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Was ist Philosophieren? — Denken als gelebte Praxis

Philosophieren heißt, einer echten Frage denkend standzuhalten — mit dem eigenen Leben als Material, im Gespräch, ohne den Ausgang zu kennen. Es ist eine gelebte Praxis, keine akademische Disziplin: Sie gehört jedem Menschen.

Philosophieren heißt, einer echten Frage denkend standzuhalten — mit dem eigenen Leben als Material, im Gespräch, ohne den Ausgang zu kennen.

Das klingt schlicht, und es steht quer zu dem Bild, das die meisten vor Augen haben: Philosophie als ungesunde Verkopftheit, als Fach für weltferne Professoren, als Zuviel-Denken ohne Bezug zum wirklichen Leben. Und doch kennst Du das Störgefühl, das dieses Bild hinterlässt. Denn Du hast Momente erlebt, in denen eine Frage Dich nicht mehr losgelassen hat: nach einem Abschied, vor einer Entscheidung, die sich durch bloßes Abwägen nicht erledigen ließ, in einer Nacht, in der die gewohnten Antworten plötzlich zu klein waren. In solchen Momenten hast Du bereits philosophiert, ob Du es so genannt hast oder nicht.

Das Wort selbst weiß mehr, als der Volksmund ahnt. Die Etymologie führt auf zwei griechische Wurzeln zurück: philos, der Freund, und sophia, die Weisheit. Der Philosoph ist der Freund der Weisheit — nicht ihr Besitzer. Wer liebt, hat nicht; wer liebt, sucht die Nähe. Philosophieren ist deshalb kein Zustand des Wissens, sondern eine Bewegung auf etwas zu, das größer bleibt als jeder einzelne Gedanke darüber. Auch wo diese Bewegung beginnt, wussten die alten Griechen: im Staunen, dem thaumazein. Platon lässt Sokrates im Theaitetos sagen, das Staunen sei der Anfang der Philosophie. Nicht das Wissen macht den Anfang, sondern die Verwunderung darüber, dass die Dinge sind, wie sie sind: die Philosophie als „ein Kind des Staunens über den Kosmos“, wie es in dem Gespräch über Heraklit und Sokrates heißt, das mein Vater Jochen Kirchhoff und ich geführt haben.

#Was macht man beim Philosophieren?

Philosophieren ist zuerst eine Praxis des Fragens: Du stellst Fragen, die eine Schicht tiefer zielen als die Fragen des Alltags. Der Alltag fragt: Wie organisiere ich das? Wie erreiche ich mein Ziel? Das Philosophieren fragt: Was ist das, womit ich es hier zu tun habe? Worum geht es in dieser Situation wirklich? Die erste Fragerichtung sucht Lösungen innerhalb eines Rahmens. Die zweite prüft den Rahmen selbst.

Dazu gehört eine Unterscheidung, die im Alltag selten getroffen wird: die zwischen toten und lebendigen Gedanken. Es gibt Gedanken, die wie abstrakte Einheiten im Verstand kreisen: Man kann sie aufsagen, weitergeben, vergessen. Und es gibt Gedanken, die in Dir wirken: die Dich nachts wach halten, die Deine Entscheidungen färben, die sich im Körper bemerkbar machen, lange bevor Du sie aussprechen kannst. Philosophieren beginnt dort, wo Du mit den wirkenden Gedanken in Kontakt gehst. Der Zugang dazu ist eine denkende Einfühlung — ein Denken, das fühlt, und ein Fühlen, das denkt. Diese Einheit hat eine Herkunft im Deutschen Idealismus: Bei Schelling ist — so lese ich ihn — echtes Denken zugleich ein Fühlen. Das Fühlen ist der Ort, an dem sich zeigt, ob ein Gedanke lebt.

Philosophieren heißt also nicht, möglichst viel zu wissen. Es heißt, den Gedanken, der in Dir bereits arbeitet, auszusprechen, statt über ihn zu reden, und ihn zu prüfen, statt ihn zu verwalten. Das Denken ist dabei Tätigkeit, keine Betrachtung aus sicherer Entfernung. Es kostet etwas. Die Verwunderung, aus der es entsteht, ist verwandt mit einer Verwundbarkeit: Wer sich von den Phänomenen nicht berühren lassen will, kommt auch nicht zum Denken.

#Wie unterscheidet sich Philosophieren vom Philosophie-Studium?

Ein Philosophie-Studium vermittelt Wissen über Philosophen. Man lernt Positionen, Epochen, Argumentationslinien kennen: was Kant unter Urteilskraft verstand, wie Hegel auf Kant antwortete, worin sich Stoa und Epikureismus unterscheiden. Dieses Wissen hat einen echten Wert: Es ist die Landkarte der großen Antworten, die Menschen in zweieinhalb Jahrtausenden auf die Grundfragen des Lebens gegeben haben. Wer sie kennt, muss nicht jede Sackgasse selbst durchlaufen.

Aber die Landkarte ist nicht die Wanderung. Man kann jede Antwort der Tradition referieren und doch nie philosophiert haben — so wie man Kartografie studieren kann, ohne je einen Berg bestiegen zu haben. Das Studium handelt von der Philosophie; das Philosophieren geschieht in der ersten Person, mit dem eigenen Leben als Einsatz.

Man müsse es wissen, fügt Nietzsche hinzu — aus Erfahrung. Schon Schelling bestand in seinen Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums (1803) darauf, dass Philosophie nicht wie ein Wissensbestand gelernt werden kann, wohl aber Übung verlangt. Beide berühren, gut acht Jahrzehnte voneinander entfernt, denselben Punkt: Das Philosophieren ist eine Praxis, und eine Praxis eignet man sich an, indem man sie vollzieht.

Daraus folgt eine Konsequenz, die unbequem ist für alle, die Philosophie als Fach verwalten. Die Universität bewahrt die Tradition, und das ist eine unverzichtbare Arbeit. Der Ort des Philosophierens aber ist das Leben selbst: das Gespräch am Küchentisch, das nicht mehr an der Oberfläche bleibt, die Nacht vor der Entscheidung, das Schweigen nach dem Verlust.

#Warum philosophieren?

Die nüchternste Antwort: Weil Du ohnehin denkst — nur eben mit ungeprüften Prämissen, wenn Du nicht philosophierst. Jeder Mensch trägt Annahmen in sich, die er nie gewählt hat: was als gelungenes Leben gilt, was Krankheit bedeutet, was der Tod ist, was ein Gefühl wert ist. Diese Annahmen stammen aus den herrschenden Gedankenformen einer Zeit, und sie wirken am stärksten, solange sie unsichtbar bleiben. Wer nicht philosophiert, denkt trotzdem — er denkt nur das, was alle denken. Das Philosophieren macht die unsichtbaren Prämissen sichtbar, zeigt ihre Herkunft und öffnet Alternativen, die vorher buchstäblich undenkbar waren.

Die zweite Antwort liegt in dem, was dabei entsteht: geistige Klarheit über das, worum es eigentlich geht. Aus dieser Klarheit wächst Urteilskraft — die Fähigkeit, in einer unübersichtlichen Lage eine begründete Einschätzung zu bilden, wo vorher nur Meinungen standen. Und es entsteht ein Verhältnis zur Weisheit: jener lebendigen, ordnungsgebenden Instanz, die nicht nur das Handeln orientiert, sondern auch das Nicht-Handeln. Wer philosophiert, erkennt manchmal, dass der weiseste Schritt darin besteht, noch nicht zu handeln.

Die Aufgabe der Weisheit war dabei nie, ein akademisches Gremium zu beeindrucken. Sie war immer, für konkrete Menschen mit ihren konkreten Problemen da zu sein — für das, was wirklich ansteht und für ein Leben unmittelbar relevant ist. Daran bemisst sich das Philosophieren: nicht an seiner Begriffsschärfe allein, sondern daran, ob es im Leben ankommt.

#Kann jeder Mensch philosophieren?

Ja — und die Begründung ist älter als jede Universität. Kinder philosophieren, bevor irgendjemand es ihnen beibringt. „Wo war ich, bevor ich geboren wurde?“ „Warum muss man sterben?“ „Woher weiß ich, dass ich nicht träume?“ Das sind philosophische Fragen in ihrer reinsten Form, gestellt aus dem unverstellten Staunen heraus, das jedem Menschen angeboren ist. Was später verloren geht, ist selten die Fähigkeit — es ist die Erlaubnis, solche Fragen ernst zu nehmen.

Die Tradition hat dafür ein altes Bild. Sokrates — Platon lässt ihn im Theaitetos erzählen, er sei der Sohn der Hebamme Phainarete — nannte seine Gesprächskunst die Hebammenkunst: die Mäeutik.

Der Gedanke hinter diesem Bild reicht tief: Erkenntnis wird nicht eingefüllt, sondern geboren. Der Einzelne weiß viel mehr, als er weiß — es gibt ein tiefes Wissen im Menschen, das nur verschüttet ist und wachgerufen werden kann. In der Gestalt, die die Mäeutik in der philosophischen Begleitung annimmt, geht es darum, dem Gedanken, der in einem Menschen schon arbeitet, einen Weg zu bahnen — mit ihm mitzugehen, wie eine Hebamme mit einer Geburt mitgeht. Es geht nicht darum, jemandem vorzuführen, dass er nichts weiß; es geht darum, ans Licht zu begleiten, was er längst weiß, ohne es zu wissen.

Deshalb braucht das Philosophieren das Gespräch. Allein im Kopf dreht sich eine Frage im Kreis; ausgesprochen, vor einem Gegenüber, das zuhört und weiterfragt, beginnt sie sich zu entwickeln. Wie diese Arbeit heute aussieht — außerhalb der Hörsäle, als philosophische Praxis im Gespräch zwischen zwei Menschen — ist eine eigene Geschichte. Was Du dafür mitbringst, ist wenig: keine Vorkenntnisse, keine Fachbegriffe. Nur eine Frage, die echt ist, und die Bereitschaft, bei ihr zu bleiben.

Darin liegt die einfachste und darum schwierigste Antwort auf die Frage, was Philosophieren ist: die Entscheidung, das Staunen nicht zu überspringen und die eigene Frage ernster zu nehmen als die fertigen Antworten. Die Frage, die Dich nicht loslässt, ist kein Störfall in Deinem Leben. Sie ist der Punkt, an dem Dein Leben zu denken beginnt.

#Quellen

  • Kirchhoff, J. / Kirchhoff, G. (2022). Heraklit vs. Sokrates — Die Spaltung der Philosophie. YouTube, Jochen Kirchhoff — In Memoriam (Video-ID 7eHScchqcdo).
  • Nietzsche, F. (1886). Jenseits von Gut und Böse. Leipzig: C.G. Naumann. Zit. §213.
  • Platon (ca. 369 v. Chr.). Theaitetos. Zit. nach 155d (das Staunen als Anfang der Philosophie).
  • Schelling, F. W. J. (1803). Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums. Tübingen: Cotta.

Häufig gestellte Fragen

Was macht man beim Philosophieren?
Man stellt Fragen, die eine Schicht tiefer zielen als die Fragen des Alltags: nicht „Wie organisiere ich das?“, sondern „Was ist das, womit ich es hier zu tun habe?“. Philosophieren heißt, Begriffe zu klären, unsichtbare Annahmen zu prüfen und mit den Gedanken in Kontakt zu gehen, die im eigenen Leben bereits wirken.
Warum sollte man philosophieren?
Weil jeder Mensch ohnehin denkt — nur oft mit ungeprüften Annahmen seiner Zeit. Philosophieren macht diese Prämissen sichtbar und lässt geistige Klarheit, Urteilskraft und Orientierung entstehen: für das Handeln und für das Nicht-Handeln.
Kann jeder Mensch philosophieren?
Ja. Kinderfragen wie „Warum muss man sterben?“ zeigen, dass das Staunen allen Menschen angeboren ist. Philosophieren braucht keine Vorkenntnisse, sondern eine echte Frage und die Bereitschaft, ihr standzuhalten.
Wie lernt man zu philosophieren?
Durch Übung im Gespräch, nicht durch Auswendiglernen. Schon Schelling betonte 1803, dass Philosophie nicht wie ein Wissensbestand gelernt, wohl aber geübt werden kann. Der Anfang: eine eigene Frage aussprechen und ihr im Dialog folgen, statt nur über sie zu reden.
Was ist ein Beispiel für Philosophieren?
Wer nach einem Verlust fragt, was der Tod wirklich ist, statt die Frage zu verdrängen, philosophiert. Ebenso, wer vor einer Lebensentscheidung nicht nur Optionen abwägt, sondern fragt, worum es in dieser Situation im Kern geht.
Was bedeutet das Wort Philosophie wörtlich?
Aus dem Griechischen: philos (Freund) und sophia (Weisheit) — die Liebe zur Weisheit. Der Philosoph besitzt die Weisheit nicht, er sucht ihre Nähe. Philosophieren ist genau diese Bewegung auf die Weisheit zu.
Gwendolin Kirchhoff

Gwendolin Kirchhoff — Philosophin in Berlin

Philosophische Begleitung für Menschen, die tiefer denken wollen.

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