat, darf er berechtigt vom eigenen Inneren auf das Innere des Kosmos schliessen: Wenn der Mensch Bewusstsein hat, hat auch der Kosmos Bewusstsein. Wer den Menschen als Maschine versteht, kann nicht erklären, warum ein Sternenhimmel bewegt, warum in einem Tier etwas erkannt wird, warum Sinn als Frage ueberhaupt aufkommt.

Jochen Kirchhoff hat diese Linie in seiner Naturphilosophie weitergeführt und den Begriff des Kosmischen Anthropos geprägt: Der Mensch steht nicht einem toten Kosmos gegenüber, sondern ist Ausdruck einer Wirklichkeit, die in allen ihren Ebenen belebt und beseelt ist (Kirchhoff, 1998). Das Analogiemodell liefert dafür die erkenntnistheoretische Grundlage — es sagt: Weil die Wirklichkeit so beschaffen ist, dass sich ihre Ebenen ineinander spiegeln, ist der Mensch berechtigt, von seiner eigenen Innerlichkeit auf die Innerlichkeit des Ganzen zu schliessen. Die Analogie ist kein rhetorisches Werkzeug, sondern Ausdruck der Verfasstheit des Seins.

#Prüfstein, nicht Ornament

Das Analogiemodell ist ein Prüfinstrument. Es fragt bei jeder Erklärung: Welche Analogie liegt diesem Denken zugrunde — und erschliesst sie die Struktur oder verdeckt sie? In der Arbeit mit Menschen wird das dort wirksam, wo eine biografische Situation auf ein Muster trifft, das ueber das Individuelle hinausweist. Ein Konflikt zwischen Halten und Loslassen, zwischen Anziehung und Abstossung ist zunächst persönlich. Das analoge Denken erkennt darin eine Polarität, die sich auf anderen Ebenen des Seins wiederfindet. Das relativiert das Erleben nicht — es vertieft die Erfahrung: Was als private Zerrissenheit erscheint, erweist sich als Ausdruck einer Grundspannung, die durch die gesamte Wirklichkeit geht.

Wer die Denkende Einfühlung als Zugangsweise ernst nimmt, arbeitet bereits mit dem Analogieprinzip — denn ein Einfühlen, das denkt, erkennt im Einzelnen die Struktur des Ganzen, ohne das Einzelne im Allgemeinen aufzulösen. In der philosophischen Konsultation wird das Analogiemodell dort wirksam, wo eine persönliche Situation auf ein Muster trifft, das ueber das Individuelle hinausweist.

#Quellen

  • Goethe, J. W. (1833). Maximen und Reflexionen. Posthum, in: Goethes Werke, Weimarer Ausgabe.
  • Kirchhoff, J. (1991). Anti-Geschichte der Physik: Neue Vorstellungen über die Natur. Klein Jasedow: edition dionysos.
  • Kirchhoff, J. (1998). Was die Erde will. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag.
  • Nietzsche, F. (1882). Die fröhliche Wissenschaft. Chemnitz: Schmeitzner.
  • Novalis (1798). Blüthenstaub. In: Athenaeum, Fragment 16.
  • Novalis (1802). Die Lehrlinge zu Sais. Posthum, in: Novalis Schriften. Berlin: Reimer.
  • Schelling, F. W. J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur. Leipzig: Breitkopf und Härtel.
  • Schelling, F. W. J. (1803). Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums. Tübingen: Cotta.

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