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Hexagramm — Das Situationsbild des I Ging

Das Hexagramm ist das sechsstufige Situationsbild des I Ging: aus drei unteren und drei oberen Linien gefügt, stellt es die Konstellation zwischen Himmel, Mensch und Erde dar und macht eine Lage in ihrer Bewegung lesbar.

Sechs waagerechte Linien, drei unten und drei oben, manche durchgezogen, manche in der Mitte gebrochen: Das Hexagramm ist eine Figur, die auf den ersten Blick abstrakt wirkt und bei genauerem Hinsehen eine Situation abbildet. Es ist kein Zeichen im Sinne eines Buchstabens und kein Symbol im Sinne einer Chiffre, sondern ein gebautes Bild. Wer es liest, liest nicht einen Begriff, sondern eine Konstellation. Das Hexagramm ist der Grundbaustein des I Ging, und jede seiner sechs Linien trägt an ihrer Stelle eine bestimmte Bedeutung, die sich nur aus dem Gefüge des Ganzen erschließt.

#Drei Ebenen in einer Figur

Die klassische Lehre des I Ging ordnet die sechs Linien drei Ebenen zu. Die beiden unteren Linien gelten als die Erde, die mittleren beiden als der Mensch, die beiden oberen als der Himmel. Diese Dreiteilung ist kein schmückendes Bild, sondern eine kosmologische Aussage: Jede Situation, in der ein Mensch steht, wird zwischen Erde und Himmel gedacht, und der Mensch selbst bildet die mittlere Schicht, in der sich die Bewegung zwischen beiden vollzieht. Das chinesische Schriftzeichen gua (卦), das gewöhnlich mit Hexagramm übersetzt wird, bezeichnet ursprünglich ein gezeichnetes Orakelbild. Das Hexagramm ist also dem Wortsinn nach schon das, was es leisten soll: eine sichtbar gemachte Lage.

In dieser Dreiteilung liegt der innere Grund, warum das I Ging die Wirklichkeit gerade in sechsgliedrigen Figuren abbildet. Eine Situation hat nach dieser Auffassung immer einen himmlischen, einen menschlichen und einen irdischen Aspekt, und jeder dieser Aspekte bewegt sich zwischen einer aufsteigenden und einer verharrenden Linie. Die durchgezogene Linie steht für Yang, das Helle, Feste und Bewegende. Die gebrochene Linie steht für Yin, das Dunkle, Weiche und Empfangende. Die sechs Positionen tragen darüber hinaus eine Reihenfolge: Die unterste Linie markiert den Anfang der Bewegung, die oberste ihr Ende oder ihren Überschuss. Eine Linie an falscher Stelle verändert den Charakter des ganzen Hexagramms.

#Nicht Katalog, sondern Netz von Wandlungen

Die 64 Hexagramme werden häufig als ein Vorrat von 64 Zuständen beschrieben. Diese Beschreibung greift zu kurz. Die Figur 64 ergibt sich rein mathematisch aus zwei Linientypen und sechs Positionen, also aus 2 hoch 6 Kombinationen. Entscheidender ist, dass die Hexagramme nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern durch Wandlungslinien miteinander verbunden sind. Eine Linie, die im Augenblick der Befragung als wandelnd markiert ist, verwandelt das Ausgangs-Hexagramm in ein zweites. Die Befragung liefert also nicht ein Bild, sondern ein Paar, das einen Übergang beschreibt.

So entsteht ein Netz. Jedes Hexagramm ist mit vielen anderen verbunden, und das gesamte Buch bildet die Topologie möglicher Wandlungen ab. Wer im I Ging auf Hexagramm 11, den Frieden, trifft und darin eine wandelnde Linie hat, die ihn zu Hexagramm 12, der Stockung, führt, liest nicht zwei Zustände, sondern die innere Logik eines Kippens. Das I Ging denkt in Übergängen, nicht in Bestandsaufnahmen, und das Hexagramm ist das Instrument, in dem dieses Denken verdichtet wird. Richard Wilhelm formuliert das in seiner Einleitung so: Die Urteile deuten an, ob eine Handlung Heil oder Unheil, Reue oder Beschämung mit sich bringt, und setzen den Menschen damit in die Lage, sich frei zu entscheiden (Wilhelm, 1924, S. 19).

#Die Analogie als Leseschlüssel

Warum kann eine Figur aus sechs Linien eine Lebenslage abbilden? Die Antwort liegt im Analogiemodell. Es beruht auf der Annahme, dass die Wirklichkeit analog verfasst ist, dass also strukturelle Entsprechungen zwischen Ebenen bestehen, die äußerlich nichts miteinander zu tun haben. Was sich auf der Ebene des Leibes als Spannung zwischen Aktivität und Rückzug zeigt, hat eine Parallele auf der Ebene des sozialen Feldes, der jahreszeitlichen Natur und der kosmischen Bewegung. Das Hexagramm nutzt diese Analogie als Leseschlüssel: Die sechs Linien stellen eine Grundkonstellation bereit, die sich auf unterschiedlichen Ebenen gleichermaßen wiederfinden lässt.

Diese Voraussetzung ist keine magische These, sondern eine naturphilosophische. Die frühromantische und idealistische Naturphilosophie von Schelling, Novalis und Goethe arbeitet mit derselben Grundannahme, auch wenn sie andere Figuren wählt. Im I Ging nimmt das Analogieprinzip die Gestalt eines festen Alphabets an: acht Trigramme, gebildet aus je drei Linien, stehen für die Urkräfte Himmel, Erde, Wasser, Feuer, Berg, See, Donner und Wind. Zwei Trigramme übereinander bilden ein Hexagramm, und aus acht mal acht entsteht das Spektrum der 64 Figuren. Jede Figur ist damit eine lesbare Zusammensetzung elementarer Spannungen, kein willkürliches Zeichen. Der Kosmische Anthropos, der im Innen das Außen wiedererkennt, findet im Hexagramm eine Schrift, die genau diese Entsprechung ernst nimmt.

#Die Zehn Flügel und die philosophische Erhebung

Das I Ging ist kein einschichtiges Buch. Seine älteste Schicht besteht aus den Urteilen zu den 64 Hexagrammen und den kurzen Texten zu den einzelnen Linien. Sie gehört in die Zhou-Dynastie zwischen dem zehnten und dem achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Um diese archaische Schicht herum sind die sogenannten Zehn Flügel gelegt, philosophische Kommentare, die dem Konfuzius (551–479 v. Chr.) und seiner Schule zugeschrieben werden. In ihnen wird das Hexagramm von einem Orakelbild zu einem Gegenstand philosophischer Reflexion. Der Große Kommentar, der Da Zhuan, deutet die Linien als Ausdruck eines geordneten Wandels, der dem Kosmos insgesamt zugrunde liegt, und hebt das Hexagramm damit von der Technik der Wahrsagung auf die Ebene einer Theorie der Wirklichkeit.

Richard Wilhelm (1873–1930) hat diese Schichtung der Quelle treu bewahrt, als er das I Ging zwischen 1913 und 1923 unter der Anleitung des chinesischen Gelehrten Lao Nai-hsüan ins Deutsche übertrug. Seine 1924 bei Diederichs in Jena erschienene Ausgabe ist bis heute die maßgebliche deutsche Fassung (Wilhelm, 1924). Carl Gustav Jung hat das Vorwort zur englischen Übersetzung von 1950 verfasst und darin vorgeschlagen, das Hexagramm nicht als Produkt eines kausalen Zusammenhangs zu lesen, sondern als Ausdruck eines synchronistischen Prinzips: Zeichen und Situation treten zusammen auf, ohne dass das eine das andere verursacht (Jung, 1950). Damit wird das Hexagramm in der europäischen Rezeption lesbar als eine Figur, die nicht nachweist, sondern bezeugt.

#Gegenwart lesen, nicht Zukunft vorhersagen

Der verbreitete Eindruck, ein Hexagramm antworte auf die Frage, was geschehen werde, ist eine Verkürzung. Das Hexagramm antwortet auf die Frage, worin die Gegenwart steht und in welche Bewegung sie eingebettet ist. Wilhelm beschreibt den Vorgang des Befragens so, dass durch das Teilen der Schafgarbenstengel oder den Münzwurf dem Unbewussten im Menschen die Möglichkeit verliehen werde, sich zu betätigen (Wilhelm, 1924, S. 22). Die rationale Kontrolle wird für einen Moment unterbrochen, damit eine Wahrnehmung Platz bekommt, die hinter den Argumenten schon wartet.

Was das Hexagramm schult, ist keine Hellseherei, sondern Urteilskraft: die Fähigkeit, eine Lage in ihrer inneren Dynamik so wahrzunehmen, dass die angemessene Handlung aus der Wahrnehmung selbst hervorgeht. Weisheit bedeutet in dieser Tradition, den Unterschied zwischen einem Handlungsimpuls, der aus der Sache selbst kommt, und einem nervösen Kontrollbedürfnis spüren zu lernen. Das Hexagramm bietet dafür ein Repertoire von Situationsbildern, an denen dieses Gespür sich schärfen lässt. Wer ein Hexagramm über Jahre befragt, baut allmählich ein inneres Archiv auf, in dem wiederkehrende Konstellationen wiedererkannt werden. Die Figur wird zum Gegenüber, nicht zum Orakel im populären Sinn.

#Das Hexagramm in der philosophischen Praxis

In der Arbeit mit Menschen, die vor einer Entscheidung stehen, wird das Hexagramm zu einem Instrument der Verlangsamung. Eine Klientin beschreibt eine Lage, und das gezogene Hexagramm stellt dieser Beschreibung ein Bild gegenüber, das Elemente zeigt, die in der Beschreibung noch fehlten. Das gezogene Bild gibt nicht recht und gibt nicht unrecht. Es verschiebt die Aufmerksamkeit. Wo der Verstand eine eindeutige Antwort sucht, bietet die Figur ein Muster, in dem mehrere Kräfte zugleich sichtbar werden. Die Entscheidung fällt danach nicht leichter, aber sie fällt besser informiert, weil die Spannungen, die vorher unausgesprochen waren, nun eine sichtbare Gestalt tragen.

Das Hexagramm ist damit kein esoterisches Werkzeug, sondern ein philosophisches. Es steht in der langen Tradition, in der Bilder als Werkzeug des Denkens begriffen werden, von den griechischen Diagrammen über die Emblembücher der Frühneuzeit bis zur Figurenlehre des Deutschen Idealismus. Seine Besonderheit liegt darin, dass es mit nur zwei Linientypen und sechs Positionen auskommt und dennoch den ganzen Reichtum des Übergangs abbildet. In den Seminaren zur Entscheidungskunst wird mit dem Hexagramm gearbeitet, damit diese Form des Lesens, die weder Analyse noch bloßes Gefühl ist, eingeübt werden kann. Das Hexagramm lehrt, eine Lage stehen zu lassen, bis sie sich selbst zeigt.

#Quellen

  • Jung, C. G. (1950). Vorwort. In: R. Wilhelm (Übers.), The I Ching or Book of Changes (englische Ausgabe, C. F. Baynes, Übers.). New York: Pantheon Books.
  • Wilhelm, R. (Übers.) (1924). I Ging: Das Buch der Wandlungen. Jena: Diederichs.

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In meinen Seminaren vertiefen wir diese Fragen gemeinsam.