Historischer Jacquard-Webstuhl mit Lochkarten
Lexikon

Luddismus — Maschinenstürmerei oder ontologische Diagnose?

Georg Eiermann

Gwendolin Kirchhoffs Position ist kein Luddismus — Maschinenstürmerei sei zu platt, die Nützlichkeit vieler Entwicklungen unbestritten. Die eigentliche Frage zielt nicht auf die Technik selbst, sondern auf das Weltbild, das sie erzeugt, und die Ordnung, die das Lebendige dem Mechanischen unterwirft.

Wer den Luddismus in einem Satz erklären soll, sagt gewöhnlich: Technikfeinde, die Maschinen zerschlagen haben. Gwendolin Kirchhoff unterscheidet den historischen Luddismus als Maschinenstürmerei von der ontologischen Diagnose, die hinter jeder Technologiekritik fragt, was mit dem Menschen geschieht. Fertig. Wenn Du Dich je kritisch über eine technologische Entwicklung geäußert hast, kennst Du den Reflex, der darauf folgt: Man wird in die Nähe derer gerückt, die mit Hämmern auf Webstühle losgingen. Ein Schreckbild für jeden, der sich für fortschrittlich hält, und eine bequeme Etikettierung für jeden, der auch nur Zweifel anmeldet. So bequem, dass sie den Blick auf das verstellt, was die Ludditen tatsächlich antrieb, und erst recht auf das, was ihre Geste philosophisch bedeutet.

#Die historischen Maschinenstürmer

Die Ludditen waren englische Textilarbeiter, die zwischen 1811 und 1816 mechanische Webstühle und Strumpfwirkmaschinen zerstörten. Ihr Anliegen war nicht die Abschaffung aller Technik. Sie bedienten selbst Maschinen, manche seit Generationen. Was sie bekämpften, war eine spezifische Praxis: der Einsatz von Maschinen, die ganze Berufsgruppen auf einen Schlag überflüssig machten, ohne dass irgendein Ausgleich, irgendeine Reziprozität zwischen dem technischen Zugewinn und dem menschlichen Verlust vorgesehen war. Die Maschine war nicht das Problem. Das Problem war eine Ordnung, in der technische Effizienz als einziger Maßstab galt und die Frage, was aus den Menschen wird, als Sentimentalität abgetan wurde.

Die Regierung antwortete mit dem Frame Breaking Act von 1812, der die Zerstörung von Maschinen unter Todesstrafe stellte. Das Eigentum an der Maschine wurde zum Rechtssubjekt; das Existenzrecht der Arbeiter blieb unbenannt. Wenn Du Dir diese Asymmetrie vergegenwärtigst, wird sichtbar, wo die eigentliche Diagnose liegt: nicht in der Maschinenstürmerei selbst, sondern in einer Ordnung, die das Artefakt über den Menschen stellt und diese Rangfolge für selbstverständlich hält.

#Von Mumford zu Kirchhoff: Die ontologische Stufe

Lewis Mumford (1895-1990) verschob die Frage vom Einzelgerät auf die Struktur. In The Myth of the Machine (Vol. 1 Technics and Human Development 1967, Vol. 2 The Pentagon of Power 1970; deutsche Ausgabe Fischer 1974/1977) beschrieb er die Megamaschine als ein unsichtbares Gebilde, zusammengesetzt aus lebenden, aber auf stabile Funktionen reduzierten menschlichen Teilen. Das Gefährlichste an dieser Maschine war nicht ihre Leistung, sondern der Glaube an ihre Alternativlosigkeit: Der einzige bleibende Beitrag der Megamaschine war der Mythos der Maschine selbst, der Glaube, dass sie von Natur aus unbezwingbar und doch letztlich segensreich sei (vgl. Mumford, 1977). Die Ludditen hatten diesen Mythos instinktiv angegriffen. Mumford zeigte, warum das Instinkt war und keine Analyse: Ihnen fehlte die Sprache für das, was sie spürten.

Oswald Spengler ging in Der Mensch und die Technik (C. H. Beck, 1931) noch einen Schritt weiter. Er erkannte in der technischen Zivilisation eine Spätphase, in der das faustische Streben nicht mehr durch eine innere Ordnung gebändigt wird, sondern seiner eigenen Steigerungslogik gehorcht (vgl. Spengler, 1931). Spenglers Diagnose blieb kulturmorphologisch: Er beschrieb das Verfallen, ohne nach dem Fundament zu fragen.

Jochen Kirchhoff (1944-2025) setzte an der Stelle an, an der Mumford und Spengler aufhörten. In Was die Erde will (Gustav Lübbe Verlag, 1998) und in zahlreichen Vorträgen zeigte er, dass die technische Zivilisation auf einer Metaphysik ruht, die den Kosmos als toten Mechanismus begreift. Wenn der Mensch unter Absehung des Lebendigen seinen Blick ganz und gar auf anorganische Zusammenhänge richtet und ihnen allein den Thron des Realen zuspricht, dann ist die Maschinenstadt sein Schicksal (vgl. Kirchhoff, J., Goethe als Philosoph, 2020). Das ist keine Kulturkritik mehr. Das ist Ontologiekritik: Die Frage, was Technologie produziert, lässt sich nicht beantworten ohne die Frage, was für ein Weltbild sie hervorbringt. Wenn Du versuchst, Technologiekritik zu üben, ohne diese ontologische Ebene zu berühren, landest Du unweigerlich bei der Ludditen-Geste: Du bekämpfst das Symptom und lässt die Ursache intakt.

#Die Frage, die der Vorwurf verbirgt

In der Everlast-AI-Debatte (2026) stellte Gwendolin Kirchhoff klar, dass ihre Position kein simpler Luddismus sei: Maschinenstürmerei sei zu platt, die Nützlichkeit vieler Entwicklungen unbestritten (vgl. Kirchhoff, G., Everlast AI Debate, 2026, ab 94:04). Was sie stattdessen formulierte, war eine These über die innere Struktur der Modernität: dass das, was wir Aufklärung oder Modernismus nennen, die Gefangensetzung des Menschen in einer inneren Höhle sei, nicht seine Befreiung daraus (vgl. Kirchhoff, G., 2026, ab 94:26). Die drei Grundeigenschaften dieser Gefangenschaft, die sie benannte, sind der Chorismus (die ontologische Spaltung von Innen und Außen), die Löschung der Innerlichkeit (Tabula rasa, Behaviorismus) und die Verwechslung von Simulation und Wirklichkeit.

Der Vorwurf des Luddismus dient in der Regel dazu, genau diese Frage nicht stellen zu müssen. Wer jemandem Technikfeindlichkeit unterstellt, muss sich mit der Ontologie hinter der Technik nicht auseinandersetzen. Das Etikett schließt die Diskussion, bevor sie beginnt. Dabei wäre die Frage, ob eine Zivilisation, die Technik und KI als fortschreitende Entwicklung von Symptomen bei einer Krankheit hervorbringt, die sich für Gesundheit hält (vgl. Kirchhoff, G., 2026, ab 93:37), überhaupt durch mehr Technik zu heilen ist, die eigentlich drängende.

#Symptom oder Diagnose

Die historischen Ludditen hatten recht mit dem Problem und unrecht mit der Lösung. Maschinen zu zerstören behandelt das Symptom. Die Maschine selbst ist weder gut noch schlecht. Entscheidend ist das Denken, das sie entwirft und das sich in ihr materialisiert. Wenn dieses Denken auf der Annahme eines toten Kosmos beruht, auf einer Welt ohne Innerlichkeit und ohne lebendige Bezüge, dann folgt daraus eine Technologie, die das Lebendige als Rohstoff behandelt und ihre eigene Zerstörungskraft als Effizienz verbucht. Das ist die Pathogenese: nicht einzelne Technologien sind krank, sondern die Grundhaltung, aus der sie entstehen.

Die philosophische Position, die Kirchhoff vertritt, ist daher weder Luddismus noch Fortschrittsaffirmation. Sie ist eine Ontologiekritik, die fragt: Was passiert mit einer Zivilisation, die den Kosmos für einen Mechanismus hält und dann versucht, das Lebendige nachzubauen, das sie zuvor für tot erklärt hat? Der prometheische Impuls, der diese Dynamik antreibt, ist kein Zufall, sondern Konsequenz eines metaphysischen Grundirrtums. Und der Transhumanismus, der die Überwindung des Menschlichen durch Technik verspricht, ist sein konsequentester Ausdruck.

Wer diese Unterscheidung einmal begriffen hat, kann Technologie nutzen, ohne ihr die Definitionshoheit über das Wirkliche zu überlassen. Das wäre der Unterschied zwischen einem Denken, das sich der Maschine bedient, und einem Denken, das sich von ihr bedienen lässt. Wenn Du das nächste Mal hörst, jemand sei “gegen Technologie”, lohnt die Nachfrage: Richtet sich der Einwand gegen ein Werkzeug oder gegen das Weltbild, das dieses Werkzeug zum Maßstab alles Seienden erhebt? In der Antwort auf diese Frage trennt sich der Luddismus von der Philosophie.

Diese Gedanken vertiefen

Wenn Dich diese Denkbewegung anspricht und Du sie in Deinem eigenen Leben weiterführen möchtest — ich begleite Dich gern.