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Lexikon

Paradigmenwechsel

Jérémy Deguire

Ein Paradigmenwechsel vollzieht sich nicht als Korrektur innerhalb einer bestehenden Denkordnung, sondern als Wechsel des Bodens, auf dem gedacht wird — wer im mechanistischen Paradigma steht, kann das Lebendige nicht als Anomalie registrieren, weil es kategorial nicht vorkommt.

Wer innerhalb eines Denkrahmens arbeitet, kann diesen Denkrahmen nicht sehen. Das ist keine Schwäche einzelner Forscherinnen oder Forscher, sondern eine Struktureigenschaft wissenschaftlicher Erkenntnis, die Thomas S. Kuhn 1962 in The Structure of Scientific Revolutions beschrieb und die seither unter dem Begriff Paradigmenwechsel verhandelt wird. Ein Paradigma bestimmt, welche Fragen als sinnvoll gelten, welche Methoden als zulässig und welche Antworten als befriedigend. Es bestimmt damit auch, was nicht gefragt werden kann, nicht gemessen werden darf und nicht als Erkenntnis zählt.

Normale Wissenschaft und ihre blinden Flecken

Kuhn unterschied normale Wissenschaft von wissenschaftlicher Revolution. Die normale Wissenschaft arbeitet innerhalb eines Paradigmas: Sie löst Rätsel, deren Lösbarkeit das Paradigma garantiert. Was sich nicht lösen lässt, gilt zunächst als Anomalie, dann als technisches Problem, zuletzt als Randphänomen. Erst wenn sich Anomalien häufen und das Vertrauen in den Rahmen selbst erschüttern, bricht eine Krise auf, aus der ein neues Paradigma hervorgehen kann. Entscheidend ist Kuhns Einsicht in die Inkommensurabilität: Das alte und das neue Paradigma sind nicht direkt vergleichbar, weil sie verschiedene Begriffe verwenden, verschiedene Phänomene für relevant halten und verschiedene Maßstäbe anlegen. Es gibt keinen neutralen Standpunkt, von dem aus sich entscheiden ließe, welches Paradigma recht hat.

Für die Wissenschaftskritik in der Tradition der Naturphilosophie ist diese Einsicht so wertvoll wie begrenzt. Wertvoll, weil sie zeigt, dass das, was als gesicherte Erkenntnis gilt, immer auch ein Ausdruck des herrschenden Rahmens ist. Begrenzt, weil Kuhn selbst innerhalb des wissenschaftstheoretischen Diskurses blieb und die Frage nicht stellte, was das Paradigma ontologisch ausschließt.

Was das mechanistische Paradigma nicht fragen kann

Jochen Kirchhoff hat in der Anti-Geschichte der Physik (1991) die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft als vulgärphilosophische metaphysische Setzungen beschrieben, die nicht empirisch überprüfbar sind. Seine Analyse geht über Kuhn hinaus, weil sie nicht nur die Wechseldynamik von Paradigmen beschreibt, sondern den Inhalt des herrschenden Paradigmas selbst befragt. Die abstrakte Naturwissenschaft operiert mit dem, was Kirchhoff methodischen Atheismus und methodischen Geozentrismus nennt: Der Wissenschaftler klammert sein lebendiges Menschsein methodisch aus, und die Kosmologie projiziert irdische Laborbedingungen auf den gesamten Kosmos, als sei alles dort so wie hier, nur ohne Leben und Bewusstsein.

Diese doppelte Einklammerung ist nicht beiläufig. Sie konstituiert den Gegenstand der Forschung so, dass das Lebendige kategorial nicht vorkommen kann. Wenn Du die Frage nach der inneren Bewegung eines Organismus, nach der Qualität einer Farbe, nach dem Sinn einer kosmischen Ordnung stellst, erhältst Du innerhalb des mechanistischen Paradigmas keine Antwort, weil die Frage selbst als unwissenschaftlich gilt. Das ist der Punkt, an dem Kuhns Analyse zu kurz greift: Er beschreibt, dass Paradigmen bestimmte Fragen ausschließen; die Kontexterschließung, wie Gwendolin Kirchhoff sie versteht, benennt welche Fragen das mechanistische Paradigma ausschließt und warum dieser Ausschluss unsichtbar bleibt.

Schelling und der andere Boden

Schelling formulierte den Grundgedanken bereits 1800 in der Vorrede zum System des transzendentalen Idealismus: Ein System, das die herrschende Ansicht der Dinge völlig verändert und umkehrt, wird selbst bei strengster Beweisführung fortdauernden Widerspruch finden bei solchen, welche die Evidenz seiner Beweise nicht fassen können oder wollen (vgl. Schelling, 1800, Vorrede). Die Schwierigkeit liegt nicht in der Argumentation, sondern im Boden, auf dem argumentiert wird. Wer den mechanistischen Boden nie verlassen hat, kann die Argumente der Naturphilosophie hören, aber nicht verstehen, weil die Begriffe, in denen sie formuliert sind, innerhalb seines Paradigmas keinen Sinn ergeben.

Schellings Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797) formulieren die Alternative als ontologische These: Die Natur soll der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur sein. Das System der Natur ist zugleich das System unseres Geistes (vgl. Schelling, 1797, Einleitung). Solange der Mensch sich selbst mit der Natur identisch weiß, begreift er, was lebendige Natur ist. Sobald er sich und mit ihm alles Ideale von der Natur trennt, bleibt ihm nichts übrig als ein totes Objekt. Diese Trennung ist die Gründungsgeste des mechanistischen Paradigmas. Die Naturphilosophie hebt sie nicht durch ein besseres Argument innerhalb des bestehenden Rahmens auf, sondern durch den Wechsel des Bodens selbst.

Kein Paradigmenwechsel ohne Prämissenwechsel

Lewis Mumford beschrieb in Der Mythos der Maschine (1977), wie tief die Axiome des mechanistischen Denkens verwurzelt sind: als unangreifbar akzeptiert, allgemein für selbstverständlich gehalten. Die moderne Megamaschine ist nicht nur ein technisches, sondern ein epistemisches Gefüge, das seine eigenen Prämissen reproduziert und abweichende Wahrnehmungsformen marginalisiert. Wer das Paradigma wechseln will, muss zunächst die Prämissen freilegen, auf denen es ruht.

In der philosophischen Arbeit, wie die Naturphilosophie sie versteht, vollzieht sich dieser Prämissenwechsel nicht abstrakt, sondern in der konkreten Begegnung mit einem anderen Denken. Wer Schellings Naturphilosophie liest, Goethes Farbenlehre studiert oder Kirchhoffs Kosmologiekritik folgt, macht eine Erfahrung, die Kuhn als Gestaltwechsel beschreibt: Plötzlich ordnen sich die Phänomene neu. Was vorher als Anomalie oder Randproblem galt, rückt ins Zentrum. Und was vorher als gesicherte Erkenntnis galt, erweist sich als Ausdruck einer bestimmten Denkentscheidung, die auch anders hätte ausfallen können.

Der Paradigmenwechsel, den die Naturphilosophie vollzieht, betrifft nicht ein Detail des wissenschaftlichen Weltbildes, sondern seine Grundlage: die Frage, ob der Kosmos ein toter Mechanismus oder ein lebendiger Organismus ist. Diese Frage kann kein Experiment beantworten. Sie gehört in die Philosophie. Und sie entscheidet darüber, welche Art von Wissen überhaupt als Wissen gelten darf.

Wer sich mit den Voraussetzungen des Reduktionismus auseinandersetzen möchte, findet dort die methodische Seite dieser Analyse. Die ontologische Grundlage entfaltet der Eintrag zur Naturphilosophie. Die Frage, was geschieht, wenn die herrschenden Gedankenformen in der konkreten philosophischen Arbeit sichtbar werden, behandelt der Eintrag zur Kontexterschließung.

Quellen

Kuhn, T. S. (1962). The Structure of Scientific Revolutions. University of Chicago Press.

Kirchhoff, J. (1991). Anti-Geschichte der Physik: Grundlagenkritik und Alternativen. edition dionysos.

Mumford, L. (1977). Der Mythos der Maschine. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

Schelling, F. W. J. (1797). Ideen zu einer Philosophie der Natur.

Schelling, F. W. J. (1800). System des transzendentalen Idealismus. J.G. Cotta, Tübingen.

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