Metamoderne ist ein Name für eine Kultur nach Moderne und Postmoderne. T. Vermeulen und R. van den Akker nannten 2010 einen Diskurs, der zwischen modernem Enthusiasmus und postmoderner Ironie oszilliert, „metamodernism“ (Vermeulen & van den Akker, 2010, Abstract). Im deutschsprachigen Raum gaben Maik Hosang, Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz, und Gerald Hüther 2024 den Band Die Metamoderne. Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft heraus (Hosang & Hüther, 2024). Gwendolin Kirchhoff hat auf ihrem Kanal drei Gespräche mit Maik Hosang über die Metamoderne geführt. Das Programm stammt von Hosang und seinen Mitautoren; Gwendolin Kirchhoff ist in diesen Gesprächen die Fragende. Dieser Eintrag hält beides auseinander: was Hosang vertritt und was sie ihm entgegenhält.
#Was meinen Vermeulen und van den Akker mit Metamoderne?
Bei Vermeulen und van den Akker ist Metamoderne der Name für einen Diskurs, dessen Umrisse sie an jüngeren Entwicklungen in Architektur, Kunst und Film nachzeichnen. Das Abstract ihres Aufsatzes „Notes on metamodernism“ beginnt mit dem Satz, die postmodernen Jahre der Fülle, des Pastiches und der Parataxe seien vorbei. Den Diskurs, der darauf folgt, benennen sie so: „We will call this discourse, oscillating between a modern enthusiasm and a postmodern irony, metamodernism.“ (Vermeulen & van den Akker, 2010, Abstract). Am deutlichsten, wenn auch nicht ausschließlich, zeige sich das Metamoderne in einer neoromantischen Wende, etwa in der Architektur von Herzog & de Meuron und in den Filmen von Michel Gondry (vgl. ebd.). Die Ankündigung des Bandes von Maik Hosang und Gerald Hüther durch die Hochschule Zittau/Görlitz fragt im Mai 2024, ob die westliche Welt gegenwärtig von einer Krise zur nächsten taumle, und spricht von einer neuen Epoche: Wer das Verstehen vermeintlich unvereinbarer Positionen auf einer Metaebene als Lösung begreife, sei „einer neuen Epoche ganz nah: der Metamoderne“ (Hochschule Zittau/Görlitz, 2024).
#Wie beschreibt Maik Hosang die Metamoderne?
Maik Hosang beschreibt die Metamoderne im ersten Gespräch mit Gwendolin Kirchhoff (2025) als „eine Form der Moderne“: Sie nehme das Positive der Moderne auf, „freie Wissenschaft, freie Wirtschaft, freie Kultur“, löse aber die Grenzen der Moderne auf, die Reduktion auf das Materielle, auf das Ego und auf die physischen, biologischen Bedürfnisse (Kirchhoff, G. / Hosang, M., 2025, 28:06–28:26). Den Begriff habe er vor drei, vier Jahren im englischsprachigen Raum entdeckt; er sei anschlussfähig an die Soziologie, die die Geschichte großteils in Vormoderne, Moderne und Postmoderne einteile (vgl. ebd., 27:23–28:06). Die Vorsilbe Meta komme nach Hosang von Platon und stehe für das Ganze, für das Kosmische (vgl. ebd., 28:20–28:31). Das Buch habe er mit Freunden wie Gerald Hüther gemacht, um die Metamoderne begrifflich klarzumachen (vgl. ebd., 29:12–29:22).
Als Kernqualität der Metamoderne nennt Hosang, unsere physischen und vitalen Dimensionen mit unserer kosmischen Dimension zu verbinden; als zweite Leistung nennt er die Fähigkeit, den anderen nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum zu sehen (vgl. ebd., 29:53–30:42 und 31:36–31:53). Wenn wir sehen, „im Grunde sind wir alle Teil der Weltseele“, dann sähen wir die Unterschiede „nicht als Kampf“, sondern „als Reichtum“ (ebd., 31:11–31:24). Was die Weltseele in der philosophischen Tradition bedeutet, beschreibt ein eigener Eintrag. Das zweite Gespräch (2025) gilt Hosangs Begriff des Meta-Bewusstseins, eines Bewusstseins, das über das einzelne Ich-Bewusstsein hinausgeht; Hosang betont, der Begriff gehe über das Individuum hinaus: „Er schafft es nicht ab“ (Kirchhoff, G. / Hosang, M., 2025, „Meta-Bewusstsein“, 01:29–01:38; vgl. 00:55–01:04).
#Ist Hosangs Zugang Eskapismus?
Ob Hosangs Zugang Eskapismus ist, fragt Gwendolin Kirchhoff Maik Hosang selbst, noch bevor das Gespräch auf die Metamoderne kommt. Auf Hosangs Bild vom freien Menschen, der mit Schiller nur dann ganz Mensch ist, wenn er spielt, fragt Gwendolin Kirchhoff zurück, wie sich diese Art von Zugang unterscheide „zu einem, sag ich jetzt mal, Eskapismus“ (Kirchhoff, G. / Hosang, M., 2025, 20:53–20:59; vgl. 18:32–20:51). Man könne ihm auch vorhalten, sagt sie, er wolle seine Pflichten nicht und keine Verantwortung übernehmen, also stelle er sich eine Welt vor, in der nur gespielt wird, und das sei doch total unrealistisch (vgl. ebd., 20:59–21:15). Hosang antwortet mit dem Unterschied von Ost und West: Die westliche Kultur erkenne an, dass wir einerseits kosmische Wesen sind, andererseits aber auch physische, vitale Wesen (vgl. ebd., 21:18–23:03).
Später hält sie ihm, wieder als möglichen Einwand, Heraklit entgegen: Der Widerstreit sei der Vater aller Dinge, und auch die Konkurrenz, die wir sehen, sei in der Welt angelegt (vgl. ebd., 31:56–32:14). Das Fragment lautet in der Übersetzung von Diels: „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König.“ (Heraklit, Fragment B 53). Hosang nennt den Widerstreit darauf „eine wichtige Kulturtechnik“, um die Unterschiede überhaupt zu sehen und sich darüber auszutauschen; das sei etwas anderes als der Kampf gegeneinander (ebd., 33:26–33:39).
#Löst ein neuer Blick auf den anderen den konkreten Konflikt?
Ein neuer Blick allein löst den konkreten Konflikt nicht, wendet Gwendolin Kirchhoff ein, und Maik Hosang gibt ihr recht. Sie fasst Hosangs Ausführungen zusammen: Die Metamoderne wäre dann zunächst „eine Art mentaler Überbau oder geistiger Überbau“, auf dessen Grundlage man den anderen anders sehen könnte, und Hosang bestätigt: „Genau.“ (Kirchhoff, G. / Hosang, M., 2025, 34:38–34:49). Dann setzt sie nach: Dieser mentale Überbau „löst mir nicht mein konkretes Problem“ mit dem anderen, wenn sie etwa Streit habe, in der WG (ebd., 34:53–35:06). Hosang antwortet: „Richtig“, deshalb brauche es noch eine Kultur, um die „rein theoretische Erkenntnis praktisch umzusetzen“ (ebd., 35:07–35:11). Wie Gwendolin Kirchhoff das Gespräch mit Menschen beschreibt, die anders denken, steht im Eintrag Begegnung.
Später fasst sie Hosangs Antwort über Moderne und Postmoderne zusammen, nach der die Postmoderne eher akademisch Kritik übe (vgl. ebd., 40:54–41:05), und führt sie weiter: Diese Kritik komme mit der allgemeinen Öffentlichkeit nicht wirklich in Kontakt, weil Leute irgendwann keine Lust mehr hätten, wenn alles kritisiert und abgebaut werde. Dazu sagt sie: „Die steigen einfach zu Recht aus“ (ebd., 44:03–44:05; vgl. 43:24–44:03). Das Festhalten am Besitz in der Moderne und das Festhalten an der Kritik in der Postmoderne nennt sie zwei verbissene Positionen und fragt, was der Humor mit der Macht macht (vgl. ebd., 44:06–44:35).
#Welche Rolle spielt der Humor in der Metamoderne?
Das Lebensgefühl der Metamoderne nennt Maik Hosang Humoronie (vgl. Kirchhoff, G. / Hosang, M., 2025, 36:30–36:44). Damit aus dem Zugang zum Ganzen nicht wieder eine Machtstruktur wird, dürfe auch der Anspruch, bewusster, liebevoller oder besser zu sein, zerpflückt werden; damit man dabei den Stress herausnimmt, brauche es „eine gewisse positiv-ironische Art“: „Wir dürfen uns nicht zu ernst nehmen.“ (ebd., 39:12–39:19; vgl. 36:43–39:12). Vorher, ohne Zugang zu einer Ebene, die das Buch Transzendenz nennt, könne man nicht humorvoll sein, sondern sei verkrampft (vgl. ebd., 44:36–45:46). Gwendolin Kirchhoff fasst diese Antwort in ein eigenes Bild: Die Grundlage für den Humor und die Ironie sei „die transzendente Anbindung“, also „eine eigene Vertikalität“; der Mensch sei nicht nur horizontal verortet, wo er Macht und Besitz verhandelt, sondern auch vertikal (ebd., 45:48–46:05).
Zwei Beobachtungen bringt sie selbst ein. Sie spricht von einer „Tyrannei der Gekränkten“, die festlegen wolle, worüber man keine Witze machen darf; gerade dort, wo ein tiefer Krampf sei, ziehe es den Humor besonders hin (ebd., 47:36–47:52). Und sie verbindet den Humor mit dem Spellbreaking, dem Auflösen eines Zauberspruchs: Das Kind in Des Kaisers neue Kleider, das Märchen hatte Hosang kurz zuvor genannt, „zerstört die Illusion“ (ebd., 49:39–49:50; vgl. 46:37–47:34). Ein einfaches Aussprechen bestimmter Wahrheiten zerstöre die Illusion und damit „die Legitimationsgrundlage von Macht“, denn Macht könne sich nur so lange halten, wie sie als einigermaßen legitim wahrgenommen werde; als das Gottesgnadentum nicht mehr zog, sei der Gesellschaftsvertrag gekommen, der Gedanke von Hobbes (ebd., 49:51–50:06; vgl. 50:06–50:56). Wie Worte Glauben erzeugen, beschreibt der Eintrag Sprache als Zauberspruch. Dass auch Memes bestimmten machtbasierten Interessen untertan sein können, die durch Spott den Gegner infrage stellen, fügt sie hinzu (vgl. ebd., 49:19–49:30).
#Kann man einem verbindenden Geist trauen?
Ob man einem verbindenden Geist trauen kann, fragt Gwendolin Kirchhoff im dritten Gespräch (2026) selbst, in einem, wie sie sagt, „Potpourri an Fragen“ (Kirchhoff, G. / Hosang, M., 2026, 12:20–12:22). Zu Beginn dieses Gesprächs, das Hosangs Artikel für die NZZ bespricht, nennt sie als Thema ihrer bisherigen Interviews mit ihm die Metamoderne als neue oder unterliegende Kulturepoche (vgl. Kirchhoff, G. / Hosang, M., 2026, 00:00–00:15). Zu der Frage, was ein Geist vermag, der Menschen über Begrenzungen wie Macht und die Wahrung eigener Vorteile hinaus verbinden könnte, gehören für sie die Angstprogramme, die anlaufen, wenn wir uns mit einem solchen Geist konfrontiert sehen (vgl. ebd., 10:35–11:06). Sie formuliert die Fragen, die dann aufkommen: „Kann ich dem trauen?“ Ein Trick der Eliten könne durchaus dahinter sein und sei eine realistische Gefahr. „Wird das wieder machtförmig werden?“ (ebd., 11:08–11:19). Zur Idee, die gemeinsame Herkunft aller Menschen politisch verwirklicht zu sehen, fragt sie, ob das eine Utopie sei, „die wie so eine Art innerer Herzanker ist“, und ob nicht große, auch negative Möglichkeiten entstehen, wenn man versucht, das Eschaton zu immanentisieren, also die Endzeit zu verwirklichen (ebd., 11:37–11:44; vgl. 11:20–12:34).
Als Hosang den Qualitätssprung von Freiheit und Bewusstsein wahrscheinlich die eigentliche Aufgabe nennt, sagt sie, es gehe an dieser Stelle weniger um Freiheit und Bewusstsein als um das Selbstbild: ob ich eine bedrohte Kreatur bin, von Mangel, von Gewalt und von Machtkämpfen bedroht, oder ein kosmischer Anthropos (vgl. ebd., 23:54–24:23). Redlicherweise müsse man sagen, dass es so viele Situationen gebe, in denen sich Menschen auf diesem Planeten tatsächlich aufhalten, dass der Satz, du bist aber ein freies, großes Wesen, zwar eine schöne Idee sei, ihrer Lebenswirklichkeit aber erst einmal nicht entspreche (vgl. ebd., 24:23–24:41).
Wer das Präfix meta im Sinne des Wahrnehmens des eigenen Wahrnehmens sucht, findet es im Eintrag Wahrnehmung zweiter Ordnung.
#Quellen
- Vermeulen, T. & van den Akker, R. (2010). „Notes on metamodernism“. Journal of Aesthetics & Culture, 2 (1), 5677. https://doi.org/10.3402/jac.v2i0.5677
- Hosang, M. & Hüther, G. (Hg.) (2024). Die Metamoderne. Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
- Hochschule Zittau/Görlitz (2024). „Die Metamoderne - Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft“. Forschungsneuigkeiten, 15.05.2024. https://hszg.de/forschung/transfer/forschungsneuigkeiten/meldungsdetails/die-metamoderne-neue-wege-zur-entpolarisierung-und-befriedung-der-gesellschaft (abgerufen am 05.10.2026).
- Heraklit. Fragmente, B 53. Übersetzung nach Diels, zitiert nach zeno.org, http://www.zeno.org/Philosophie/M/Heraklit+aus+Ephesus/Fragmente.
- Kirchhoff, G. / Hosang, M. (2025). „Die Metamoderne als Weg jenseits der Macht (Teil 1) – Ein Gespräch mit Prof. Maik Hosang“ [Video]. YouTube, Kanal Gwendolin Kirchhoff, 15.06.2025. https://www.youtube.com/watch?v=5IZcmXCUivY
- Kirchhoff, G. / Hosang, M. (2025). „Meta-Bewusstsein: Wie wir über das Ich hinauswachsen – Ein Gespräch mit Prof. Maik Hosang“ [Video]. YouTube, Kanal Gwendolin Kirchhoff, 07.12.2025. https://www.youtube.com/watch?v=389k2vN9idY
- Kirchhoff, G. / Hosang, M. (2026). „Verwirklicht Elon Musk die Prophezeiung von Karl Marx? – Ein Gespräch mit Prof. Maik Hosang“ [Video]. YouTube, Kanal Gwendolin Kirchhoff, 26.09.2026. https://www.youtube.com/watch?v=WtwWNADeEMg