Konsultation Existenz & Erkenntnis existenzphilosophiekrisetod
9 Min. Lesezeit

Existenzielle Krise — Wenn Du an die Grundbedingungen Deines Daseins stößt

Eine existenzielle Krise ist der Moment, in dem Du an die Grundbedingungen Deiner Existenz selbst stößt — Tod, Leiden, Schuld, Zufall, die Grundlosigkeit der Freiheit. Nicht ein Verlust von Sinn, sondern die Konfrontation mit der Verfasstheit des Daseins.

Eine existenzielle Krise beginnt nicht mit einem Ereignis. Sie beginnt damit, dass der Boden, auf dem alle Ereignisse stehen, plötzlich sichtbar wird. Du gehst durch einen gewöhnlichen Tag, und mitten in ihm stellt sich eine Frage ein, die sich an nichts Bestimmtem festmacht: Dass Du überhaupt da bist. Dass Du sterben wirst. Dass jede Wahl, die Du triffst, ohne ein höheres Geländer getroffen wird, das Dir sagt, ob sie richtig war. Es ist nicht so, dass Dir etwas fehlt. Es ist, dass Du zum ersten Mal nicht mehr darüber hinwegsehen kannst, woraus Dein ganzes Leben gemacht ist.

Dieser Zustand hat einen Grund, und es ist nicht der Grund, den die Umgebung Dir nahelegt. Man wird Dir sagen, Du seist erschöpft, Du brauchst Urlaub, vielleicht eine Behandlung. Aber was Dich erfasst hat, ist keine Verstimmung, die sich wegschlafen ließe. Es ist die Berührung mit der Verfasstheit Deines Daseins selbst — mit dem, was bleibt, wenn alle Umstände wegfallen. Karl Jaspers hat diesen Punkt 1932 in seiner Philosophie mit einem Wort versehen, das genauer trifft als jeder klinische Begriff: die Grenzsituation.

#Was eine Grenzsituation ist

Es gibt Lagen, aus denen man heraustreten kann, indem man handelt, plant, sich anders einrichtet. Und es gibt Lagen, an denen jedes Heraustreten aufhört, weil sie nicht ein Teil des Lebens sind, sondern seine Bedingung. Tod, Leiden, Schuld, Kampf, Zufall — an diese Grundbedingungen stößt der Mensch nicht gelegentlich, sondern unausweichlich, sobald er wach genug ist, sie nicht mehr zu übersehen. Jaspers nennt sie Grenzsituationen, weil sie die Grenze markieren, an der die alltägliche Verfügbarkeit der Welt endet. Du kannst Deinen Tod nicht verhandeln. Du kannst die Schuld, die mit jeder Entscheidung in die Welt kommt, nicht abwählen. Du kannst den Zufall, der Dich gerade in dieses Leben und nicht in ein anderes gesetzt hat, nicht begründen.

In der gewöhnlichen Krise dreht sich alles um einen Inhalt: Diese Beziehung, dieser Beruf, diese Diagnose. In der Grenzsituation dreht sich nichts mehr um einen Inhalt. Was sich zeigt, ist die Form aller möglichen Inhalte — das blanke Dass-Sein, das sonst hinter den Geschäftigkeiten verschwindet. Jaspers schreibt, dass der Mensch in diesen Situationen nicht etwas Neues über die Welt erfährt, sondern über sich selbst als Existierenden. Die Grenzsituation belehrt nicht. Sie offenbart.

#Warum dies keine Lebenskrise und keine Sinnkrise ist

Es lohnt, hier genau zu unterscheiden, denn die Begriffe werden leicht ineinandergeschoben, und mit ihnen die Antworten. Eine Lebenskrise bricht von außen ein. Ein Mensch geht, ein Mensch stirbt, eine Kündigung nimmt den Boden weg — etwas geschieht, und die alte Ordnung zerbricht, bevor eine neue sich zeigt. Hier ist das auslösende Ereignis benennbar, und die Frage lautet, wie aus dem Bruch ein Übergang wird.

Eine Sinnkrise hat dieses Ereignis nicht. Sie ist das innere Verdunsten von Sinn: Der Beruf funktioniert, die Beziehung trägt, und dennoch fühlt sich alles hohl an. Hier ist es nicht die äußere Ordnung, die zerbricht, sondern die innere Resonanz, die versiegt.

Die existenzielle Krise liegt unter beiden. Sie braucht weder ein Ereignis noch den Verlust von Sinn. Sie kann den treffen, dem äußerlich nichts fehlt und in dem Sinn noch wirkt — denn was sie sichtbar macht, ist nicht ein Bruch in der Ordnung des Lebens, sondern die Grundlosigkeit des Lebens selbst. Du stehst nicht vor einem Problem, das eine bessere Lösung hätte. Du stehst vor der Tatsache, dass Du existierst, ohne dass diese Existenz sich aus etwas anderem ableiten ließe. Die Existenzkrise ist die Konfrontation mit der Verfasstheit des Daseins, nicht mit einem Defekt in seinem Verlauf.

Auch von der Lesart, die ich an anderer Stelle entwickelt habe — der Krise als Geburt —, ist die Grenzsituation zu unterscheiden, ohne dass sich beide widersprächen. Die Geburtslesart fragt: Was will hier werden? Sie sieht im Zusammenbruch einer alten Form das Hervortreten einer neuen. Das gilt. Aber die Grenzsituation ist der Boden, auf dem auch dieser Geburtsprozess steht. Bevor etwas Neues geboren werden kann, stößt der Mensch auf das, was sich nie verwandeln lässt: dass er endlich ist, dass er wählt, ohne Garantie, dass er schuldig wird, indem er handelt. Die Geburt geschieht innerhalb der Grenze, nicht jenseits von ihr.

#Die Angst, die kein Gegenstand beruhigt

Søren Kierkegaard hat 1844 in Der Begriff Angst eine Unterscheidung getroffen, die hier das Entscheidende klärt. Furcht hat einen Gegenstand: den Hund, die Krankheit, den Verlust. Sie lässt sich beruhigen, sobald der Gegenstand weicht. Angst dagegen richtet sich auf nichts Bestimmtes — sie richtet sich auf das Mögliche als solches, darauf, dass Du in jedem Augenblick wählen musst, ohne dass eine höhere Instanz Dir die Wahl abnimmt. Wer in der existenziellen Krise nach dem Gegenstand seiner Angst sucht, findet keinen. Das ist kein Zeichen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Es ist das Wesen dieser Angst.

Martin Heidegger hat diese Angst in Sein und Zeit (1927) an den Tod gebunden: Erst im Vorlaufen zum eigenen Ende, im Sein-zum-Tode, tritt der Mensch aus dem anonymen Dahinleben heraus und wird der, der er ist. Die Angst entwirklicht die Welt der Geschäftigkeit nicht, um zu lähmen, sondern um durchsichtig zu machen, worauf alles steht. Das ist die unbequeme Wahrheit dieser Tradition: Was Dich aus der Bahn wirft, ist zugleich das, was Dich zum ersten Mal ganz vor Dich selbst stellt.

#Der Mut, die Angst auszuhalten

Wenn die existenzielle Krise sich nicht lösen lässt wie ein Problem — was dann? Paul Tillich hat 1952 die Antwort gegeben, die der Sache angemessen ist und sie nicht verkleinert. Sein Buch heißt Der Mut zum Sein, und sein Gedanke ist dieser: Die existenzielle Angst lässt sich nicht wegtherapieren, weil sie kein Symptom ist, sondern die Wahrheit der menschlichen Lage. Was möglich ist, ist nicht ihre Beseitigung, sondern der Mut, sie in das eigene Selbstsein hineinzunehmen — das Dasein zu bejahen trotz der Bedrohung durch Nichtsein, Sinnlosigkeit und Schuld. Nicht der Mut, der die Angst überwindet, sondern der Mut, der sie aushält, ohne von ihr zerstört zu werden.

Hier scheidet sich die philosophische Begleitung von dem, was die Umgebung anbietet. Was die Therapie leistet — dass Unbewusstes zutage tritt und verarbeitet wird —, geschieht auch im philosophischen Gespräch. Der Weg ist ein anderer. Die Therapie setzt eine Theorie der Psyche und ihrer Krankheiten voraus; sie fragt, was zu heilen ist. Vor der Grenzsituation aber gibt es nichts zu heilen, weil Endlichkeit keine Krankheit ist. Die philosophische Begleitung hebt nicht ein Symptom, sondern den Gedanken selbst an: Sie fragt nicht, was mit Dir nicht stimmt, sondern was diese Situation eigentlich ist und was in ihr sichtbar werden will.

Und dabei macht es einen Unterschied, von woher die Philosophin kommt. Die Existenzphilosophie beschreibt die Geworfenheit des Menschen mit großer Schärfe, aber ihr Dasein bleibt strukturell einsam — ohne kosmologischen Ort, ohne Teilhabe an einer tragenden Ordnung. An dieser Stelle setzt die Naturphilosophie der Schelling-Goethe-Linie an, in der ich denke: Der Mensch stößt in der Grenzsituation auf seine Endlichkeit, aber er steht in einer lebendigen Ordnung, die ihn trägt, auch wo er sie nicht durchschaut. Die existenzielle Krise verliert damit nichts von ihrer Härte. Sie verliert nur die Lesart, sie sei der Beweis, dass das Dasein ein Zufall im Toten ist.

#Was im Aushalten sichtbar wird

In der unmittelbaren Nähe zu den letzten Dingen schärft sich etwas, das im gewöhnlichen Betrieb verdeckt bleibt. Wer der eigenen Endlichkeit standhält, kann sich die Selbsttäuschung nicht mehr leisten — der Wahrheitswille ist vielleicht ein Kind des Todesbewusstseins. Was vorher gleich wichtig schien, ordnet sich. Das Wesentliche tritt vom Unwesentlichen ab, nicht weil Du es willentlich sortierst, sondern weil die Grenzsituation selbst diese Schärfe in Dein Urteil bringt. Schopenhauer hat es schon 1819 gewusst: Erst die Klarheit der Erkenntnis macht den Menschen zu dem Wesen, das am Gedanken des Todes nicht zerbricht, sondern an ihm sehend wird.

Das ist der Grund, warum ich die existenzielle Krise nicht als das nehme, wofür die Kultur sie hält. Sie ist kein Versagen der Bewältigung. Sie ist der seltene und unbequeme Augenblick, in dem das Dasein durchsichtig wird — in dem Du nicht mehr neben Deinem Leben stehst, sondern in seinem Grund. Was sich anfühlt wie ein Einsturz, ist oft das Erste, was wirklich trägt, weil es auf nichts Geliehenem mehr steht.

Es gibt eine Grenze, an der dieser Text nicht mehr zuständig ist, und es wäre unredlich, sie zu verschweigen. Er spricht zu Menschen, die in einer Grenzsituation stehen und über sie nachdenken können. Wenn aber die Verzweiflung akut wird, wenn anhaltende Hoffnungslosigkeit Dich in den Boden zieht oder Gedanken aufkommen, das Leben beenden zu wollen, dann ist nicht mehr die Zeit für das Nachdenken über die Existenz, sondern für ärztliche oder therapeutische Hilfe. In einer akuten Krise wählst Du in Deutschland die 112 oder erreichst die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 — rund um die Uhr, kostenlos, anonym. Sich dort zu melden ist kein Versagen, sondern der klarste Schritt, den es in diesem Moment gibt.

Jenseits dieser Grenze, dort, wo die Frage nach der Existenz denkbar bleibt und gedacht sein will, beginnt die Arbeit, für die es das philosophische Gespräch gibt. Wenn Du an den Punkt gekommen bist, an dem die Grundbedingungen Deines Daseins nicht mehr beiseitezuschieben sind, musst Du dieser Frage nicht allein begegnen. In einer philosophischen Konsultation findest Du den Raum, in dem das Durchsichtige nicht zugedeckt, sondern ernst genommen wird — nicht um die Angst zu beseitigen, sondern um zu sehen, was sie Dir zeigt.

Häufig gestellte Fragen

Was ist eine existenzielle Krise?
Eine existenzielle Krise ist der Moment, in dem Du an die Grundbedingungen Deiner Existenz selbst stößt — Tod, Leiden, Schuld, Kampf, Zufall, die Grundlosigkeit der Freiheit. Karl Jaspers nannte solche Momente Grenzsituationen: Punkte, an denen die alltägliche Verfügbarkeit der Welt aufhört und die Verfasstheit des Daseins selbst sichtbar wird. Es ist nicht ein Ereignis und nicht ein Verlust von Sinn, sondern die Konfrontation mit dem, dass Du überhaupt da bist und nicht weißt, warum.
Was ist der Unterschied zwischen einer existenziellen Krise und einer Sinnkrise oder Lebenskrise?
Eine Lebenskrise bricht von außen ein — durch Trennung, Verlust, Diagnose. Eine Sinnkrise ist das innere Verdunsten von Sinn, ohne dass von außen etwas geschehen wäre. Die existenzielle Krise liegt darunter: Sie betrifft nicht ein Ereignis und nicht den Sinn, sondern die Grundbedingungen des Daseins selbst, an die jeder Mensch früher oder später stößt — auch der, dem äußerlich nichts fehlt.
Ist eine existenzielle Krise ein Zeichen von Krankheit?
Nein. Die existenzielle Krise ist kein Defekt, sondern der Augenblick, in dem das Dasein durchsichtig wird. Sie ist die angemessene Reaktion eines wachen Menschen auf die Grenzsituationen, denen niemand entgeht. Bei akuter Verzweiflung oder lebensmüden Gedanken aber ist nicht mehr die Zeit zum Nachdenken, sondern für ärztliche oder therapeutische Hilfe — in Deutschland die 112 oder die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.
Gwendolin Kirchhoff

Gwendolin Kirchhoff — Philosophin in Berlin

Philosophische Begleitung für Menschen, die tiefer denken wollen.

Mehr erfahren →

Diesen Gedanken weiterführen

Wenn Dich dieser Gedanke bewegt und Du ihn in Deinem eigenen Leben weiterdenken möchtest — ich begleite Dich gern.

Noch nicht bereit für ein Gespräch? Dann lass uns in Kontakt bleiben: