Wer bei Junzi an einen Adligen denkt, folgt der Vergangenheit des Wortes. Im alten China bezeichnete junzi (君子), buchstäblich der Sohn eines Fürsten, die Angehörigen des Hochadels. Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.) hat dem Wort seinen Stand genommen und ihm eine Haltung gegeben. Der Junzi ist bei ihm nicht mehr der, dem etwas durch Abstammung zufällt, sondern derjenige, der sich zu dem bildet, was er ist. Eine kleine semantische Verschiebung, die das chinesische Denken über zweitausend Jahre lang bewegt hat.
Der Junzi ist der edle Mensch im Sinne des Konfuzianismus: ein Mensch, der durch Selbstkultivierung die Fähigkeit erworben hat, in jeder seiner Beziehungen angemessen zu handeln. Sein Gegenbild ist der Xiaoren, der kleine Mensch, der sich von Eigennutz, Bequemlichkeit und ungeprüften Impulsen leiten lässt. Der Unterschied liegt nicht in Herkunft, Intelligenz oder Begabung, sondern in der Arbeit, die ein Mensch an sich selbst getan hat oder eben nicht getan hat.
#Nicht Geburt, sondern Bildung
Konfuzius hat den Adel von der Ahnentafel in das eigene Leben verlegt. Der Edle sucht in sich selbst, der gemeine Mensch sucht in anderen (Konfuzius, Lun Yu XV.21; Wilhelm, 2017). Der Satz verschiebt den Ort, an dem sich Wert bemisst. Wer auf die Frage nach seiner Würde mit seinem Namen, seinem Amt oder seinem Besitz antwortet, bleibt in der alten Ordnung, in der ein Mensch ist, was ihm zugefallen ist. Der Junzi antwortet mit dem, was er aus sich gemacht hat, nicht als Leistung, die man vorzeigt, sondern als Haltung, die sich in seinem Umgang mit anderen zeigt.
Diese Umdeutung hatte für das feudale China revolutionäre Folgen. Prinzipiell konnte nun jeder Mensch, unabhängig von seiner Geburt, zum Junzi werden, wenn er den Weg der Selbstkultivierung ging. Die konfuzianische Beamtenprüfung, die im kaiserlichen China Jahrhunderte lang den Zugang zu Staatsämtern regelte, beruht auf genau dieser Voraussetzung: dass Bildung den Adel ersetzt und nicht die Abstammung. Der Junzi ist damit eine der ersten philosophischen Figuren, die den Menschen von dem befreit, in das er hineingeboren wird, ohne ihn deshalb aus seinen Beziehungen herauszulösen.
#Ren, Li, De: Drei Dimensionen einer Lebensform
Der Junzi lebt sich nicht selbst aus, er bildet sich zu etwas. Was diese Bildung ausmacht, lässt sich an drei Begriffen ablesen, die im Konfuzianismus nie isoliert auftreten.
Ren (仁), Menschlichkeit oder Güte, bildet den Kern. Es ist die Fähigkeit, den anderen wirklich als Menschen wahrzunehmen, nicht als Funktion, nicht als Mittel, nicht als Hindernis. Der Edle hat Menschlichkeit als Mittelpunkt (Konfuzius, Lun Yu IV.5; Wilhelm, 2017). Ohne Ren wird alles andere zur Technik, zur Maske, zur Strategie.
Li (禮), die rechte Form, gibt dieser inneren Haltung ihren Ausdruck. Li ist nicht Etikette im Sinne äußerer Höflichkeit. Es meint die Fähigkeit, die jeweilige Situation zu lesen und das zu tun, was ihr entspricht: dem Trauernden begegnet man anders als dem Feiernden, dem Lehrer anders als dem Schüler, dem Freund anders als dem Fremden. Li bindet die innere Haltung an die äußere Welt. Ohne Li bleibt Ren ein privates Gefühl, das die Welt nicht erreicht.
De (德), Tugendkraft oder Wesenskraft, ist die Ausstrahlung, die von einem Menschen ausgeht, in dem Ren und Li zusammengewachsen sind. De lässt sich nicht herstellen, nicht spielen, nicht erzwingen. Es entsteht als Nebenprodukt der Selbstkultivierung, wie Wärme neben einem Feuer. Wer kraft seines Wesens herrscht, gleicht dem Nordstern. Der verweilt an seinem Ort und alle Sterne umkreisen ihn (Konfuzius, Lun Yu II.1; Wilhelm, 2017). Führung durch De ist keine Technik, sondern eine Wirkung, die Wirkung eines geordneten Wesens auf andere Wesen.
#Die Missverständnisse der Moderne
Das westliche Ohr hört im Junzi leicht zwei Dinge, die er nicht ist. Das erste Missverständnis macht ihn zum gehorsamen Subjekt einer starren Hierarchie: der gute Untertan, der sich in die patriarchale Ordnung fügt. Das zweite macht ihn zum asiatischen Stoiker: ein Mensch, der seine Gefühle beherrscht und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Beide Bilder treffen den Junzi nicht.
Der Junzi ist kein Gehorsamer. Konfuzius hält ausdrücklich fest, dass der Edle seinem Fürsten widersprechen muss, wenn dieser in die Irre geht (Konfuzius, Lun Yu XIII.23; Wilhelm, 2017). Die Wechselseitigkeit der konfuzianischen Beziehungen bedeutet, dass jede Rolle Pflichten trägt, auch die höhere. Wer sich unterordnet, wo Widerspruch nötig wäre, ist gerade nicht edel, sondern schwach. Die Ordnung, die der Junzi herstellt, ist keine Unterwerfungsordnung, sondern eine Ordnung der angemessenen Beziehungen. Zur näheren Strukturierung dieser Unterscheidung siehe die konfuzianische Beziehungsordnung.
Der Junzi ist auch kein Beherrschter seiner selbst. Mengzi (372 bis 289 v. Chr.), der bedeutendste Nachfolger des Konfuzius, hat diese Seite ausdrücklich herausgearbeitet. In Mengzis Lesart ist die Anlage zum Guten bereits im Menschen angelegt; der Junzi ist derjenige, der diese Anlage nicht verschüttet, sondern zum Wachsen bringt (Mengzi, IIA.6; VIA.8). Selbstkultivierung ist also kein Sieg über die eigene Natur, sondern die Pflege dessen, was bereits als Keim vorhanden ist. Die Spannung zwischen Konfuzius’ Betonung der Bildung und Mengzis Vertrauen auf die ursprüngliche Güte durchzieht die Tradition bis heute.
#Selbstkultivierung als tägliche Arbeit
Wie wird jemand zum Junzi? Das Daxue (Das Große Lernen), eines der konfuzianischen Grundtexte, beschreibt einen Weg, der von der Klärung der eigenen Begriffe ausgeht und von dort aus in immer weitere Kreise wirkt: Wenn man seine Person vervollkommnen will, muss man zuerst sein Herz richtig machen; wenn man sein Herz richtig machen will, muss man zuerst seinen Gedanken Wahrhaftigkeit verleihen; wenn man seinen Gedanken Wahrhaftigkeit verleihen will, muss man zuerst seine Erkenntnis vollenden (Zengzi, Daxue I; Wilhelm, 2017).
Diese Reihenfolge ist keine Checkliste. Sie beschreibt, dass Ordnung von innen nach außen geht: Wer seine eigenen Gedanken nicht geklärt hat, kann seine Familie nicht ordnen; wer seine Familie nicht geordnet hat, kann keine größere Gemeinschaft führen. Der Junzi beginnt bei sich selbst, nicht aus Selbstbezogenheit, sondern weil jede andere Reihenfolge die Ordnung von außen aufzwingt, statt sie wachsen zu lassen. Das Denken, das dieser Arbeit zugrunde liegt, fordert die Fähigkeit, Begriffe so zu prüfen, dass sie den Phänomenen gerecht werden, eine Praxis, die sich in der philosophischen Arbeit als Logik wiederfindet.
Die Selbstkultivierung des Junzi ist keine Phase, die irgendwann abgeschlossen wäre. Konfuzius beschreibt seinen eigenen Weg bis ins hohe Alter als fortgesetzten Lernprozess: erst mit siebzig, sagt er, konnte er dem Impuls seines Herzens folgen, ohne das rechte Maß zu überschreiten (Konfuzius, Lun Yu II.4; Wilhelm, 2017). Edel sein ist also kein Zustand, den man erreicht, sondern ein Weg, auf dem man bleibt, solange man lebt.
#Weiterführende Einträge
- Konfuzianismus: die philosophische Tradition, in der der Junzi seine Heimat hat
- Konfuzianische Beziehungsordnung: die Fünf Beziehungen als Feld der Selbstkultivierung
- Mengzi: die Vertiefung des Junzi-Gedankens durch das Vertrauen auf die ursprüngliche Güte
#Quellen
- Konfuzius (ca. 500 v. Chr.). Lun Yu (Analekten). Passagen II.1, II.4, IV.5, XIII.23, XV.21. Übers. R. Wilhelm (2017).
- Zengzi (zugeschr., ca. 4. Jh. v. Chr.). Daxue (Das Große Lernen), Kapitel I. Übers. R. Wilhelm (2017).
- Mengzi (ca. 300 v. Chr.). Mengzi. Passagen IIA.6, VIA.8. Übers. R. Wilhelm (1916).
- Wilhelm, R. (Übers.) (2017). Konfuzius: Gespräche (Lun Yu). Köln: Anaconda. (Erstausgabe 1910).