Das Plenum des Lebendigen benennt eine Gegenposition zu dem Bild, das die moderne Kosmologie fast ausnahmslos als Tatsache behandelt: Der Weltraum ist leer, Materie existiert in winzigen Inseln, getrennt durch Abgründe aus Nichts, Leben ist eine seltene Ausnahme, ein Zufall auf einem kleinen Planeten in einem gleichgültigen All. Das Plenum des Lebendigen geht auf Jochen Kirchhoff zurück — Gwendolin Kirchhoff führt diesen Gedanken weiter, indem sie das Bild des leeren Weltraums als metaphysische Entscheidung entlarvt, nicht als Entdeckung. Wer dieses Bild lange genug betrachtet, bemerkt kaum noch, dass es keine Entdeckung ist, sondern eine Entscheidung. Die Gegenposition besagt: Der Kosmos ist eine Fülle des Lebens und des Bewusstseins, nicht ein leerer Raum mit gelegentlicher Materie. Die Leere ist ein Artefakt der toten Kosmologie, nicht ihr Ergebnis.
#Woher die Leere kommt
Die Vorstellung vom leeren Weltraum entsteht nicht aus Beobachtung. Sie entsteht aus einer Vorentscheidung darüber, was als wirklich gilt. Wenn Du den Nachthimmel betrachtest, siehst Du zunächst das, was Deine Kosmologie Dir zu sehen erlaubt. Wenn nur das Messbare zählt, dann ist der Raum zwischen den Sternen leer, weil die Instrumente dort nichts registrieren. Aber diese Instrumente sind so gebaut, dass sie nur tote Größen erfassen: Masse, Strahlung, Geschwindigkeit. Was lebt, was empfindet, was strebt, fällt aus dem Messbereich heraus, nicht weil es nicht da wäre, sondern weil die Methode es prinzipiell nicht greifen kann.
Jochen Kirchhoff hat diesen Zusammenhang in der Anti-Geschichte der Physik (1991) als Subjektblindheit der Naturwissenschaft beschrieben. Der lebendige Mensch nimmt sich als Wissenschaftler heraus, macht sich zum objektiven Registrierapparat, während er als Privatmensch durch Wald und Flur streift, seine Kinder liebt und enttäuscht ist, wenn er Streit mit seiner Frau hat. Im Labor ist er etwas anderes. Diese Spaltung erzeugt eine Kosmologie, die genau das Lebendige ausklammert, das der Erkennende selbst ist.
#Schellings Grundgedanke: Alles ist beseelt
Schelling formulierte 1798 in Von der Weltseele den Gegenentwurf zur mechanistischen Physik. Er verstand die Natur als durchgängig beseelten Organismus, in dem jede Kraft auf eine Gegenkraft antwortet und das Tote nur das zurückgedrängte Leben ist. In einem Gespräch mit seiner Tochter Gwendolin fasste Jochen Kirchhoff Schellings Grundgedanken zusammen: Das Universum ist ein absoluter Organismus, organisch im Ganzen und in jedem seiner Teile. Zum Organismus gehört das organisierende Prinzip des Geistes. Das Prinzip Leben ist allgegenwärtig im Kosmos. Schellings eigenes Wort dafür: Alles im Universum ist beseelt (vgl. Kirchhoff, Schelling: Genie der Naturphilosophie, 2021, 43:23).
Das ist keine sentimentale Behauptung. Es ist eine systematische These über die Struktur der Wirklichkeit. Die Natur ist der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur (vgl. Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur, 1797). Wo die mechanistische Physik starre Körper und leeren Raum sieht, sah Schelling gehemmte Kräfte, gehemmte Willensimpulse. In Wirklichkeit gibt es die festen Dinge gar nicht, sondern es ist ein lebendiges, fluktuierendes Etwas (vgl. Kirchhoff, Schelling: Genie der Naturphilosophie, 2021, 57:30).
#Das unendliche Lebendige: von Bruno zu Kirchhoff
Der Gedanke des Plenums reicht tiefer als Schelling. Giordano Bruno entwarf 1584 in Von der Ursache, dem Princip und dem Einen eine Kosmologie, in der das Eine alles Sein in sich umfasst und jede Veränderung nicht ein anderes Sein hervorbringt, sondern ein anderes Sosein desselben Lebendigen (vgl. Bruno, Von der Ursache, dem Princip und dem Einen, Fünfter Dialog). Die Weltseele ist bei Bruno nicht eine Kraft, die den Dingen von außen zukommt, sondern das, was in jedem Ding bereits wirkt. Die universelle Vernunft, die intellektuelle Potenz, die alles aus sich heraus mit Formen erfüllt.
Plotin beschrieb die Bewegung des Erkennenden, der die Natur der Weltseele und der Gestirne nachahmt und demselben Ziel zueilt wie sie (vgl. Plotin, Enneaden, Gegen die welche sagen, der Weltbildner sei schlecht und die Welt sei schlecht). Nikolaus von Kues verband den Gedanken mit der Idee, dass die Ideen, wie sie im materiellen Sein liegen, von denen in der Weltseele nur in der Seinsweise verschieden sind (vgl. Nikolaus von Kues, De docta ignorantia, Ueber die Seele oder das belebende Princip des Universums).
Kirchhoff führt diese Tradition in die Gegenwart. Sein radikaler Satz lautet: Wir sind lebendig und alles ist lebendig. Und das Lebendige würden wir ersticken. Wir können die Welt nur erkennen, weil wir selber so sind, wie sie auch ist, nämlich lebendig, rundum lebendig (vgl. Kirchhoff, Schelling: Genie der Naturphilosophie, 2021, 83:53). Die Erkenntnis, dass der Kosmos lebt, ist keine Hypothese, die man prüfen und verwerfen könnte. Sie ist die Bedingung dafür, dass Erkenntnis überhaupt möglich ist. Wer die Welt für tot erklärt, kann nicht erklären, warum er sie überhaupt verstehen kann.
#Was sich ändert, wenn die Welt voll ist
Wer den Kosmos als Plenum denkt, verändert nicht nur die Kosmologie, sondern das Verhältnis zur eigenen Existenz. In einem leeren Kosmos ist der Mensch ein isoliertes Wesen auf einem bedeutungslosen Planeten, dessen Bewusstsein ein Nebenprodukt neuronaler Aktivität darstellt. Im Plenum des Lebendigen ist der Mensch Teilhaber an einem Zusammenhang, der ihn durchdringt und den er durchdringt. Erkenntnis ist dann nicht die Analyse eines toten Gegenstands von außen, sondern Teilhabe eines Lebendigen an einem anderen Lebendigen.
Im philosophischen Gespräch wird diese Unterscheidung konkret. Wenn Du vor einer Entscheidung stehst, die sich mit Pro-und-Contra-Listen nicht lösen lässt, erfährst Du manchmal, dass die Antwort nicht aus der Analyse kommt, sondern aus einer Stille, in der sich etwas ordnet, das Du nicht geplant hast. Das ist kein Irrationalismus. Es ist die Erfahrung, dass der eigene Erkenntnisprozess Teil eines größeren Prozesses ist, der organisch verfährt und sich nicht restlos in Begriffe fassen lässt. Die Naturphilosophie beschreibt die Disziplin, die nach dem Wesen dieses Ganzen fragt. Das Analogiemodell klärt die erkenntnistheoretische Voraussetzung: Weil der Mensch selbst lebendig ist, kann er vom eigenen Inneren auf das Innere des Kosmos schließen. Der Kosmische Anthropos beschreibt den Menschen, der in dieser Fülle steht und sich als Teil des Ganzen begreift.
Rainer Maria Rilke schrieb: Die Welt ein Tor zu tausend Wüsten, stumm und kalt. Das ist die Diagnose des Nihilismus, der aus der toten Kosmologie folgt. Die Antwort der Naturphilosophie, wie Gwendolin Kirchhoff sie vertritt, lautet: Die Welt ist ein Plenum des Lebendigen und des Bewusstseins. Damit fängt es an.