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Lexikon

Modernismus (Scheitern)

Khristina Sergeychik

In Kirchhoffs naturphilosophischer Diagnose ist das Scheitern des Modernismus nicht ein technisches Versagen, sondern ein ontologisches — eine Zivilisation, die das Lebendige aus ihrem Weltbild streicht, erzeugt in dieser Lesart genau die Krankheit, die sie für Fortschritt hält.

Das Scheitern des Modernismus zeigt sich nicht im Versagen einzelner Technologien, einzelner Politiken oder einzelner Wissenschaftszweige. Für Gwendolin Kirchhoff ist das Scheitern des Modernismus der Schlüsselbegriff, um die strukturelle Unfähigkeit einer Epoche zu diagnostizieren, ihre eigene Pathologie zu erkennen. Die Aufklärung versprach den Ausgang aus der Höhle, doch sie errichtete dabei eine neue — eine Einsicht, die sich erst im Rückblick auf drei Jahrhunderte formulieren lässt. Es ist ein ontologisches Scheitern: Eine Zivilisation, die das Lebendige aus ihrem Weltbild gestrichen hat, erzeugt systematisch die Zerstörung, die sie für Fortschritt hält.

#Die Höhle, die sich Befreiung nennt

Gwendolin Kirchhoff hat in ihrer philosophischen Arbeit Der andere Ausgang (2012) die Grundstruktur dieser Verfehlung freigelegt. Die konzeptuelle Metapher, die die Aufklärung antrieb, war die der platonischen Höhle: Ein Aufklärer holt den Gefangenen ans Licht und zeigt ihm die Wirklichkeit jenseits der Schatten. Doch die Tradition, die dieses Bild denkt, hat wenige Jahrhunderte später Bildschirme produziert. Das ist kein Zufall.

Drei Strukturelemente kennzeichnen die moderne Höhle. Erstens der Chorismos: die schroffe Trennung von Innen und Außen, Subjekt und Objekt, Fakten und Werten. Zweitens die Lethe: das systematische Vergessen alles Inneren, die Streichung angeborener Ideen zugunsten einer Tabula rasa. Drittens die Simulation: das Modell tritt an die Stelle des Wesens, die mathematische Beschreibung ersetzt die Erfahrung des Lebendigen. Diese drei Momente verwirklichen sich in der technisch-wissenschaftlichen Moderne in veränderter Gestalt: als Subjekt-Objekt-Spaltung, als Behaviorismus, als digitale Wirklichkeitserzeugung (vgl. Kirchhoff, G., 2012, Der andere Ausgang).

Lewis Mumford hat für diese Struktur den Begriff der Megamaschine geprägt: ein unsichtbares Gebilde, dessen Verselbständigung als Veräußerlichung einer bereits erfolgten ideellen Gefangensetzung des Menschen in einem Ausschnitt seiner selbst zu verstehen ist, nämlich der abstrakten Rationalität (vgl. Mumford, 1977, Der Mythos der Maschine). Die Megamaschine ist nicht eine bestimmte Apparatur. Sie ist die Struktur, in der nur noch die Maschine Ordnung und Rationalität verkörpert und die Befreiung des Menschen keinen Gewinn an Alternativen mehr bedeutet.

#Feigheit vor der Vergänglichkeit

Die Diagnose hat eine Vorgeschichte. Oswald Spengler formulierte 1931 mit einer für seine Zeit ungewöhnlichen Schärfe, was die Fortschrittsgläubigkeit im Kern verdeckt:

Spengler sah im Verblassen schöpferischer Kraft kein individuelles Versagen, sondern ein morphologisches Phänomen: die Weltgeschichte als „die Geschichte einer unaufhaltsam fortschreitenden, verhängnisvollen Entzweiung zwischen Menschenwelt und Weltall” (Spengler, 1931, Der Mensch und die Technik). Die Kultur entfernt sich mit jeder neuen Schöpfung feindseliger von der Natur, die sie hervorgebracht hat. Was als Souveränität erscheint, ist Entwurzelung.

Der Unterschied zwischen Spenglers Morphologie und der hier vertretenen Diagnose liegt im Ausgang. Spengler diagnostiziert, aber er bietet keinen anderen Denkraum an. Seine Haltung bleibt fatalistisch: Man solle das Schicksal aushalten, nicht ändern. Die Naturphilosophie geht weiter. Sie fragt nicht nur, woran die Moderne scheitert, sondern was sie ausgelassen hat.

#Die ontologische Leerstelle

Jochen Kirchhoff (1944–2025) hat den Modernismus nicht als überwundene Vorstufe analysiert, sondern als schlechte Metaphysik, die sich für Welterkenntnis hält. Die abstrakte Naturwissenschaft, so Kirchhoff, ist der stärkste fundamentalistische Faktor auf der Erde, stärker als die Religionen. Ihr gefeiertster Siegeszug ist auf nahezu allen Fronten ins Fiasko umgeschlagen (vgl. Kirchhoff, J., 1991, Anti-Geschichte der Physik).

Die Leerstelle, an der das Scheitern in Kirchhoffs Lesart ansetzt, ist ontologisch: Der Kosmos wird in der mechanistisch-reduktiven Linie als toter Mechanismus begriffen, und alles Lebendige gilt als Sonderfall des Toten. Diese Prämisse ist nie beobachtet worden; aus Totem ist noch nie Lebendiges hervorgegangen. Doch sie regiert die Forschung, die Medizin, die Ökonomie und die technologische Entwicklung so vollständig, dass ihre Infragestellung als Irrationalität gilt.

Der nachkopernikanische Nihilismus, den Kirchhoff in Nikolaus Kopernikus (2021) analysiert, ist die Folge der dogmatisierten Himmelsmechanik. Er betrifft nicht nur die Astronomie. Er betrifft den menschlichen Seinsbezug als Ganzen: Wer in einem toten Kosmos lebt, werde, so Kirchhoffs zugespitzte anthropologische Diagnose, per se neurotisch (vgl. Kirchhoff, J., in Außenwelt Innenwelt — Das Doppelwesen Mensch). Die Flucht in Ersatz-Anderswelten (Cyberspace, Internet, Transhumanismus) löst das Grundproblem nicht, weil diese Welten herstellbar und tot sind.

#Fortschritt als Symptomentwicklung

Was den Modernismus von früheren Krisen unterscheidet, ist die Verwechslung von Symptom und Errungenschaft. Das Konzept Pathogenese-statt-Fortschritt benennt diesen Zusammenhang: Was als technische Evolution verkauft wird, lässt sich besser als fortschreitende Symptomentwicklung einer bestimmten psychophysischen Erkrankung verstehen. Die Kategorien der Besessenheit durch einen dem eigenen Leib feindlichen Gedanken passen besser als die der Höherentwicklung (vgl. Kirchhoff, G., in KI und Transhumanismus als Bedrohung des Lebendigen, 2023).

Diese Diagnose trifft nicht nur den Transhumanismus. Sie trifft die gesamte Optimierungskultur: das Arbeiten an sich selbst als internalisierter Leistungsimperativ, die Fragmentierung der Aufmerksamkeit als Freiheitsgewinn, die Ersetzung des menschlichen Lehrers durch algorithmische Systeme. Wenn Du registrierst, dass Dir die Stille fehlt, ohne sagen zu können, wann Du sie verloren hast, steht dahinter keine Nostalgie. Es ist ein diagnostisches Datum: etwas, das als Zugewinn verbucht wurde, hat einen Raum verschlossen, der vorher offen war.

In der Debatte mit Joscha Bach bei Everlast AI hat Gwendolin Kirchhoff diese Struktur als innere Höhle beschrieben: Das, was wir Modernismus oder Aufklärung nennen, sei die Gefangensetzung des Menschen in einer solchen Höhle, nicht die Befreiung daraus (vgl. Kirchhoff, G., Wahres Ziel von KI, Everlast AI). Bach, so könnte man sagen, repräsentiert den besten Fall des Modernismus: brillant, rational, informiert, und dennoch nicht in der Lage, die Frage zu beantworten, was Bewusstsein ist, ohne es auf Berechnung zu reduzieren.

#Was die Diagnose öffnet

Das Scheitern des Modernismus wäre bloßer Kulturpessimismus, wenn es kein Gegenbild gäbe. Die Naturphilosophie der Renaissance und Romantik, von Giordano Bruno über Goethe bis zu Schelling und Novalis, formuliert eine nicht hinreichend wahrgenommene Alternative innerhalb der Aufklärung selbst (vgl. Kirchhoff, G., 2012, Der andere Ausgang). Nicht als Regression hinter die Wissenschaft, sondern als deren Vervollständigung: ein Verständnis des Kosmos als lebendig und beseelt, das die materialistische Reduktion als Verengung erkennbar macht.

Die gedankliche Zerstörung des Kosmos führt langfristig zur Zerstörung der Erde. Wer die der Natur innewohnende lebendige Ganzheit geistig zerstört, wird früher oder später auch um eine materielle Zerstörung des derart Abgewerteten bemüht sein (vgl. Kirchhoff, J., 2021, Nikolaus Kopernikus). Umgekehrt gilt: Wenn Du den Kosmos als lebendiges Ganzes denkst, veränderst Du nicht nur Dein Weltbild, sondern Dein Verhältnis zu allem, was lebt. Der Modernismus scheitert dort, wo er das Lebendige ausschließt. Die Diagnose dieses Scheiterns ist der erste Schritt, den Ausschluss rückgängig zu machen, nicht durch Maschinenstürmerei, sondern durch eine andere Kontexterschließung, die den Teil wieder im Licht des Ganzen zu lesen vermag.

#Quellen

Kirchhoff, G. (2012). Der andere Ausgang — Was die Aufklärung hat liegen lassen. Unveröffentlichte Arbeit.

Kirchhoff, G. (2023). „KI und Transhumanismus als Bedrohung des Lebendigen” [Video]. Jochen Kirchhoff — In Memoriam, YouTube.

Kirchhoff, J. (1991). Anti-Geschichte der Physik: Grundlagenkritik und Alternativen. edition dionysos.

Kirchhoff, J. (2021). Nikolaus Kopernikus — Das neue Weltbild.

Mumford, L. (1977). Der Mythos der Maschine. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Spengler, O. (1931). Der Mensch und die Technik.

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