Sonnenaufgang über nebligen Bergketten
Lexikon

Bewusstwerdungsdrang

Marek Piwnicki

Der Bewusstwerdungsdrang bezeichnet den dem Kosmos innewohnenden Drang zur Bewusstwerdung, eine innerliche Dimension, die dem Kosmos als Ganzem ontologisch zugrunde liegt und die Komplexitätsentwicklung des Lebendigen trägt.

Der Bewusstwerdungsdrang stellt eine Frage, die der Darwinismus nicht beantworten kann: Warum entsteht ueberhaupt hoehere Komplexität? Der Bewusstwerdungsdrang geht auf Jochen Kirchhoff zurück — Gwendolin Kirchhoff führt diesen Gedanken weiter, indem sie die Frage, warum überhaupt höhere Komplexität entsteht, als kosmologische Grundfrage in ihre Arbeit integriert. Das am besten ueberlebende Wesen auf diesem Planeten ist der Einzeller. Er kann jede oekologische Nische besetzen, sich unter extremsten Bedingungen vermehren, seit Milliarden Jahren existieren. Fuer sein Ueberleben haette es keines weiteren Schritts bedurft. Aber es ging weiter. Aus dem Einzeller wurde der Vielzeller, aus dem Vielzeller das Tier, aus dem Tier der Mensch mit seiner Faehigkeit zu Sprache, Musik und Selbstreflexion. Wer diese Bewegung ernst nimmt, steht in Kirchhoffs Lesart vor einer Frage, die die selektionstheoretische Erklärung nicht erschöpfend beantwortet — auch nicht in den jüngeren Erweiterungen (EES, Evo-Devo): Was treibt die Entwicklung über das für reines Überleben Notwendige hinaus?

Bewusstwerdungsdrang nennt die Antwort, die in der naturphilosophischen Tradition formuliert wird: Dem Kosmos wohnt ein innerer Drang zur Bewusstwerdung inne, eine innerliche Dimension, die dem Kosmos als Ganzem ontologisch zugrunde liegt. Er ist kein Mechanismus, kein aeusserer Anstoß, kein Plan. Er ist ein Wille, vergleichbar dem, was Schopenhauer als Weltwillen beschrieb, nur nicht blind und ohne Ziel, sondern gerichtet auf Erkenntnis, auf Selbsterkenntnis des Kosmos durch die Wesen, die in ihm leben.

#Warum Ueberleben nicht reicht

Die klassische neodarwinistische Synthese erklärt biologische Komplexität primär aus Variation, Mutation und Selektion; neuere Erweiterungen (Extended Evolutionary Synthesis: Niche Construction, Evo-Devo, epigenetische Vererbung, Symbiogenese) ergänzen Mechanismen jenseits der reinen Selektion. In Kirchhoffs Lesart bleibt jedoch — auch unter Berücksichtigung dieser Erweiterungen — die Frage nach dem qualitativen Sprung in höhere Komplexitätsgrade unbeantwortet. Gwendolin Kirchhoff hat in der Debatte mit dem Kognitionswissenschaftler Joscha Bach auf die Luecke in dieser Erklärung hingewiesen: Aesthetische Präferenzen bei Voegeln, bei denen Weibchen ihre Partner danach auswählen, wie gut sie tanzen, singen oder aussehen, lassen sich nicht auf Ueberlebensvorteil reduzieren. Der Pfau mit dem prächtigen Rad ist leichter zu fangen, nicht schwerer. Musikalität, Gestaltungsdrang, das Schöne als Formkraft in der Natur, all das weist auf etwas, das ueber blosse Anpassung hinausgeht (vgl. Kirchhoff, G., Everlast AI Debate, 2026).

Die einfache Loesung, nur den Ueberlebenswillen als innerliche Dimension des Lebendigen zuzulassen, greift zu kurz. Es findet Wahrnehmung statt, Denken, eine Musikalität, Gestaltung. Diese weltimmanente Innerlichkeit ist komplexer, als sie von der reduktiven Metaphysik abgebildet wird. Der Bewusstwerdungsdrang beschreibt diese Komplexität als ontologische Grundtatsache, nicht als Nebenprodukt mechanischer Prozesse.

#Schellings Natur, die Geist werden will

Die philosophische Grundlegung stammt von Schelling. In den Ideen zu einer Philosophie der Natur (Schelling, 1797) und Von der Weltseele (Schelling, 1798) formuliert er den Gedanken, der das mechanistische Weltbild umkehrt: Die Natur ist nicht tote Materie, der Geist von aussen aufgeprägt wurde. Die Natur ist sichtbarer Geist, der Geist unsichtbare Natur. Die aeussere Welt liegt aufgeschlagen vor uns, um in ihr die Geschichte unseres Geistes wiederzufinden. Im System des transcendentalen Idealismus (Schelling, 1800) wird daraus ein systematischer Anspruch: Das System der Natur ist zugleich das System unseres Geistes, deswegen ist Erkenntnis ueberhaupt moeglich.

Was Schelling beschreibt, ist ein Kosmos, der auf Bewusstsein hin angelegt ist, nicht als Endpunkt eines mechanischen Prozesses, sondern als seine innerste Tendenz. Der Anorganismus ist nur der negierte Organismus, das Tote nur das zurückgedrängte Leben: In starre Bande geschlagen liegt es in den toten Ueberresten der wahren Substanz vor uns. Es gibt nichts absolut Totes, alles ist Urkeim oder nichts (vgl. Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur, 1797). Das Lebendige ist das ontologisch Primäre, das Mechanische das Abgeleitete. Und innerhalb des Lebendigen gibt es eine Richtung: hin zu hoeherer Selbsterfassung, hin zum Bewusstsein.

#Der Mensch als privilegierter Ort

Jochen Kirchhoff (1944-2025) hat Schellings Ansatz in eine kosmologische Anthropologie überführt. In Was die Erde will (Kirchhoff, 1998) und Die Erlösung der Natur (Kirchhoff, 2004) beschreibt er den Menschen als den privilegierten Ort, an dem der Kosmos sich selbst erkennt. Der Mensch ist nicht die einzige bewusstseinstragende Instanz, aber er ist diejenige, in der die Faehigkeit zur Selbstreflexion angelegt ist. Er ist eine Analogienquelle fuer das Weltall: Weil er Bewusstsein hat, darf er vom eigenen Inneren auf das Innere des Kosmos schliessen.

Bewusstsein ist in dieser Tradition eine lebendige Wirkgröße im Kosmos. Gedanken sind nicht bloss subjektive Vorgänge, sondern Kräfte, die in das kosmische Bewusstseinsfeld eingespeist werden und reale Wirkungen erzielen. Das setzt voraus, dass der Kosmos selbst ein Bewusstseinsraum ist (vgl. Kirchhoff, J., Novalis: der Dichter als Philosoph, 2023). Der Bewusstwerdungsdrang ist das, was diese Bewegung trägt: nicht ein externer Gott, der ein Programm ablaufen laesst, sondern eine dem Kosmos selbst innewohnende Kraft, die im Menschen zur Bewusstheit kommt und ueber den Menschen hinausdrängt.

#Gegen die mechanistische Projektion

Wer den Bewusstwerdungsdrang leugnet, muss erklären, warum aus toter Materie Lebendiges entsteht, warum aus Lebendigem Bewusstsein, warum aus Bewusstsein Selbstbewusstsein. Die klassisch-materialistische Antwort lautet in Kirchhoffs Diagnose: Zufall und Notwendigkeit, Mutation und Selektion. Sie hat — in dieser Lesart — eine Lücke. Auch nicht-reduktive physikalistische Positionen (Davidson, Kim) und Emergentismus haben Mühe, das Hard Problem of Consciousness (Chalmers 1995) zu schließen, also die Frage, warum es sich irgendwie anfühlt, etwas zu erleben. Und sie kann das Boot Problem nicht loesen, die Frage, warum subjektives Erleben ueberhaupt existiert, wenn es fuer das physikalische Geschehen keine Rolle spielen soll.

Gwendolin Kirchhoff formuliert den Punkt in der Everlast-AI-Debatte (vgl. Kirchhoff, G., Everlast AI Debate, 2026) als Entscheidung zwischen zwei Metaphysiken: Entweder der Kosmos ist eine Maschine und Bewusstsein ein Epiphänomen, oder der Kosmos ist ein lebendiger Organismus und Bewusstsein liegt an seiner Wurzel. Die erste Metaphysik produziert ein Hard Problem und ein Boot Problem. Die zweite nicht. Wer dem Kosmos als Ganzem Leben und Bewusstsein zuspricht, weil er selbst lebt und bewusst ist, vollzieht einen legitimen Analogieschluss. Wer umgekehrt von einer Maschine, einem Werkzeug des Menschen, darauf schliesst, alles sei Werkzeug von nichts, macht einen weit größeren metaphysischen Sprung.

Der Materialismus, so Kirchhoffs eigene These, ist das Resultat einer existenziellen Depression. Die Depression kommt zuerst und projiziert dann ein Weltbild. Der Kontaktverlust, die Verratserfahrung, die Entfremdung, das disheartening, das dem Herzen etwas wegnimmt, an dem es seinen klaren inneren Anker hat, diese Erfahrung geht der materialistischen Ontologie voraus und erzeugt sie. Das ist keine polemische Zuspitzung, sondern eine diagnostische Beobachtung ueber die Genese eines Weltbildes.

#Bewusstwerdung als kosmische Geburt

Wenn der Kosmos ein Bewusstseinswesen ist und der Mensch der Ort, an dem dieses Bewusstsein sich selbst erkennt, dann ist jeder Akt der Bewusstwerdung ein kosmisches Ereignis. Nicht im Sinne einer esoterischen Überhöhung, sondern als Konsequenz der Ontologie: Was im Einzelnen als persönliche Erkenntnis erscheint, vollzieht eine Bewegung, die im Ganzen angelegt ist. Der Geburtsprozess wird hier kosmologisch: Jede echte Erkenntnis ist eine Geburt, der eine Phase der Enge vorausgeht, ein Noch-nicht-Sehen, das den Durchtritt erst moeglich macht.

Der Kosmische Anthropos beschreibt das Menschenbild, das diesem Gedanken entspricht: der Mensch als hohes Bewusstseinswesen, nicht als biologische Maschine. Die Naturphilosophie liefert die ontologische Grundlage: ein Kosmos, in dem Geist und Natur nicht getrennt, sondern Ausdruck derselben Wirklichkeit sind. Und der Vollhumanismus formuliert die zivilisatorische Konsequenz: Die Zukunft des Menschen liegt nicht in der technischen Steigerung, sondern in der Bewusstwerdung dessen, was er bereits ist.

#Quellen

  • Kirchhoff, G. (2026). Everlast AI Debate: Gwendolin Kirchhoff vs. Joscha Bach.
  • Kirchhoff, J. (1998). Was die Erde will. Bergisch Gladbach: Gustav Luebbe Verlag.
  • Kirchhoff, J. (2004). Die Erlösung der Natur. Klein Jasedow: Drachen Verlag.
  • Kirchhoff, J. (2006). Raeume, Dimensionen, Weltmodelle. Klein Jasedow: Drachen Verlag.
  • Kirchhoff, J. (2023). Novalis: der Dichter als Philosoph. YouTube-Gespräch.
  • Schelling, F. W. J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur. Leipzig: Breitkopf und Haertel.
  • Schelling, F. W. J. (1798). Von der Weltseele. Hamburg: Friedrich Perthes.
  • Schelling, F. W. J. (1800). System des transcendentalen Idealismus. Tuebingen: J.G. Cotta.

Diese Gedanken vertiefen

Wenn Dich diese Denkbewegung anspricht und Du sie in Deinem eigenen Leben weiterführen möchtest — ich begleite Dich gern.