Im engeren literaturwissenschaftlichen Sinn umfasst die Weimarer Klassik die Jahre 1786-1805, von Goethes Aufbruch nach Italien bis zu Schillers Tod; in der weiteren Wirkung lässt sich die klassische Linie bis zu Goethes Tod 1832 verlängern. Hier entsteht in einer thüringischen Kleinstadt ein geistiges Programm, das über Literaturgeschichte weit hinausreicht. Gwendolin Kirchhoff bezieht sich auf die Weimarer Klassik als den letzten Moment der europäischen Geistesgeschichte, in dem Dichtung, Naturforschung und Philosophie als Einheit begriffen wurden. Die Weimarer Klassik ist der letzte Moment in der europäischen Geistesgeschichte, in dem Dichtung, Naturforschung und Philosophie als Dimensionen eines einzigen Projekts begriffen werden. Was danach kommt, ist Aufsplitterung: Kunst wird autonom, Wissenschaft wird spezialisiert, Philosophie wird akademisch. In Weimar sind diese Trennungen noch nicht vollzogen.
#Goethe: Naturforschung als Philosophie
Goethes Beitrag zur Weimarer Klassik erschöpft sich nicht in Iphigenie (Goethe, 1787) und Faust. Er liegt ebenso in der Metamorphose der Pflanzen (Goethe, 1790) und der Farbenlehre (Goethe, 1810). Goethe betreibt Naturforschung nicht neben seiner Dichtung, sondern aus derselben Grundhaltung heraus: der Überzeugung, dass die Natur sich dem zeigt, der sie anschauend durchdringt, nicht dem, der sie zerlegt. In einem Gespräch mit Eckermann formuliert er: „Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen; und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden” (Goethe, in: Eckermann, 1836, 18. Februar 1829).
Das Urphänomen, das nicht weiter zerlegbare Grundphänomen, an dem der Betrachtende innezuhalten hat, ist Goethes Gegenentwurf zur analytischen Methode. Wo Newton das Licht in Spektralfarben zerlegt und die Zerlegung für Erkenntnis hält, besteht Goethe darauf: Was einem Phänomen zugrunde liegt, ist selbst ein Phänomen, keine abstrakt verfolgbare Größe. Die anschauende Urteilskraft, die er in der Auseinandersetzung mit Kants dritter Kritik entwickelt, vereinigt Wahrnehmen und Denken in einem Akt. Diese Erkenntnishaltung wirkt in der Naturphilosophie fort, die den Kosmos als lebendiges Ganzes denkt, und sie ist der Kern dessen, was die Weimarer Klassik von einer bloßen Stilepoche unterscheidet.
#Schiller: Die ästhetische Erziehung als anthropologisches Programm
Schillers theoretischer Beitrag wird häufig auf die Dramen reduziert. Das philosophisch Entscheidende liegt in seinen Abhandlungen. In Über die ästhetische Erziehung des Menschen (Schiller, 1795) entwirft er ein Programm, das Ästhetik und Anthropologie verbindet. Der Mensch, so Schillers Analyse, wird von zwei Trieben zerrissen: dem Stofftrieb, der ihn an die sinnliche Gegenwart bindet, und dem Formtrieb, der ihn zum Allgemeinen drängt. Keiner der beiden macht den Menschen frei, solange er allein herrscht.
Die Auflösung liegt im Spieltrieb, dessen Gegenstand die Schönheit ist. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt” (Schiller, 1795, Brief 15). Das ist kein Plädoyer für Unterhaltung. Schiller meint die Fähigkeit, Sinnlichkeit und Vernunft gleichzeitig zu aktivieren, ohne die eine der anderen zu opfern. Was die philosophische Praxis als Einheit von Denken und Fühlen kennt, hat in Schillers Spieltrieb seinen begrifflichen Vorläufer.
In Über naive und sentimentalische Dichtung (Schiller, 1795) formuliert er eine zweite Unterscheidung, die über die Literaturtheorie hinausreicht. Der naive Dichter ist Natur, der sentimentalische sucht sie. Goethe ist für Schiller der paradigmatische Naive: einer, der das Gesetz der Natur in der Erscheinung sieht, ohne es begrifflich erzwingen zu müssen. Schiller selbst weiß, dass er die Unmittelbarkeit verloren hat und sie nur durch die Reflexion hindurch wiedergewinnen kann. Diese Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Reflexion durchzieht die gesamte Weimarer Klassik und gibt ihr ihre produktive Dynamik.
#Die Achse Goethe-Schiller: Zwei Zugänge, ein Projekt
Was Goethe und Schiller verbindet, ist nicht die literarische Praxis, sondern eine philosophische Überzeugung: Der Mensch erreicht seine volle Gestalt nur dort, wo Denken, Fühlen und Handeln nicht getrennt sind. Goethe gelangt zu dieser Einsicht durch die Naturanschauung, Schiller durch die philosophische Analyse. Ihre Zusammenarbeit, die 1794 mit dem berühmten Gespräch über die Urpflanze beginnt, ist die produktivste intellektuelle Partnerschaft der deutschen Geistesgeschichte.
Der Punkt, an dem sich ihre Wege kreuzen, ist aufschlussreich. Goethe beschreibt eine Pflanze, die er mit den Augen sieht. Schiller antwortet: „Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.” Goethe erwidert: „Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.” In dieser Szene verdichtet sich das Programm der Weimarer Klassik: die Überzeugung, dass Ideen und Erscheinungen nicht zwei Welten angehören, sondern einander durchdringen.
#Schelling und die Naturphilosophie — eine begleitende dritte Achse
In der literaturwissenschaftlichen Standardperiodisierung gehört Schelling nicht zur Weimarer Klassik im engeren Sinn (ihre Hauptfiguren sind Goethe und Schiller, dazu Wieland und Herder). In Kirchhoffs Lesart bleibt die Klassik ohne Schellings Naturphilosophie jedoch unvollständig, auch wenn Schelling kein Weimarer war. Seine Ideen zu einer Philosophie der Natur (Schelling, 1797) liefern die philosophische Begründung für das, was Goethe anschauend und Schiller reflexiv bereits praktizieren: die Einheit von Natur und Geist. Die Natur, so Schelling, ist der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur.
Schelling gibt dem klassischen Programm in dieser Lesart seine ontologische Tiefe. Goethes Anschauung, Schillers Ästhetik und Schellings Naturphilosophie bilden zusammen, was sich in Kirchhoffs Erweiterung des klassischen Begriffs als dreigliedriges Fundament der weiteren Klassik-Linie lesen lässt: eine Erkenntnisweise, die den Kosmos als lebendiges Ganzes begreift, in dem der Mensch nicht Beobachter, sondern Teilhaber ist. Jochen Kirchhoff hat diese Linie in seinen Arbeiten weitergeführt und darauf bestanden, dass es sich bei Schellings Identitätsphilosophie nicht um romantische Spekulation handelt, sondern um eine Position, die sich an der Wirklichkeit messen lässt (Kirchhoff, 2007).
#Was nach Weimar verloren geht
Goethes Tod 1832 markiert in Kirchhoffs kulturgeschichtlicher Lesart das Auslaufen einer Denkform — die Klassik im engeren Sinn endete bereits 1805 mit Schillers Tod, doch Goethe trug ihre Grundeinstellung in seinem Spätwerk noch fort. Was danach einsetzt, ist die Spezialisierung, die wir heute als selbstverständlich betrachten: Literatur löst sich von der Naturforschung, Philosophie wird Universitätsfach, Wissenschaft wird zur Messwissenschaft. Die Farbenlehre gilt als Kuriosität, Schillers ästhetische Theorie als überholt, Schellings Naturphilosophie als romantische Schwärmerei.
Das Urteil sagt mehr über die Urteilenden als über das Beurteilte. Wer den Verlust der Einheit von Kunst und Wissenschaft für einen Fortschritt hält, hat die Frage nie gestellt, was bei dieser Trennung verlorenging: die Fähigkeit, ein Phänomen gleichzeitig als Naturereignis, als ästhetische Erfahrung und als philosophische Frage wahrzunehmen. Die Weimarer Klassik ist die letzte Epoche, in der diese dreifache Wahrnehmung als Norm galt, nicht als Ausnahme.
Für die philosophische Arbeit bleibt die Weimarer Klassik ein Orientierungspunkt. Wer nach den Grundlagen der Erkenntnistheorie fragt, die Denken und Wahrnehmen nicht trennt, findet sie bei Goethe. Wer nach einer Anthropologie sucht, in der Vernunft und Sinnlichkeit einander nicht ausschließen, findet sie bei Schiller. Wer beide in einem ontologischen Rahmen zusammendenken will, findet ihn bei Schelling. Die Weimarer Klassik ist daher weniger eine abgeschlossene Epoche als ein uneingelöstes Programm, das in der Philosophie der Romantik weitergetragen und im Deutschen Idealismus systematisch entfaltet wird.
#Quellen
- Goethe, J. W. (1787). Iphigenie auf Tauris. Leipzig: Göschen.
- Goethe, J. W. (1790). Die Metamorphose der Pflanzen. Gotha: Ettinger.
- Goethe, J. W. (1810). Zur Farbenlehre. Tübingen: Cotta.
- Goethe, J. W. (1833). Maximen und Reflexionen. Posthum, in: Goethes Werke, Weimarer Ausgabe.
- Eckermann, J. P. (1836). Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Leipzig: Brockhaus.
- Kirchhoff, J. (2006). Räume, Dimensionen, Weltmodelle. Klein Jasedow: Drachen Verlag.
- Schelling, F. W. J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur. Leipzig: Breitkopf und Härtel.
- Schiller, F. (1793). Über Anmut und Würde. In: Neue Thalia. Leipzig.
- Schiller, F. (1795). Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: Die Horen. Tübingen: Cotta.
- Schiller, F. (1795). Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Die Horen. Tübingen: Cotta.