Es gibt eine kleine Bewegung des Denkens, die fast immer übersehen wird. Sie ereignet sich, bevor das erste Urteil gefällt wird, bevor das erste Wort gesprochen ist. Ein Mensch tritt vor einen Gegenstand, sei es ein Berg, ein Tier, ein anderer Mensch, das eigene Kind, der nächtliche Himmel, und etwas hält in ihm inne. Diese Pause vor der Benennung, vor dem Zugriff, vor dem Vermessen, ist der Ort, an dem Ehrfurcht lebt. Nicht als Gefühl, das später hinzukommt, sondern als kognitive Geste, die überhaupt erst einen Gegenstand freigibt, der mehr ist als Material.
Die deutsche Sprache hat in diesem Wort etwas verdichtet, was die meisten Übersetzungen wieder zerlegen. Ehre und Furcht, das eine eine Anerkennung von Rang, das andere eine Wachheit vor dem Überwältigenden. Zusammengesetzt ergibt sich keine Angst und keine Verbeugung, sondern eine genaue Haltung: die Bereitschaft, etwas in seiner eigenen Wirklichkeit wahrzunehmen, statt es sofort in die eigenen Kategorien zu überführen.
#Die drei Ehrfurchten und was Goethe damit sagen wollte
Goethe hat in den Wilhelm Meisters Wanderjahren (1829) eine der wenigen ausführlichen philosophischen Bestimmungen der Ehrfurcht gegeben. In der Pädagogischen Provinz des zweiten Buches unterscheidet er drei Arten: die Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, und die Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist. Zu diesen drei tritt, als Summe, eine vierte, nämlich die Ehrfurcht vor sich selbst.
Was an dieser Dreiteilung philosophisch zählt, ist weniger die religiöse Färbung als die Struktur. Goethe behauptet, dass ein Mensch, der nur eine dieser Ehrfurchten übt, noch nichts begriffen hat. Die Ehrfurcht nach oben allein wird fromme Weltflucht. Die Ehrfurcht nach unten allein wird sentimentale Tierliebe oder romantische Naturschwärmerei. Die Ehrfurcht vor dem Gleichrangigen allein wird bürgerliche Höflichkeit. Erst im Zusammenwirken entsteht jene Haltung, in der der Mensch sich selbst nicht mehr als isolierten Punkt, sondern als bezogenes Wesen innerhalb eines größeren Gefüges wahrnimmt.
Goethe meint nicht, dass der Mensch sich klein machen solle. Er meint, dass eine bestimmte Präzision der Wahrnehmung erst entsteht, wenn das, was wahrgenommen wird, nicht vorschnell verfügbar gemacht wird. Seine eigene naturwissenschaftliche Arbeit, die Metamorphose der Pflanzen wie die Farbenlehre, ist ein methodisches Exerzitium dieser Haltung. Der Forscher lässt dem Gegenstand Zeit, sich zu zeigen, statt ihn in eine Hypothese zu zwingen.
#Schweitzers Reduktion und was darin verlorenging
Albert Schweitzer hat mit dem Satz “Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will” in Kultur und Ethik (1923) eine der wirkmächtigsten ethischen Formeln des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt. Die Ehrfurcht vor dem Leben sollte das verlorene Fundament einer Kultur ersetzen, die ihr metaphysisches Zentrum eingebüßt hatte.
Die Stärke dieser Formel liegt in ihrer radikalen Ausweitung: nicht nur der Mensch, auch das Insekt und die Pflanze werden als Träger eines Willens zum Leben anerkannt. Die Schwäche liegt in ihrer anthropozentrischen Engführung auf das Biologische. Was lebt im Schweitzerschen Sinne, ist das Organismische. Der Kosmos selbst, die Gestirne, die Erde als Ganzes, fallen aus diesem Begriff heraus oder erscheinen nur als Kulisse.
Hier zeigt sich eine Grenze, die für Kirchhoffs kosmisches Denken bedeutsam wird. Wenn Ehrfurcht an das Biologische gebunden bleibt, dann trägt sie die mechanistische Weltsicht, die sie überwinden wollte, heimlich mit sich. Die anorganische Natur bleibt tot, der Kosmos bleibt Raum, der Sternenhimmel bleibt fremd. Eine Naturphilosophie, die den Kosmos als lebendig denken will (siehe Naturphilosophie), braucht einen Begriff der Ehrfurcht, der über die Biosphäre hinausreicht.
#Die kognitive Funktion: warum ohne Ehrfurcht keine Erkenntnis
Die entscheidende These lautet: Ehrfurcht ist keine emotionale Verzierung der Erkenntnis, sondern ihre Bedingung. Wer den Kosmos von vornherein als totes Material behandelt, wird dieses Material finden. Wer ihn als lebendige Wirklichkeit ansprechen kann, findet etwas anderes. Die Haltung entscheidet mit darüber, was sich zeigt.
Dieser Gedanke steht in einer langen Linie deutscher Naturphilosophie. Schelling (1775-1854) formulierte in den Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797) die Umkehrung, auf die sich auch der Eintrag zum Organischen bezieht: Nicht das Tote ist das Grundlegende und das Lebendige der Ausnahmefall, sondern umgekehrt. Eine Erkenntnishaltung, die das Lebendige nur zulässt, wenn es sich messen lässt, hat die Wirklichkeit bereits verfehlt, bevor sie begonnen hat. Ehrfurcht ist in dieser Tradition die kognitive Offenheit für eine Natur, die nicht stumm, sondern sprachfähig ist, für Goethes “offenbares Geheimnis”, das sich dem anschauenden Blick zeigt.
Franz von Baader, der katholische Romantiker und Gesprächspartner Schellings, hat diese Verbindung noch schärfer gezogen. Für ihn ist Ehrfurcht die Frucht einer Erkenntnis, die den Menschen nicht über, sondern innerhalb der Wirklichkeit verortet. Wer sich als Teil begreift, statt als souveränes Subjekt gegenüber einem Objekt, kann gar nicht anders als mit Ehrfurcht wahrnehmen. Die Ehrfurcht ist hier nicht mehr Pflicht, sondern Nebenwirkung eines angemesseneren Weltverhältnisses.
#Was Ehrfurcht nicht ist
Drei Verwechslungen laufen dem philosophischen Begriff zuwider. Die erste ist die religiöse Unterwerfung, in der der Mensch sein eigenes Denken aussetzt und sich einer Autorität überantwortet. Ehrfurcht in diesem Sinne erzeugt Stille, aber keine Erkenntnis. Wer vor dem Kosmos verstummt, hat zwar eine Geste vollzogen, aber die Wirklichkeit nicht betreten.
Die zweite Verwechslung ist die sentimentale Naturliebe, die aus der Zerstörungserfahrung der Moderne entstanden ist. Sie projiziert auf Wälder, Tiere und Landschaften eine Reinheit, die der Mensch selbst verloren hat, und verlangt von der Natur Trost für eine Entfremdung, die anderswo bearbeitet werden müsste. Eine so gestimmte Ehrfurcht bleibt ein Akt der Selbstbezüglichkeit, die den Gegenstand gar nicht erreicht.
Die dritte Verwechslung ist die kulturkonservative Pflichtgeste, in der Ehrfurcht zur Anstandsvokabel wird. Hier soll der Mensch Ehrfurcht haben, weil es sich gehört, nicht weil eine Wirklichkeit sie fordert. Diese Geste hat mit dem philosophischen Begriff nichts mehr zu tun. Sie ist Etikette, die ihre eigene Leere übertüncht.
#Die Haltung, aus der sich alles andere ergibt
In der philosophischen Arbeit ist Ehrfurcht keine Übung, die vorweg eingenommen werden könnte. Sie stellt sich ein oder sie stellt sich nicht ein. Wer sie erzwingen will, erzeugt Pathos. Wer sie gleichgültig abtut, bleibt im Mechanistischen stecken. Die Haltung wächst aus einer schlichten Erfahrung: dass die Wirklichkeit, wenn man ihr Zeit lässt, mehr zeigt, als man zuvor für möglich gehalten hätte. Der Sternenhimmel, das Kind, der Stein, das Gespräch: in allen Fällen gilt das Gleiche. Wer mit Ehrfurcht wahrnimmt, sieht nicht mehr Dinge, sondern dichtere.
Dass diese Haltung heute selten geworden ist, ist keine Laune der Zeit, sondern Folge einer Weltsicht, die Ehrfurcht für eine überflüssige Zutat hält. Sie wird nicht zurückkehren durch Appelle, sondern durch die Erfahrung, dass ihr Gegenteil, die kalte Vermessung des Gegebenen, die Welt systematisch unter ihren eigenen Möglichkeiten liest. Der kosmische Anthropos ist nicht ohne diese Haltung zu denken, und die denkende Einfühlung, ohne die philosophische Arbeit ihren Gegenstand verliert, ist eine ihrer Ausprägungen. Ehrfurcht ist der Ton, in dem diese Arbeit überhaupt erst hörbar wird.