Du hast erreicht, wovon andere träumen — und spürst eine Leere, die Du niemandem erklären kannst. Nicht Erschöpfung, nicht Überforderung, sondern etwas Tieferes: das Gefühl, dass die Macht, die Du trägst, Dich nicht nährt. Dass sie Dich sogar von etwas trennt, das Dir einmal selbstverständlich war — von Zugehörigkeit, von Verbundenheit, von dem Boden unter Deinen Füßen.
Der entwurzelte Mächtige ist eine Figur, die in der modernen Führungswelt selten benannt wird, obwohl sie allgegenwärtig ist. Gemeint ist nicht der gescheiterte Führer, sondern der erfolgreiche — der Mensch, dessen Aufstieg ihn von seinen Wurzeln getrennt hat. Von seiner Herkunftsfamilie, von seinem kulturellen Boden, von den Beziehungen, die ihn einmal getragen haben, bevor er tragen musste.
Konfuzius wusste, dass Führung nicht an der Spitze beginnt, sondern an der Wurzel. Wer seine eigene Familie nicht in Ordnung hat, so die konfuzianische Einsicht, kann kein Gemeinwesen ordnen. Das ist keine moralische Forderung, sondern eine strukturelle Beobachtung: Wer die Grundbeziehungen seines Lebens nicht geklärt hat, trägt die Unordnung in jede Position, die er einnimmt. Die Unruhe im Team ist oft der Spiegel einer Unruhe, die der Führende selbst nicht sehen kann, weil sie älter ist als sein beruflicher Weg.
Entwurzelung zeigt sich nicht in offensichtlichem Versagen. Sie zeigt sich in der Art, wie Entscheidungen getroffen werden — hastig statt besonnen. In der Art, wie Beziehungen gestaltet werden — funktional statt lebendig. In der Unfähigkeit, innezuhalten, ohne dass Angst aufsteigt. Der entwurzelte Mächtige kompensiert durch Kontrolle, was ihm an Verbindung fehlt. Nicht weil er schlecht führt, sondern weil er aus einem Mangel heraus führt, den er nicht benennen kann.
Die systemische Ordnungsarbeit zeigt häufig, worin die Entwurzelung besteht: eine unterbrochene Hinbewegung zum Vater, der selbst nie anerkannt wurde. Eine Familien-Geschichte, in der Macht mit Schuld verbunden war. Ein Erbe, das angetreten wurde, ohne dass die Vorgänger geehrt wurden. Diese Muster sind nicht psychologisch im engeren Sinn — sie sind systemisch. Sie betreffen nicht die Persönlichkeit des Einzelnen, sondern den Platz, den er in einem größeren Ganzen einnimmt.
Verwurzelung ist kein Zustand, den man einmal herstellt und dann hat. Sie ist eine lebendige Beziehung, die gepflegt werden will — zu den Menschen, die vor einem waren, zu dem Ort, an dem man steht, zu der Aufgabe, die man übernommen hat. Nicht als Sentimentalität, sondern als Quelle von Klarheit und Urteilskraft.
Gwendolin Kirchhoffs Arbeit mit Führungskräften beginnt deshalb nicht bei der Strategie und nicht bei der Kommunikation. Sie beginnt bei der Frage: Wo stehst Du wirklich? Nicht im Organigramm, sondern in Deinem Leben. Was trägst Du, das nicht Dir gehört? Wen hast Du vergessen, der Dich hierher gebracht hat?
Wenn Du als Führungskraft spürst, dass Deine Stärke eine Kehrseite hat, die Du in keinem Coaching-Gespräch benennen konntest — dann ist der entwurzelte Mächtige vielleicht nicht nur ein Begriff, sondern ein Spiegel.